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"Seid vor allem immer fähig, jede Ungerechtigkeit gegen jeden Menschen an jedem Ort der Welt im Innersten zu fühlen. Das ist die schönste Eigenschaft eines Revolutionärs." Che Guevara

Memento homo quia pulvis es - Materialismus der Bibel

Symbolische Verkörperung der Fastenzeit beim Karneval, Detail aus "Der Kampf zwischen Karneval und Fasten" von Pieter Bruegel dem Älteren
"Gedenk, o Mensch, dass Du Staub bist - und zum Staube wirst Du zurückkehren". Der Spruch, den man über der gesenkten, noch schweißnassen Stirn des Heimgekehrten spricht. In der katholischen Kirche. Wenn die Jubelschreie verklangen und fahl der Morgen sich heraufschiebt. Nicht viel anders als Brechts Aussicht für den Hinfälligen, dass er "Aas werden wird wie anderes Aas". Und entsprechende drastische Ausmalungen auf Bildern des Spätmittelalters, auf denen die Toten sich erheben, zerlumpt in den anhaftenden Fleisch - und Muskelfetzen. Bis die sich zusammenfügen zum festlichen oder auch schlotternden Antreten vor dem Richter, der das endgültige Urteil spricht. Eins für die Ewigkeit. Auch in dieser frommen Vorstellung steckt ein humaner Rest: Bevor Gott selbst gesprochen hat, darf kein Mensch für die Ewigkeit richten.

Unseren kindischen Grübeleien wurde im Familienkreis ernst widersprochen: selbst die ewige Verdammnis eines Judas Ischariot stünde nicht zweifelsfrei fest, bevor das letzte Urteil ergangen wäre. Und so barbarisch die Todesstrafe auch ist, im letzten Spruch der irdisch Zuständigen wurde noch ein Hintertürchen für die Barmherzigkeit offengehalten. "Angeklagter, Ihr Leben ist verwirkt". (Der Stab wird gebrochen). Das letzte, was er dann in diesem Leben vernimmt. "Gott sei Ihrer armen Seele gnädig". Das Fallbeil sorgt für die endgültige Zaesur.

Und damit allgemein zur Übernahme in eine atheistische Zeit. Das Niederdrückende des Sterbenmüssens - Staubwerdens - muss anerkannt werden. Es verliert allerdings seine Schwere,wenn wir uns klar machen, dass der Dreck, der wir sind, hinfällig und kehrschaufelbereit, zur Abfuhr in die ewigen Behälter, doch fähig ist, diese Hinfälligkeit auszusprechen.

"Wir sind ein Schilfrohr im Winde, aber ein denkendes" wie der französische Mathematiker und Philosoph Pascal es verstand. Ein denkendes - damit vor allem ein sprechendes.

In gelindem Größenwahn ließe sich mit Ingeborg Bachmann erfinden:

"Nur Sinken um uns von Gestirnen. Abglanz und Schweigen. /
Doch das Lied überm Staub danach /
wird uns übersteigen."
 

Und wer der Nachwelt keinerlei Lied zu bieten hat? Immerhin: Selbst wenn - unmöglicherweise - Sarrazin dösiger Angsttraum in Erfüllung ginge und zwischen Konstanz und Flensburg würde kein Wort Deutsch mehr gesprochen, was hinderte daran, dass so wie Goethe das Wort der persischen Dichter Hafis und anderer erneuerte, auch mitten unter den dann hier lebenden Menschen sich nicht Erinnerung auftäte und einer Goethe weiterdichtete. Denn tatsächlich hat das unbegreifliche Wunder des menschlichen Wortes die Eigenheit, dass es sich fortschwingt von dem Mund, der es erstmals gesprochen hat. Und dass sich immer neue Ohren auftun, es zu empfangen. Bei aller verbreiteten Bosheit des Menschengeschlechts - wie merkwürdig die Neidlosigkeit einer jeden Generation gegenüber allen folgenden.

Warum? Nur in unserem eigenen Leben hat sich alles ergeben, was uns begehrenswert schien. An dieses sind wir angepflockt. Damit haben wir uns abzufinden, wie Walter Benjamin in seinen letzten Lebensjahren meinte. Und darum, das mag die letzte Assoziation des Kopfes unter der aschenberieselten Stirne sein, ist uns um der Vergänglichkeit willen die Gegenwart allzeit so nährend und knusprig erschienen.

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