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"Parteien sind zum Schlafen da - und zum schrecklichen Erwachen." Zeitung 883, 1971

Englische Riots: Ein Makarenko mitten im Kapitalismus - wäre er möglich?

Nach allem, was bisher herüberdrang an Nachrichten über die Aufstände in England stehen zwei Umstände fest: Regierung und Polizei versuchen es sozialdarwinistisch mit dem Krieg gegen die Unteren. Bis hin zur angedachten Ewigwegsperrung, ja Vernichtung. Und umgekehrt: die Aufständischen selbst bleiben bis jetzt der Atomisierung unterworfen wie große Teile der gesamten Arbeiterklasse in der gegenwärtigen Phase des Kapitalismus. Sie sind zur Selbstorganisation noch nicht fähig. Damit geht es ihnen nicht anders als den Insassen der französischen banlieues vor ein paar Jahren oder den Trägern der erschütternden Bewegungen in den USA der siebziger Jahre. Z.B. in Los Angeles.

Die Vergleiche mit den Bewegungen in Tunesien, Ägypten, Griechenland, Spanien sind in der Regel von Hochnäsigkeit getragen. Nach dem Muster: der junge Ägypter kämpfte um die Freiheit, der junge Londoner um den Flachbildschirm. Dabei wird schnell und vornehm übersehen, dass es auch in Ägypten und vor allem in Griechenland keineswegs so selbstlos und angriffsunwillig zuging, wie sich das jetzt für harmlose Gemüter abmalt. Und auch das Gemeinsame: überall gibt es besonders für Jugendliche keine Stellen. Noch weniger Aufstiegschancen. Abstrakter gesagt: Überall wurde in den Ausbildungsstätten noch modern ausgebildet, während die zugehörigen Produktionsverhältnisse sich schon außerordentlich verengten. Die Produktion wurde in der Regel auf den Status von Zulieferern heruntergedrückt. Noch abstrakter gesagt: Es handelt sich in allen Fällen um geknebelte -potentielle- Produktivkraft in der Beklemmung durch unzulängliche Produktiv-Verhältnisse.

Nur helfen solche schlauen Erkenntnisse für sich nur wenig.

Die konkrete Frage ist: Muss es bei der Atomisierung bleiben?

Aus den Tagen nach dem Bürgerkrieg in Russland 1920 ff ist uns der Bericht Makarenkos überliefert worden, der es mit mindestens so atomisierten und umhergetriebenen Wesen zu tun hatte - den Bisprorny - wie wir sie uns jetzt in England vorzustellen haben. Tatsächlich schaffte er es, durch eine besondere Zusammenfassung der Entwurzelten und Heimatlosen in kollektiver Arbeit die gleichen Leute zu Selbstbewusstsein und Tätigkeit zu bringen, die monatelang nur als Schreckgespenster in Städten und Dörfern gegolten hatten.

Wie so etwas funktionieren konnte, wurde seinerzeit in einem Artikel aus "stattweb" dargestellt. Er stammt aus der Zeit, als Ministerpräsident Koch noch Wahlen gewinnen konnte mit sozialdarwinistischen Sprüchen gegen Jugendliche, die stark an das Vokabular erinnern, das derzeit der britische Cameron bevorzugt. Dass Kochs Methode nur zeitweise half, hat er durch seinen jämmerlichen Rücktritt selbst zugegeben. Nur: sagt das schon, dass es einen Makarenko mitten im kapitalistischen Westen geben könnte?

Es ließe sich immerhin an die ehemals "befreiten Gebiete" anknüpfen, die es seinerzeit nicht nur in Berlin gab. Zusammenschlüsse wie die des Georg-von-Rauch-Hauses mit ihrem Slogan: Gemeinsam leben - Gemeinsam arbeiten - Gemeinsam kämpfen. Dass solche Gründungen - Besetzungen - aktiv gegen den jeweiligen kapitalistischen Staat verteidigt werden müssten, versteht sich von selbst. Dazu würde die Aggressivität der rebellierenden Jugendlichen sicher ausreichen und fände darin den wirklichen Hauptfeind ihrer Bestrebungen. Nicht das Angreiferische, nicht einmal das Zerstörerische für sich allein in den gegenwärtigen Bewegungen ist vor allem zu kritisieren, sondern die Unfähigkeit zum Zusammenwirken-über den Handy-Gebrauch hinaus.

Sehr wahrscheinlich wird es der geballten Staatsmacht Großbritanniens noch einmal gelingen, den Vorstädten Friedhofsruhe zu verordnen. Bis zum nächsten Mal. Vergessen wir nicht, dass es vor der jetzigen Rebellion den Aufstand der Studis gab, denen per Gebühr die Ausbildung verwehrt werden sollte. Und auch den Streik der Gewerkschaften, wie arm der auch ausgefallen sein mag. Würden all diese Bewegungen zu einem minimalen Zusammenhalt finden, würde sich allen Kämpfenden auch eine gemeinsame Perspektive eröffnen.

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Comments

    • Posted bylandbewohner
    • on
    selbstverständlich ging es auch "den jungen gut ausgebildeten" ägyptern und tunesiern um flachbildschirme usw. sie wollten ja nicht nur mehr freiheit, sie wollten auch ugut bezahlte jobs. was ihnen nun das wichtigere anliegen ist oder war, sei dahingestellt.
    fakt ist, sowohl in der1. wie auch der 3. welt gibt es massenhaft jugendliche, die das kapital nicht mehr braucht.
    und solange die breite masse, die in noch erträglichen umständen überlebt, nicht nachdenkt, wird sie im kontext mit den herrschenden lumpeneliten nach panzern und knästen schreien, während ihr gleichzeitig langsam aber sicher uch das überleben immer schwerer bis unmöglich gemacht wird.die usa führen uns das ja schon seit längerem live vor.
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    • Posted byFritz Güde
    • on
    So sehe ich es auch. Nur dass in Tunesien nicht so viel Flachbildschirme zum Abholen in den Schaufenstern gelegen haben dürften.-Aber die Unorganisiertheit über den Anfangsimpuls hinaus ist all diesen Bewegungen gemeinsam
    Comments (3)
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    • Posted byPit
    • on
    Die Idee mit "Makarenko" ist nicht schlecht,obwohl seine Methoden zum Teil wirklich nicht die sensibelsten waren,aber es wäre eine stahlharte Kämpferelite,an der sich dieses System die Zähne ausbeißen würde.Die andere Sache ist,dieses Regime würde so eine Aktion schon im Keim ersticken.
    Comments (2)
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    • Posted byFritz Güde
    • on
    Es ist klar, dass solche Makarenko-Versuche sich erst über viele Niederlagen durchsetzen könnten. Georg-von-Rauch-Haus, das als Beispiel herangezogen wurde, ist ja ebenfalls in der stämmigen Staatsumarmung erstickt.
    Es ist nur sonst zwischen Hochrufen auf die "Zerstörung an sich" und mürrischer Zustimmung zur staatlichen Niedertrampelung wenig Perspektivisches vorstellbar.
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    • Posted byPit
    • on
    Vielleicht wären hier auch mal Personen gefragt,die bei diesen Jugendlichen ein hohes Ansehen genießen,mit Kampfsportlern die es von ganz unten geschafft haben,gibt oder gab es doch schon recht gute Projekte.Wichtig ist aber auch,das die Jugendlichen nicht auf einer Insel leben,sondern die Vernetzung mit der Umwelt funktioniert.Es gibt genug Menschen aus allen Schichten,die dieses verrottete System beseitigen wollen,wir müssen uns nur finden und in Dialog treten.Das beste Beispiel,ist ja im Moment Israel.
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    • Posted byFlorian
    • on
    wie verblendet muss man sein, diesem
    randalierenden Pöbel eine vernünftige politische Gesinnung zu unterstellen?

    Wenn man sieht wie einem indonesischen Studenten, der gerade zusammengeschlagen wurde, sich angebliche Helfer andienen um ihm dann seinen Rucksack leer räumen zu können, weiß man wie asozial und destruktiv dieser Pöbel auch gegenüber normalen Menschen sich verhält.

    Der Pöbel weiß nicht woran es ihm fehlt, wenn er Flachbildschirme und Marken-Sneakers ergattern möchte. (Das brauch doch kein Mensch wirklich)

    Diese Menschen wollen die materielle Übersättigung und sind strohdumm und kriminell.


    Wahrscheinlich verhält es sich mit den engl. Immigranten wie mit den Kindern und Enkeln der Gastarbeiter in Deutschland, die langsam in der Gesellschaft Fuß fassen und studieren.
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    • Posted byFritz Güde
    • on
    1.es dürfen nicht ganze Gruppen von vornherein aus dem Menschengeschlecht ausgeschlossen werden als solche, deren Beweggründe keiner Prüfung mehr wert wären.
    2. Alle Handlungen bedürfen nicht nur einer moralischen Bewertung, sondern auch einer Frage nach ihrer kausalen Verursachung. Wie streng man den Mongolensturm nachträglich verurteilen mag, das dispensiert nicht von der Frage nach seinen Ursachen
    3. Im dargestellten Fall war gar nicht von vorbildlichen oder nichtvorbildlichen Handlungen die Rede, sondern von möglichem Zugriff auf die Handelnden. Wie könnten sie besser hinterlassen werden als sie vorher waren?
    Comments (3)
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