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“I’ve seen things you people wouldn’t believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhauser Gate. All those moments will be lost in time like tears in rain. [Pause] Time to die.” Roy Batty, Blade Runner

75. Jahrestag - Hiroshima mahnt

Heute ist der 75. Jahrestag des Atombombenabwurfes auf Hiroshima.

Es waren nur wenige Wochen zwischen dem ersten Atomtest im US-Bundesstaat New Mexico und dem ersten Praxistest in Hiroshima. Am 16. Juli 1945 war die im Manhattan-Projekt entwickelte Atombombe auf dem Testgelände bei Alamogoro gezündet worden; ihre Sprengkraft betrug 21 Kilotonnen TNT. Die Explosion war erfolgreich, aber über die tödliche Wirkung konnte der Test nichts Definitives aussagen. 20 Tage später detonierte die 12,5-Kilotonnen-Bombe mit dem niedlichen Namen "Little boy" in Hiroshima, drei Tage später eine weitere Bombe namens "Fat Man" über Nagasaki. Die Wirkung der Bomben war kolossal: Zwischen 90.000 und 200.000 Menschen starben unmittelbar. Weitere 130.000 Menschen starben bis Jahresende. Bis 1950 war die Zahl der Spätopfer in beiden Städten auf insgesamt 230.000 gestiegen. Strahlenopfer sind auch heute noch in der dritten Generation zu beklagen.
(RedGlobe)

„Der obige Befehl ergeht an Sie auf Anweisung und mit Zustimmung des Kriegsministers und des Generalstabschefs der amerikanischen Streitkräfte.“
(Befehl an den General Carl Spaatz, Oberkommandierender der amerikanischen strategischen Luftwaffe für den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima)

„Ich habe nie bereut und mich nie geschämt, denn ich glaubte damals, dass ich meine patriotische Pflicht tat, als ich den Befehlen folgte, die man mir gab.“
(Oberst Paul W. Tibbets, der die Atombombe über Hiroshima ausklinkte)

Der Atompilz über Hiroshima fotografiert aus dem Heck der Enola Gay
Bildquelle: WikiPedia

Obwohl Japan zum damaligen Zeitpunkt militärisch bereits am Ende war, nahm die U.S. Militärführung unter der Führung von US-Präsident Truman zehntausende von Opfern in Kauf: 140.000 starben bis Ende 1945 an den Folgen des Abwurfs.

Der zweite Atombombenabwurf auf Nagasaki geschah drei Tage später, am 9. August 1945. Die Opfer steigerten sich dadurch auf über 250.000.

Opfer des Atombombenabwurfs in Hiroshima
Bildquelle: WikiPedia

Lesetipps zum Thema vom Lebenshaus Alb:
"Der Fluss war voll von toten Menschen und ich konnte die Wasseroberfläche überhaupt nicht mehr sehen"
"Ich fühlte, dass die Stadt Hiroshima auf einen Schlag verschwunden war"
Was den Menschen von Hiroshima und Nagasaki Grauenhaftes widerfahren ist
Nacht der 100.000 Kerzen zum Hiroshimatag - “Verhängnisvollste Erfindung der Menschheitsgeschichte”

Siehe auch:
"Erklärung der Weltkonferenz gegen Atomwaffen 2010", dokumentiert bei der "jungen Welt"
Democracy Now! Archive zu Hiroshima und Nagasaki
• Die Geschichte von Shin's Dreirad

Hasta siempre, Lucio

Von Sargoth - Eigenes Werk
Quelle
Anarchist, Bankräuber, Fälscher, aber vor allem … Maurer. Dieser ungewöhnliche Filmtitel, auf den ich im Internet stieß, machte neugierig. Was wir dann in dem Dokumentarfilm der baskischen Filmemacher Aitor Arregi und Jose Mari Goenaga von 2007 sahen, konnten wir kaum glauben. So viele außergewöhnliche Aktionen, Abenteuer und Begegnungen in einem einzigen Leben?

Lucio Urtubia wurde 1931 in Navarra im Baskenland geboren, wo er in großer Armut aufwuchs. Nachdem er einige Zeit im Schmuggelgeschäft tätig gewesen war, wurde er zur spanischen Armee eingezogen, aus der er 1954 desertierte, als sein groß angelegtes Abzweigen von Waren aus dem Armeelager aufzufliegen drohte. Er floh nach Paris, arbeitete auf dem Bau und bekam über Kollegen Kontakt zu anarchistischen Kreisen. Hier fand er nicht nur die politischen und ideologischen Grundlagen für seine Haltung, sondern lernte auch den legendären Anarchisten Francisco „Quico“ Sabaté kennen, der in den drei Jahren bis zu seinem gewaltsamen Tod 1960 durch die spanische Guardia Civil zu Lucios Freund und Lehrer wurde. Lucio hat Banken überfallen, um mit dem Geld Gefangene der Franco-Diktatur in Spanien zu unterstützen. Er fälschte Ausweise für die spanischen Flüchtlinge in Frankreich. Später wurden in seinen Fälscherwerkstätten Schecks und Identitätspapiere verschiedenster Länder gedruckt. Diese Dokumente und das so beschaffte Geld kamen revolutionären Bewegungen in Europa, Lateinamerika und den USA zugute.

Lucio traf sich mit Che Guevara, um mit ihm zu besprechen, wie gefälschte Dollars zur Destabilisierung der USA eingesetzt werden könnten. Seine größte Enteignungsaktion ging zu Lasten einer der größten Banken der Welt, die er in die Knie zwang: Angesichts der Unmenge an perfekt gefälschten Travellerschecks, die an allen Ecken und Enden der Welt auftauchten, nahm die First National City Bank (heute Citibank) 1980 Verhandlungen mit Lucio Urtubia auf, verzichtete gegen Herausgabe der Druckplatten auf eine Strafverfolgung und zahlte sogar noch eine „Entschädigung“.

Wie konnte es sein, dass wir von diesem interessanten Menschen noch nie etwas gehört hatten? Wir suchten nach weiteren Informationen. Auf Deutsch fanden wir nur eine kleine Notiz bei der FAU. Es gab eine Biografie von Bernard Thomas, die 2000 auf Französisch und 2001 auf Spanisch erschienen ist. Da war Lucio bereits 70 Jahre alt. Diese langjährige Verschwiegenheit und Unsichtbarkeit ist sicher einer der Gründe, warum Lucio trotz der beeindruckenden Serie von Gesetzesbrüchen nur relativ wenig Zeit in Gefängnissen verbringen musste. Während er Millionenbeträge für die Bewegungen enteignete und eine untergründige Infrastruktur weltweiter Solidarität aufbaute, lebte er selbst unauffällig und bescheiden in Paris. Seinen Lebensunterhalt verdiente er mit der Maurerkelle auf dem Bau, wo er jeden Morgen pünktlich zur Arbeit erschien. Nur wenige Menschen wussten von seinen klandestinen Aktivitäten, und die Verfolgung sbehörden trauten dem einfachen Arbeiter und Migranten derart ausgeklügelte Aktionen lange Zeit nicht zu. Die Vorurteile der Gegenseite können manchmal auch von Vorteil sein.

Während meine im Baskenland lebende Freundin Gabi Schwab und ich noch überlegten, ob wir die Biografie übersetzen sollten, um diese faszinierende Lebensgeschichte bekannt zu machen, erschien Ende 2008 im baskischen Verlag Txalaparta Lucios Autobiografie. Wir nahmen Kontakt zu Lucio auf, der von dem Vorschlag, sein Buch zu übersetzen, sofort begeistert war, und hatten durch dieses Projekt das Privileg, ihn bald auch persönlich kennenzulernen.

Schon das erste Treffen mit ihm in Paris war eine herzliche Begegnung und der Anfang einer schönen Zusammenarbeit. Lucios Autobiografie ist nicht chronologisch geordnet. So kamen uns beim Übersetzen immer wieder Zweifel und Fragen, wer gemeint war, wann und wo sich bestimmte Episoden abgespielt hatten und wie diese ganzen Geschichten zusammenhingen. An dem großen Tisch in dem von Lucio gegründeten Kulturzentrum Espace Louise Michel beantwortete Lucio geduldig alle unsere Fragen, erzählte uns Geschichten neu und wies uns immer wieder auf Ereignisse und Ideen hin, die ihm besonders wichtig waren. An seinen Erzählstil mussten wir uns erst gewöhnen. Manchmal fragten wir uns, ob er vielleicht unsere Frage nicht richtig verstanden hätte, wenn er erstmal über ganz andere Personen und Ereignisse sprach, aber irgendwann kam er dann immer auf den fraglichen Punkt, mit dem all die anderen Geschichten eben auch irgendwie zusammenhingen.

Aus den Aufnahmen dieser Gespräche wurde das Kapitel „Begegnung mit Che Guevara“ in die deutsche Ausgabe zusätzlich eingefügt. Außerdem schrieb Lucio noch drei neue Kapitel, die er uns auf handgeschriebenen fotokopierten A3-Blättern überreichte. Dadurch bekamen wir eine bessere Vorstellung davon, aus welchem „Original“ die Autobiografie entstanden ist. Lucio sagte selbst immer wieder, dass er gar nicht schreiben könne. Aber getreu seinem Lebensmotto, dass nichts unmöglich ist, wenn man es nur anpackt, hat er es dann glücklicherweise doch getan und sich die entsprechende Hilfe gesucht. Mit dem Rohmaterial seiner Autobiografie war er zu dem Katalanen Francisco Rodríguez de Lecea gegangen, dem Übersetzer der von Bernard Thomas verfassten Biografie, und hatte ihn gebeten, sein Manuskript in eine lesbare Form zu bringen, was dieser dann auch tat. So entstand das Buch mit der gleichen Vorgehensweise, mit der Lucio auch seine klandestinen Aktivitäten organisiert hatte. Für all die Tätigkeiten wie Grafik oder Druck, die er selbst nicht beherrschte, konnte er Leute mit den entsprechenden Fähigkeiten zur Mitarbeit bewegen. Auch dies entspricht seiner Lebensphilosophie: Dass niemand mehr wert ist als die anderen. Nicht jeder kann alles, aber wenn es uns gelingt, die Fähigkeiten der einzelnen Menschen zusammenzubringen, dann geht es voran. Für uns war es sehr schön, mit unseren Fähigkeiten im Wort- und Satzbau ein klein wenig zur Verbreitung der Geschichte von Lucio beitragen zu können.

Nachdem Lucios Geschichte durch den Film und die Bücher öffentlich geworden war, begannen die Einladungen und Reisen. 2008 war Lucio mit dem Dokumentarfilm in Argentinien, Brasilien und Uruguay. Dort lernte er nun Jahrzehnte später Genossen kennen, die damals Citibank-Schecks aus Lucios Produktion bekommen und für ihre jeweiligen politischen Gruppen eingelöst hatten. Als die deutsche Fassung der Autobiografie erschienen war, haben wir zwischen 2010 und 2014 mehrere Reisen unternommen, um das Buch in verschiedenen Städten in Deutschland vorzustellen. Nachdem er so lange über seine Aktivitäten geschwiegen hatte, machte es Lucio nun offensichtlich Spaß, seine Abenteuer einem faszinierten Publikum zu erzählen. Besonders jüngere Zuhörer*innen sagten nach Veranstaltungen immer wieder, wie inspirierend der Vortrag für sie war. Lucios Optimismus und seine Überzeugung, dass wir die Welt ändern können, war en ansteckend – zumal viele seiner Geschichten Beweis genug für seine These sind, dass auch in den aussichtslosesten Situationen doch immer noch was geht. Lucio betonte immer wieder, dass es keine Utopie gebe – denn wenn du anfängst, sie umzusetzen, machst du sie bereits zur Realität.

Lucio stammt aus einer armen sozialistischen Familie in Cascante, einem Dorf in Navarra. Schon als Kind musste er mit Arbeit zum Familienunterhalt beitragen. Er lernte materielle Not und den Terror des Franquismus kennen. Er selbst bezeichnete es aber immer als sein Glück, arm geboren zu sein. Dadurch habe er keinerlei Probleme gehabt, den Respekt vor Autoritäten, vor Kirche und Staat und der herrschenden Ordnung zu verlieren. Er vertrat einen expliziten Arbeiterstandpunkt. Dieser beinhaltete einen genauen Blick von unten für Machtverhältnisse und soziale Ungerechtigkeiten sowie die Überzeugung, dass nur die Arbeiter, die die Welt am Laufen halten, diese auch verändern können. Dazu gehörte für ihn aber auch ein ausgeprägtes Arbeitsethos. Er hat bis zu seinem 72. Lebensjahr auf dem Bau gearbeitet. Es war ihm immer wichtig, seinen Lebensunterhalt als Arbeiter zu verdienen. Das viele Geld, das er auf illegale Weise beschaffte, wa r für die Solidarität bestimmt, nicht für private Zwecke. Menschen, die bei der Arbeit nicht zupacken können oder wollen, waren ihm ebenso suspekt wie intellektuelle Politaktivisten, auf die man sich in der Praxis nicht verlassen kann. Von Menschen, die ohne Arbeit am Rande der Gesellschaft leben, erwartete er nicht viel.

Bei den Veranstaltungen kam sein Loblied auf die Arbeit verständlicherweise nicht immer gut an und es gab gelegentlich auch Konflikte. Wenn der Punkrockstil eines Veranstaltungsortes seinen Handwerkerstolz beleidigte, wenn ihm die Fragen des Publikums nicht gefielen oder das Publikum in seinen Augen zu studentisch oder „politisch marginal“ aussah, konnte aus einer Veranstaltung auch mal eine Publikumsbeschimpfung werden. Die Vermittlung zwischen einem Handwerker, der 25 älter war als ich, und einem wesentlich jüngeren Publikum, ist mir als Übersetzerin nicht immer gelungen. Lucio war eigensinnig im guten, aber manchmal auch im schlechten Sinne. Auch wir gerieten auf diesen Reisen gelegentlich in Streit. Aber die Konflikte waren glücklicherweise spätestens am nächsten Tag beigelegt, und es gab bei diesen Reisen vor allem viele schöne Momente mit guten Gesprächen, interessanten Begegnungen und auch Abende mit gutem Essen un d gutem Wein – beides wusste Lucio sehr zu schätzen.

Durch die Veröffentlichung seiner Geschichte bekam Lucio Kontakte zu Subkulturen, mit denen er vorher nichts zu tun hatte, und er war dafür trotz seines hohen Alters sehr aufgeschlossen. Er erzählte, dass eines Tages einige voll tätowierte und grimmig dreinschauende Männer in seiner Tür im Espace gestanden hätten, die – wie er immer wieder betonte – für alle offen stand. Im ersten Moment befürchtete er einen Überfall. Die Männer stellten sich jedoch als Mitglieder einer Band vor – wenn ich mich nicht irre, war es die Skapunk-Band SKA-P aus Madrid. Sie wollten Lucio kennenlernen und sie haben sich danach noch häufig getroffen.

2013 waren wir in Paris, um unseren Freund Fermin Muguruza – Musiker aus dem Baskenland – auf seiner No-More-Tour zu treffen. Da wir dachten, dass die beiden sich sicher viel zu sagen hätten, luden wir Lucio zu diesem Abend ein. Lucio hörte und sang gerne alte Revolutionslieder und Chansons. Er mochte zum Beispiel die Lieder von Georges Brassens, Jacques Brel und vor allem von dem Anarchisten Léo Ferré. Ein Konzert mit Schlagzeug und Verstärkern wollten wir ihm nicht zumuten, deshalb luden wir ihn zum Abendessen mit der Band vor dem Auftritt ein. Aber Lucio ließ es sich nicht nehmen, auch noch bei dem Konzert dabei zu sein, bei dem er mithilfe eines Barhockers bis zum Ende durchhielt, gefeiert vom Publikum und der Band. Er war vermutlich der älteste Konzertbesucher dieser Tour. In dem Film zur Tour ist Lucio bei dem Konzert und mit einem kurzen Interview (ab min 57:16) zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=aH04ihZbK1Y

Lucio hat im Pariser Stadtteil Belleville gelebt, wo er in den 1990er Jahren ein heruntergekommenes Gebäude in der Rue des Cascades gekauft und zu einem kleinen Kulturzentrum ausgebaut hatte. Ein großer Raum im Erdgeschoss bietet Platz für Veranstaltungen, Ausstellungen und Versammlungen. Dem Zentrum hat er den Namen Espace Louise Michel gegeben, in Erinnerung an die große Anarchistin der Pariser Kommune. Über der Tür steht der Liedtitel aus der Zeit der Pariser Kommune »Le Temps des Cerises« (Die Zeit der Kirschen) und am Giebel »Sustraiak« (baskisch für Wurzeln).

Hier lebt auch Anne Urtubia, Lucios Ehefrau, Mitstreiterin und Lebensgefährtin. Sie haben sich im Pariser Mai kennengelernt und danach viele Aktionen gemeinsam durchgestanden. 1974 wurden sie im Zusammenhang mit einer Entführung – nach der Hinrichtung von Salvador Puig Antich durch die Garotte in Spanien – zum ersten Mal verhaftet, kamen aber bald wieder frei. Auch nach ihrer Trennung als Paar blieben sie beide in benachbarten Wohnungen im Espace wohnen.

Die Unterstützung von Gefangenen war für Lucio immer ein großes Anliegen. Schon das Geld aus seinen ersten Banküberfällen, die er Ende der 1950er-Jahre machte, war für die Gefangenen des Franco-Regimes bestimmt. Lucio reiste illegal nach Spanien ein, um dort die Angehörigen mit Geld und politischem Material zu versorgen. Wo auch immer Solidarität mit Gefangenen erforderlich war, konnte man auf Lucio zählen. Sein Espace wurde von den Angehörigen der baskischen Gefangenen genutzt, die immer wieder für Besuche den weiten Weg aus dem Baskenland bis nach Paris machen müssen. Als eine baskische Gefangene für den Status als Freigängerin einen Job brauchte, stellte er sie als Sekretärin ein. Auch das Solidaritätskomitee für Sonja Suder und Christian Gauger, die lange in Frankreich gelebt hatten, konnte selbstverständlich die Räume nutzen, als die beiden aufgrund einer Anklage wegen Mitglie dschaft in den Revolutionären Zellen in den 1970er-Jahren von der Auslieferung nach Deutschland bedroht waren.

Lucio ist seinen Überzeugungen immer treu geblieben und hat sein Leben lang gegen Unterdrückung und für die Freiheit gekämpft. Ich habe ihn zuletzt vor zwei Jahren in Paris getroffen. Da kämpfte er noch gegen die Folgen eines Schlaganfalls, nach dem er zunächst nicht mehr sprechen konnte und teilweise gelähmt war. Sein Sprachvermögen hatte er wieder zurückerobert und er konnte auch wieder gehen, wenn auch mit großen Mühen. Für die etwa 200 Meter von seiner Wohnung zum Bistro am Place Henri Krasucki haben wir sehr lange gebraucht, mit mehreren Pausen. Aber selbst in dieser Situation lag Lucio das Jammern fern. Er sagte, dass er sich doch glücklich schätzen könne, da sich Anne und ihre gemeinsame Tochter Julieta großartig um ihn kümmerten und alle Hilfe organisierten, die er brauche. Am 18. Juli 2020 ist Lucio mit 89 Jahren in Paris gestorben. Wir haben einen außergewöhnlichen Geno ssen verloren – mutig, großzügig, hartnäckig, unbestechlich und immer solidarisch. Ruhe in Freiheit, Compañero. Ich hätte gerne noch mehr Gelegenheiten gehabt, eine Flasche Wein mit dir zu teilen. Du wirst mir fehlen.

Alix Arnold, Köln, 3. August 2020

Lucio Urtubia: Baustelle Revolution. Erinnerungen eines Anarchisten. Aus dem Spanischen von Alix Arnold und Gabriele Schwab, Hamburg/Berlin 2010, Verlag Assoziation A



k9 - combatiente zeigt: The Black Power Mixtape 1967 - 1975

Dokumentarfilm 92 min. Schweden 2011- OmU.
Über die afro-amerikanische Black-Power-Bewegung und deren Kampf. Der Film verbindet Musik, zeitgenössische Audio-Interviews von führenden afro-amerikanischen Künstlern, Aktivisten, Musiker, Wissenschaftlern.

Zu den Mitwirkenden gehören da: Erykah Badu, Harry Belefonte, Ahmir "Questlove" Thompson (The Roots), Elaine Brown, Stokely Carmichael, Eldrige Cleaver, Kathleen Cleaver,

Angela Davis, Louis Farrakhan, John Forté, Robin Kelley, Talib Kweli, Huey P. Newton, Abiodun Oyewole, Sonia Sanchez, Bobby Seal, Melvin Van Peebles uvam.

Von 1967 bis 1975 filmte ein schwedische Fernsehteam in den USA die Führer der Black Power-Bewegung und deren Umfeld, Und dokumentierten die Revolution afro-amerikanischer Bürgerrechtler in den USA vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs. Der Schwede Göran Hugo Olsson hat die aufnahmen nach über vierzig Jahren zu einem Film zusammengeschnitten, zu einer beeindruckenden Dokumentation über die Radikalisierung einer Bewegung und die Repression durch den Staat verdichtet - vom gewaltfreien Widerstand eines Martin Luther King bis zur Militarisierung der Black Panther.

Der Blick von Außen zeigt viel Gespür für Momente, Details und Stimmungen in wunderbaren Bildern mit interessanten Einblicken, die bis in die Gegenwart hineinreichen.

Ein spannender Report der in manchen Momenten unheimlich aktuell wirkt.

Über die eindrucksvollen Bilder hat Olsson zudem kluge Kommentare von Musikern wie Erykah Badu, Talib Kweli‚oder Questlove von The Roots gelegt.

combatiente zeigt geschichtsbewußt:

filme aus aktivem widerstand & revolutionären kämpfen

kinzigstraße 9 + 10247 berlin + Us samariterstraße + S frankfurter alle

Kleiner Rückfall in den aufgeklärten Absolutismus

Thomas Hobbes
(Ausschnitt aus einem Gemälde von John Michael Wright, circa 1669–1670)
"(...) Was auch nur mit dem Krieg aller gegen alle verbunden ist, das findet sich auch bei den Menschen, die ihre Sicherheit einzig auf ihren Verstand und auf ihre körperlichen Kräfte gründen müssen. Da findet sich aber auch kein Fleiß, weil kein Vorteil davon zu erwarten ist; es gibt keinen Ackerbau, keine Schifffahrt, keine bequemen Wohnungen, keine Werkzeuge höherer Art, keine Länderkenntnis, keine Zeitrechnung, keine Künste, keine gesellschaftlichen Verbindungen; statt alles dessen ein tausendfaches Elend; Furcht, gemordet zu werden, stündliche Gefahr, ein einsames, kümmerliches, rohes und kurz dauerndes Leben. (...)"

Thomas Hobbes, Leviathan

Zu Hobbes siehe auch: Freiheit und Gleichheit – aber nicht für alle

August

Erich Kästner 1961
Foto: von Basch
Lizenz: [CC BY-SA 3.0 nl]

Erich Kästner und Erich Mühsam hatten nicht nur dieselben Vornamen, sondern auch weitere Gemeinsamkeiten. Dieses Jahr möchten wir das Augenmerk auf die Monatsgedichte von Kästner richten, analog zu den vom vorletzten Jahr bei uns monatlich gebloggten "immerwährenden Kalender" von Erich Mühsam.



August

Nun hebt das Jahr die Sense hoch
und mäht die Sommertage wie ein Bauer.
Wer sät, muss mähen.
Und wer mäht, muss säen.
Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.

Stockrosen stehen hinterm Zaun
in ihren alten, brüchigseidnen Trachten.
Die Sonnenblumen, üppig, blond und braun,
mit Schleiern vorm Gesicht, schaun aus wie Frau'n,
die eine Reise in die Hauptstadt machten.

Wann reisten sie? Bei Tage kaum.
Stets leuchteten sie golden am Stakete.
Wann reisten sie? Vielleicht im Traum?
Nachts, als der Duft vom Lindenbaum
an ihnen abschiedssüß vorüberwehte?

In Büchern liest man groß und breit,
selbst das Unendliche sei nicht unendlich.
Man dreht und wendet Raum und Zeit.
Man ist gescheiter als gescheit, -
das Unverständliche bleibt unverständlich.

Ein Erntewagen schwankt durchs Feld.
Im Garten riecht's nach Minze und Kamille.
Man sieht die Hitze. Und man hört die Stille.
Wie klein ist heut die ganze Welt!
Wie groß und grenzenlos ist die Idylle ...

Nichts bleibt, mein Herz. Bald sagt der Tag Gutnacht.
Sternschnuppen fallen dann, silbern und sacht,
ins Irgendwo, wie Tränen ohne Trauer.
Dann wünsche Deinen Wunsch, doch gib gut acht!
Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer.

#Covid19: FAHClient auf Linux Mint 20 installieren

Darstellung: CDC/ Alissa Eckert, MS; Dan Higgins, MAM / Public domain
Nach der leider bislang erfolglosen Suche nach Intelligenz, zumindest außerhalb unseres Sonnensystems via SETI haben wir uns mit dem Aufkommen der COVID-19 Pandemie auf die Suche die Suche nach Coronavirus-Medikamenten gemacht. Privatnutzer stellen Forschern die Rechenleistung ihrer PCs für Simulationen zur Verfügung – und das in beträchtlichen Mengen, denn inzwischen summiert sich deren Gesamtleistung auf mehr Rechenleistung, als die schnellsten Supercomputer der Welt einzeln.  Nach einem Systemupgrade unserer Rechner auf Linux Mint 20 war es unmöglich den aktuellen FAHControl zu starten. Das Paket python-gtk2 wurde ohne Ersatzkandidaten aus der Softwareliste gestrichen.


Linux Mint 20 UserInnen sollten diesem Ansatz folgen und einfach das passende Snap Paket installieren:

sudo snap install folding-at-home-fcole90

Wer Snaps unter Linux Mint 20 verwenden will, muss in /etc/apt/preferences.d/nosnap.pref die Blockade deaktivieren.

Zufällig findet sich hier eine Lösung, mit der zumindest bei unseren Systemen eine problemlose Installation möglich ist:

sudo aptitude install python-gobject-2 (Der aptitude Installer sollte installiert sein. Er offeriert eine Lösung, die angenommen werden sollte)

wget http://archive.ubuntu.com/ubuntu/pool/universe/p/pygtk/python-gtk22.24.0-6amd64.deb

sudo dpkg -i python-gtk22.24.0-6amd64.deb

Funktionskontrolle: /usr/bin/FAHControl oder http://127.0.0.1:7396

Quelle war die Lösung hier für Ubuntu 20.04

Schillerkiez sagt: Räumung is nich! - Syndikat Bleibt!

Foto: © Freundeskreis Syndikat via Umbruch Bildarchiv
Am 7. August soll um 9 Uhr morgens das Syndikat geräumt werden. Die kollektiv betriebene Kiezkneipe existiert schon seit 1985 und ist nicht nur beim linksradikalen Publikum von nah und fern beliebt, sondern auch stark im Kiez verwurzelt. Um das bildlich zu zeigen, hat die Kiezgruppe „Widerständige Aktion Schillerkiez“ diese Foto-Serie inititiert. Auf mehreren Infoständen am Markt auf dem Herrfurthplatz, sowie bei mehreren Kieztouren hatten Anwohnende und ansässige Gewerbetreibende die Möglichkeit ihrer Solidarität mit dem Syndikat ein Gesicht zu geben. Die Ressonanz war enorm. Fast alle im Kiez wissen über das drohende Aus Bescheid und finden dies durchweg beschissen. Kaum jemand, der*die nicht bereit für ein Foto war. Das zeigt nochmals deutlich, mit welch breitem Widerstand der Eigentümer Pears Global und der R2G-Senat rechnen müssen, wenn sie das Syndikat wirklich räumen wollen.

Zu den Bildern beim Umbruch Bildarchiv

Termine:
29. Juli, 19 Uhr Köpi-Hof, Köpenicker Straße 137, Infoveranstaltung Projekte update, Letzte Demo Infos, Tag X, Aktionswoche
30. Juli 20 Uhr, Videokundgebung vorm Syndikat mit Zwangsräumung verhindern!
31. Juli ab 16 Uhr, Kiezkultur von unten! Musikkundgebung in der Weisestraße. Live umsonst und draußen!
1. August, 20 Uhr Herrfurthplatz
Großdemonstration: „Raus aus der Defensive!“ Egal ob Meute, Liebig 34, Rigaer, Syndikat oder Potse: Räumungen verhindern! Wir bleiben alle!
2. August, 11-17 Uhr, Blockadetraining in Theorie und Praxis von Zwangsräumung verhindern! auf dem Tempelhofer Feld vor dem Haus 104
6. August ab 20 Uhr Weisestraße 56′
„Lange Nacht der Weisestraße. Zusammen kommen damit Syndikat bleibt!“
7. August 9 Uhr Syndikat, Räumung verhindern!

Weitere Termine und aktuelle Infos:
https://syndikatbleibt.noblogs.org/
Twitter: @syndikat44

Weitere Ereignisse zu diesem Thema:

syndikat bleibt

Blogkino: Britannia (1978)

Heute zeigen wir im Blogkino mit Filmen zum Thema Ⓐnarchismus einen Kurzfilm des hierzulande nahezu unbekannten britischen anarchistischen Regisseurs John Samson. Samson (1946 - 2004) war ein außergewöhnlicher britischer Filmemacher. Samson wurde als Teenager in Ayrshire, Schottland, geboren und zog nach Paisley außerhalb von Glasgow, wo er die prägenden Jahre seines Lebens verbrachte. Mit 16 Jahren verließ Samson die Schule und nahm eine Lehre in den Werften von Clyde an, um in einem Ingenieurbüro Präzisionswerkzeugbau zu lernen. Samson wurde schnell als Sprecher in den ersten Lehrlingsstreik in Glasgow involviert und half dabei, Besuche von Glasgow-Lehrlingen auf anderen Werften in England zu organisieren, um Solidarität auf den britischen Inseln zu demonstrieren.

Ungefähr zu dieser Zeit begann Samson, sich mit der anarchistischen Bewegung zu beschäftigen, trat dem "Komitee der 100" bei und nahm an einer Reihe von Protesten gegen die nukleare Abrüstung teil, darunter Holy Loch im Jahr 1961, wo er zusammen mit 350 anderen verhaftet wurde, weil er gegen die Anwesenheit eines US-Atom-U-Bootes demonstriert hatte.

Als Samson 1963 seine Frau Linda traf, die zu dieser Zeit Malerei an der Glasgow School of Art studierte, gab er seine Ausbildung auf und schloss sich einer Bohème an, der Künstler, Schriftsteller und Musiker angehörten. Er brachte sich selbst Gitarre bei, nahm Standbilder auf und begann in den frühen 70ern Filme zu machen.

Diese Erfahrungen - Samsons Wurzeln in der Arbeiterklasse, sein leidenschaftliches Interesse an radikaler Politik und Bohème - haben eine lebenslange Faszination für Einzelpersonen und Gruppen am Rande der Gesellschaft ausgelöst. Wenn es möglich ist, so etwas wie ein einzigartiges Thema oder eine Erzählung in Samsons Filmen aufzugreifen, dann ist es genau das: Seine Themen sind Außenseiter, Menschen mit ungewöhnlichem Leben und Obsessionen, Grenzfiguren, die nicht genau mit den normativen Modellen übereinstimmen für Identität und Verhalten, die von der zeitgenössischen Kultur propagiert werden.

Zum Film: Eine Gruppe von Freiwilligen arbeitet an der Restaurierung einer alten Lokomotive. Der poetische Dokumentarfilm greift das Thema der Auferstehung stark auf, während Britannia wie ein Phönix aus der Asche seiner trostlosen Ruhestätte aufsteigt.