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"Amerika wird also, angeführt und aufgeweckt von der kubanischen Revolution, eine Aufgabe von großer, entscheidender Bedeutung haben: die Schaffung eines zweiten, dritten Vietnams." Che Guevara

Vexierbild


Theodor W. Adorno, Heidelberg 1964
Foto: Jeremy J. Shapiro
Lizenz: CC BY-SA 3.0

Warum trotz der zur Oligarchie vorgetriebenen historischenEntwicklung die Arbeiter immer weniger wissen, daß sie es sind, läßt sich immerhin aus manchen Beobachtungen erraten. Während objektiv das Verhältnis der Eigentümer und der Produzenten zum Produktionsapparat starrer stets sich ver festigt, fluktuiert um so mehr die subjektive Klassenzugehörigkeit. Das wird von der ökonomischen Entwicklung selber begünstigt. Die organische Zusammensetzung des Kapitals verlangt, wie oft konstatiert ward, Kontrolle durch technisch Verfügende eher als durch Fabrikbesitzer. Diese waren gleichsam der Gegenpart der lebendigen Arbeit, jene entsprechen dem Anteil der Maschinen am Kapital. Die Quantifizierung der technischen Prozesse aber, ihre Zerlegung in kleinste, von Bildung und Erfahrung weitgehend unabhängige Operationen, macht die Expertenschaft jener Leiter neuen Stils in erheblichem Maße zur bloßen Illusion, hinter der sich das Privileg des Zugelassenwerdens verbirgt. Daß die technische Entwicklung einen Stand erreicht hat, der eigentlich alle Funktionen allen erlauben würde - dies immanent- sozialistische Element des Fortschritts wird unterm späten Industrialismus travestiert. Zugehörigkeit zur Elite scheint jedem erreichbar. Man wartet nur auf die Kooption. Eignung besteht in Affinität, von der libidinösen Besetzung allen Hantierens über gesund technokratische Gesinnung bis zur frisch-fröhlichen Realpolitik. Experten sind sie nur als solche der Kontrolle. Daß jeder es könnte, hat nicht zu deren Ende geführt, sondern dazu, daß jeder berufen werden mag. Bevorzugt wird, wer am genauesten hineinpaßt. Gewiß bleiben die Erwählten verschwindende Minorität, aber die strukturelle Möglichkeit genügt, den Schein der gleichen Chance erfolgreich unter dem System festzuhalten, das die freie Konkurrenz eliminiert hat, die von jenem Schein lebte. Daß die technischen Kräfte den privilegienlosen Zustand erlaubten, wird tendenziell von allen, auch von denen im Schatten, den gesellschaftlichen Verhältnissen zugute gehalten, die es verhindern. Allgemein zeigt die subjektive Klassenzugehörigkeit heute eine Mobilität, welche die Starrheit der ökonomischen Ordnung selber vergessen macht: stets ist das Starre zugleich das Verschiebbare. Selbst die Ohnmacht des Einzelnen, sein ökonomisches Schicksal noch vorauszukalkulieren, trägt das ihre zu solcher tröstlichen Mobilität bei. Über den Sturz entscheidet nicht Untüchtigkeit, sondern ein undurchsichtiges hierarchisches Gefüge, in dem keiner, kaum die obersten Spitzen, sicher sich fühlen darf: Egalität des Bedrohtseins. Wenn im erfolgreichsten Spitzenfilm eines Jahres der heroische Fliegerkapitän zurückkehrt, um als drugstore jerk von Kleinbürgerkarikaturen sich schikanieren zu lassen, so befriedigt er nicht nur die unbewußte Schadenfreude der Zuschauer, sondern bestärkt sie überdies im Bewußtsein, alle Menschen seien wirklich Brüder. Äußerste Ungerechtigkeit wird zum Trugbild der Gerechtigkeit, die Entqualifizierung der Menschen zu dem ihrer Gleichheit. Soziologen aber sehen der grimmigen Scherzfrage sich gegenüber: Wo ist das Proletariat?



Theodor W. Adorno, Herbst 1944, Minima Moralia

Und höre nur, wie bös er war.



Theodor W. Adorno, Heidelberg 1964

Foto: Jeremy J. Shapiro

Lizenz: CC BY-SA 3.0

Solche, die in unvermutete Lebensgefahr, jähe Katastrophen hineingerieten, berichten oft, daß sie zu einem überraschenden Maße frei von Angst waren. Der allgemeine Schrecken kehrt sich nicht spezifisch gegen sie, sondern trifft sie als bloße Einwohner einer Stadt, Mitglieder eines größeren Verbandes. Ins Zufällige, gleichsam Unbeseelte schicken sie sich, als ginge es sie eigentlich nichts an. Psychologisch wird Angstlosigkeit durch Mangel an Angstbereitschaft gegenüber dem überwältigenden Schlag erklärt. Die Freiheit der Augenzeugen hat etwas Beschädigtes, der Apathie Verwandtes. Der psychische Organismus gleich dem Leib ist auf Erlebnisse einer Größenordnung eingestimmt, die ihm selber irgend entspricht. Steigert der Gegenstand der Erfahrung sich über die Proportion zum Individuum hinaus, so erfährt es ihn eigentlich gar nicht mehr, sondern registriert ihn unvermittelt, durch den anschauungslosen Begriff, als ein ihm Äußerliches, Inkommensurables, zu dem es so kalt sich verhält, wie der katastrophische Schock zu ihm. Im Moralischen gibt es ein Analogon dazu. Wer Handlungen begeht, die nach den anerkannten Normen als großes Unrecht gelten, wie die Rache an Feinden, die Verweigerung von Mitleid, wird dabei kaum der Schuld spontan sich bewußt sein und eher diese mit mühsamer Anstrengung sich selbst vergegenwärtigen. Die Lehre von der Staatsraison, die Trennung von Moral und Politik ist nicht unberührt von diesem Sachverhalt. In seinem Sinne faßt sie den extremen Gegensatz von öffentlichem Wesen und Einzelexistenz auf. Der große Frevel stellt in weitem Maß dem Individuum als bloßes Vergehen gegen die Konvention sich dar, nicht bloß weil jene Normen, die er verletzt, selber ein Konventionelles, Erstarrtes, für das lebendige Subjekt Unverbindliches haben, sondern weil ihre Objektivierung als solche, auch wo ihnen Substanz zugrunde liegt, sie der moralischen Innervation, dem Umkreis des Gewissens entrückt. Der Gedanke an einzelne Taktlosigkeiten jedoch, Mikroorganismen des Unrechts, die vielleicht kein anderer bemerkte: daß man auf einer Gesellschaft zu früh an einen Tisch sich setzte, oder bei einem Tee Kärtchen mit den Namen der Gäste auf ihre Plätze legte, wie es erst beim Diner sich gehört - solche Lappalien mögen den Delinquenten mit unbezwinglicher Reue und leidenschaftlich schlechtem Gewissen erfüllen, zuweilen mit so brennender Scham, daß er sie keinem Menschen und am liebsten nicht einmal sich selbst eingestünde. Er ist dabei keineswegs durchaus edel, denn er weiß, daß die Gesellschaft gegen Unmenschlichkeit gar nichts, gegen falsches Benehmen um so mehr einzuwenden hat, und daß ein Mann, der die kleine Freundin wegschickt und als rechter Herr sich bewährt, der sozialen Sanktion sicher sein kann, einer aber, der einem gar zu jungen Mädchen von Familie respektvoll die Hand küßt, der Lächerlichkeit sich aussetzt. Jedoch die luxuriös narzißtischen Sorgen gewähren noch einen zweiten Aspekt: den des Refugiums der von der vergegenständlichten Ordnung zurückprallenden Erfahrung. An die kleinsten Züge des Verfehlten oder Korrekten reicht das Subjekt heran und vermag an ihnen als richtig oder falsch handelndes sich zu bewähren; seine Indifferenz gegen die sittliche Schuld aber ist getönt von dem Bewußtsein, daß die Ohnmacht der eigenen Entscheidung anwächst mit der Dimension ihres Gegenstands. Stellt man nachträglich fest, daß man damals, als man mit der Freundin im Bösen auseinanderging, ohne sie wieder anzurufen, in der Tat sie verstoßen habe, so wohnt der Vorstellung davon ein leicht Komisches inne; es klingt wie die Stumme von Portici. »Murder«, heißt es in einem Detektivroman von Ellery Queen, »is so ... newspapery. It doesn't happen to you. You read about it in a paper, or in a detective story, and it makes you wriggle with disgust, or sympathy. But it doesn't mean anything.« Autoren wie Thomas Mann haben daher zeitungsfähige Katastrophen, vom Eisenbahnunglück bis zur Mordtat der Verschmähten, grotesk beschrieben und gleichsam das Lachen, das die feierliche Hauptbegebenheit wie das Begräbnis unwiderstehlich sonst provoziert, gebannt, indem sie es zur Sache des poetischen Subjekts machten. Im Gegensatz dazu sind die minimalen Verstöße darum so relevant, weil wir in ihnen gut und böse sein können, ohne darüber zu lächeln, wäre auch unser Ernst ein wenig wahnhaft. An ihnen lernen wir mit dem Moralischen umgehen, es bis in die Haut hinein - als Erröten - spüren, dem Subjekt es zueignen, das auf das gigantische Sittengesetz in sich so hilflos blickt wie auf den gestirnten Himmel, den jenes schlecht nachahmt. Daß jene Begegnisse an sich amoralisch seien, während doch auch spontan gute Regungen, menschliche Teilnahme ohne das Pathos der Maxime sich ereigneten, entwertet nicht die Verliebtheit ins Geziemende. Denn indem die gute Regung, ohne um Entfremdung sich zu kümmern, das Allgemeine geradenwegs ausdrückt, läßt sie leicht genug das Subjekt als ein sich selbst Entfremdetes, als bloßen Agenten der Gebote hervortreten, mit denen es sich eins dünkt: als prächtigen Menschen. Umgekehrt vermag der, dessen moralischer Impuls aufs ganz Äußerliche, die fetischisierte Konvention anspricht, im Leiden an der unüberwindlichen Divergenz von innen und außen, die er in ihrer Verhärtung festhält, das Allgemeine zu ergreifen, ohne sich selber und die Wahrheit seiner Erfahrung darüber zu opfern. Seine Überspannung aller Distanzen meint die Versöhnung. Dabei verhält der Monomane sich nicht ohne einige Rechtfertigung durch den Gegenstand. In der Sphäre des Umgangs, auf die er sich kapriziert, kehren alle Aporien des falschen Lebens wieder, und seine Verranntheit hat es mit dem Ganzen zu tun, nur daß er hier den sonst seiner Reichweite entrückten Konflikt paradigmatisch, in Strenge und Freiheit austragen kann. Wer dagegen seiner Reaktionsweise nach mit der gesellschaftlichen Realität konformiert, dessen Privatleben gebärdet sich genau so formlos, wie die Abschätzung der Machtverhältnisse ihre Form ihm aufzwingt. Er hat die Neigung, wo immer er der Aufsicht durch die Außenwelt entzogen ist, wo immer er im erweiterten Umkreis des eigenen Ichs zu Hause sich fühlt, rücksichtslos und brutal aufzutreten. An denen, die ihm nahe sind, rächt er sich für alle Disziplin und allen Verzicht auf die unmittelbare Äußerung der Aggression, den die Fernen ihm auferlegen. Er verhält sich nach außen, gegen die objektiven Feinde höflich und freundlich, in Freundesland aber kalt und feindselig. Wo ihn nicht Zivilisation als Selbsterhaltung zur Zivilisation als Humanität nötigt, läßt er seiner Wut gegen diese freien Lauf und widerlegt die eigene Ideologie von Heim, Familie und Gemeinschaft. Dagegen geht die mikrologisch verblendete Moral an. Sie wittert im entspannt Familiären, Formlosen den bloßen Vorwand der Gewalt, die Berufung darauf, wie gut man miteinander sei, um nach Herzenslust böse sein zu können. Sie unterwirft das Intime dem kritischen Anspruch, weil Intimitäten entfremden, die unwägbar feine Aura des anderen antasten, die ihn zum Subjekt erst krönt. Einzig durch die Anerkennung von Ferne im Nächsten wird Fremdheit gemildert: hineingenommen ins Bewußtsein. Der Anspruch ungeschmälerter, je schon erreichter Nähe jedoch, die Verleugnung der Fremdheit gerade, tut dem andern das äußerste Unrecht an, negiert ihn virtuell als besonderen Menschen und damit das Menschliche in ihm, »rechnet ihn dazu«, verleibt ihn dem Inventar des Besitzes ein. Wo das Unmittelbare sich selber setzt und verschanzt, setzt eben dadurch die schlechte Mittelbarkeit der Gesellschaft hintersinnig sich durch. Der Sache von Unmittelbarkeit nimmt einzig noch die behutsamste Reflexion sich an. Darauf wird die Probe im Kleinsten gemacht.



Theodor W. Adorno, Herbst 1944, Minima Moralia

Weit vom Schuß


Theodor W. Adorno, Heidelberg 1964
Foto: Jeremy J. Shapiro
Lizenz: CC BY-SA 3.0

Bei den Meldungen über Luftangriffe fehlen selten die Namen der Firmen, welche die Flugzeuge hergestellt haben: Focke-Wulff, Heinkel, Lancaster erscheinen dort, wo früher einmal von Kürassieren, Ulanen und Husaren die Rede war. Der Mechanismus der Reproduktion des Lebens, seiner Beherrschung und seiner Vernichtung ist unmittelbar der gleiche, und demgemäß werden Industrie, Staat und Reklame fusioniert. Die alte Übertreibung skeptischer Liberaler, der Krieg sei ein Geschäft, hat sich erfüllt: die Staatsmacht hat selbst den Schein der Unabhängigkeit vom partikularen Profitinteresse aufgegeben und stellt sich wie stets schon real, nun auch ideologisch in dessen Dienst. Jede lobende Erwähnung der Hauptfirma in der Städtezerstörung hilft ihr den guten Namen machen, um dessentwillen ihr dann die besten Aufträge beim Wiederaufbau zufallen.

Wie der Dreißigjährige, so zerfällt auch dieser Krieg, an dessen Anfang sich schon keiner mehr erinnern kann, wenn er zu Ende sein wird, in diskontinuierliche, durch leere Pausen getrennte Feldzüge, den polnischen, den norwegischen, den französischen, den russischen, den tunesischen, die Invasion. Sein Rhythmus, der Wechsel stoßweiser Aktion und völligen Stillstands aus Mangel an geographisch erreichbaren Feinden, hat selber etwas von dem mechanischen, der die Art der Kriegsmittel im einzelnen charakterisiert und der wohl auch die vorliberale Form des Feldzugs nochmals heraufbeschworen hat. Dieser mechanische Rhythmus aber bestimmt völlig das menschliche Verhalten zum Krieg, nicht nur in der Disproportion zwischen der individuellen Körperkraft und der Energie der Motoren, sondern bis in die geheimsten Zellen der Erlebnisweisen hinein. Schon das vorige Mal machte die Unangemessenheit des Leibes an die Materialschlacht eigentliche Erfahrung unmöglich. Keiner hätte davon erzählen können, wie noch von den Schlachten des Artilleriegenerals Bonaparte erzählt werden konnte. Das lange Intervall zwischen den Kriegsmemoiren und dem Friedensschluß ist nicht zufällig: es legt Zeugnis ab von der mühsamen Rekonstruktion der Erinnerung, der in all jenen Büchern etwas Ohnmächtiges und selbst Unechtes gesellt bleibt, gleichgültig, durch welche Schrecken die Berichtenden hindurchgingen. Der Zweite Krieg aber ist der Erfahrung schon so völlig entzogen wie der Gang einer Maschine den Regungen des Körpers, der erst in Krankheitszuständen jenem sich anähnelt. Sowenig der Krieg Kontinuität, Geschichte, das »epische« Element enthält, sondern gewissermaßen in jeder Phase von vorn anfängt, sowenig wird er ein stetiges und unbewußt aufbewahrtes Erinnerungsbild hinterlassen. Überall, mit jeder Explosion, hat er den Reizschutz durchbrochen, unter dem Erfahrung, die Dauer zwischen heilsamem Vergessen und heilsamem Erinnern sich bildet. Das Leben hat sich in eine zeitlose Folge von Schocks verwandelt, zwischen denen Löcher, paralysierte Zwischenräume klaffen. Nichts aber ist vielleicht verhängnisvoller für die Zukunft, als daß im wörtlichen Sinn bald keiner mehr wird daran denken können, denn jedes Trauma, jeder unbewältigte Schock der Zurückkehrenden ist ein Ferment kommender Destruktion. - Karl Kraus tat recht daran, sein Stück »Die letzten Tage der Menschheit« zu nennen. Was heute geschieht, müßte »Nach Weltuntergang« heißen.

Die vollständige Verdeckung des Krieges durch Information, Propaganda, Kommentar, die Filmoperateure in den ersten Tanks und der Heldentod von Kriegsberichterstattern, die Maische aus manipuliert-aufgeklärter öffentlicher Meinung und bewußtlosem Handeln, all das ist ein anderer Ausdruck für die verdorrte Erfahrung, das Vakuum zwischen den Menschen und ihrem Verhängnis, in dem das Verhängnis recht eigentlich besteht. Der verdinglichte, erstarrte Abguß der Ereignisse substituiert gleichsam diese selber. Die Menschen werden zu Schauspielern eines Monstre-Documentairefilms herabgesetzt, der keine Zuschauer mehr kennt, weil noch der letzte auf der Leinwand mittun muß. Eben dies Moment liegt der vielgescholtenen Rede vom phony war zugrunde. Sie entspringt gewiß aus der faschistischen Stimmung, die Realität des Grauens als »bloße Propaganda« von sich zu weisen, damit das Grauen einspruchslos sich vollziehe. Aber wie alle Tendenzen des Faschismus hat auch diese ihren Ursprung in Elementen der Realität, die sich nur eben gerade kraft jener faschistischen Haltung durchsetzen, die hämisch auf sie hindeutet. Der Krieg ist wirklich phony, aber seine phonyness schrecklicher als aller Schrecken, und die sich darüber mokieren, tragen vorab zum Unheil bei.

Hätte Hegels Geschichtsphilosophie diese Zeit eingeschlossen, so hätten Hitlers Robotbomben, neben dem frühen Tod Alexanders und ähnlichen Bildern, ihre Stelle gefunden unter den ausgewählten empirischen Tatsachen, in denen der Stand des Weltgeists unmittelbar symbolisch sich ausdrückt. Wie der Faschismus selber sind die Robots lanciert zugleich und subjektlos. Wie jener vereinen sie die äußerste technische Perfektion mit vollkommener Blindheit. Wie jener erregen sie das tödlichste Entsetzen und sind ganz vergeblich. - »Ich habe den Weltgeist gesehen«, nicht zu Pferde, aber auf Flügeln und ohne Kopf, und das widerlegt zugleich Hegels Geschichtsphilosophie.

Der Gedanke, daß nach diesem Krieg das Leben »normal« weitergehen oder gar die Kultur »wiederaufgebaut« werden könnte - als wäre nicht der Wiederaufbau von Kultur allein schon deren Negation -, ist idiotisch. Millionen Juden sind ermordet worden, und das soll ein Zwischenspiel sein und nicht die Katastrophe selbst. Worauf wartet diese Kultur eigentlich noch? Und selbst wenn Ungezählten Wartezeit bleibt, könnte man sich vorstellen, daß das, was in Europa geschah, keine Konsequenz hat, daß nicht die Quantität der Opfer in eine neue Qualität der gesamten Gesellschaft, die Barbarei, umschlägt? Solange es Zug um Zug weitergeht, ist die Katastrophe perpetuiert. Man muß nur an die Rache für die Ermordeten denken. Werden ebenso viele von den anderen umgebracht, so wird das Grauen zur Einrichtung und das vorkapitalistische Schema der Blutrache, das seit undenklichen Zeiten bloß noch in abgelegenen Gebirgsgegenden waltete, erweitert wieder eingeführt, mit ganzen Nationen als subjektlosem Subjekt. Werden jedoch die Toten nicht gerächt und Gnade geübt, so hat der ungestrafte Faschismus trotz allem seinen Sieg weg, und nachdem er einmal zeigte, wie leicht es geht, wird es an anderen Stellen sich fortsetzen. Die Logik der Geschichte ist so destruktiv wie die Menschen, die sie zeitigt: wo immer ihre Schwerkraft hintendiert, reproduziert sie das Äquivalent des vergangenen Unheils. Normal ist der Tod.

Auf die Frage, was man mit dem geschlagenen Deutschland anfangen soll, wüßte ich nur zweierlei zu antworten. Einmal: ich möchte um keinen Preis, unter gar keinen Bedingungen Henker sein oder Rechtstitel für Henker liefern. Dann: ich möchte keinem, und gar mit der Apparatur des Gesetzes, in den Arm fallen, der sich für Geschehenes rächt. Das ist eine durch und durch unbefriedigende, widerspruchsvolle und der Verallgemeinerung ebenso wie der Praxis spottende Antwort. Aber vielleicht liegt der Fehler schon bei der Frage und nicht erst bei mir. Wochenschau im Kino: die Invasion der Marianas, darunter Guam. Der Eindruck ist nicht der von Kämpfen, sondern der mit unermeßlich gesteigerter Vehemenz vorgenommener mechanischer Straßen- und Sprengarbeiten, auch von »Ausräuchern «, Insektenvertilgung im tellurischen Maßstab. Operationen werden durchgeführt, bis kein Gras mehr wächst. Der Feind fungiert als Patient und Leiche. Wie die Juden unterm Faschismus gibt er nur noch das Objekt technisch-administrativer Maßnahmen ab, und wenn er sich zur Wehr setzt, hat seine Gegenaktion sogleich denselben Charakter. Dabei das Satanische, daß in gewisser Weise mehr Initiative beansprucht wird als im Krieg alten Stils, daß es gleichsam die ganze Energie des Subjekts kostet, die Subjektlosigkeit herbeizuführen. Die vollendete Inhumanität ist die Verwirklichung von Edward Greys humanem Traum, dem Krieg ohne Haß.



Theodor W. Adorno, Herbst 1944, Minima Moralia

The Masque of Anarchy - Percy Bysshe Shelley

Percy Bysshe Shelley
Gemälde von Amelia Curran, 1819
Heute vor 196 Jahren ertrank der britische Dichter und Atheist Percy Bysshe Shelley. Der mit  Mary Wollstonecraft Godwin, Tochter der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft und des Philosophen William Godwin und spätere Autorin des bekannten Romans Frankenstein verheiratete Shelley hatte stets ein kritisches Auge auf die sozio-ökonomischen Umstände des frühindustriellen England und die damit verbundenen politischen Unruhen: 1819 etwa kam es bei einem Aufstand von Arbeitern der baumwollverarbeitenden Industrie in Manchester zu einer blutigen Niederwerfung der Protestbewegung, die als Peterloo-Massaker für Aufsehen sorgte. Shelley verfasste daraufhin in direkter Bezugnahme auf den Vorfall das politisch radikale Gedicht The Masque of Anarchy. A Poem. Der erst zehn Jahre nach seinem Tode veröffentlichte Text konnte zu seinen Lebzeiten auf Grund der politischen Lage zu dem Zeitpunkt nicht erscheinen. Shelley beeinflußte nicht nur den später entstandenen Marxismus sondern über Walter Benjamin auch die kritische Therorie.

"Steh wie die Löwen nach dem Schlummern auf
auch wenn es unsicher ist -
Schüttel deine Ketten wie Tau auf die Erde
der im Schlaf auf dich gefallen war -
Ihr seid viele - sie sind wenige."


As I lay asleep in Italy
There came a voice from over the Sea,
And with great power it forth led me
To walk in the visions of Poesy.

I met Murder on the way—
He had a mask like Castlereagh—
Very smooth he looked, yet grim ;
Seven blood-hounds followed him :

All were fat ; and well they might
Be in admirable plight,
For one by one, and two by two,
He tossed them human hearts to chew
Which from his wide cloak he drew.

Next came Fraud, and he had on,
Like Lord Eldon, an ermined gown ;
His big tears, for he wept well,
Turned to mill-stones as they fell.

And the little children, who
Round his feet played to and fro,
Thinking every tear a gem,
Had their brains knocked out by them.

Clothed with the Bible, as with light,
And the shadows of the night,
Like Sidmouth, next, Hypocrisy
On a crocodile rode by.

And many more Destructions played
In this ghastly masquerade,
All disguised, even to the eyes,
Like Bishops, lawyers, peers, and spies.

Last came Anarchy : he rode
On a white horse, splashed with blood ;
He was pale even to the lips,
Like Death in the Apocalypse.

And he wore a kingly crown ;
And in his grasp a sceptre shone ;
On his brow this mark I saw—
‘I AM GOD, AND KING, AND LAW!’

With a pace stately and fast,
Over English land he passed,
Trampling to a mire of blood
The adoring multitude.

And with a mighty troop around
With their trampling shook the ground,
Waving each a bloody sword,
For the service of their Lord.

And with glorious triumph they
Rode through England proud and gay,
Drunk as with intoxication
Of the wine of desolation.

O’er fields and towns, from sea to sea,
Passed the Pageant swift and free,
Tearing up, and trampling down ;
Till they came to London town.

And each dweller, panic-stricken,
Felt his heart with terror sicken
Hearing the tempestuous cry
Of the triumph of Anarchy.

For from pomp to meet him came,
Clothed in arms like blood and flame,
The hired murderers, who did sing
‘Thou art God, and Law, and King.

‘We have waited weak and lone
For thy coming, Mighty One!
Our purses are empty, our swords are cold,
Give us glory, and blood, and gold.’

Lawyers and priests a motley crowd,
To the earth their pale brows bowed ;
Like a bad prayer not over loud,
Whispering—‘Thou art Law and God.’—

Then all cried with one accord,
‘Thou art King, and God, and Lord ;
Anarchy, to thee we bow,
Be thy name made holy now!’

And Anarchy, the Skeleton,
Bowed and grinned to every one,
As well as if his education
Had cost ten millions to the nation.

For he knew the Palaces
Of our Kings were rightly his ;
His the sceptre, crown, and globe,
And the gold-inwoven robe.

So he sent his slaves before
To seize upon the Bank and Tower,
And was proceeding with intent
To meet his pensioned Parliament

When one fled past, a maniac maid,
And her name was Hope, she said :
But she looked more like Despair,
And she cried out in the air :

‘My father Time is weak and gray
With waiting for a better day ;
See how idiot-like he stands,
Fumbling with his palsied hands!

‘He has had child after child,
And the dust of death is piled
Over every one but me—
Misery, oh, Misery!’

Then she lay down in the street,
Right before the horses feet,
Expecting, with a patient eye,
Murder, Fraud, and Anarchy.

When between her and her foes
A mist, a light, an image rose.
Small at first, and weak, and frail
Like the vapour of a vale :

Till as clouds grow on the blast,
Like tower-crowned giants striding fast,
And glare with lightnings as they fly,
And speak in thunder to the sky.

It grew—a Shape arrayed in mail
Brighter than the viper’s scale,
And upborne on wings whose grain
Was as the light of sunny rain.

On its helm, seen far away,
A planet, like the Morning’s, lay ;
And those plumes its light rained through
Like a shower of crimson dew.

With step as soft as wind it passed
O’er the heads of men—so fast
That they knew the presence there,
And looked,—but all was empty air.

As flowers beneath May’s footstep waken,
As stars from Night’s loose hair are shaken,
As waves arise when loud winds call,
Thoughts sprung where’er that step did fall.

And the prostrate multitude
Looked—and ankle-deep in blood,
Hope, that maiden most serene,
Was walking with a quiet mien :

And Anarchy, the ghastly birth,
Lay dead earth upon the earth ;
The Horse of Death tameless as wind
Fled, and with his hoofs did grind
To dust the murderers thronged behind.

A rushing light of clouds and splendour,
A sense awakening and yet tender
Was heard and felt—and at its close
These words of joy and fear arose

As if their own indignant Earth
Which gave the sons of England birth
Had felt their blood upon her brow,
And shuddering with a mother’s throe

Had turned every drop of blood
By which her face had been bedewed
To an accent unwithstood,—
As if her heart cried out aloud :

‘Men of England, heirs of Glory,
Heroes of unwritten story,
Nurslings of one mighty Mother,
Hopes of her, and one another ;

‘Rise like Lions after slumber
In unvanquishable number.
Shake your chains to earth like dew
Which in sleep had fallen on you—
Ye are many—they are few.

‘What is Freedom?—ye can tell
That which slavery is, too well—
For its very name has grown
To an echo of your own.

‘’Tis to work and have such pay
As just keeps life from day to day
In your limbs, as in a cell
For the tyrants’ use to dwell,

‘So that ye for them are made
Loom, and plough, and sword, and spade,
With or without your own will bent
To their defence and nourishment.

‘’Tis to see your children weak
With their mothers pine and peak,
When the winter winds are bleak,—
They are dying whilst I speak.

‘’Tis to hunger for such diet
As the rich man in his riot
Casts to the fat dogs that lie
Surfeiting beneath his eye ;

‘’Tis to let the Ghost of Gold
Take from Toil a thousandfold
More than e’er its substance could
In the tyrannies of old.

‘Paper coin—that forgery
Of the title-deeds, which ye
Hold to something from the worth
Of the inheritance of Earth.

‘’Tis to be a slave in soul
And to hold no strong control
Over your own wills, but be
All that others make of ye.

‘And at length when ye complain
With a murmur weak and vain
’Tis to see the Tyrant’s crew
Ride over your wives and you—
Blood is on the grass like dew.

‘Then it is to feel revenge
Fiercely thirsting to exchange
Blood for blood—and wrong for wrong—
Do not thus when ye are strong.

‘Birds find rest, in narrow nest
When weary of their wingèd quest ;
Beasts find fare, in woody lair
When storm and snow are in the air.

‘Horses, oxen, have a home,
When from daily toil they come ;
Household dogs, when the wind roars,
Find a home within warm doors.’

‘Asses, swine, have litter spread
And with fitting food are fed ;
All things have a home but one—
Thou, Oh, Englishman, hast none !

‘This is Slavery—savage men,
Or wild beasts within a den
Would endure not as ye do—
But such ills they never knew.

‘What art thou, Freedom ? O ! could slaves
Answer from their living graves
This demand—tyrants would flee
Like a dream’s imagery :

‘Thou are not, as impostors say,
A shadow soon to pass away,
A superstition, and a name
Echoing from the cave of Fame.

‘For the labourer thou art bread,
And a comely table spread
From his daily labour come
In a neat and happy home.

‘Thou art clothes, and fire, and food
For the trampled multitude—
No—in countries that are free
Such starvation cannot be
As in England now we see.

‘To the rich thou art a check,
When his foot is on the neck
Of his victim, thou dost make
That he treads upon a snake.

‘Thou art Justice—ne’er for gold
May thy righteous laws be sold
As laws are in England—thou
Shield’st alike both high and low.

‘Thou art Wisdom—Freemen never
Dream that God will damn for ever
All who think those things untrue
Of which Priests make such ado.

‘Thou art Peace—never by thee
Would blood and treasure wasted be
As tyrants wasted them, when all
Leagued to quench thy flame in Gaul.

‘What if English toil and blood
Was poured forth, even as a flood ?
It availed, Oh, Liberty.
To dim, but not extinguish thee.

‘Thou art Love—the rich have kissed
Thy feet, and like him following Christ,
Give their substance to the free
And through the rough world follow thee,

‘Or turn their wealth to arms, and make
War for thy belovèd sake
On wealth, and war, and fraud—whence they
Drew the power which is their prey.

‘Science, Poetry, and Thought
Are thy lamps ; they make the lot
Of the dwellers in a cot
So serene, they curse it not.

‘Spirit, Patience, Gentleness,
All that can adorn and bless
Art thou—let deeds, not words, express
Thine exceeding loveliness.

‘Let a great Assembly be
Of the fearless and the free
On some spot of English ground
Where the plains stretch wide around.

‘Let the blue sky overhead,
The green earth on which ye tread,
All that must eternal be
Witness the solemnity.

‘From the corners uttermost
Of the bounds of English coast ;
From every hut, village, and town
Where those who live and suffer moan
For others’ misery or their own,

‘From the workhouse and the prison
Where pale as corpses newly risen,
Women, children, young and old
Groan for pain, and weep for cold—

‘From the haunts of daily life
Where is waged the daily strife
With common wants and common cares
Which sows the human heart with tares—

‘Lastly from the palaces
Where the murmur of distress
Echoes, like the distant sound
Of a wind alive around

‘Those prison halls of wealth and fashion.
Where some few feel such compassion
For those who groan, and toil, and wail
As must make their brethren pale—

‘Ye who suffer woes untold,
Or to feel, or to behold
Your lost country bought and sold
With a price of blood and gold—

‘Let a vast assembly be,
And with great solemnity
Declare with measured words that ye
Are, as God has made ye, free—

‘Be your strong and simple words
Keen to wound as sharpened swords,
And wide as targes let them be,
With their shade to cover ye.

‘Let the tyrants pour around
With a quick and startling sound,
Like the loosening of a sea,
Troops of armed emblazonry.

‘Let the charged artillery drive
Till the dead air seems alive
With the clash of clanging wheels,
And the tramp of horses’ heels.

‘Let the fixèd bayonet
Gleam with sharp desire to wet
Its bright point in English blood
Looking keen as one for food.

‘Let the horsemen’s scimitars
Wheel and flash, like sphereless stars
Thirsting to eclipse their burning
In a sea of death and mourning.

‘Stand ye calm and resolute,
Like a forest close and mute,
With folded arms and looks which are
Weapons of unvanquished war,

‘And let Panic, who outspeeds
The career of armèd steeds
Pass, a disregarded shade
Through your phalanx undismayed.

‘Let the laws of your own land,
Good or ill, between ye stand
Hand to hand, and foot to foot,
Arbiters of the dispute,

‘The old laws of England—they
Whose reverend heads with age are gray,
Children of a wiser day ;
And whose solemn voice must be
Thine own echo—Liberty !

‘On those who first should violate
Such sacred heralds in their state
Rest the blood that must ensue,
And it will not rest on you.

‘And if then the tyrants dare
Let them ride among you there,
Slash, and stab, and maim, and hew, —
What they like, that let them do.

‘With folded arms and steady eyes,
And little fear, and less surprise,
Look upon them as they slay
Till their rage has died away.’

‘Then they will return with shame
To the place from which they came,
And the blood thus shed will speak
In hot blushes on their cheek.

‘Every woman in the land
Will point at them as they stand—
They will hardly dare to greet
Their acquaintance in the street.

‘And the bold, true warriors
Who have hugged Danger in wars
Will turn to those who would be free,
Ashamed of such base company.

‘And that slaughter to the Nation
Shall steam up like inspiration,
Eloquent, oracular ;
A volcano heard afar.

‘And these words shall then become
Like Oppression’s thundered doom
Ringing through each heart and brain.
Heard again—again—again—

‘Rise like Lions after slumber
In unvanquishable number—
Shake your chains to earth like dew
Which in sleep had fallen on you—
Ye are many—they are few.’

Quellen:
Eigene Übersetzung
de.wikipedia.org
en.wikipedia.org
libcom.org

Zwergobst



Theodor W. Adorno, Heidelberg 1964

Foto: Jeremy J. Shapiro

Lizenz: CC BY-SA 3.0

Es ist die Höflichkeit Prousts, dem Leser die Beschämung zu ersparen, sich für gescheiter zu halten als den Autor.

Im neunzehnten Jahrhundert haben die Deutschen ihren Traum gemalt, und es ist allemal Gemüse daraus geworden. Die Franzosen brauchten nur Gemüse zu malen, und es war schon ein Traum.

In angelsächsischen Ländern sehen die Dirnen aus, als ob sie mit der Sünde zugleich die Höllenstrafe mitlieferten.

Schönheit der amerikanischen Landschaft: daß noch dem kleinsten ihrer Segmente, als Ausdruck, die unermeßliche Größe des ganzen Landes einbeschrieben ist.

In der Erinnerung der Emigration schmeckt jeder deutsche Rehbraten, als wäre er vom Freischütz erlegt worden.

An der Psychoanalyse ist nichts wahr als ihre Übertreibungen.

Ob einer glücklich ist, kann er dem Winde anhören. Dieser mahnt den Unglücklichen an die Zerbrechlichkeit seines Hauses und jagt ihn aus leichtem Schlaf und heftigem Traum. Dem Glücklichen singt er das Lied seines Geborgenseins: sein wütendes Pfeifen meldet, daß er keine Macht mehr hat über ihn.

Der lautlose Lärm, der aus unserer Traumerfahrung seit je uns gegenwärtig ist, tönt dem Wachen aus den Schlagzeilen der Zeitungen entgegen.

Die mythische Hiobspost erneuert sich mit dem Radio. Wer etwas Wichtiges autoritär mitteilt, meldet Unheil. Englisch heißt solemn feierlich und bedrohlich. Die Macht der Gesellschaft hinter dem Redenden wendet von selbst sich gegen die Angeredeten.

Das Jüngstvergangene stellt allemal sich dar, als wäre es durch Katastrophen zerstört worden.

Der Ausdruck des Geschichtlichen an Dingen ist nichts anderes als der vergangener Qual.

Bei Hegel war Selbstbewußtsein die Wahrheit der Gewißheit seiner selbst, nach den Worten der Phänomenologie das »einheimische Reich der Wahrheit«. Als sie das schon nicht mehr verstanden, waren die Bürger selbstbewußt wenigstens im Stolz darüber, daß sie ein Vermögen hatten. Heute heißt self-conscious nur noch die Reflexion aufs Ich als Befangenheit, als Innewerden der Ohnmacht: wissen, daß man nichts ist.

Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen.

Der Splitter in deinem Auge ist das beste Vergrößerungsglas.

Noch der armseligste Mensch ist fähig, die Schwächen des bedeutendsten, noch der dümmste, die Denkfehler des klügsten zu erkennen.

Erster und einziger Grundsatz der Sexualethik: der Ankläger hat immer unrecht.

Das Ganze ist das Unwahre.

Theodor W. Adorno - Minima Moralia

Wenn Dich die bösen Buben locken



Theodor W. Adorno, Heidelberg 1964

Foto: Jeremy J. Shapiro

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Es gibt einen amor intellectualis zum Küchenpersonal, die Versuchung für theoretisch oder künstlerisch Arbeitende, den geistigen Anspruch an sich selbst zu lockern, unter das Niveau zu gehen, in Sache und Ausdruck allen möglichen Gewohnheiten zu folgen, die man als wach Erkennender verworfen hat. Da keine Kategorie, ja selbst die Bildung nicht mehr dem Intellektuellen vorgegeben ist und tausend Anforderungen der Betriebsamkeit die Konzentration gefährden, wird die Anstrengung, etwas zu produzieren, was einigermaßen stichhält, so groß, daß kaum einer ihrer mehr fähig bleibt. Weiter setzt der Druck der Konformität, der auf jedem Produzierenden lastet, dessen Forderung an sich selbst herab. Das Zentrum der geistigen Selbstdisziplin als solcher ist in Zersetzung begriffen. Die Tabus, die den geistigen Rang eines Menschen ausmachen, oftmals sedimentierte Erfahrungen und unartikulierte Erkenntnisse, richten sich stets gegen eigene Regungen, die er verdammen lernte, die aber so stark sind, daß nur eine fraglose und unbefragte Instanz ihnen Einhalt gebieten kann. Was fürs Triebleben gilt, gilt fürs geistige nicht minder: der Maler und Komponist, der diese und jene Farbenzusammenstellung oder Akkordverbindung als kitschig sich untersagt, der Schriftsteller, dem sprachliche Konfigurationen als banal oder pedantisch auf die Nerven gehen, reagiert so heftig gegen sie, weil in ihm selber Schichten sind, die es dorthin lockt. Die Absage ans herrschende Unwesen der Kultur setzt voraus, daß man an diesem selber genug teilhat, um es gleichsam in den eigenen Fingern zucken zu fühlen, daß man aber zugleich aus dieser Teilhabe Kräfte zog, sie zu kündigen. Diese Kräfte, die als solche des individuellen Widerstands in Erscheinung treten, sind darum doch keineswegs selber bloß individueller Art. Das intellektuelle Gewissen, in dem sie sich zusammenfassen, hat ein gesellschaftliches Moment so gut wie das moralische Überich. Es bildet sich an einer Vorstellung von der richtigen Gesellschaft und deren Bürgern. Läßt einmal diese Vorstellung nach - und wer könnte noch blind vertrauend ihr sich überlassen -, so verliert der intellektuelle Drang nach unten seine Hemmung, und aller Unrat, den die barbarische Kultur im Individuum zurückgelassen hat, Halbbildung, sich Gehenlassen, plumpe Vertraulichkeit, Ungeschliffenheit, kommt zum Vorschein. Meist rationalisiert es sich auch noch als Humanität, als den Willen, anderen Menschen sich verständlich zu machen, als welterfahrene Verantwortlichkeit. Aber das Opfer der intellektuellen Selbstdisziplin fällt dem, der es auf sich nimmt, viel zu leicht, als daß man ihm glauben dürfte, daß es eines ist. Drastisch wird die Beobachtung an Intellektuellen, deren materielle Lage sich geändert hat: sobald sie sich nur einigermaßen einreden können, daß sie mit Schreiben und nichts anderem Geld verdienen müßten, lassen sie bis auf die Nuance genau den gleichen Schund in die Welt gehen, den sie als Wohlbestallte einmal aufs heftigste verfemten. Ganz wie Emigranten, die einmal reich waren, in der Fremde oft nach Herzenslust so geizig sind, wie sie es zu Hause schon immer gern gewesen wären, so marschieren die Verarmten im Geiste begeistert in die Hölle, die ihr Himmelreich ist.

Theodor W. Adorno - Minima Moralia

Gesundheit zum Tode


Theodor W. Adorno, Heidelberg 1964
Foto: Jeremy J. Shapiro
Lizenz: CC BY-SA 3.0

Wäre etwas wie eine Psychoanalyse der heute prototypischen Kultur möglich; spottete nicht die absolute Vorherrschaft der Ökonomie jeden Versuchs, die Zustände aus dem Seelenleben ihrer Opfer zu erklären, und hätten nicht die Psychoanalytiker selber jenen Zuständen längst den Treueid geleistet - so müßte eine solche Untersuchung dartun, daß die zeitgemäße Krankheit gerade im Normalen besteht. Die libidinösen Leistungen, die vom Individuum verlangt werden, das sich gesund an Leib und Seele benimmt, sind derart, daß sie nur vermöge der tiefsten Verstümmelung vollbracht werden können, einer Verinnerlichung der Kastration in den extroverts, der gegenüber die alte Aufgabe der Identifikation mit dem Vater das Kinderspiel ist, in dem sie eingeübt wurde. Der regular guy, das popular girl müssen nicht nur ihre Begierden und Erkenntnisse verdrängen, sondern auch noch alle die Symptome, die in bürgerlichen Zeiten aus der Verdrängung folgten. Wie das alte Unrecht durch das generöse Massenaufgebot von Licht, Luft und Hygiene nicht geändert, sondern durch die blinkende Durchsichtigkeit des rationalisierten Betriebs gerade verdeckt wird, so besteht die inwendige Gesundheit der Epoche darin, daß sie die Flucht in die Krankheit abgeschnitten hat, ohne doch an deren Ätiologie das mindeste zu ändern. Die finsteren Abtritte wurden als peinliche Raumvergeudung beseitigt und ins Badezimmer verlegt. Bestätigt ist der Argwohn, den die Psychoanalyse hegte, ehe sie selber zu einem Stück Hygiene sich machte. Wo es am hellsten ist, herrschen insgeheim die Fäkalien. Der Vers: »Das Elend bleibt. So wie es war. / Du kannst es nicht ausrotten ganz und gar, / Aber du machst es unsichtbar«, gilt im Haushalt der Seele noch mehr als dort, wo die Fülle der Güter zeitweilig über die unaufhaltsam anwachsenden materiellen Differenzen täuscht. Keine Forschung reicht bis heute in die Hölle hinab, in der die Deformationen geprägt werden, die später als Fröhlichkeit, Aufgeschlossenheit, Umgänglichkeit, als gelungene Einpassung ins Unvermeidliche und als unvergrübelt praktischer Sinn zutage kommen. Es ist Grund zur Annahme, daß sie in noch frühere Phasen der Kindheitsentwicklung fallen als der Ursprung der Neurosen: sind diese Resultate eines Konflikts, in dem der Trieb geschlagen ward, so resultiert der Zustand, der so normal ist wie die beschädigte Gesellschaft, der er gleicht, aus einem gleichsam prähistorischen Eingriff, der die Kräfte schon bricht, ehe es zum Konflikt überhaupt kommt, und die spätere Konfliktlosigkeit reflektiert das Vorentschiedensein, den apriorischen Triumph der kollektiven Instanz, nicht die Heilung durchs Erkennen. Unnervosität und Ruhe, bereits zur Voraussetzung dafür geworden, daß Applikanten höher bezahlte Stellungen zugewiesen bekommen, sind das Bild des erstickten Schweigens, das die Auftraggeber der Personalchefs politisch später erst verhängen. Diagnostizieren läßt die Krankheit der Gesunden sich einzig objektiv, am Mißverhältnis ihrer rationalen Lebensführung zur möglichen vernünftigen Bestimmung ihres Lebens. Aber die Spur der Krankheit verrät sich doch: sie sehen aus, als wäre ihre Haut mit einem regelmäßig gemusterten Ausschlag bedruckt, als trieben sie Mimikry mit dem Anorganischen. Wenig fehlt, und man könnte die, welche im Beweis ihrer quicken Lebendigkeit und strotzenden Kraft aufgehen, für präparierte Leichen halten, denen man die Nachricht von ihrem nicht ganz gelungenen Ableben aus bevölkerungspolitischen Rücksichten vorenthielt. Auf dem Grunde der herrschenden Gesundheit liegt der Tod. All ihre Bewegung gleicht den Reflexbewegungen von Wesen, denen das Herz stillstand. Kaum daß gelegentlich einmal die unseligen Stirnfalten, Zeugnis furchtbarster und längst vergessener Anstrengung, daß ein Moment pathischer Dummheit inmitten der fixen Logik, daß ein hilfloser Gestus störend die Spur des entwichenen Lebens bewahrt. Denn das gesellschaftlich zugemutete Opfer ist so universal, daß es in der Tat erst an der Gesellschaft als ganzer und nicht am Einzelnen offenbar wird. Sie hat die Krankheit aller Einzelnen gleichsam übernommen, und in ihr, in dem gestauten Wahnsinn der faschistischen Aktionen und all ihren zahllosen Vorformen und Vermittlungen wird das im Individuum vergrabene subjektive Unheil mit dem sichtbaren objektiven integriert. Trostlos aber der Gedanke, daß der Krankheit des Normalen nicht etwa die Gesundheit des Kranken ohne weiteres gegenübersteht, sondern daß diese meist nur das Schema des gleichen Unheils auf andere Weise vorstellt.

Theodor W. Adorno - Minima Moralia

Dämpfer und Trommel


Theodor W. Adorno, Heidelberg 1964

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Geschmack ist der treueste Seismograph der historischen Erfahrung. Wie kaum ein anderes Vermögen ist er fähig, sogar das eigene Verhalten aufzuzeichnen. Er reagiert gegen sich selber und erkennt sich als geschmacklos.

Künstler, die abstoßen, schockieren, Sprecher der ungemilderten Grausamkeit lassen in ihrer Idiosynkrasie vom Geschmack sich leiten: das Genre Still und Fein jedoch, die Domäne der neuromantisch Nervösen, Sensiblen liegt selbst bei ihren Protagonisten als so derb und ahnungslos zutage wie der Rilkevers »Denn Armut ist ein großer Glanz aus Innen ...« Der zarte Schauder, das Pathos des Verschiedenseins sind nur noch genormte Masken im Kult der Unterdrückung. Gerade den ästhetisch avancierten Nerven ist das selbstgerecht Ästhetische unerträglich geworden. So durch und durch geschichtlich ist das Individuum, daß es mit dem feinen Gefädel seiner spätbürgerlichen Organisation gegen das feine Gefädel spätbürgerlicher Organisation zu rebellieren vermag. Im Widerwillen gegen allen künstlerischen Subjektivismus, gegen Ausdruck und Beseeltheit sträuben sich die Haare gegen den Mangel an historischem Takt, nicht anders als nur je der Subjektivismus selber vor den bürgerlichen Convenus zurückzuckte. Noch die Absage an die Mimesis, das Innerste Anliegen der neuen Sachlichkeit, ist mimetisch. Das Urteil über den subjektiven Ausdruck wird nicht von außen gefällt, in politisch-gesellschaftlicher Reflexion,

sondern in unmittelbaren Regungen, deren jegliche, im Angesicht der Kulturindustrie zur Scham gezwungen, ihr Antlitz abwendet von ihrem Spiegelbild. Obenan steht die Verfemung des erotischen Pathos, von der die Verschiebung der lyrischen Akzente nicht weniger Zeugnis ablegt, als die unter einem kollektiven Bann stehende Sexualität in den Dichtungen Kafkas. In der Kunst seit dem Expressionismus ist die Hure zur Schlüsselfigur geworden, während sie in der Realität ausstirbt, weil einzig an der Schamlosen das Geschlecht ohne ästhetische Beschämung noch gestaltet werden kann. Solche Verschiebungen der tiefsten Reaktionsweise haben es dahin gebracht, daß Kunst in ihrer individualistischen Gestalt verfiel, ohne daß sie als kollektive möglich wäre. Es steht nicht bei der Treue und Unabhängigkeit des einzelnen Künstlers, unbeirrt an der Sphäre des Expressiven festzuhalten und dem brutalen Zwang der Kollektivierung sich entgegenzusetzen, sondern er muß diesen Zwang noch in den geheimsten Zellen seiner Isoliertheit, und wäre es gegen seinen Willen, verspüren, wenn er nicht durch anachronistische Humanität hinterm Inhumanen unwahr und hilflos zurückbleiben will. Selbst der intransigente literarische Expressionismus, die Lyrik Stramms, die Dramen Kokoschkas zeigen als Kehrseite ihres echten Radikalismus einen naiven, liberal-vertrauensvollen Aspekt.

Der Fortschritt über sie hinaus aber ist nicht weniger fragwürdig. Kunstwerke, die wissend die Harmlosigkeit der absoluten Subjektivität beseitigen wollen, erheben damit den Anspruch einer positiven Gemeinsamkeit, die nicht in ihnen selbst gegenwärtig, sondern willkürlich zitiert ist. Das macht sie zum bloßen Sprachrohr des Verhängnisses und zur Beute der letzten Naivetät, die sie aufhebt, der, überhaupt noch Kunst zu sein. Die Aporie der verantwortlichen Arbeit kommt der unverantwortlichen zugute. Gelingt es einmal, die Nerven ganz abzuschaffen, so ist gegen die Renaissance des Liederfrühlings kein Kraut gewachsen, und der Volksfront vom barbarischen Futurismus bis zur Ideologie des Films steht nichts mehr im Wege.

Theodor W. Adorno - Minima Moralia

Abweichung



Theodor W. Adorno, Heidelberg 1964

Foto: Jeremy J. Shapiro

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Für den Verfall der Arbeiterbewegung spricht der offizielle Optimismus ihrer Anhänger. Er scheint mit der eisernen Konsolidierung der kapitalistischen Welt anzuwachsen. Die Inauguratoren haben niemals das Gelingen für garantiert gehalten und darum den Arbeiterorganisationen ihr Leben lang Unannehmlichkeiten gesagt. Heute, da die Position des Gegners und seine Verfügung übers Bewußtsein der Massen unendlich verstärkt sind, gilt der Versuch, durch Kündigung des Einverständnisses dies Bewußtsein jäh zu verändern, für reaktionär. Jeder macht sich verdächtig, der mit der Kritik am Kapitalismus die am Proletariat verbindet, das mehr und mehr die kapitalistischen Entwicklungstendenzen selber bloß reflektiert. Über die Klassengrenzen hinweg ist das negative Element des Gedankens verpönt. Die Weisheit des Kaisers Wilhelm, »Schwarzseher dulde ich nicht«, ist in die Reihen derer eingedrungen, die er zerschmettern wollte. Wer etwa auf das Ausbleiben eines jeglichen spontanen Widerstands der deutschen Arbeiter hinwies, dem ward entgegengehalten, alles sei derart im Fluß, daß kein Urteil möglich sei; wer nicht an Ort und Stelle, unter den armen deutschen Opfern des Luftkriegs sich befinde, der doch diesen ganz gut gefiel, solange es gegen die andern ging, habe überhaupt den Mund zu halten, und außerdem stünden Agrarreformen in Rumänien und Jugoslawien unmittelbar bevor. Je weiter jedoch die rationale Erwartung entschwindet, daß das Verhängnis der Gesellschaft wirklich gewendet werde, um so ehrfürchtiger beten sie dafür die alten Namen: Masse, Solidarität, Partei, Klassenkampf her. Während kein Gedanke aus der Kritik der politischen Ökonomie bei den Anhängern der linken Plattform mehr feststeht; während ihre Zeitungen ahnungslos täglich Thesen ausposaunen, die allen Revisionismus übertrumpfen, aber gar nichts bedeuten und morgen auf Abruf durch die umgekehrten ersetzt werden können, zeigen die Ohren der Linientreuen musikalische Schärfe, sobald es sich um die leiseste Respektlosigkeit gegen die der Theorie entäußerten Parolen handelt. Zum Hurra-Optimismus schickt sich der internationale Patriotismus. Der Loyale muß zu einem Volk sich bekennen, gleichgültig welchem. Im dogmatischen Begriff des Volkes aber, der Anerkennung des vorgeblichen Schicksalszusammenhangs zwischen Menschen als der Instanz fürs Handeln, ist die Idee einer vom Naturzwang emanzipierten Gesellschaft implizit verneint. Selbst der Hurra-Optimismus ist die Perversion eines Motivs, das einmal andere Tage sah: dessen, daß nicht gewartet werden könne. Im Vertrauen auf den Stand der Technik wurde die Veränderung als unmittelbar bevorstehend, als nächste Möglichkeit gedacht. Konzeptionen, welche sich an lange Zeiträume, Kautelen, umständliche bevölkerungspädagogische Maßnahmen banden, waren verdächtig, das Ziel preiszugeben, zu dem sie sich bekannten. Damals hatte im Optimismus, der der Todesverachtung gleichkam, der autonome Wille sich ausgedrückt. Übriggeblieben ist nur die Hülle davon, der Glaube an Macht und Größe der Organisation an sich, ohne Bereitschaft zum eigenen Tun, ja durchtränkt mit der destruktiven Überzeugung, Spontaneität sei zwar nicht mehr möglich, aber am Ende gewinne doch die rote Armee. Die beharrliche Kontrolle darüber, daß jeder zugibt, es werde schon gut werden, verdächtigt den Unnachgiebigen als Defaitisten und Abtrünnigen. Im Märchen waren die Unken, die aus der Tiefe kamen, Boten des großen Glücks. Heute, da die Preisgabe der Utopie deren Verwirklichung so ähnlich sieht wie der Antichrist dem Parakleten, ist Unke zum Schimpfwort unter denen geworden, die selber drunten sind. Der linke Optimismus wiederholt den tückischen bürgerlichen Aberglauben, man solle den Teufel nicht an die Wand malen, sondern sich ans Positive halten. » Dem Herrn gefällt die Welt nicht? Dann muß er sich eine bessere suchen« - das ist die Umgangssprache des sozialistischen Realismus.

Verantwortung übernehmen: Rechtsruck zurückschlagen.Kriege sabotieren. Kapitalismus abschaffen!

Im Frühjahr 2018 ist es um die Situation auf dieser Welt nicht gut bestellt. Die Konfrontation zwischen den globalen Machtblöcken hat sich verschärft, die Kriegsgefahr nimmt zu. Es geht dabei um die Erweiterung von Herrschaftssphären, wirtschaftliche Interessen oder den Zugang zu Rohstoffen.

Die Auswirkungen dieser Konflikte machen viele der Menschen aus dem globalen Süden zu Geflüchteten, die innerhalb ihrer Region oder in Nachbarländer fliehen, oder auch durch viele Länder irren müssen – bevor sie einen Weg nach Europa finden. Falls ihnen dieser nicht versperrt wird und sie die oft lebensgefährlichen Passagen überleben.

Auch die BRD mischt in diesem schmutzigen Spiel kräftig mit, für ihre Profite gehen die Klasse der Ausbeuter und ihre politischen Handlanger über Leichen. So ist für die nächsten Jahre beispielsweise eine Verdopplung der Rüstungsausgaben geplant – während für soziale Bereiche angeblich kein Geld da sein soll. Besonders hart gespart wird bei den Ausgaben für die Geflüchteten. Ihnen bleibt oft weniger als das Existenzminimum. Zusätzlich sind sie mit rassistischen Sondergesetzen konfrontiert, die weiter nahezu täglich verschärft werden. Tonangebend sind hier die rechten Hardliner von der AfD. Sie treffen in den restlichen bürgerlichen Parteien teils auf Funktionäre, die nur auf die rechten Stichwortgeber warteten und treiben die anderen Parteien vor sich her. Der steigende gesellschaftliche Einfluss von Rassisten, Nationalisten und sogenannten Rechtspopulisten ist dabei kein deutsches Phänomen. Fast in ganz Europa sind sie auf dem Vormarsch – zuletzt konnten sie in Österreich eine Beteiligung an der Bundesregierung ergattern. Seit den letzten Bundestagswahlen, sitzt auch die AfD mit über 12 % im deutschen Bundestag.

Das ist eine reale Gefahr, zeigt aber letztlich vor allem, dass der bürgerliche Politikbetrieb in einer Krise ist. Die Farbenspiele und das Kaspereletheater seit den letzten Wahlen unterstreichen die Austauschbarkeit dieser ähnlich neoliberalen Parteien. Ob Konservative mit Sozialdemokraten oder Gelb mit Grün und Schwarz – auf unsere Situation wirkt sich das höchstens in Nuancen aus.

Arbeitshetze, Stress in Uni und Schule, ständige Erreichbarkeit und unsichere Arbeitsverhältnisse prägen unseren Alltag. Die logische Konsequenz ihrer Politik ist Altersarmut für millionen Menschen. Eine bezahlbare Wohnung zu finden grenzt in dieser Stadt an ein Wunder – während die Bonzen vom Killesberg kaum wissen, wohin mit dem Geld. Dass die soziale Ungerechtigkeit wächst, die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft, ist nicht weiter zu übersehen.

All diese Übel sind auf ein und die selbe Ursache zurück zu führen: das wirtschaftliche System in dem wir wohl oder übel noch leben müssen – der Kapitalismus. In diesem System geht es nicht anders als “Ellenbogen raus” und “alle gegen alle” – um am Ende doch mit leeren Händen dazustehen. Deshalb stehen wir für einen radikalen Bruch mit diesem System. Wir wollen uns diese unzumutbaren Zustände nicht länger gefallen lassen. Wir übernehmen also Verantwortung und kämpfen gegen den Kapitalismus der uns nichts mehr bieten kann. Gegen seinen Rechtsruck und seine Kriege, für eine bessere Welt von morgen und übermorgen.

200 Jahre nach dem Geburtstag von Karl Marx und einem Jahrhundert voller Kämpfe, Siege und Niederlagen ist die Erkenntnis, dass nur die Klasse der Lohnabhängigen ein objektives Interesse daran hat, den Kapitalismus zu überwinden, aktueller denn je. Auch heute sind Klassenkampf und internationale Soliarität, die revolutionäre Perspektive für die es sich lohnt einzustehen!

Auch – und gerade – am Ersten Mai 2018 werden wir dafür lautstark und entschlossen auf die Straße gehen. Der Erste Mai ist unser Tag – und es ist höchste Zeit zu handeln.

Auch dieses Jahr werden wir uns zunächst dem antikapitalistischen Block auf der Demo des Gewerkschaftsbundes anschließen, bevor wir mir der Revolutionären Ersten Mai Demo beginnen. Ausklingen wird der Tag bei kühlen Geränken, leckerem Essen mit Kulturprogramm und Straßenfest rund um das Linke Zentrum Lilo Herrmann.

Quelle und mehr Informationen