trueten.de

"Seid vor allem immer fähig, jede Ungerechtigkeit gegen jeden Menschen an jedem Ort der Welt im Innersten zu fühlen. Das ist die schönste Eigenschaft eines Revolutionärs." Che Guevara

Der Wind Sind Wir - Widerstand gegen einen Megawindpark in Mexiko

Der Istmo von Tehuantepec (Oaxaca, Mexiko) ist eine der windigsten Regionen der Welt. Seit 1994 werden dort deshalb zahlreiche Windparks errichtet. Während sie Entwicklung und Fortschritt versprechen, führen sie die ansässigen Gemeinden hinters Licht.

2012 spitzt sich einer der vielen Konflikte, der durch den Plan der Errichtung des Windparks San Dionisio del Mar hervorgerufen wird, zu. Mehrere Gemeinden verschiedener indigener Völker vereinen sich im Widerstand gegen dieses Megaprojekt.

Der Dokumentarfilm stützt sich auf die Realitäten und Meinungen der betroffenen Bewohner*innen und gibt denjenigen das Wort, die in den Massenmedien totgeschwiegen werden.

Gleichzeitig wird der Diskurs der „grünen Energie" und der „nachhaltigen Entwicklung" kritisch hinterfragt, um die Logik und Funktionsweise der Megaprojekte im Kontext des globalen Kapitalismus aufzuzeigen.

Kontakt: somosviento@riseup.net

Mörder von Brad Will gefasst?

Brad Will

Foto mit freundlicher Genehmigung von Hinrich Schultze
Am Freitag, den 27. Oktober 2006, wurde Bradley Roland Will, alias Brad Will, ein US-Journalist und Kameramann, in Oaxaca bei einer Schießerei durch einen Bauchschuss getötet. Zu der Schießerei kam es, als bewaffnete Personen versuchten eine Straßensperre zu beseitigen, die von den Aufständischen der Asamblea Popular de los Pueblos de Oaxaca (APPO) errichtet worden war, die Oaxaca mehrere Monate besetzt hielten.

Will war in Oaxaca und berichtete über den andauernden Widerstand von Lehrern und Arbeitern gegen die PRI-kontrollierte Regierung des Staats Oaxaca. Nach Berichten von IMC New York und von "La Jornada" (Mexico) wurde dem 36-jährigen Will aus einer Entfernung von 30-40 Metern von zivilen Paramilitärs in den Bauch geschossen. Er starb auf dem Weg zum Roten Kreuz.

Fast sechs Jahre nach dem Mord wurde nun dessen mutmaßlicher Mörder festgenommen. Das erklärte der Gouverneur von Oaxaca, Gabino Cué, am 25. Mai. Mit der Festnahme von Lenin Osorio Ortega durch die Ermittler seien die Untersuchungen der Generalstaatsanwaltschaft PGR abgeschlossen, so Cué. Zur Meldung bei poonal

Mehr Informationen:

http://vientos.info/cml/
http://mexico.indymedia.org/BradWill
http://mexico.indymedia.org/oaxaca
Spanischer Bericht bei IndyMedia Chiapas

Bradley Roland Will: 5. Todestag

Am Freitag, den 27. Oktober 2006, wurde Bradley Roland Will, alias Brad Will, ein US-Journalist und Kameramann, in Oaxaca bei einer Schießerei durch einen Bauchschuss getötet. Zu der Schießerei kam es, als bewaffnete Personen versuchten eine Straßensperre zu beseitigen, die von den Aufständischen der Asamblea Popular de los Pueblos de Oaxaca (APPO) errichtet worden war, die Oaxaca mehrere Monate besetzt hielten.

Brad Will
Foto: Hinrich Schultze

Will war in Oaxaca und berichtete über den andauernden Widerstand von Lehrern und Arbeitern gegen die PRI-kontrollierte Regierung des Staats Oaxaca. Nach Berichten von IMC New York und von "La Jornada" (Mexico) wurde dem 36-jährigen Will aus einer Entfernung von 30-40 Metern von zivilen Paramilitärs in den Bauch geschossen. Er starb auf dem Weg zum Roten Kreuz.

¡Brad Will presente. Ahora y siempre!

Santa Lucia del Camino,Oaxaca 2008
Foto: contraimpunidad


Mehr Informationen:

http://vientos.info/cml/
http://mexico.indymedia.org/BradWill
http://mexico.indymedia.org/oaxaca
Spanischer Bericht bei IndyMedia Chiapas

Was mir heute wichtig erscheint #269

Kommunismus: Baden-Württemberg ist ja inzwischen direkt auf dem Weg in den Kommunismus. Zumindest kann man das glauben, wenn man den bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer hört. Er sagte nämlich, jetzt wo BaWü einen grünen Ministerpräsidenten bekommen wird: „Bisher hatten wir einen Wettstreit innerhalb gleicher Grundüberzeugungen. Jetzt führen wir einen Wettbewerb unter anderen Vorzeichen. Wir haben nun einen Wettbewerb der Systeme.“ Beitrag und Fotos von Woschod zur gestrigen Montagsdemo in Stuttgart.

Aktionen: Fotos von den Antifa-Aktionen gegen den Naziaufmarsch am 1. Mai 2011 in Heilbronn.

Bericht: Die Demobeobachter des Stuttgarter Versammlungsrechtsbündnisses haben ihren Bericht zur "revolutionären 1. Mai Demonstration" in Stuttgart veröffentlicht.

Verfassungsbruch: Frau Merkel, wörtlich: „Ich freue mich, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten.“

Morddrohung:
Neonazis sprühten eine Morddrohung an das Haus des Hoesch-Betriebsratsvorsitzenden Gerd Pfisterer in Dortmund. Doch der seit vielen Jahren aktive Antifaschist lässt sich nicht einschüchtern. Kollegen und Nachbarn stehen an seiner Seite. Bericht bei der IG Metall.

Prozess: Die nächsten beiden Robin Wood-Kletterer der Baggerbesetzung haben ihren Prozess heute, Dienstag, 3.5.2011, 13.00 Uhr im Amtsgericht Stuttgart. Sie freuen sich über zahlreiche solidarische Unterstützung und Protest-Emails an das Gericht. Alles weitere im Blog der Kletteraktivistin Cécile Lecomte, siehe auch: 2. Gerichtstermin wegen Baggerbesetzung.

Analyse: Die 90. Ausgabe der Quartalszeitschrift "Antifaschistisches Info-Blatt (AIB)" beschäftigt sich in ihrem Titelthema "Ausweitung der Kampfzone" diesmal mit den praktischen Auswirkungen des Extremismuskonzepts. Friedrich Burschel schreibt in seinem Beitrag "Konstrukt mit Wirkungsmacht", wie die neue Extremismus-Doktrin bewährte Projekte gegen rechts gefährdet und die Programme des Familienministeriums "mit fragwürdigen Argumenten auf andere ,Extremisten'" ausgeweitet wurden. Der ebenfalls im Hefttitel erscheinende Beitrag ",Andi'-Comics für alle" nimmt die Projekte von Initiativen, die Mittel gegen "Linksextremismus" beantragt haben unter die Lupe. Der analytische Text "Wo geht's hier zum Extremismus?" stellt u.a. heraus, aus welcher Interessenlage die Bundesregierung, allen voran Bundesfamilienministerin Köhler, die Ausrichtung der Programme veränderte und welche juristischen Probleme auf Schwarz-Gelb noch zukommen könnten. Ebenso schreiben im AIB-Titel die Rechtsanwälte Alexander Hoffmann und Björn Elberling zur Frage der Versammlungsfreiheit für Neonazis. Hans-Christian Petersen thematisiert schließlich im Beitrag "Alles Extremismus?" rechte Gewalt in Rußland und wie der Staat mit dem mörderischem Phänomen umzugehen pflegt.

Spurensuche: Autonome tauchen immer dann in den Medien auf, wenn es alle anderen nicht gewesen sein sollen. Autonome erkennen die Medien immer dann, wenn es nichts zu erkennen gibt. Autonome waren es, wenn es um Randale und Ausschreitungen geht und kein Fußballspiel in der Nähe ist. Autonome sind alle, die nicht friedlich von A nach B demonstrieren. Autonome sind schlimmer als Krawallmacher und Hooligans. Letztere machen alles aus Langweile und Frust, erstere aus Leidenschaft, mit Plan. Autonomen geht es nie um die Sache, um das konkrete Anliegen. Ihnen geht es ums Ganze, ums System. Autonome tauchen aus dem Nichts auf, machen alles kaputt und verschwinden dann genauso schnell spurlos. Neuerdings gibt es in den Medien ›Links-Autonome‹. Wer hat sie abgespalten, von was? Autonome gibt es immer am 1. Mai in Berlin. Gab es sie überhaupt? Gibt es sie noch? Sind sie ein Mediengespenst, das ab und an durch die politische Landschaft gescheucht wird? Gespräch mit Wolf Wetzel.

Freilassung: Der politische Gefangene Abrahám Ramírez Vásquez aus Santiago Xanica/Oaxaca wurde vor wenigen Tagen bedingungslos aus der Haft entlassen. Seit Januar 2005 war Abrahám Ramirez, Mitglied der lokalen Organisation CODEDI aus dem zapotekischen Dorf in der Sierra Sur, inhaftiert -teils unter unmenschlichen Bedingungen. Abrahám gilt als erster politischer Gefangener des ehemaligen Gouverneurs von Oaxaca, Ulises Ruiz Ortíz (2004-2010), in dessen zweitem Amtsjahr sich in dem südmexikanischen Bundesstaat 2006 ein mehrmonatiger Volksaufstand entwickelte.

nachschLAg: Ein unvollständiger Wochenrückblick über die Entwicklung in Lateinamerika.

Was mir heute wichtig erscheint #245

Studie:  Bei der Rosa Luxemburg Stiftung ist die Studie: "Der Herbst der „Wutbürger“ - Soziale Kämpfe in Zeiten der Krise" herunterzuladen. Der erste Teil dieser Publikation widmet sich der Analyse der Protestbewegung gegen Stuttgart 21. Wer sind die Protestierenden und was treibt sie an? Geht es „nur“ um den geplanten Bahnhofsumbau oder ist Stuttgart 21 vielmehr zum Symbol eines Politikstils des „an den Menschen vorbei Regierens“ geworden? Von der Blockade heute morgen hat Patrick G. Stoesser ein paar Fotos gemacht.

Eröffnung: Unter anderem der UStA der PH Freiburg ruft zu einer Demonstration am kommenden Montag auf. Sie ist der Auftakt zu vielen verschiedenen Protestfeuer-Aktionen des Bildungsstreiks Baden-Württemberg, die in eine große Aktion am 29. Januar 2011 in Stuttgart münden werden-

Mythologie: Das Jahr 2010 sei ein Wendepunkt für die Lage in Afghanistan gewesen. Das stellt der Fortschrittsbericht der Bundesregierung zur Lage in Afghanistan 2010 fest, der jetzt dem Bundestag zur Unterrichtung vorgelegt wurde. Der US-Historiker Juan Cole, der sich hauptsächlich mit dem Mittleren Osten beschäftigt, konfrontiert zehn der Mythen, die 2010 über Afghanistan verbreitet wurden, mit den Fak­ten und kommt zu ganz anderen Ergebnissen. Deutschsprachige Übersetzung bei linkezeitung.de.

Prozessauftakt: Am 13.1. begann am Stuttgarter Landgericht der Prozess gegen 9 der insgesamt 18 kurdischen Jugendlichen die alle wegen gemeinschaftlichen versuchten Mordes angeklagt sind. An diesem ersten Prozesstag beteiligten sich etwa 100 Angehörige, FreundInnen und GenossInnen. Ungefähr 80 davon wurden in den Gerichtssaal gelassen. Alle BesucherInnen wurden in Gruppen zu vier oder fünf Personen kontrolliert, durchsucht und ihre Personalausweise wurden eingesammelt und kopiert. Prozessbericht auf IndyMedia. Am Abend vor dem Beginn des Prozesses veranstaltete das Kurden Soli-Komitee eine Kundgebung auf dem Stuttgarter Schlossplatz.

Revolte: Im armen und abgehängten Hinterland der tunesischen Küste finden erneut massive soziale Unruhen statt. Dieses Mal erschüttern sie die Kreisstadt Sidi Bouzid. Zwei Selbstmord(versuch)e von Arbeitslosen in aller Öffentlichkeit fanden dort innerhalb von weniger als acht Tagen statt: am vergangenen Freitag und gestern Abend. Am vorigen Wochenende und zu Anfang dieser Woche kam es darüber hinaus zu heftigen Straßenkämpfen. Ein vierteiliger Beitrag von Bernard Schmid bei LabourNet: Teil I und Teil II und Teil III und Teil IV

Lügenpack: Der frühere S-Bahn-Geschäftsführer für Arbeit und Soziales, Hans-Otto Constantin, erhebt in einem offenen Brief schwerste Vorwürfe gegen den aktuellen Bahnvorstand Grube, seinen Vorgänger Mehdorn und vor allem gegenüber DB-Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg. Die Ausführungen Constantins sind sehr glaubwürdig und werden auch durch viele andere Aussagen von S-Bahnmitarbeitern gestützt. Der Brief ist bei Duckhome im Wortlaut zitiert.

Beratung: Am 30. Juli 2010 hat auf dem Stuttgarter Schlossplatzein „öffentliches Gelöbnis“ der Bundeswehr stattgefunden. Bereits im Vorhinein versuchten die städtischen Behörden den Widerstand dagegen klein zu halten. So wurden mehrere Kundgebungsanmelder als „ungeeignet“ abgelehnt. Die Stuttgarter Ortsgruppe der Roten Hilfe hat einen Beitrag dazu geschrieben.

Präsentation: Josef A. Preiselbauer hat beim Roten Blog ein paar Fotos von der LLL Demonstration vom letzten Sonntag veröffentlicht.

Geschmacksintensiv: "Es wäre ein Skandal, wenn kannibalische Verbraucher nicht mehr unbesorgt Menschen mit Chloroform betäuben und privat in Ruhe verzehren könnten." Statement des Bundesverbands der Kannibalen in Deutschland (BKD) zum Dioxinskandal, der dazu führt, dass bei einzelnen Menschen die zulässigen Höchstwerte für das Gift bereits überschritten wurden.

Räumung: Binnen 2 Wochen müssen sich die Waggonbewohner am Nordbahnhof eine neue Bleibe suchen. In Zusammenhang mit Stuttgart 21 soll das Gelände für "Vegetationsarbeiten, die bis zum 28.Febr. 2011 beendet sein müssen" geräumt werden.

Historisch: Eine Kurzdokumentation über den Aufstand in Oaxaca vom Schweizer Fernsehen: "In Mexiko geht die Polizei mit brutaler Gewalt gegen Demonstranten vor: Im armen Bundesstaat Oaxaca kommt es seit den Ausschreitungen vom letzten Jahr immer wieder zu Protestmärschen gegen die Repression durch den Staat. In der Rundschau-Reportage fordern Schweizer Parlamentarier, dass die Menschenrechte eingehalten werden."

Ungeklärt: Im Januar 2005 verbrennt der Asylbewerber Oury Jalloh gefesselt in einer Gefängniszelle. Der Regisseur Simon Paetau greift den ungeklärten Fall auf. Sendung: 17.01. bis 23.01.2011 im Offenen Kanal Dessau, mehrmals täglich.

Bloggerkongress:
"Wenn Blogger sich auf Kongressen und Konferenzen treffen, geht es meist um technische Fragen, soziale Netzwerke und vor allem darum, wie man mit Blogs Geld machen kann. Politische Blogger und die Leser politischer Blogs interessieren sich für solche Themen erfahrungsgemäß eher peripher. Dass es auch anders gehen kann, wollen das Künstler- und Netzaktivistenpaar Jürgen und Ulrike Beck zeigen. Vom 11. bis 13. Februar 2011 veranstalten sie den 1. Kölner Blogger-Kongress unter dem selbstironischen Motto “(Re)Evolution – Der Kongress bloggt!“. Subline ist in diesem Jahr “Krise muss nicht traurig sein”. Ein Schwerpunktpanel beschäftigt sich dabei mit dem “Whistleblowing”. Als Stargast wird in diesem Panel der Schweizer Whistleblower Rudolf Elmer auftreten, dessen über Wikileaks veröffentlichte Daten das Bankhaus Julius Bär schwer belasteten.  (...)" Mehr bei Jens Berger

Hysterie: “Werte und Normen” sollte eine Oberstufenlehrerin ihren Schülern vermitteln. Das dürfte ihr gründlich misslungen sein: Sie zeigte anonym einen türkischstämmigen Schüler bei der Polizei an, Mitglied einer islamistisch-terroristischen Vereinigung zu sein. Der Staatsschutz ermittelte pflichtergeben, wenn auch vergebens. Der Schüler hat mittlerweile das Handtuch geworfen. Udo Vetter über den Fall.

nachschLAg:
Ein unvollständiger Wochenrückblick über die Entwicklung in Lateinamerika

Hetzwelle:
Den BewohnerInnen des bereits seit den 90er Jahren besetzen Haus- und Kulturprojektes »Liebigstraße 14« in Berlin-Friedrichshain droht die Räumung. "Offenbar animiert durch angekündigte Proteste linker Gruppen, fühlen sich Berliner CDU und Hauptstadtpresse bemüßigt, eine Welle neuer »linker Gewalt« herbeizuschreiben. Im Tagesspiegel wird gemutmaßt, von wo aus die Gegner der drohenden Räumung Steine auf Polizisten schmeißen könnten. Die Beamten selbst kündigen für den Tag der Räumung den Einsatz von Spezialeinsatzkommandos an."

Thrillertipp: Es geht um Staatsterrorismus und die geheimen Armeen der NATO, kurz: Gladio. Martin Maurer, der eigentlich Drehbuchschreiber ist, hat fünf Jahre lang zum Thema recherchiert und seine Rechercheergebnisse in dem Buch "Terror" verarbeitet, das gerade im Dumont Buchverlag erschienen ist. Kurzgespräch von Marcus Klöckner mit dem Autoren bei telepolis

Sexarbeit: Prostitution in prekarisierter/globalisierter Arbeitswelt + Geschichte der SexarbeiterInnen-Bewegung + Lusty Lady: Strip-Club in Selbstverwaltung + das Thema im feministischen Diskurs + Prostitution und Militär + Gewalt gegen SexarbeiterInnen + Internationaler Hurentag + Interviews, außerdem Beiträge über EU-Regierungen mit Militär und Notstand gegen Streiks + Polnischer Mietstreik gegen Gentryfikacji + Hamburger Bauprojekte + Hausbesetzungen in Berlin zur Wendezeit. Inhalt der "Direkte Aktion 203"

Massenkontrolle: Die Europäische Union hat sich ein neues Projekt zur Handhabung politischer Proteste zugelegt: “Good practice for dialogue and communication as strategic principles for policing political manifestations in Europe” (GODIAC) vereint 20 Partner aus 11 Ländern und wird von der schwedischen Polizei geführt. Die erste von 10 Feldstudien wird anlässlich des jüngsten Castor-Transportes im Wendland erstellt. Beitrag von Matthias Monroy. Siehe dazu auch den Hinweis auf den Kongress "entsichern", der am 29. und 30. Januar in Berlin stattfindet.

Waffenstillstand: Die Euskadi Ta Askatasuna (ETA) gibt eine positive Antwort auf die Erklärung von Brüssel und das Abkommen von Guernica und erklärt den permanenten, umfassenden und verifizierbaren Waffenstillstand. Mehr dazu in den Verweis auf die Originalerklärung und in der Erläuterung von Ralf Streck bei den Freunden des Baskenlandes. Inzwischen hat spanische Regierung mit neuen Verhaftungen reagiert. Am Dienstag morgen nahm die Polizei beiderseits der Pyrenäengrenze zwei Basken unter dem Vorwurf fest, der ETA anzugehören.

Trickserei: 70.000 Tonnen hochradioaktiven Giftmülls sollen im staatlichen Zwischenlager Lubmin eingelagert werden. Ein großer Teil des Abfalls entstand in deutschen Kernkraftwerken. KONTRASTE deckt exklusiv Verträge zwischen Bund und Energiewirtschaft auf. Sie zeigen, warum die Konzerne ihren Atommüll auf Kosten der Steuerzahler entsorgen können. Manka Heise und Chris Humbs zeigen anhand exklusiver Papiere, mit welchen Tricks die Atomindustrie arbeitet.

2010 – 200 Jahre Unabhängigkeit und 100 Jahre Revolution in Mexiko. Oder: Was vom Erbe Miguel Hidalgos und Emiliano Zapatas geblieben ist

EZLN Logo
Der folgende Bericht aus MÉXICO vom 31.12.2010 erscheint bei uns mit freundlicher Erlaubnis von Fabian - Kalle Blomquist:

»Was haben wir zu feiern? 200 Jahre nach der Unabhängigkeit und 100 Jahre nach der Mexikanischen Revolution leben unsere Völker, Nationen und Stämme, die viel zum Triumph dieser Kämpfe beigetragen haben, wie seit 518 Jahren in Erniedrigung und Diskriminierung, ohne dass unsere fundamentalen Rechte anerkannt würden, das heißt, wir sind Unbekannte in unseren eigenen Territorien.«
(27. Treffen des Nationalen Indigenen Kongresses [CNI] in Durango, Mexiko)

Das Jahr 2010 ist ein ganz besonderes in der Geschichte Mexikos, denn in diesem jähren sich die Aufstände im Kampf um die Unabhängigkeit des Landes vor 200 Jahren und die Revolution vor 100 Jahren. Damit assoziiert wird der blutige Kampf des Volkes gegen die Imperialisten, gegen Aristokratie und Diktatur, für die Umverteilung von Land, Macht und Reichtum, die Schaffung von Gerechtigkeit und Freiheit.
  • Doch was bedeuten diese Begriffe im hochmodernen und traditionell-indigenen, im superreichen und bitterarmen – im tief gespaltenen Mexiko von heute?
  • Handelt es sich um pure Zahlensymbolik und Revolutionsromantik, die die wahre Realität und den Charakter des Landes schon lange verfälschen?
  • Ist der Drang nach ausgelassenen Feierlichkeiten nicht möglicherweise ein Ablenken von den wirklichen Problemen und Herausforderungen des nordamerikanischen Landes im Jahre 2010?
  • Welches sind die neuen Stimmen, die nach der Ermordung von Miguel Hidalgo und Emiliano Zapata das Erbe der Unabhängigkeit und Revolution neu definieren und umsetzen können?
In einer kurzen Chronologie der Ereignisse in Mexiko soll diesen Fragen insbesondere mit aktuellen Bezügen nachgegangen werden.

Independencia – Die vermeintliche Befreiung von der Conquista
Bis Ende des 16. Jh. waren bereits 80% der ursprünglichen Einwohner Lateinamerikas durch die europäischen Eroberer ausgerottet worden (1). Die gnadenlose Ausbeutung durch harte Feldarbeit und in den unzähligen Minen sowie die Ansteckung mit bisher unbekannten Grippe- und Geschlechtskrankheiten, kostete auch in Mexiko, dem nördlichen Teil Neuspaniens, Millionen von Indigenen das Leben.

Nachdem Spanien Anfang des 19 Jh. von Napoleon Bonaparte erobert worden war, stellten sich viele einflussreiche Großgrundbesitzer und Konservative in Mexiko gegen die neue spanische Krone. Diese Gunst der Stunde nutzte der der damaligen Kirche kritisch gegenüberstehende Landpfarrer und spätere Revolutionär Miguel Hidalgo. Von der französischen Aufklärung inspiriert, plante er in einem Geheimbund einen Putsch, der am 16.09.1810 mit dem Läuten der Kirchenglocken von Dolores begann. Von seinem Ausruf „Viva México!“ getrieben, konnte durch die folgenden blutigen Auseinandersetzungen mit mehr als einer halben Million Toten, schließlich die formale Unabhängigkeit Neuspaniens von der spanischen Krone im Jahr 1821, lange nach der Hinrichtung Hidalgos, erzwungen werden. Die neue vermeintliche Freiheit war u. a. durch immense Reparationszahlungen an die spanische Krone zu begleichen und mit vielen weiteren Abhängigkeiten verbunden, ähnlich wie in anderen gerade „unabhängig“ gewordenen lateinamerikanischen Ländern. Die folgenden Jahrzehnte waren keinesfalls ruhige und unbeschwerte, sondern durch zahlreiche innere und äußere Konflikte gekennzeichnete Jahre. Bis 1848 hatte Mexiko fast die Hälfte seines Territoriums im Krieg gegen die USA verloren, u. a. Kalifornien, Arizona und Texas (2).

Eine Reformierung der Land- und Machtverhältnisse hatte ebenfalls nicht stattgefunden, ein Großteil der Bevölkerung lebte verarmt und unter dem der Lehnsherrschaft ähnlichen System der hacienda. Gerade die Landbevölkerung sah sich im Zuge weiteren Landverlustes einer immer stärkeren Proletarisierung ausgesetzt. Unter der 35-jährigen Militärdiktatur Porfirio Díaz‘ ist in Mexiko Ende des 19. Jh. eine rigide Zentralisierung des Staates und eine Konzentration der Macht entstanden, eine direkte Folge der vom Wirtschaftsaufschwung begünstigten Klüngel-Gesellschaften und Familien-Clans. An dem Aufschwung selbst hatten nur die wenigsten Anteil: im Jahre 1900 befand sich 1/5 des Landes in der Hand von Großunternehmen (3). 1910, im Jahre des Ausbruchs der Revolution, verfügte noch 1% der Bevölkerung über 96% des Bodens (4).

Revolución – Die Chancen eines Neuanfangs und die Etablierung einer neuen Elite
Nach der inszenierten „Wiederwahl“ von Díaz begannen sich rund um seinen größten Widersacher, den intellektuellen Politiker Francisco Madero, eine Schar von Rebellen zu bilden, die den Umsturz der Regierung erreichen wollten. Von dem anarchistischen Schriftsteller Ricardo Flores Magón inspiriert, begannen sich unter dem Motto Tierra y Libertad (Boden und Freiheit), im Norden des Landes die Rebellen um Pancho Villa und im Süden die um Emiliano Zapata zu formieren. Dabei konnten sie sich v. a. auf die Solidarität und Kollaboration der landlosen Bevölkerung verlassen, die sich zunehmend in die revolutionären Truppen der Rebellen rekrutieren ließ. Pancho Villa hatte viele Erfahrungen als Pferdedieb und Bandenchef gesammelt und wurde teils als der „Robin Hood Mexikos“ gehandelt, während sein Pendent im Süden, der Mestize Emiliano Zapata mit seinem charakteristischen Sombrero und dem langen Schnauzer v. a. bei den besitzlosen Landarbeitern seinen Rückhalt hatte. Die zentralen Forderungen beinhalteten eine Neuordnung der Landverhältnisse, die Gewähr von Arbeitsrechten, eine Demokratisierung des Landes und das Aufbrechen fest etablierter politischer Klüngel.

Der autoritär regierende Díaz musste 1911 ins Exil flüchten, und Madero wurde neuer Präsident – der allerdings die von ihm selbst gestellten Forderungen nicht umsetzen konnte und bereits 1913 in Folge eines neuen Putsches ermordet wurde.

Erst 1917, nach vielen weiteren blutigen Unruhen und nahezu jährlichen Präsidentschaftswechseln, trat die noch heute gültige Mexikanische Verfassung in Kraft, die eine Bodenreform, die Nationalisierung der Rohstoffe und eine schärfere Trennung von Kirche und Staat beinhaltet. Es sollte aber noch weitere Jahre dauern bis einige der ursprünglichen Forderungen der Revolution umgesetzt werden konnten, erst Anfang der 30er Jahre kam etwas Ruhe in das politische Geschehen des Landes. 1929 hatte sich die Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) gegründet – die von nun an in einem zunehmenden Klientelismus quasi als Einheitspartei die Politik des Landes 71 Jahre lang dominierte. Durch Wahlmanipulationen, keine weiteren Zulassungen von Oppositions-Parteien sowie die Verteilung von Posten und Reichtum an Parteimitglieder, baute sich somit bis 2000 ein neuer postkolonialer elitärer Machtapparat auf.

Der Wendepunkt dieser politisch „stabilen“ aber keineswegs demokratischen Periode stellt ein in unseren Breitenkreisen wie auch in unserer Geschichtsschreibung nahezu unberücksichtigtes Ereignis dar: das Massaker an den Studenten von Tlatelolco am 02.10.1968. Auf dem Platz der drei Kulturen in Mexiko City wurden während des Höhepunkts der umfassenden Studentenproteste in Mexiko mindestens 250 Menschen erschossen, Tausende verhaftet und gefoltert – definitive Zahlen sind bis heute nicht bekannt (5). Wie sich herausstellte, handelte es sich um eine gut vorbereitete Operation auf Anordnung des damaligen PRI-Präsidenten Gustavo Díaz Ordaz, um die 68er-Bewegung in Mexiko zu zerstören, was auch gelang und bis heute keine Konsequenzen für die Verantwortlichen nach sich gezogen hat. Die PRI verlor damit jedoch nach und nach jeden moralischen Rückhalt in der Bevölkerung. In Mexiko bedeuteten diese Ereignisse einen Bruch zwischen Intellektuellen und dem politischen Etablissement (6). Es sollte aber noch weitere 30 Jahre dauern, bis sie 2000 durch eine neue Partei, die katholisch-konservative PAN abgelöst werden konnte. Derzeit befindet sich die Partei mit dem rechtskonservativen Präsidenten Felipe Calderón in der zweiten Legislaturperiode, deren Legitimierung aufgrund eines sehr knappen Wahlergebnisses gegen den Linken Manuel López Obrador aber stark angezweifelt werden muss. Der über Jahrzehnte währende Aufbau eines Klientel-Machtapparates stellt immer noch die Basis für die Politik im heutigen Mexiko dar und ist einer der Schlüssel zum Verständnis des derzeitigen Politikgeschehens.

Neozapatismus, EPR/I und APPO – eine neue Ära des Aufstandes bricht an

In Südmexiko, kommt es seit Mitte der 90er Jahre zu neuen Aufständen, welche die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit und vieler sozio-politischer Gruppen international auf sich ziehen. Dass diese Gruppierungen räumlich nah beieinander liegen, ist kein Zufall – es handelt sich um die drei ärmsten und am weitesten marginalisierten Bundesstaaten des Landes, Chiapas, Guerrero und Oaxaca. Rund ¾ der etwa 14 Millionen Indigenen, die sich v. a. in den drei zuletzt erwähnten Bundestaaten befinden, leben in (extremer) Armut. Die Kindersterblichkeit liegt im Durchschnitt rund 60 Prozent über der nationalen Quote. Laut UNESCO ist es für indigene Frauen 15 mal schwieriger, Lesen und Schreiben zu lernen, als für andere Frauen im Land (7).

Chiapas
In der Nacht zum 01. Januar 1994 melden sich die seit rund 10 Jahren im Aufbau sich befindenden Zapatista in San Cristóbal de las Casas, Chiapas (Süd-Mexiko) zu Wort. Das Datum ist mit Bedacht gewählt – an diesem Tag tritt Mexiko dem nordamerikanischem Freihandels-abkommen NAFTA bei, das über den Abbau von Handelsbeschränkungen bald den mexikanischen und damit chiapanekischen Markt mit subventionierten US-Produkten überschwemmen wird und somit die traditionelle und regionale Wirtschaft Mexikos in die Enge treibt. In fünf weiteren Gemeinden werden die Rathäuser von der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) besetzt und die „1. Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald“ verlesen. Diese beinhaltet die Forderungen nach freien demokratischen Wahlen, einer Landreform (weg vom Großgrundbesitz) und sozialer Gerechtigkeit für alle – inklusive der hier größtenteils indigen lebenden Menschen. Statt des staatlich propagierten Indigenismus, der die „Wilden“ in eine mexikanische Kultur zu „zivilisieren“ versuchte, soll eine echte Autonomie die Rechte der Indigenen respektieren und gewähren (8).

Die Einnahme der sechs Gemeinden sind zugleich eine Kriegserklärung an den mexikanischen Staat. Binnen weniger Tage werden Großteile des mexikanischen Heeres nach
Chiapas verlegt und es beginnt ein Krieg, der auf beiden Seiten, v. a. aber auf zapatistischer Seite, zahlreiche Opfer fordert. Auf Druck der Zivilgesellschaft (Teile Mexico Cities wurden z. B. lahmgelegt) wird dieser Krieg nach zwölf Tagen im Januar 1994 beendet, und es beginnen Friedensverhandlungen. Seitdem kämpfen die Zapatista bis heute mit politischen und äußerst kreativen Mitteln für ihre Ziele. Der eigentliche bewaffnete Arm der Bewegung stellt nur das Rückgrat der vielen zivilen Unterstützungsbasen, den zapatistischen Gemeinden, in einer weiterhin bitterarmen Region dar. Sprachrohr der Bewegung ist Subcomandante Marcos, der durch seine philosophischen Diskurse und Aufsätze über soziale Gerechtigkeit, indigene Autonomie und Antikapitalismus international bekannt geworden ist und im übrigen stets dadurch Aufmerksamkeit erregt, dass er mit schwarzer Skimaske, zwei Uhren und qualmender Tabakspfeife auftritt.

Zuletzt haben die Zapatista mit der Anderen Kampagne seit Anfang 2006 einen Versuch unternommen, als Alternative zu den Präsidentschafts-Neuwahlen in Mexiko, eine nationale Bewegung mit internationaler Allianz „von unten für unten“ sowie mit einer explizit antikapitalistischen Verfassung aufzubauen. Dazu bereisten Marcos als „Delegierter Null“ und andere Vertreter der EZLN das gesamte Land von Norden nach Süden in mehreren Etappen. Aufgrund der immer wieder starken Bedrohungen ihrer eigenen Unterstützungsbasen durch Staat, Militär und Paramilitärs, musste die Reisekampagne im September 2007 abgebrochen werden, zwecks besserer Verteidigung der Gebiete in Chiapas. Seitdem sind keine neuen Verlautbarungen mehr aus dem Lakandonischen Urwald vernommen worden. Die Andere Kampagne läuft aber weiter und es kann jederzeit mit neuen Aktivitäten der Zapatista gerechnet werden – für Überraschungen sind diese weithin bekannt.

Guerrero
Der Bundesstaat Guerrero wird ebenfalls von krassen sozialen Gegensätzen bestimmt. Während sich in Acapulco nationale und internationale Touristen zwischen riesigen Hotelburgen tummeln und die hergerichteten Pazifik-Strände bevölkern, lebt die ländliche Bevölkerung, oft Analphabeten, in prekären Verhältnissen. Die gescheiterte Landreform in den 60er Jahren führte zum Aufstand von Teilen dieser Bevölkerung – die in dem bewaffneten Kampf der „Partei der Armen“ mit ihrem Kopf Lucio Cabañas gegen die ökonomische Oligarchie in Guerrero gipfelte. Letztendlich wurde diese Guerrilla vom Staat zerschlagen, viele vermutliche Mitglieder „verschwanden“ und die meisten der staatlichen Verbrechen gegen die Bevölkerung sind bis heute nicht aufgeklärt (9).

Aus dieser immer noch vorhandenen Basis erwuchs 1996 die neue Guerilla Revolutionäre Volksarmee (EPR), die durch mehrere gezielte Anschläge auf Banken, PRI-Einrichtungen und Erdölkonzerne – bei denen keine Menschen zu Schaden gekommen sind – bekannt wurden. Sie fordert soziale Gerechtigkeit für die verarmte Landbevölkerung, Nichtanerkennung der Auslandsschulden sowie eine echte Souveränität Mexikos in den postkolonialen globalen Strukturen. Das Ziel ist eine kommunistische Gesellschaft. Aus der EPR ging zwei Jahre später die EPRI, die Revolutionäre Aufständische Volksarmee mit der Begründung hervor, die EPR sei inzwischen zu bürokratisch und lege unmenschliche Verfahrensweisen an den Tag (10). Die EPRI ordnet sich – wie die Zapatista – dem Prinzip des „gehorchenden Befehlens“ unter, sie macht also nur das, was die breite Unterstützungsbasis auch ausdrücklich will. Trotz Verhaftungen der mutmaßlichen Köpfe der Guerilla und weiterer starker Repression gegen alles potenziell Aufständische in Guerrero sowie trotz der damit verbundenen Straflosigkeit für die Täter, scheint es ein offenes Geheimnis zu sein, dass die EPR/I einen weiterhin starken Rückhalt in der (ländlichen) Bevölkerung genießt. Während ihres jahrelangen Kampfes hat die EPR/I allerdings mangels Solidarität seitens anderer linker Gruppen nie die öffentliche und vor allem auch internationale Bedeutung erlangen können, die die EZLN oder APPO in Oaxaca erreicht haben. Dessen ungeachtet, kontrolliert sie weiterhin insbesondere die schwer zugänglichen gebirgigen Gebietes des verarmten Bundesstaates (11).

Oaxaca
Ein weiteres und ganz besonderes Beispiel für den neuen Kampf der Entrechteten stellt der seit Juni 2006 intensiv brodelnde Aufstand in Oaxaca (Stadt und Land) dar. Ursprünglich als Lehrer_innenstreik für die Durchsetzung alljährlicher Forderungen am traditionellen 1. Mai begonnen, entpuppte sich der Konflikt in diesem Jahr als viel weitreichender und härter als zunächst angenommen. Bereits im Juni kam es zu großen Straßenschlachten zwischen regierungsloyalen Gruppen (Militär, Polizei und Paramilitärs) rund um PRI-Gouverneur Ulises Ruiz Ortiz und der neuen Volksversammlung der Völker von Oaxaca (APPO), wobei immer wieder der zentrale Platz von Oaxaca von den Demonstrant_innen eingenommen und als Basis des Widerstandes genutzt worden war. Das wachsende Bündnis aus zuletzt rund 350 verschiedenen sozialen, politischen und indigenen Organisationen übernahm teilweise die Kontrolle über diverse Radiostationen, schickte eine Karawane nach Mexiko City und forderte die Absetzung des schließlich sich im internationalen Flughafen verschanzenden Gouverneurs. Bis Ende November 2006 reichten die täglichen, teils blutigen Auseinandersetzungen, die erst mit der Erschießung des US-amerikanischen Indymedia-Reporters Brad Will durch Paramilitärs Ende Oktober, viel zu spät, internationale Aufmerksamkeit bekamen.

Seitdem hat eine regelrechte Repressionswelle den Bundesstaat überrollt, viele der APPO-Aktivisten sind „verschwunden“, gefoltert und getötet worden. Der Konflikt ist damit nicht gelöst und schwelt vor sich hin – bis zu einem neuen Ausbruch eines Tages. Währenddessen harren in San Juan de Copala, einer indigenen seit 2007 als autonom erklärten Triquis-Gemeinde, zahlreiche von Paramilitärs belagerten Familien ohne ausreichende medizinische und Nahrungs-Versorgung aus. Viele Tote hat es dort schon gegeben. Zwei von Ihnen sind kurzfristig in das internationale mediale Geschehen gerückt: der Finne Jyri Jaakkola und die Mexikanerin Bety Cariño, die erstmals in Mexiko als internationale Menschen-rechtsbeobachter_innen Ende April diesen Jahres, bei der Anfahrt auf den autonomen Ort mit einer 40-köpfigen Hilfskarawane durch Paramilitärs erschossen worden sind (12).

Diese neue Qualität und zugleich auch Brutalisierung des Konflikts in Oaxaca, macht eine gefahrenlose internationale Menschenrechtsbeobachtung immer schwieriger. Gleichzeitig gibt es einen leichten Hoffnungsschimmer: am 05.07.2010 gewann ein neues Oppositionsbündnis die Gouverneurswahlen und löst damit die 80-jährige (!) PRI-Herrschaft ab.

Der Ursprung der genannten Konflikte in den verschiedenen Südregionen Mexikos liegt viel weiter in der Vergangenheit. Mit der Kolonialisierung, Unterdrückung und Ausbeutung der Menschen vor über 500 Jahren angefangen, reichen die Wurzeln dessen über die immer noch fehlende Umsetzung der Revolutions-Forderungen von 1910 bis in die jüngste Vergangenheit des PRI-Klüngel-Machtapparats und den selbst danach nicht erreichten grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen in den verarmten marginalisierten Bundesstaaten Chiapas, Guerrero und Oaxaca.

Der Schrei der Unabhängigkeit – neue Herausforderungen für ein immer ungleicheres Mexiko
Im Mexiko von heute toben noch ganz andere Kriege. Die der Narcos, der Drogenbarone und ihrer hochbewaffneten Handlanger, gegen den Staat und die Bevölkerung zum Beispiel: der Kampf um den Einfluss von Produktion und Handel diverser Drogen. Um es mit den Worten des Schriftstellers Juan Villoro zu sagen: die USA stellt die Konsumenten, Mexiko die Toten (13). Die im Norden des Landes gelegene Stadt Ciudad Juárez, ursprünglich nach dem ersten indigenen und äußerst fortschrittlichen Präsidenten Mexikos zum Ruhm benannt, führt heute die traurige Statistik der meisten Morde pro 100.000 Einwohner weltweit an (14). In den letzten vier Jahren hat der von Präsident Calderón erklärte Krieg gegen die Drogen an die 30.000 Opfer gefordert. Dabei ist zu bemerken, dass der Krieg äußerst komplex ist und sich darin keine klaren Feinde gegenüberstehen. Die Grenzen verschwimmen zwischen rivalisierenden Narco-Banden, korrupten Politikern, Militärs und Polizei, einer teilweise davon profitierenden Bevölkerung und zuletzt einem Präsidenten, der höchstwahrscheinlich ebenfalls in das Drogengeschäft verwickelt ist (15). Ein solcher Krieg kann nicht militärisch gewonnen werden. Von daher sind kurzfristige Erfolge, wie die vielen erfolgten und breit zur Schau gestellten Festnahmen der Köpfe großer Kartelle, wie z. B. von „El Grande“ oder „La Barbie“, purer Populismus, der von der eigentlichen Niederlage des in Teilen des Landes bereits paralysierten Staates ablenken soll.

Ein weiteres Thema ist die immer noch starke, meist „illegale“ Migration vieler Mexikaner_innen in die USA – jährlich schaffen es rund 400.000. Das enorme Anwachsen der Latino-Viertel in den Südstaaten wie z. B. Kalifornien und Arizona nutzen rechte Politikwissenschaftler wie Samuel P. Huntington („The Hispanic Challenge“, 2004), um vor einem steigenden US-Identitätsverlust vor dem Hintergrund der mexikanischen „Invasion“ zu warnen. Mit Sicherheit handelt es sich um eine große Herausforderung – weniger im Sinne einer Gefahr von Entfremdung der Gesellschaft und Schwächung der Ökonomie der USA, als vielmehr um eine der Würde und der Verbesserung der prekären Lebens(grund)lage vieler Mexikaner_innen. Wer verlässt schon freiwillig seine Familie und begibt sich in die Hand von mafiösen Schleppern, den Coyoten – mit tagelangen Wanderungen durch die trockene Wüste zwischen San Diego und El Paso? Die Gefahr der Ermordung durch Banden sowie die Aufspürung durch den teilweise brutal vorgehenden US-Grenzschutz sowie durch selbst ernannte Bürgermilizen, meist alte Vietnam-Veteranen, ist dabei mit inbegriffen (16). Vor dem Hintergrund der historischen Grenzkonflikte der USA mit Mexiko könnte man, zugegebenermaßen etwas sarkastisch, auch von einer Reconquista reden, einer modernen Rückeroberung der Gebiete, die vor 1848 offiziell zu Mexiko gehörten.

Mexiko ist so voll von Konflikten, Ungleichheiten, Korruption und Straflosigkeit vieler bereits identifizierter Täter, dass es fast platzen müsste und zunehmend unregierbarer wird. Während der Mexikaner Carlos Slim der inzwischen reichste Mann dieses Planeten mit einem geschätzten Vermögen von 53,5 Mrd. US-Dollar ist (17), liegt die Unterernährung in Guerrero und Chiapas bei über 70% innerhalb der Indigenen Bevölkerung (18). Dessen ungeachtet war es am 15.09.2010 in allen größeren Städten Mexikos soweit, mit Ausnahme einiger Grenzstädte, aufgrund der zu großen Macht und Gefahr durch die Drogen-Kartelle. Der „Schrei der Unabhängigkeit“ anlässlich der 200-Jahr-Feiern wurde z. B. in Oaxaca Stadt vom Balkon des Gouverneurspalastes von dem Mann ausgestoßen, der 2006 für die blutigen Niederschlagung des APPO-Protestes verantwortlich war und bis heute seine eigenen Bürger_innen foltern und in Armut lässt. Für viele der Millionen Marginalisierten im Land, der seit Jahren ungehörten oder mundtot gehaltenen Indigenen, Bauern, Zapatista, APPO-Anhänger_innen, Angehörigen der Tlatelolco-Opfer und der Verschwundenen sowie unter Morddrohungen arbeitenden Menschenrechtler_innen, ist dieser Ausschrei ein Hohn, der die eigentlichen Herausforderungen und Wunden des Landes kaschiert. Es scheint in Zukunft weiteren Widerstandes zu bedürfen, ein an Kultur und Natur so reichhaltiges Land für seine Einwohner_innen wieder lebenswerter zu gestalten.

„(…) es ist eine große Chance vertan worden, die Geschichte auf den Prüfstand zu stellen und eine kritische Bilanz zu ziehen. Die Feiern richtet eine konservative Regierungspartei aus, die nie an die Unabhängigkeit oder die Revolution geglaubt hat. Eigentlich war sie immer dagegen. Präsident Calderón hat sich zu einer großen und teuren Feier entschlossen, die 60 Millionen Dollar kostet und nichts beiträgt und nach Eigenlob riecht. Es wäre besser, Mexiko mit dem Bau von Schulen, Krankenhäusern und Bibliotheken zu ehren.“
(Juan Villoro, mexik. Schriftsteller, FR vom 14.09.2010)

Einzelnachweise:

(1) SCHMIDT, MICHAEL: LAND DER KONTRASTE in: DER TAGESSPIEGEL vom 14.09.2010: http://www.tagesspiegel.de/zeitung/land-der-kontraste/1933326.html
(2) ebd.
(3) ebd.
(4) DEPKAT, VOLKER (2008): GESCHICHTE NORDAMERIKAS. EINE EINFÜHRUNG – Böhlau-Verlag, S. 104, Köln.
(5) HUFFSCHMID, ANNE: BENGALISCHE LICHTER BLITZTEN IN DER ABENDDÄMMERUNG in: DER FREITAG vom 07.12.2007: http://www.freitag.de/2007/49/07490901.php
(6) CHIAPAS-SOLIGRUPPE ÖSTERREICH ÜBER „INDIGENISMUS“: http://www.chiapas.at/beitraege/indigenismus.htm
(7) KERKELING, LUZ: WAS HABEN WIR ZU FEIERN? in: NEUES DEUTSCHLAND VOM 21.09.2010: http://www.neues-deutschland.de/artikel/180039.was-haben-wir-zu-feiern.html
(8) CHIAPAS-SOLIGRUPPE ÖSTERREICH ÜBER „INDIGENISMUS“: http://www.chiapas.at/beitraege/indigenismus.htm
(9) INFORMATIONSSTELLE LATEINAMERIKA IN BONN, HEFT 324: http://www.ila-bonn.de/artikel/ila324/drogenkrieg_ aufstandsbekaempfung.htm
(10) OFFIZIELLE SEITE DER ERPI, VORSTELLUNG: http://www.enlace-erpi.org/index2.html#SECCION2
(11) INFORMATIONSSTELLE LATEINAMERIKA IN BONN, HEFT 324: http://www.ila-bonn.de/artikel/ila324/drogenkrieg_ aufstandsbekaempfung.htm
(12) HENKEL, KNUT: GEMEINSAM GEGEN DIE KAZIKEN in: JUNGLE WORLD 25 vom 24.06.2010: http://jungle-world.com/artikel/2010/25/41182.html
(13) VILLORO, JUAN: WIR ZERSTÖREN UNS SELBST in: FRANKFURTER RUNDSCHAU vom 14.09.2010: http://www.fr-online.de/panorama/-wir-zerstoeren-uns-selbst-/-/1472782/4643962/-/item/0/-/index.html
(14) DIE PRESSE vom 27.08.2009: http://diepresse.com/home/panorama/welt/504321/Mordhauptstadt-der-Welt-liegt-in-Mexiko?from=simarchiv
(15) VOGEL, WOLF-DIETER: LEGALIZE IT! in: JUNGLE WORLD 49 vom 09.12.2010: http://jungle-world.com/artikel/2010/49/42239.html
(16) BERGMANN, EMANUEL: DIE MINUTEMEN AN DER US-MEXIKANISCHEN GRENZE in: JUNGLE WORLD 32 vom 12.08.2010: http://jungle-world.com/artikel/2010/32/41503.html
(17) FORBES-RANGLISTE 2010: http://www.forbes.com/lists/2010/10/billionaires-2010_Carlos-Slim-Helu-family_WYDJ.html
(18) SIPAZ MEXIKO: CHIAPAS IN ZAHLEN, GESUNDHEIT: http://www.sipaz.org/data/chis_de_02.htm

Siehe auch die weiteren Beiträge:

Infos aus Chiapas - Vol. 1: Einführung in den lakadonischen Urwald
Infos aus Chiapas - Vol. 2: In einem Dorf der anderen Kampagne
Infos aus Chiapas - Vol. 3: In einem Hotel des lakadonischen Urwalds

Das zähe Ringen um Autonomie - Aktuelles aus Chiapas

Veranstaltungsplakat
Am Donnerstag, 4.11.2010 findet in Münster eine Veranstaltung im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Die Integrationsunwilligen laden ein" der Gruppe B.A.S.T.A. zur Situation in Chiapas statt.

19 Uhr:
Der Aufstand der Würde. Wie kam es zum Aufstand der Zapatistischen Befreiungsarmee EZLN? "Der Aufstand der Würde" ist ein einführender Film über die zapatistische Bewegung in Chiapas, Mexiko. (D/MEX 2007, 65 Min., Zwischenzeit e.V.)

ab 20:30 Uhr
Das zähe Ringen um Autonomie - Aktuelles aus Chiapas. Zwei Teilnehmerinnen der Europäischen Solidaritätsbrigade 2010 berichten mit zahlreichen Bildern über Probleme und Fortschritte der zapatistischen Bewegung.

Veranstaltungsort:

Interkulturelles Zentrum Don Quijote, Scharnhorststr. 57, 48151 Münster

Zum Austausch, Verlauf und den Ergebnissen der Rundreise bietet die Gruppe B.A.S.T.A. an, den reich bebilderten Vortrag auch an anderen Orten zu halten.

Zentrale Themen des Vortrags sind:

• Wie ist die aktuelle Situation der Zapatistas in Südmexiko?
• Mit welchen Schwierigkeiten ist die indigene Bewegung konfrontiert?
• Welche Fortschritte konnte die Bewegung erreichen?
• Welche Perspektiven zeichnen sich ab?

Anfragen bitte an: gruppeBASTA@gmx.de

Infos aus Chiapas - Vol. 3: In einem Hotel des lakadonischen Urwalds

Der folgende Bericht aus Chiapas / MÉXICO vom 23.10.2010 erscheint bei uns mit freundlicher Erlaubnis von Fabian - Kalle Blomquist:

Liebe Unterstützer_Innen und Interessierte!
Der Alltag in San Cristóbal holt mich wieder ein. Die zurückliegende Woche hätte kaum gegensätzlicher sein können: zusammen mit 10 anderen Menschenrechtsbeobach-ter_innen haben wir uns am Rande einer kleinen Gemeinde im Lakandonischen Urwald zwischen permanentem Grillenzirpen, Lagerfeuer und vorsichtigen Annäherungsversuchen an die tseltal (eine der 61 indigenen Sprachen Mexikos) sprechenden Genossen eine Woche in einem von den Zapatista bewachten Hotel aufgehalten.

Im folgenden nunmehr letzten Bericht aus Chiapas möchte ich Euch von diesem wunderschönen aber zugleich auch spannungsgeladenen Flecken Erde und seiner jüngsten Geschichte der zapatistischen Erhebung und Einnahme eines Hotels im Dschungel erzählen.

In den nächsten Tagen bereite ich mich auf meine Weiterreise nach Guatemala, Ecuador und schließlich Peru vor.

Wir sehen uns – vielleicht im Sommer 2011 – mit einem noch hoffentlich voll funktionierenden oberirdischen Bahnhof in Stuttgart ohne Baustelle davor. Es gibt viel auszutauschen, aus Chiapas genauso wie aus dem immer ungehorsamer werdenden Stuttgarter Ländle.

Es grüßt mit einem weinenden Auge des Abschieds und einem lachenden der Weiterreise,
Fabian

Auf ins Caracol
Am 09.08.2003 feiern an die 20.000 Menschen im Caracol Oventic den „Tod der Aguascalientes und die Geburt der Caracoles“. Vor genau neun Jahren wurden die Aguascalientes in den eingenommenen Zapatista-Gebieten als regionale Zentren für kulturelle und politische Entfaltung gegründet. Die neue politische Strategie der Zapatista, Jahre nach den gescheiterten Regierungsgesprächen und nicht umgesetzten Abkommen von San Andrés, die direkte autonome Umsetzung der seit Jahren gleich lautenden Forderungen von Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit, sollte von nun an durch eine Struktur von 5 Regionalregierungen umgesetzt werden. Das neue Kredo ist: wir setzen das um, was uns bisher immer verweigert worden ist – ohne zu fragen und ohne zu betteln.

Seitdem hat sich viel getan. Es sind autonome zapatistische Krankenhäuser, Schulen, Läden und Produktions-Kollektive entstanden, die den Traum von einem freien und selbstbestimmten Handeln in Mexiko zunehmend mehr erlauben. In direkter basisdemokratischer Form der asamblea general (Generalversammlung) werden die Juntas del Buen Gobierno (Räte der Guten Regierung) – die böse sitzt in Mexiko City – in einem ein- bis zweiwöchigen Turnus gebildet. Danach werden wieder neue Räte gebildet. Jede_r ist also einmal dran, die Geschicke und Anliegen der Zapatista zu verwirklichen. Dabei ist zu betonen, dass den jeweiligen Räten die Stimme vom Volk nur „geliehen“ wird, d. h. sie sind direkt verantwortlich für das was sie tun und jederzeit absetzbar. Die kurze Frequenz des Regierens führt beizeiten zu Komplikationen, die Leute müssen sich einarbeiten, haben wenig Zeit, gleichzeitig erlaubt es aber auch, dass sie in kurzer Zeit ihr bestes geben und sich dabei nicht in Klientel-Verhältnissen etablieren können.

Um in unsere Gemeinde mit den nötigen Formalitäten (Offizielles Schreiben der Junta del Buen Gobierno) reisen zu können, müssen wir zunächst zu einem solchen Caracol fahren. Die Fahrt dorthin wird anhand mehrerer colectivos (Busse, die feste Routen und Preise haben) bewältigt. Im Gegensatz zu sonstigen Reisen, wo ich mich gerne und viel mit den Leuten austausche, nach dem Weg frage, erzähle was ich vorhabe, ist es diesmal anders: wir geben nur zögernd an, wo wir hinwollen. Die generelle Strategie ist die: wir sind Touristen, haben vom Zapatismus keine Ahnung und fahren in den Regenwald um uns Ruinen und Wasserfälle anzuschauen. Politisches Material, Pamphlete, eindeutige T-Shirts etc. haben wir zu Hause gelassen bzw. gut versteckt – zu groß ist die Gefahr, bei einer der möglichen Militär- oder Polizeikontrollen als Zapatista-Sympathisant bzw. Menschen-rechtsbeobachter_in entlarvt und möglicherweise mit weiteren Problemen konfrontiert zu werden (im allerschlechtesten, seltenen Fall: Ausweisung aus Mexiko).

Dann kommen wir an. Bereits an der Straße steht das Hinweisschild: „Sie befinden sich in zapatistischem Gebiet im Widerstand. Hier regiert das Volk und die Regierung gehorcht.“. Wir sind also richtig. Am Eingang, einem großen Eisentor, steht einer der compas und wir müssen in Ruhe erklären, woher wir kommen, wer wir sind und was unser Ziel der Reise ist. Sie schauen unsere Reisepässe an und wir geben das offizielle Schreiben ab, in dem uns das Zentrum FrayBa bescheinigt, zur Menschenrechtsbeobachtung gekommen zu sein.

Um in den indigenen Gemeinden und vor allem zapatistischen Strukturen zu Recht zu kommen, muss jede_r eine Menge Geduld, Flexibilität und Freundlichkeit mitbringen. Viele Prozesse laufen nach unserem Verständnis ineffizient, langsam, redundant oder einfach unverständlich ab. Das ist der Preis einer sich entwickelnden, fairen Basisdemokratie der viel ruhiger lebenden Menschen – ein Ablauf, an den wir nicht gewöhnt sind.

Schließlich dürfen wir eintreten. Nach der ersten Hürde am Eingang stehen nun zwei weitere Schritte an: die Aufnahme unserer Daten in der Generellen Information und schließlich das finale Gespräch mit der Junta del Buen Gobierno, die uns in die jeweilige Gemeinde mit offiziellem Schreiben schickt. Ein sehr freundlich lächelnder und gut gelaunter Mann nimmt also unsere Daten auf. Mit den unterschiedlichen Formaten und Sprachen in unseren Pässen hat er so seine Schwierigkeiten, er fragt mich ernsthaft, nachdem er schon gedacht hatte, dass der Vermerk „Deutsch“ mein Nachname sei, ob das rote Ding, das ich ihm gegeben hätte, ein echter Pass sei. Schließlich haben wir diesen Schritt bewältigt und warten auf die Einladung in das Büro nebenan bei der Junta.

Das dauert. Die Junta hat zu tun, wir schauen uns also das Gelände an, machen Fotos von den vielen sehr schönen Wandbildern im Caracol. Dann ist es soweit: ein weiteres Mal geben wir unsere Namen und Ziel der Reise vor der sechsköpfigen Junta an. Vor uns sitzen vier Männer und zwei Frauen, die meisten in den 30ern. Alles was wir angeben, wird sechsfach mitgeschrieben. Die Kommunikation erfolgt teilweise etwas verhalten, was sich mit Sicherheit auch mit der Sprache erklären lässt – Spanisch ist für viele Indigene nur Zweitsprache oder gar nicht im Repertoire vorhanden. Obwohl FrayBa für uns zwei verschiedene Orte vorgesehen hatte, werden wir auf Geheiß der Junta alle an denselben Ort geschickt, ohne weitere Erklärung. Dies passiert öfter und hat i. d. R. mit Strategien im Caracol zu tun (Dringlichkeit, neue Bedrohungen, kein Bedarf etc.), von denen wir nichts wissen. Dann erhalten wir unser offizielles Schreiben, das wir später beim verantwortlichen compa im Hotel vorzeigen müssen. Obwohl wir bereits um 7h morgens losgefahren sind, ist es inzwischen Nachmittag und damit zu spät, um die Reise zum eigentlichen Ort des Geschehens anzutreten.

Wir bleiben eine Nacht im Caracol, spannen unsere Hängematten in einem eigens für Besuch errichteten Holzhaus auf und kochen nebenan auf Holz. Am nächsten Morgen können wir früh mit einem Pickup der compas in die nächstgrößere Stadt mitgenommen werden, um von da aus weiterzufahren.

Die Abfahrt verzögert sich, auch daran muss man sich gewöhnen. Wir werden von den compas zum Mittagessen eingeladen: Reis, schwarze Bohnen und am Feuer geröstete Tortillas. Etwa 2 Stunden später als gedacht geht es dann aber los, die folgenden colectivos nehmen wir als Touristen getarnt. Einmal passieren wir eine fest installierte Militärkontrolle, jedoch ohne weiter durchsucht zu werden.

Die Ankunft und das Hotel

Nach dreimaligem Umsteigen landen wir rund vier Stunden später am Rande des Hotels im Lakandonischen Urwald. Mitten zwischen Lianen und hoch gewachsenen Bäumen schauen wir auf einen türkisblauen Fluss im romantischen Postkarten-Format, in dem die Kinder des Dorfes auf der anderen Seite baden. Blattschneideameisen haben kleine Schnellstraßen durch das Grün gemäht, auf denen sie ihr Material transportieren. Wir laufen zu dem nahe liegenden Hotel mit unseren Rucksäcken voll mit Essen für die nächsten Tage. Die dort wartenden compas begrüßen uns verhalten, wir zeigen das offizielle Schreiben aus dem Caracol vor und belegen nach wenigen, nötigen Sätzen der Verständigung unsere Schlafplätze.

Das Hotel ist massiv (Zement) und in offener Bauweise errichtet worden. Mehrere Doppelzimmer, eine große Küche mit Gasherd und Ofen, Elektrizität, Licht, Kühlschränke, fließendes Wasser, Klo und Duschen machen den Dschungel-Aufenthalt zu einem der komfortabelsten der zurzeit für die Menschenrechtsbeobachtung verfügbaren Gemeinden. Trotzdem ist auffällig, dass das Gebäude schon etwas heruntergekommen ist, die installierten Fliegengitter in den Zimmern weisen viele Löcher auf, der Herd funktioniert nicht mehr richtig, Teile der Einrichtungen sind defekt bzw. stark benutzt / verdreckt. Wir reinigen die Küche, Klos und Duschen, reparieren ein paar der Lampen. Ich selbst habe mit der von CAREA propagierten integrierten Moskitonetz-Hängematte beste Karten und schlafe draußen auf der Veranda bei schönstem Grillenzirpen und morgendlicher Kolibri-Beobachtung aus der Liegeposition heraus.

Einiges im Hotel wäre ohne größere Anstrengungen und finanziellen Aufwand relativ leicht zu reparieren bzw. zu verschönern. Ich mache mir Gedanken darüber, wohl wissend, dass meine Vorstellungen von Komfort, Schönheit und bester Nutzung des Hotels durch meine westliche Sozialisierung andere als die der hier aufgewachsenen compas sind.

Mir fällt dazu die „Geschichte vom zufriedenen Fischer“ ein, die ungefähr beinhaltet, dass irgendwo an einem wunderschönen Flecken der Erde, ein effizient denkender Westler einen am Strand faulenzenden Fischer anspricht, warum er so tatenlos in der Sonne liege. Dieser antwortet daraufhin, dass er für heute genug Fische gefangen hätte, um sich nun dem Nichtstun hinzugeben. Der Mann entgegnet ihm voller Ideen, dass er seine Zeit viel besser nutzen und durch weiteren Fischfang seine Umsätze erhöhen, mehr Fisch verkaufen, weiteren Luxus erwerben und seinen Lebensstandard verbessern könne. Der Fischer antwortet verständnislos, dass er dann aber nicht mehr in der Sonne liegen könne.

Diese Geschichte ist keineswegs direkt auf die Situation der compas und Indigenen hier vor Ort adaptierbar. Die meisten müssen sehr viel arbeiten und genießen dabei wenig bzw. gar keinen Luxus. In zwei Punkten beinhaltet diese Anekdote jedoch sehr Wahres, auch was die Realität in Chiapas angeht: zum einen die grundsätzlich verschiedenen Denkweisen der Menschen hier und die von uns und zum anderen die Freude und Zufriedenheit, die die nach harten Kriterien als arm einzustufenden Bewohner_innen trotz alledem besitzen. Reis, Bohnen, Tortillas, die Natur und das soziale Netzwerk reichen zumindest aus, um relativ zufrieden, ohne die typischen psychischen West-Krankheiten leben zu können.

Trotz alledem wäre es mit Sicherheit von Vorteil, etwas am Hotel zu ändern, denn der Tourismus bleibt zurzeit aus. Ökonomische Mittel gibt es kaum, die compas warten auf Ansagen und Hilfe vom Caracol – eines Tages. Die zapatistische Schnecke sagt „Langsam – aber ich komme voran“.

Der Alltag und die Wache
Da wir – im Gegensatz zu meinem ersten Einsatz – keine Wache halten müssen, beginnt der Tag etwas gemächlicher, jede_r steht auf wann sie / er Lust hat. Seit einer Woche sind bereits drei mexikanische Soziologie-Studenten hier, die als Menschenrechtsbeobachter einen Teil ihres Uni-Praktikums absolvieren. Es ist sehr interessant mit ihnen zu sprechen. Einer von ihnen ist der Sohn eines (im Norden Mexikos) bekannten Gitarrenspielers, der bei diversen zapatistischen Feiern zum Spielen eingeladen worden ist. Seit Kindheit an ist der Sohn dadurch mit dem Zapatismus konfrontiert gewesen, war bei Treffen, bei politischen Diskursen von Marcos und weiß viel über die chronologischen Geschehnisse zu erzählen.

Nach dem Frühstück gehen wir meist in dem türkisblauen Fluss baden. Die compas haben uns gebeten, stets zusammen zu bleiben, da es gefährliche Stromschnellen gebe – ein compa ist einmal von diesen fortgetragen worden. Letztendlich ist es für uns nicht besonders gefährlich, viele Menschen hier können – obwohl sie an Gewässern wohnen, Fischer sind etc. – nicht schwimmen. Dazu vermischen sich neben den echten Gefahren Aberglaube und Geschichten, die immer wieder mit neuen Vermischungen erzählt werden. Angeblich gäbe es in diesem Fluss auch Sirenen, die einen mitnehmen wollten...

In der Nähe befindet sich ein 2008 von den Zapatista gegründetes Dorf, in dem zur Zeit 10 Familien als Unterstützungsbasis leben. Wir machen einmal einen Besuch, eine Frau zeigt uns, wie sie aus gekochtem Mais mit einer Mühle und Presse Tortillas herstellt. Die weiteren umliegenden zwei Dörfer sind von priistas besiedelt, auch deswegen ist unser Bewegungsradius sehr eingeschränkt. Die compas wollen Probleme mit den anderen Dorfbewohner_innen vermeiden, wir sollen keinen Kontakt mit ihnen aufnehmen.

Wir kochen draußen auf Holz, das die compas aus der Umgebung tagtäglich heranschleppen. Es besitzt meist keinen guten Brennwert, ist von Termiten zerfressen und sehr leicht. Die umliegenden Bäume stellen einen herben Konfliktpunkt zwischen den Zapatista und den anderen nahe wohnenden priistas dar (priista = Regierungsanhänger – ursprünglich der Einheitspartei PRI, den Zapatista meist feindlich eingestellt, tlw. in paramilitärischen Einheiten organisiert). Nicht selten haben sie Bäume im Gebiet des Hotels gefällt, was die compas aus verschiedenen Gründen nicht wollen (s. Geschichte des Hotels im Dschungel).

Tag und Nacht halten die compas mit einem Funkgerät gestützten System Wache. Zum einen soll so sichergestellt werden, dass keine_r im Territorium des Hotels Holz oder sonstige Ressourcen entnimmt, zum anderen dient es als frühzeitiges Warnsystem – wenn eines Tages priistas, Paramilitärs oder Polizeieinheiten kommen sollten. Die compas sind in einem Netz organisiert, dass es ihnen erlaubt, in einer halben Stunde mehrere Dutzend Personen zusammen zu trommeln, die bereit sind, ihr Gebiet (und das Hotel) zu verteidigen. Dabei geht es nicht um direkte Waffenanwendung sondern um ein sehr entschlossenes „sich-dem-Widersacher-Entgegenstellen“, wie aus unzähligen Fotos und Videos diverser Landbesetzungen der Zapatista bzw. versuchten Vertreibungen aus ihren Gebieten bekannt ist.

Wir haben außer unseres eigentlichen Auftrags des passiven Verhinderns von Übergriffen auf die compas und das Hotel durch Präsenz keine weitere Funktion. Zum einen ist es schön, somit ein paar Tage zu faulenzen, zum anderen braucht man aber auch eine gute Dosis Zufriedenheit, um sich nicht vollkommen nutzlos und seltsam bei Kartenspiel und Kaffeeschlürfen in dem eigentlich herben Konfliktgebiet vorzukommen. Leider gibt es nicht viel Austausch mit den Genossen im Alltag, letztendlich auch aufgrund der bereits erwähnten Sprachbarrieren. Trotzdem lächeln wir uns immer wieder zu, manchmal kommen die ebenfalls etwas gelangweilten compas abends bei uns vorbei, schauen interessiert, wie wohl Schach funktioniert. Es ist beizeiten richtig kurios: fünf von ihnen stehen aufgereiht hintereinander und schauen vorsichtig, was wir machen. Davon hätte ich gerne Fotos geschossen – aufgrund der Angst um Verfolgung werden aber generell keine Fotos von Gesichtern der Genoss_innen gemacht.

Besonders nach Eintritt der Dunkelheit zeigt sich die Vielfalt der Natur von ihrer besten Seite: immer wieder müssen wir riesige haarige Taranteln, tropische Frösche und Fledermäuse aus dem Bad herausholen, damit alle beruhigt ihre Dinge dort verrichten können. Nachts muss man mit Vorsicht und am besten nur mit Stiefeln durch das Gras laufen. Teils sehr giftige Schlangen sind auf der Pirsch. Kröten besuchen uns scharen-weise, springen durch die Küche. Tagsüber erklimmen riesige schwarze Heuschrecken, die blau leuchten wenn sie fliegen, die Wand des Hotels. Einmal fangen die compas ein Chamäleon, das sie als besondere Delikatesse direkt verspeisen. Für Naturforscher und Hobbyfotografen ist hier also einiges geboten.

Geschichte des Hotels im Dschungel
Es war für uns etwas schwierig, die vollkommene chronologische Geschichte des Hotels und Widerstands vor Ort zu verstehen und erzählt zu bekommen. Am letzten Abend sitzen wir mit dem für uns verantwortlichen compa zusammen. Etwas konfus aber dennoch viele Fragen beantwortend erzählt er, was hier vor sich gegangen ist. Davon im Folgenden eine kleine Zusammenfassung:

• 1996/97
Eine von der seit 1929 in Mexiko regierenden Einheitspartei PRI beauftragte Firma baut das Hotel, um den Tourismus in der Region zu stärken. In dem Hotel arbeiten lokale Bewohner_innen, unter ihnen viele priistas und einige der noch heute hier agierenden Zapatista. 
Wem das Land gehört hat, auf dem das Hotel gebaut worden ist, ist unklar. Wahrscheinlich ist es aber von der Regierung gekauft bzw. der jeweilige Bauer enteignet worden.

• vor 2008
Nachdem die Betreiber merken, dass auch Zapatista Anteil am Hotel haben, werden sie herausgeworfen. Der Erlös des Hotels kommt nur einer Gruppe in den umliegenden Gemeinden zu Gute – den priistas.
Bäume werden gefällt, wilde Tiere (z. B. das Ufer bewohnende Krokodile) illegalerweise mit hohen Gewinnen verkauft.

• 2008
Die Zapatista nehmen in einer gut geplanten Aktion das Hotel ein, die priistas fliehen.
Sie begründen ihren Anspruch auf das Gebiet und Gebäude damit, dass sie ein Anrecht auf das Land haben, außerdem keinen Anteil an den Erlösen des Hotels gehabt haben – obwohl sie ebenfalls zur Gemeinde dazu gehören.
Außerdem wollen sie die umliegende Natur schützen, versuchen, z. B. die Krokodile wieder anzusiedeln, Bäume dürfen nur mit Ausnahmegenehmigung gefällt werden.
Einmal kommt die Seguridad Pública (eine der vielen mexikanischen Polizeieinheiten), fährt aber wieder direkt ab, nachdem sich mehr und mehr compas rund um das Hotel versammeln.
Zurzeit scheint es relativ ruhig in dem Gebiet zu sein. Trotzdem kann es jeden Tag wieder losgehen: dass bewaffnete priistas versuchen, die compas aus ihren Gebieten zu vertreiben und das naheliegende zapatistische Dorf anzugreifen. In dem Gebiet operiert die paramilitärische Einheit OPDDIC (Abkürzung für die absurde Bezeichnung: „Organisation für die Indigenen und Bäuerlichen Rechte“), die darauf spezialisiert ist, Zapatista einzuschüchtern, zu vertreiben und wenn nötig – zu ermorden. Es gibt klare Verstrickungen zwischen OPDDIC, der PRI und Polizeieinheiten. Deshalb schickt FrayBa weiterhin Menschenrechtsbeo-bachter_innen in das Gebiet.

Der lakadonische Urwald
Die Selva Lacandona (Lakandonischer Urwald) ist ein 9500 km² großes tlw. nur schwer zugängliches Urwaldgebiet im Süden Mexikos (Chiapas), das an Guatemala angrenzt. In diesem liegt das Staats-Naturschutzgebiet Montes Azules, das für seinen Ökotourismus und die „echten“ Ureinwohner, die Lakandonen bekannt ist.

Fakt ist, dass viele dieser Lakandonen von der Regierung für Tourismusprojekte aus der Golfregion angesiedelt und nach den im 18. Jh. ausgerotteten Lakandonen benannt worden sind. Diese übernehmen seit den 90ern gleichzeitig die Funktion, das Ursprungsgebiet der Zapatista und anderer indigener Gruppen streitig zu machen, sie der Zerstörung des Naturschutzgebietes verantwortlich zu machen und sogar direkt mit Waffen anzugreifen und zu vertreiben (s. Link unten). Davon wissen viele der Touristen nichts, die in ihre Gemeinden fahren, um „echten Urwald-Indianern“ bei ihrem Alltagstreiben zuzuschauen. Die Lakandonen sind die einzige indigene Gruppe Mexikos, die das den Zapatista und Indigenen erstmals verbindliche Rechte zugestehende Abkommen von San Andrés nicht unterzeichnet haben (s. Link unten).

Im Jahre 1983 hatte alles hier angefangen. Nach der gängigsten Version gründeten der ehemalige Philosophie-Student und Dozent der UNAM Rafael Guillén alias Subcomandante Marcos und fünf weitere indigene und mestizische Genoss_innen aus Mexiko City und Chiapas hier am 17. November formal die EZLN (Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung), beeinflusst von der sandinistischen Revolution in Nicaragua und der kubanischen Revolution. Die besondere Geographie des Urwaldgebietes erlaubte es dieser Zelle, sich jahrelang versteckt zu halten und nach und nach eine 20.000 indigene Kämpfer_innen umfassende Armee aufzubauen, die schließlich am 01.01.1994 mehrere Teile von Chiapas einnimmt und der Regierung den Krieg erklärt.

Für die zivilen Unterstützungsbasen, die zapatistischen Dörfer in Chiapas, ist heute nicht nur der Lakandonische Urwald ihre Heimat, sondern weitaus mehr Gebiete von Chiapas. Der noch existierende militärische Arm der Zapatista, die EZLN, befindet sich im „Stand-By-Modus“ vermutlich irgendwo im Lakandonischen Urwald als Rückgrat der Zapatistischen Dörfer.

Resümee meines Aufenthalts
Der Aufenthalt in Chiapas und den indigenen Gemeinde stellt für mich eine große Bereicherung in Bezug auf das Verständnis der indigenen und politischen autonomen Praktiken dar. Von den vielen kreativen zapatistischen Ideen bereits in Deutschland inspiriert, fühle ich mich hier bestätigt, dass es sich um eine ganz besondere Bewegung handelt – die in dieser Form wahrscheinlich kein zweites Mal existiert (hat).

Hinter den vielen bunten Bildern, kreativen Ideen und philosophischen Formeln stehen klare progressive Positionen zum Zusammenleben verschiedenster Menschen unter dem Banner von Frieden, Gerechtigkeit, Freiheit und Gerechtigkeit. Dieses Konstrukt musste erst erschaffen werden und obwohl ich selbst kein Freund von Waffengebrauch und Gewalt bin, glaube ich, dass in diesem Fall das gezielte Einsetzen von Waffen den Prozess überhaupt erst ins Rollen gebracht hat und damit unausweichlich gewesen ist. Hätten sich 1994 nach jahrelanger Ignoranz und Intoleranz nicht derart viele Menschen so entschlossen erhoben und ihrem eigenen Land den Krieg erklärt, wäre mit Sicherheit nur sehr wenig, von dem, was heute existiert, möglich gewesen.

Dass es keine militärische Lösung für den Konflikt gibt, haben zumindest die Zapatista schnell verstanden. Seit der Gründung der Caracoles 2003 und mit der Anderen Kampagne 2006 (s. 2. Bericht von mir) geht die Bestrebung, sich global mit anderen zu vernetzen und eine eigene autonome Alternative zum Kapitalismus und seinen Mechanismen aufzubauen, in eine neue Runde. Seit 2008 hat man offiziell nicht mehr viel von der EZLN-Kommandantur und Subcomandante Marcos gehört. So wie wir sie in den letzten 16 Jahren erlebt haben, sind sie immer wieder mit neuen Überraschungen und Ideen plötzlich im Zentrum des Geschehens. Für das symbolische Jahr 2010, genau 100 Jahre nach der mexikanischen Revolution und 200 Jahre nach der Unabhängigkeit, ist dies erwartet worden. Vielleicht will die EZLN gerade dieses Klischee nicht bedienen. Es bleibt spannend!

Links:
http://zmag.de/artikel/opddic-greift-neun-ezln-unterstutzungsbasen-an
(Artikel zu Aktivitäten des Paramilitärs OPDDIC, von H. Bellinghausen – Mitbegründer der linken Tageszeitung „La Jornada“ – s. Anhang)
http://de.indymedia.org/2003/04/49983.shtml (Indymedia-Artikel zur Vertreibungspraxis von Zapatista und indigenen Gruppen durch die Lakandonen und Regierung)
http://www.mexiko-lexikon.de/mexiko/index.php?title=Lacandonen (Wiki-Artikel über die Lakandonen)


Siehe auch:

Infos aus Chiapas - Vol. 1: Einführung in den lakadonischen Urwald
Infos aus Chiapas - Vol. 2: In einem Dorf der anderen Kampagne

Infos aus Chiapas - Vol. 2: In einem Dorf der anderen Kampagne

Der folgende Bericht aus Chiapas / MÉXICO vom 12.10.2010 erscheint bei uns mit freundlicher Erlaubnis von Fabian - Kalle Blomquist:


Liebe Unterstützer_Innen und Interessierte!

Seit einigen Tagen befinde ich mich wieder in der bunten Kleinstadt San Cristóbal de las Casas, wo man sich zwischen unzähligen Bars mit Live-Bands, Zapatista-Merchandise und kommunalen Kinos durchgehend bestens vergnügen und auch ablenken kann.

Zuvor sah mein Alltag etwas anders aus. Vom in San Cristóbal ansässigen Menschenrechtszentrum FrayBa wurde ich am 22.09. in ein kleines, zwei Stunden mit dem Bus entferntes Dorf geschickt, das der von den Zapatista ins Leben gerufenen „Anderen Kampagne“ angehört. Zusammen mit vier weiteren internationalen Menschen-rechtsbeobachterinnen aus Spanien und Schweden habe ich dort zwei Wochen lang meinen Rhythmus im Einklang mit der Sonne umgestellt, Aufstehen mit dem Hahn und Schlafengehen mit dem abendlichen Konzert der zahlreichen Hunde in der Dunkelheit.

Ohne viele weitere Gemeinden in Chiapas zu kennen, glaube ich sagen zu können, dass in der von uns besuchten Gemeinde eine Sache ganz besonders ist: die zahlreichen sehr persönlichen Kontakte mit den Bewohner_innen, die alle Spanisch sprechen und auch deshalb ein nahezu barrierenloser Kontakt mit uns möglich war. Die existierenden Bedrohungen für das Dorf sind tagtäglich im Kopf präsent, auch wenn es zur Zeit sehr ruhig erscheint. Trotzdem haben die Bewohner_innen nichts von ihrer Fröhlichkeit, ihrem Humor und tlw. kämpferischen Geist verloren. Hinter uns liegen zwei sehr schöne Wochen, wir nehmen viele Gespräche, Anregungen, Diskussionen mit den Genoss_innen vor Ort und viele Herzlichkeiten mit in das, was kommt.

Viele Grüße aus San Cristóbal de las Casas,
Fabian

Die Ankunft
Nach einer kurvenreichen Fahrt auf der Ladefläche eines Pickup durch die Nebelwälder und Kleindörfer Chiapas‘ mit herrlichem Bergpanorama erreichen wir nach zwei Stunden den Punkt, wo wir abgeholt werden sollen. Mit uns steigt ein zunächst unscheinbar wirkender vielleicht in der Nähe lebender Mexikaner aus. Zwei compas (compañero = Genosse) warten bereits am Wegesrand mit ihren Pferden und begrüßen uns herzlich. Wir schnallen unser schweres Gepäck (mit Essen für zwei Wochen) auf die Pferde und laufen los.

Von der Straße führt ein zur Zeit trockener aber durchaus holpriger Pfad entlang an kleinen Dörfern, Maisfeldern, Zitrus-Bäumen, Kaffesträuchern und vom nahe liegenden Gebirgsmassiv herunterrauschenden Bächen zu unserem Dorf. Nach 1,5 Stunden kommen wir dort an und werden bereits beim Abstieg zum Dorfplatz von vielen Bewohner_innen herzlich begrüßt. Viele Kinder rennen herum, Hunde schauen uns nach und wie sich herausstellt, ist der weitere Weggefährte ebenfalls ein compa, der schon länger immer wieder in das Dorf zu Besuch und zum „Lernen und Austausch“ kommt, um tiefer in die Materie des Widerstands und Zapatismus einzusteigen.

An der zentralen Wiese des Dorfes liegt das Haus, das von den campamentistas (den Menschenrechtsbeobachter_innen) und weiteren Besucher_innen als Behausung genutzt wird. Wir befestigen unsere Hänge-matten an der massiven Steinwand und richten uns etwas ein: es gibt ein Klo mit fließend Wasser aus einem großen Reservoir-Bottich, eine Küche mit noch vielen zurückgelassenen Utensilien der vorigen Bewohner_innen, Geschirr und einem funktionierenden Gaskocher. Aufgrund von unregelmäßigem Besuch durch Ratten und etwas wildere Katzen werden sensiblere Alimente in der Küche frei hängend aufbewahrt.

Struktur und Alltag des Dorfes
Im Dorf gibt es eine Grundschule, ein Versammlungshaus und einen zentralen Basketball- sowie Fußballplatz. Zur Zeit leben ca. 50 Familien hier, zwischen denen politisch eine klare Trennlinie erkennbar ist. Während die einen seit wenigen Monaten bis Jahren Regierungsprogramme beziehen (Geld für die Ausbildung, Zuschüsse für den Hausbau etc.) und damit mit den Zapatista-Grundsätzen brechen, befinden sich die anderen im Widerstand (s. Die Andere Kampagne) und akzeptieren nichts, was von der Regierung kommt, da sie sich autonom organisieren (wollen). Diese politische Division hat eine klare Vorgeschichte (s. Geschichte des Widerstands), ist aber im tagtäglichen Alltag des Dorfes nicht immer zu spüren, was auch unter den campamentistas zu Verwirrungen führen kann. Nicht immer ist zunächst klar, mit wem man über was (politisch) reden kann und sollte, wer quasi compa und wer keiner ist. Dieses Problem existiert in vielen zapatistischen bzw. den Zapatismus unterstützenden Gemeinden und hat tlw. zur Zerstörung ganzer Dorfstrukturen und menschlicher Beziehungen geführt. Die Regierung zielt durch Desinformation und die Strategie von „Zuckerbrot und Peitsche“ darauf ab, weitere Familien zur Aufgabe ihres Widerstands mit lukrativen (Geld-)Geschenken zu bewegen. Gleichzeitig werden die sich weiterhin im Widerstand befindenden Menschen mit starker Repression, Verhaftungen, Einschüchterungen, bis hin zu Verletzungen und Ermordungen (diese international verrufene Praxis erledigen deshalb meist bezahlte Paramilitärs) bestraft.

In unserem Dorf ist es noch nicht ganz so weit gekommen. Letztendlich respektieren sich alle Bewohner_innen, politische (und letztendlich nahezu existenzielle) Gegner begrüßen sich, reden miteinander und helfen sich teilweise im Rahmen von Dorfangelegenheiten weiterhin aus. Die zwei existierenden Läden mit den nötigsten Alimenten sind in der Hand der Regierungsanhänger, werden logischerweise aber von allen genutzt, genauso wie die allgemeine Grundschule, zu der es bisher keine autonome (zapatistische) Alternative im Dorf gibt. Trotzdem halten die compas gegenüber den Regierungsanhängern im Dorf die Mehrheit, was bei manchen Entscheidungen und dem allgemeinen Klima in der Gemeinde durchaus von Vorteil für die Genoss_innen sein kann.

Die (männlichen) compas treffen sich einmal in der Woche zum Plenum, bereden die Angelegenheiten der Woche. Auf meine Frage hin, warum sich nicht alle, also auch die weiblichen compas, treffen, antwortet mir einer von ihnen, dass es „nicht nötig sei, sich immer mit allen zu treffen“. Wenn größere Abstimmungen zu tätigen oder Probleme zu lösen sind, versammeln sich alle. Daneben haben anscheinend auch die Frauen gelegentliche Treffen, von denen ich in den zwei Wochen aber keine erkennen konnte.

Die bevölkerungssoziologische Struktur ist typisch lateinamerikanisch. Jede Familie umfasst etliche Kinder (zwischen 4-12) und die Großeltern leben ebenfalls im Haus. Insgesamt erscheint das Dorf also sehr jung, überall spielen Kinder und Jugendliche zwischen herumlaufenden Hühnern, Hunden und laut schluchzenden Eseln.

Mit Sonnenaufgang beginnt der Tag. Die Frauen bereiten meist ab 4.30h das Frühstück vor, klassisch tortillas (Maisfladen) mit Bohnen und Kaffee sowie pozol (Maismilch). Die Männer bereiten zu ähnlicher Uhrzeit ihren Tag auf dem Feld vor: die auszusäenden Samen, Geschirr fürs Pferd und das Arbeitsgerät. Ab 5.30h wird auf der milpa (Maisfeld) bis mittags, tlw. sogar nachmittags gearbeitet (genaueres s. Auf der Milpa). Die Kinder gehen ins Dorf in die Grundschule (primaria) oder sie fahren mit einem eigens organisierten Jeep alle gemeinsam auf der Ladefläche sitzend in die nächstgrößere Stadt zur weiterführenden Schule oder sogar zum Studieren. Während die weiterführende Schule (secundaria) kaum Geld kostet und immerhin eine Möglichkeit bietet während der Woche in der Nähe gratis zu wohnen und zu essen, kostet das Studieren einiges. So verwundert es nicht, dass viele bereits mit 15 mit Ende der secundaria ihre Bildungslaufbahn beenden, um auf dem Feld zu arbeiten (Männer) oder sich um Dinge im Haus zu kümmern bzw. sich bereits der Familienplanung zu widmen (v. a. Frauen). Es kommt nicht selten vor, dass Minderjährige (unter 18) bereits schwanger werden und heiraten. Mit 20-22 Jahren lebt die Mehrheit der Dorfbewohner_innen bereits in einer neu gegründeten Familie.

Sobald sich der Abend nähert (Dunkelheit ab ca. 19h) treffen sich die Jugendlichen jeden Tag zum Fußball spielen (was nur durch starken Regen verhindert werden kann) und die Kinder spielen Murmeln oder einen weniger auf den Sieg fixierten Fußball. Die Männer, v. a. die compas treffen sich zum unverbindlichen Austausch auf dem zentralen Basketballplatz. Ab 21h ist das Dorf wie ausgestorben, Hunde finden sich tlw. in kleinen Rudeln zusammen und geben ein nächtliches Konzert, dann kehrt Ruhe ins Dorf ein.

Wache am Dorfeingang
In der Regenzeit (die gerade aufhört) gibt es nur einen mit dem Jeep passierbaren Weg ins Dorf. Dieser Eingang ist seit den ersten Übergriffen durch die örtliche Polizei im April 2008 durch zwei Betonpfeiler und eine Eisenkette versperrt. Jeden Tag hat einer der compas dort Wache zu halten, um möglichen Verkehr von Personen (zu Pferde) oder Jeeps zu kontrollieren und ggf. nicht passieren zu lassen. Wir begleiten die Wache täglich von 7h morgens bis 6h abends (im Wechsel untereinander), insgesamt bleibt es dabei die gesamten zwei Wochen sehr ruhig. Von einer günstigen hoch gelegenen Position an der Wache sieht und hört man schon von weitem, wer auf das Dorf zufährt.

Im Dorf gibt es zwischen den den Dorfeingang kontrollierenden compas und den restlichen Bewohner_innen eine Abmachung, wer hineinfahren darf. So passieren den Posten z. B. die Mitarbeiter von den staatlichen Elektrizitätswerken CFE zur Inspektion des Stromnetzes und zum Ablesen der Zähler. Dieser bei uns normale Vorgang stellt hier etwas Besonderes und Kurioses zugleich dar. Zum einen handelt es sich um eine staatliche Institution, die eigentlich nicht erwünscht ist und zum anderen zahlen die sich im Widerstand befindenden Personen keinen Peso mehr an die seit Jahren die Strompreise stark erhöhende CFE (s. Anhang, aus Heft: Tierra & Libertad 66, S. 3-5, Link unten). Das bedeutet also, dass der jeweilige Beamte auch die neuen Zählerstände der Zahlungs-Verweigerer abliest, einträgt und – wohl wissend, dass dafür niemals bezahlt werden wird – uns grüßend wieder aus dem Dorf herausfährt. Ein anderes Mal kommen ein paar Polizisten in Zivil (aber im offiziellen Auto), die wir mit mehr Skepsis beobachten als die compas. Sie scheinen sie zu kennen und zu wissen, dass sie – wie angegeben – nur kurz zum Überprüfen der Wasserqualität (Kampf gegen Malaria tertiana) kommen und daraufhin wieder fahren, was sie auch tun. Nichtsdestotrotz notieren wir ihre Nummernschilder und Merkmale für den späteren internen Bericht für FrayBa. Es ist auch schon vorgekommen, dass als Möbelverkäufer getarnte Regierungs-Agenten in das Dorf eingedrungen sind und Informationen über derzeitige Widerstands-Aktivitäten sammeln wollten. Außerdem ist zu erwähnen, dass gegen 10 der Bewohner_innen Haftbefehle vorliegen, d. h. sie können das Dorf nicht ohne weiteres verlassen, ohne Gefahr zu laufen, direkt verhaftet zu werden (s. Geschichte des Widerstands).

Während der vielen Stunden nahe der Kette, haben wir viele interessante Unterhaltungen mit dem jeweiligen compa, der die Wache hält. So erzählt uns der eine vom Beginn des Widerstands, von den Zeiten davor, als sie noch für einen Großgrundbesitzer schuften mussten, von den derzeitigen Bedrohungen und von sich selbst. Die Zeit vergeht wie im Flug, manchmal ist es richtig schade, wenn es wieder 6h abends ist und wir zurück zu unserem Haus gehen. Es kommt aber auch vor, dass wir ein paar weitere Gespräche auf dem Basketballplatz halten sowie immer mal wieder Besuch von compas bekommen, mit denen wir bei einem Tee weitere Themen bereden.

Auf der Milpa
An 5 der insgesamt 14 Tage mache ich mich morgens um 7h auf den Weg, um einem Vater und seinen zwei Söhnen bei der Feldarbeit zu helfen, natürlich auch, um die Arbeit kennen zu lernen. Nach 20 min. Aufstieg durch tiefen Schlamm watend zu den am Rande eines Felsmassivs liegenden milpas (milpa = Maisfeld) vorbei an schönster Natur kann ich die drei durch fröhliche Gespräche irgendwo zwischen 3m hohen Maispflanzen ausfindig machen. Das Werkzeug haben sie mir mitgebracht: ein langes Hemd (gegen die einschneidenden Blätter des Mais‘), den sembrador (ein ausgehöhlter Kürbis mit Bohnen drin, der um die Taille geschnallt wird) und die barreta (ein langer Säh-Stock mit Eisenspitze). Im 20cm-Abstand werden mit dem Sä-Stock kleine Mulden in die Erde gebohrt und in zwei parallelen Reihen zwischen den Mais-Pflanzen angelegt. In jedes Loch werden genau drei Bohnen geworfen, was aus über einem Meter Höhe geübt sein muss. Mir fällt dies erst schwer, jedes zweite Loch muss korrigiert werden, die daneben liegenden, verfehlten Bohnen in das Loch geschoben werden – was ebenfalls nach vielfacher Wiederholung im Rücken zu spüren ist. Während ich eine Reihe im Feld bestelle, haben die anderen bereits jeder mindestens drei bis vier davon fertig. Sie haben aber viel Geduld mit mir und bescheinigen mir schon nach zwei Tagen, dass ich Fortschritte machen würde. Am fünften Tag meinen sie dann lachend, dass ich jetzt ein guter Bauer werden könne.
Die Arbeit ist auf Dauer anstrengend. Nach vier Stunden machen wir eine kurze Pause, es gibt traditionell nahrhaften pozol (Maismilch) zu trinken und dazu eingelegten jungen scharfen Chili (den man übrigens auch nach Kontakt mit anderen Körperteilen wie beim versehentlichen Augenreiben sehr eindrucksvoll zu spüren bekommt). Dazu essen wir die dünnen tortillas und schwarzen Bohnenbrei. Dann geht es weiter an die Arbeit. Gegen Mittag wird meist der hochgewachsene Mais um die Hälfte durch Abknicken verkürzt, um den bald dazwischen keimenden Bohnen mehr Licht zu geben. Die Hände werden von den scharfkantigen Maisblättern sehr rau, noch eine Woche später sind meine zarten mitteleuropäischen Tastatur-Handflächen etwas angeschliffen. Das spannendste an der zuletzt genannten Arbeit ist nebenbei die Erkundung der Insektenwelt (in, auf und unter den Maispflanzen). Riesige bunte Spinnen, Gottesanbeterinnen, Kröten, Käfer, haarige neonfarbene Raupen und anderes Getier fördern nicht gerade meine Arbeitsgeschwindigkeit.

Trotz bereits in vielen Dörfern vorhandenen Insektiziden und Fungiziden, Monsanto-Hybrid-Saatgut und gentechnisch verändertem Mais, scheint immer noch viel Platz und eine halbwegs unvergiftete Umwelt zu existieren, die diesen Artenreichtum erlaubt.

Die Zapatista und eben auch die Leute der „Anderen Kampagne“ in unserem Dorf lehnen gentechnisch veränderten Mais vollständig ab. Obwohl die Rendite höher ist, verstehen sie dies als Schutz ihrer jahrhundertelangen Kultur des Anbau indigener Maissorten (mit 56 verschiedenen Arten und rund 16.000 Varietäten die meisten weltweit!). Darüber hinaus kaufen sie auch kein Hybrid-Saatgut, das sie in jährliche Abhängigkeit größerer Konzerne treiben würde. Viele nicht-zapatistische Bauern verwenden es bereits, ursprünglich, um ihren Ertrag pro Fläche zu erhöhen – sie befinden sich damit aber mitten im Spiel um stets steigende Saatgut-Preise. Ganz ökologisch kommen aber auch die Zapatista nicht davon: sie sprühen einiges an Insektiziden und Pestiziden, um im Wettbewerb lokaler Märkte trotzdem mithalten zu können. Es wäre schön, wenn auch dies sich eines Tages ändern könnte. Nach Gesprächen mit Bauern über die negativen Folgen des Gifts weiß ich: bewusst sind sie sich dessen (teilweise) und sehr offen für Ideen, vielleicht ändert sich auch dies eines Tages – „fragend schreiten wir voran“.

Geschichte des Widerstands
Die nachfolgende Chronologie ist in vielen Einzelgesprächen und bei einem Abschluss-treffen mit den compas entstanden und mit Sicherheit nicht vollständig (aus Vorsicht auch an dieser Stelle nicht detaillierter!), zeichnet aber gut nach, was hier und in vergleichbarer Form in anderen Gemeinden passiert (ist):

• vor 1994
Alle im Dorf arbeiten seit Generationen für einen Großgrundbesitzer in prekären Verhältnissen als „Lohnsklaven“, die tagtägliche sehr anstrengende Arbeit reicht kaum zum existenziellen Erhalt der Familie.

• 01.01.1994
Der Aufstand der EZLN und Einnahme großer Gebiete in Chiapas zwingt den Großgrundbesitzer nach Mexiko City zu fliehen, er hinterlässt dem Dorf halb-offizielle Papiere über die umliegenden Ländereien, die sie bis dato für ihn bearbeitet haben.

• bis 2007
Viele Versuche, die von ihnen seit Generationen bearbeiteten Ländereien legal zu erwerben, scheitern allesamt trotz intensiver Gespräche mit der Regierung, zuletzt auch am Widerstand anderer (regierungsnaher) Gruppen aus umliegenden Dörfern, von denen die Bauern das Gebiet pachten müssen.

• Mitte 2007
In einem jahrelang geplanten Aufstand erheben sich die Menschen des Dorfs, um ihre Ländereien „wiederherzustellen“ (tierras recuperadas), es werden Holzschilder rund um das Dorf angebracht, die klare Trennlinien zwischen den eingenommenen und außerhalb des Dorfes liegenden Feldern erkennen lassen. Die Felder werden von nun an von den sich allesamt im Dorf im Widerstand befindenden Menschen bestellt. Damit beginnt der bis heute andauernde Kampf um das Territorium.

Die Regierung versucht, mit lukrativen Programmen die Bewohner_innen zur Aufgabe zu bewegen und den Widerstand zu spalten, was ihr bei einigen Familien auch nach und nach gelingt. Gegen 10 Personen im Dorf liegen unmittelbare Haftbefehle vor.

• Anfang 2008
Das Wasser wird durch einen gezielten Anschlag stark kontaminiert, wie sich herausstellt ist eine von der Regierung bezahlte entferntere Bewohnerin des Dorfes dafür verantwortlich. Viele Kinder und ältere Menschen werden krank.
Etwa 50 Polizisten dringen im Morgengrauen in das Dorf ein und nehmen einen compa fest. Durch das beherzte Eingreifen der sich versammelnden Frauen kann der Abtransport verhindert werden: sie selbst nehmen auf ihre Weise einen der Beamten fest und am Ende gibt es – zum Groll der Polizei – einen Gefangenenaustausch. Von nun an leben die Menschen im Dorf in Angst, es werden drei Wachpunkte Tag und Nacht besetzt, da tagtäglich mit einem neuen Einmarsch von Polizei / Militär gerechnet werden muss.

Schließlich wird das Zivile Camp für den Frieden zur Prävention weiterer Übergriffe auf das Dorf eingerichtet. Von nun an kommen im Zwei-Wochenrhythmus internationale Menschenrechtsbeobachter_innen.

• Mitte 2008
Die militärische Einheit „Öffentlich Sicherheit“ installiert ein Camp nahe des Dorfes, wo sie innerhalb eines Monats die Mais- und Bohnen-Pflanzen der Bewohner_innen zerstören, aus einem Feld einen Fußballplatz machen und die naheliegende einzige direkte Wasser-Quelle des Dorfes zerstören.

Die Bewohner_innen setzen sich nach einem Monat zur Wehr, bei internationaler Präsenz nehmen sie weitere Felder ein und erneuern die Wasserquelle. In dem darauf folgenden Zusammenstoß mit der Polizei kommt es zu mehreren Verletzten (v. a. auf Seiten der Bewohner_innen). Am nächsten Tag gibt das Militär das Camp auf. Bis heute hat es seitdem keine Übergriffe mehr gegeben.

Die andere Kampagne
Rechtzeitig vor den Wahlen kündigt das Sprachrohr der EZLN im Juni 2005 eine neue Kampagne an, die auf Grundlage der „6. Deklaration aus dem Lakandonischen Urwald“ (s. Link unten) die sozialen Kämpfe in Mexiko neu organisieren und stärken soll. Die seit der Erhebung der Zapatista nun 6. Verfasste Deklaration ist eine Art Reflexion dessen, was bis dato in 12 Jahren seit Erhebung der Zapatista erreicht worden ist und was nun getan werden sollte, um weiteren Druck auf die Regierung auszuüben und den Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit Nachdruck zu verleihen. Außerdem stellt die EZLN-Kommandantur klar, dass sie keine militärische Aktivität plane, sondern ihren Kampf weiterhin durch die zivile Unterstützung der Basisgruppen fortführen wolle.

Die „Andere Kampagne“ (La otra campaña) läuft offiziell seit Anfang 2006, um „von unten für unten“ eine „neue antikapitalistische Verfassung Mexikos“ aufzubauen. In ihr sollen sich v. a. alle Mexikaner_innen wiederfinden, die „anders“ sind, die Marginalisierten. Es wird explizit auf Gruppen wie Indigene, Homosexuelle, Punks, Arbeiter_innen auf der Straße, Prostituierte, religiös Verfolgte etc. eingegangen. Durch die Zusammenkunft und Verbindung aller „von unten“ im sozialen Kampf soll ein breites Bündnis hergestellt werden, das als „Bewegung der Bewegungen“ fungieren und eine „klare Alternative zum parteipolitischen Modell darstellen“ (Pablo González Casanova, ehem. Rektor der Uni UNAM).

Dazu begann die EZLN-Spitze mit Subcomandante Marcos als „Delegierter Null“ seit 2006, alle 31 Bundesstaaten Mexikos und die Hauptstadt nach und nach zu bereisen. Vor der Wahl des neuen Präsidenten Mexikos im Juli sollte der Bevölkerung eine Alternative zum nächsten korrupten und in der Tradition des Kapitalismus handelnden Oberhaupt der Nation aufgezeigt werden. Die „Andere Kampagne“ ist an vielen Orten auf breites Interesse, Beifall und Solidarität vieler Menschen gestoßen. In Oaxaca (Süden Mexikos) begann parallel dazu, dass ab Juli 2006 ein zunehmend größer werdender Generalstreik der Lehrer_innen und in der APPO zusammengeschlossenen sozialen Gruppen weiteren Druck auf die neu gewählte konservative Regierung (im Bundesstaat Oaxaca) ausübten. Zwischen den Zapatista und der APPO gab es viele gegenseitige Solidaritätsbekundungen und Zusammenarbeit. Letztendlich wurde dieser immer schärfer werdende Sozialprotest in Oaxaca Stadt im November blutig niedergeschlagen, mit mindestens 17 Toten (darunter auch der Indymedia-Reporter Brad Will).

Im September 2007 sagt die Führung der EZLN die ursprünglich bis Dezember geplanten Besuche in den südlichen Bundesstaaten Mexikos ab, um sich auf „die Verteidigung der Gemeinden“ konzentrieren zu können. Dieser Schritt der Konzentration auf die eigenen Gebiete und das bis heute andauernde Verhüllen in Schweigen wird von vielen als neue Bedrohung zapatistischer Gebiete interpretiert. Vielleicht gibt es auch einfach einen Strategiewechsel, nicht selten hat die EZLN mit neuen kreativen und völlig unvorhergesehenen Aktionen überrascht.

Bis heute haben über 1000 (politische, soziale, kleinbäuerliche etc.) Gruppen und rund 4000 Einzelpersonen in den 32 Bundesstaaten Mexikos die Forderungen und Unterstützung der „Anderen Kampagne“ unterzeichnet. Auf internationaler Ebene sind es (ohne Mexiko) rund 2094 Gruppen in 61 Ländern.

Die Andere Kampagne läuft damit weiter und ist für viele eine neue politische Form der Vernetzung geworden. Die Bewohner_innen in unserem Dorf haben diese Form des Widerstands auch deshalb gewählt, weil sie damit am nahesten zapatistisch leben können, ohne der starken Repression gegenüber den „echten“ „Unterstützungs-Basis“-Zapatista zu sein – letztendlich aber ähnlich aktiv zu sein. Diese parallelen Aktivitäten wirken zunächst etwas verwirrend, schließen sich aber in keinster Weise aus und haben in individuellen Fällen ihre Berechtigung. Die „Andere Kampagne“ hat den Zapatista ein neues Rückgrat vieler sympathisierender Gruppen gegeben.

Aktuelle Bedrohungen im Dorf und Fazit
Seit geraumer Zeit gibt es neben der immer noch existierenden Angst über den Einmarsch neuer Polizeieinheiten aufgrund der eingenommenen Felder eine neue Bedrohung. Offenbar scheint die Regierung Chiapas‘ langfristig zu planen, das oberhalb der Felder an das Dorf angrenzende Felsmassiv an ausländische Minenfirmen zu verkaufen. Es gibt sogar Gerüchte über den bereits erfolgten Verkauf an eine kanadische Gesellschaft – ohne Befragung oder Zustimmung der Bewohner_innen unserer Gemeinde und der weiterer Dörfer. Seitdem es Anzeichen für Gold- und Silbervorkommen in dem Gebiet gibt, kursieren viele Gerüchte.

Sollte sich dies bewahrheiten, ist das Dorf folglich doppelt und vermutlich v. a. durch die neue Sachlage bedroht. Es macht m. E. also vollkommen Sinn, weiterhin internationale Menschenrechtsbeobachter_innen in die vermeintlichen Frieden der letzten zwei Jahre im Dorf zu schicken – es kann jeden Tag wieder losgehen. Darüber hinaus wäre es mit Sicherheit hilfreich, sich weiter vor Ort zu vernetzen, an politischem Gewicht zu gewinnen. Leider stehen die Gemeinden untereinander nicht in weiterer Kommunikation oder sind durch die polarisierende Stimmung zwischen Zapatismus und Regierungsprogrammen nahezu verfeindet. Die neu auftretende Bedrohung könnte vielleicht sogar eine Chance in der Richtung sein, dass auch die Leute anderer Gemeinden sich vernetzen und in irgendeiner Form in den Widerstand eintreten, anstatt ihre Ländereien zu verkaufen und unter der Kontaminierung nahe liegender Minen zu leiden.

Der Aufenthalt in der Gemeinde war für mich eine sehr eindrucksvolle Zeit, mit vielen Gesprächen, Anregungen und Dingen zum Nachdenken. Besonders eindrucksvoll ist, dass trotz all der bekannten Bedrohungen und generellen Schwierigkeiten im Alltag in einem derart ruralen Gebieten, die Freude und Lustigkeit der Menschen zuletzt stirbt.

Links:
Tierra y Libertad, Heft 66 mit Artikel zu Stromboykott
6. Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald – deutsch mit Zusammenfassung
Zusammenfassung aller 6 Kapitel der 6. Erklärung
Manifest der „Anderen Kampagne“ – zusammengestellt von Gruppe B.A.S.T.A.

Siehe auch: Infos aus Chiapas - Vol. 1: Einführung in den lakadonischen Urwald

Infos aus Chiapas - Vol. 1: Einführung in den lakadonischen Urwald

Der folgende Bericht aus Chiapas / MÉXICO erscheint bei uns mit freundlicher Erlaubnis von Fabian - Kalle Blomquist:

Liebe Unterstützer_Innen und Interessierte!
Im Folgenden möchte ich Euch einen ersten (kurzen) Überblick über das geben, was sich im Süden Mexikos seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelt hat. Auf der ganzen Welt haben die Zapatista mit ihren untypischen blumig-philosophischen und gleichzeitig linksradikalen antikapitalistischen Worten und Taten viel Gehör und Solidarität erfahren. Ihr Kampf für eine gerechtere tolerantere Welt, in die „viele Welten passen“ geht weiter – „fragend schreiten sie voran“. Dabei sind jedoch viele Hürden zu überwinden, einige der schlimmsten äußern sich in Vertreibungen, Enteignungen, Gewaltexzessen und sogar auch Mord in den zapatistischen und anderen sich den Angriffen von Staat, Wirtschaft, Militär und Paramilitärs widersetzenden indigenen Gemeinden.

Mein Aufenthalt in Chiapas hat das Ziel, zum Einen mehr über diese auf der Welt einzigartigen Strukturen erfahren zu können und dabei zum Anderen selbst etwas „geben“ zu können. Ein jeweils 2-wöchiger Aufenthalt in einer solchen Gemeinde mit mehreren internationalen Menschenrechtsbeobachter_innen zusammen soll verhindern, dass es zu weiteren derartiger Taten gegen die Menschheit und die äußerst vulnerablen Menschen in den verarmten Gemeinden kommt. Ich freue mich also, wenn auch ihr u. U. Euren Teil dazu beitragt, die zapatistischen Ideen zu verbreiten und Informationen über die aktuelle Lage in Mexiko und Chiapas weiter zu geben, vielleicht sogar selbst aktiv zu werden – nur so kann langfristig diese äußerst interessante und in ihrer Form einzigartige, aber tagtäglich bedrohte Bewegung bestehen und der Mehrheit der Volks, den Unterdrückten in Mexikos und anderswo eine Stimme geben.

Zapatistas Foto: EZLN
MÉXICO –LAND DER GEGENSÄTZE
In Mexiko existieren bis heute noch 62 verschiedene Sprachen diverser Ethnien, von denen Teile Nachfahren der vor der Ankunft der spanischen Eroberer herrschenden Azteken (Norden und Zentrum) und Maya (Süden) darstellen. Diese indigenen meist noch sehr traditionelle in kleinen Dorfgemeinschaften lebenden Menschen machen etwa 10 Millionen und damit rund 1/10 der Gesamtbevölkerung aus. Den größten Anteil bilden die sogenannten Mestizen (Nachfahren der Kolonialisten und Indigenen), nur 1/20 der Bevölkerung sind Weiße und damit direkte Europäer bzw. aus den USA.

Die Verteilung des Reichtums wiederum ist, wie zwar in den meisten lateinamerikanischen Ländern, auf eine in Mexiko zahlenmäßig aber besonders geringe (meist weiße) Elite beschränkt. Rund 40% der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze und 55% der Indigenen sind Analphabeten (bei den Frauen sogar rund 70%). Neue wirtschaftliche Transformationen und Abhängigkeiten im globalen Weltmarkt, wie z. B. das Freihandelsabkommen mit den USA und Kanada NAFTA, generieren immer mehr Armut der ohnehin schon vulnerablen (indigenen) Bevölkerung, während gleichzeitig auch der Reichtum Weniger steigt. Generell kann neben der strukturellen Armut überall im Land von einem Nord-Süd-Gradienten gesprochen werden. Während Teile der an die USA angrenzenden Bundesstaaten Mexikos teilweise von Arbeitsmöglichkeiten und Handel mit dem Nachbarland profitieren, weisen v. a. Guerrero, Oaxaca und Chiapas die höchsten Armutsraten und Indigenen-Anteile auf.

Für einige gab es wieder etwas Hoffnung, als im Jahr 2000 die seit 71 Jahren in einer Quasi-Alleinherrschaft regierende Partei PRI von Vicente Fox und der konservativen PAN abgelöst wurde. Auch die Zapatista traten mit neuen Forderungen an ihn heran. Letztendlich hat sich nicht viel für die verarmten Menschen bewegt, die die Mehrheit im Land darstellen. Seit 2006 regiert Felipe Calderón (PAN), der seit den letzten Monaten durch die „harte Hand“ gegenüber den in Mexiko wütenden Drogenkartellen im Licht der Öffentlichkeit steht. Seitdem wütet der Konflikt um die Vormachtstellung von Banden, Militärs und Polizei rund um das weiße Gold – an dessen Erlös alle beteiligt sind. Allein im Jahr 2009 sind in diesem Krieg fast 10.000 Menschen umgekommen – Tendenz: steigend. Im Jahr 2010 ist diese Zahl bis Juli bereits fast erreicht. Auch in Chiapas gibt es derartige Vorkommen und nicht allzu selten werden die nicht einmal Alkohol konsumierenden Zapatista mit dem Vorwand der Drogenbekämpfung vertrieben, verhaftet und ermordet.

Mexiko steht spätestens seit den Geschehnissen in Oaxaca im Sommer und Herbst 2006 als in besonderer Weise die Menschenrechte verletzend im Licht der Öffentlichkeit. Ein als Lehrerstreik beginnender und durch breite Öffentlichkeit und den Zusammenschluss sozialer und indigener Gruppen vor Ort im größer gewordener Kampf zur Absetzung des Gouverneurs Ulises Ruiz Ortiz endete zunächst dramatisch durch die Ermordung vieler Protestierender und des Indymedia-Journalisten Brad Will mitten in der Stadt Oaxacas, wo heute in aller Ruhe Touristen ihren Kaffee schlürfen können. Derselbe Ruiz, der für zahlreiche Ermordungen, willkürliche Verhaftungen und Folterungen verantwortlich gemacht werden kann, sitzt bis heute als Quasi-Monarch im Präsidentenpalast und hat erst letzten Mittwoch zur 200-Jahr-Feier der Unabhängigkeit Mexikos die Feierlichkeiten vom Balkon des Palasts für die unter ihm wartende Bevölkerung eingestimmt und zum Besten gegeben.

Das Erbe der Unabhängigkeit von 1810 und der mexikanischen Revolution von 1910 rund um Emiliano Zapata und Pancho Villa um die gerechte Verteilung von Land und Freiheit der oftmals in Lohnsklaverei abhängigen Menschen ist beschmutzt. Bis heute gibt es eigentlich nur wenige Gründe, 200 Jahre Unabhängigkeit inbrünstig zu feiern – ob im Norden, wo ein unerbittlicher Bandenkrieg herrscht, oder im Süden, in Chiapas, dem ärmsten Bundesland des an Rohstoffen und Biodiversität so reichen Landes.

01.01.1994 - Der Aufrstand der Würde
In der Nacht zum 01. Januar 1994 melden sich die seit rund 10 Jahren sich vorbereitet habenden Zapatista in San Cristóbal de las Casas, Chiapas zu Wort. Das Datum ist nicht zufällig gewählt – an diesem Tag tritt Mexiko dem nordamerikanischem Freihandels-abkommen NAFTA bei, das über den Abbau von Handelsbeschränkungen bald den mexikanischen und damit chiapakenischen Markt mit subventionierten billigeren US-Produkten überschwemmen wird und somit die traditionelle und regionale Wirtschaft Mexikos in die Enge treibt. In fünf weiteren Gemeinden werden die Rathäuser von der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) besetzt und die „1. Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald“ verlesen. Diese beinhaltet die Forderungen nach freien demokratischen Wahlen, einer Landreform (weg vom Großgrundbesitz) und sozialer Gerechtigkeit für alle – inklusive der hier größtenteils indigen lebenden Menschen.

Die Einnahme der 6 Gemeinden und die Absichten ihrer selbst sind zugleich eine Kriegserklärung an den mexikanischen Staat. Binnen weniger Tage werden Großteile des mexikanischen Heeres nach Chiapas verlegt und es beginnt ein Krieg, der auf beiden Seiten, v. a. auf zapatistischer, einige Opfer fordert. Auf Druck der Zivilgesellschaft (Teile Mexico Cities wurden z. B. lahmgelegt) wird dieser Krieg nach 12 Tagen im Januar 1994 beendet, es beginnen Friedensverhandlungen. Seitdem kämpfen die Zapatista bis heute mit politischen und äußerst kreativen Mitteln für ihre Ziele.

"Sie befinden sich in zapatistischen Rebellengebiet. Hier geben die Menschen, die Anweisungen und die Regierung gehorcht."
Die EZLN und die zivilen Unterstützungsbasen
Die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) ist der militärische, bewaffnete Arm der Zapatista. Seit dem Kriegsstillstand im Januar 1994 ist dieser nicht mehr in Erscheinung getreten sondern befindet sich irgendwo im Urwald im „Stand-by-Modus“, damit die Bewegung ein Rückgrat besitzt, solange die Bedrohungen für sie derart stark sind. Der Sprecher der EZLN ist der eine schwarze Skimaske und zwei Uhren tragende sowie in der Öffentlichkeit Pfeife rauchende intellektuelle Kopf „Subcomandante Marcos“ – wahrscheinlich ein Philosophie-Student der traditionellen Universität UNAM in Mexiko City. Er muss für viele wirre Vergleiche, Plastikmasken, Heroisierungen und weitere Absurditäten herhalten, was keineswegs den Eindruck geben soll, dass die EZLN ein von Marcos straff geführter Kadetten-Verein oder sonstige Popkultur sei. Besonders hervorzuheben sind die – in einer weiterhin von machistischen Vorstellungen stark geprägten lateinamerikanischen Kultur ungewöhnlich vorkommenden – kämpfenden Frauen, unter ihnen die bereits 2006 verstorbene „Comandante Ramona“ und „Comandante Esther“ – die maßgeblich bei der Einnahme der Gemeinden und Friedensverhandlungen beteiligt waren.

Die Hauptarbeit besteht aber in den „Bases de apoyo“, den zivilen Unterstützergruppen, sprich bei den Dörfern, die sich den Zapatista angeschlossen haben und seitdem die Ideen leben, verändern und gestalten. Hier herrscht beispielsweise ein absolutes Drogenverbot, also auch der Nichtkonsum von Alkohol. In vielen indigenen Gemeinden hat der starke Alkoholkonsum insbesondere der in den Familien vorstehenden Männern zur weiteren Verarmung beigetragen – außerdem die häusliche Gewalt (gegenüber den Frauen) verstärkt. Ein eigenes Kranken- und Bildungssystem sollen langfristig gewährleisten, dass jede_r unabhängig von seinen ökonomischen Möglichkeiten Zugang zu ärztlicher Versorgung und der Grundausbildung in Lesen und Schreiben sowie weiteren Schulfächern
bekommt. Neben den klassischen Fächern und Medikamenten wird auch die traditionelle Kultur langfristig gefördert (Heilpflanzen, Ausbildung in den indigenen Sprachen und ihrer Historie). Inzwischen weisen viele dieser Gemeinden einen höheren Bildungsgrad und eine bessere ärztliche Versorgung als der Durchschnitt Mexikos auf.

Organisiert sind die über 100 Gemeinden seit 2003 in 5 Lokalregierungen, den „Caracoles“ (Schneckenhäuser), die mit den „Juntas del Buen Gobierno“ (Räte der Guten Regierung, die schlechte sitzt in Mexico City...) die Hauptverwaltung und gleichzeitig absolut basisdemokratische Struktur darstellt. In der Junta arbeitet fast jede_r einmal, im zweiwöchigen Turnus wechseln sich die Menschen ab – was beizeiten zu viel Verwirrung und Anfangsschwierigkeiten führen kann, aber dennoch die Einbindung und Politisierung der Menschen ungemein fördert.

Das Abkommen von San Andrés
Bereits im Februar 1994, kurz nach dem 12-Tage-Krieg finden durch Vermittlung des damaligen Bischofs Samuel Ruiz García, die ersten Friedensverhandlungen in der Kathedrale von San Cristóbal statt. Nach langen Verhandlungen wird genau zwei Jahre später das Friedensabkommen von San Andrés von Seiten der Regierung und der EZLN unterzeichnet. Dieses umfasst die Anerkennung der Rechte und der Kultur der indigenen Bevölkerung. Darin verpflichtet sich die mexikanische Regierung eine Reform umzusetzen, welche die ethnische und kulturelle Vielfalt dieser gesetzlich anerkennt, indem sie der indigenen Bevölkerung die nötigen Mittel zur Verfügung stellt, ihre eigene Identität zu erhalten und weiter zu entwickeln. Am Ende scheitert der Gesetzesentwurf jedoch im Kongress, als der damalige Präsident Zedillo sein Veto einlegt. Die Forderungen werden nie umgesetzt und die EZLN sieht sich gezwungen, den Dialog mit der Regierung abzubrechen.

Mit der Amtsübernahme von Vicente Fox im Jahr 2000 werden die Verhandlungen von San Andrés erneut thematisiert. Vox verspricht, die bereits tot geglaubten Forderungen umzusetzen, beginnt mit der Auflösung einiger Militärbasen. Die EZLN führt einen Sternmarsch durch Mexiko City im Jahr 2001 durch. Letztendlich werden aber auch unter Fox keine ernst zu nehmenden Veränderungen spürbar, ein halbherzig verabschiedetes Indígena-Gesetz bezeichnet die EZLN als Verrat, bricht den Kontakt erneut ab und schweigt bis heute. Seit 2003 werden mit den neu gegründeten 5 Lokalregierungen „Caracoles“ und den „Juntas del Buen Gobierno“ die seit 1996 bestehenden Forderungen selbst praktisch umgesetzt ohne auf weitere Unterstützung und Kooperation mit der Regierung Mexikos zu hoffen.

Der Krieg niederer Intensität und die Bildung von Paramilitärs
Der Krieg niederer Intensität ist ein klar definierter Begriff, der bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts zurückreicht und von den USA zur Aufstandsbekämpfung in Mittelamerika eingesetzt wird. In Mexiko sind die Militärs vom CIA gezielt auf eine psychologische Kriegsführung durch z. B. unrechtmäßige Enteignungen der sich im Widerstand befindenden Dörfer, das „Verschwindenlassen“ von Personen und gezielte Desinformation der Bevölkerung trainiert worden. In den 90er Jahren sind zusätzlich paramilitärische Gruppen wie z. B. „Paz y Justicia“ (Friede und Gerechtigkeit), „MIRA“ (Revolutionäre Antizapatistabewegung) etc. vom Militär und z. B. einflussreichen (Ex-) Großgrundbesitzern ausgebildet und ausgestattet worden die fortan die „Drecksarbeit“ übernehmen – die Einschüchterung, Verschleppung und Ermordung von Personen. Diese quasi-autonomen bewaffneten Gruppen treiben besonders in den letzten Jahren ihr Unheil in Chiapas und können noch viel schlechter kontrolliert und verfolgt werden. Die Armee erledigt offiziell keine solcher „Dienste“, gibt sich damit nach außen als saubere gerechte Überwachungseinheit im Konfliktgebiet – hat aber nachweislich einen hohen Anteil an der Förderung und Ausbildung dieser Gruppen.

Einen traurigen Höhepunkt dieser Entwicklungen stellt das Massaker an 45 teilweise schwangeren Menschen in Acteal im Dezember 1997 dar, den das bewaffnete Paramilitär „Paz y Justicia“ an den „Avejas“ (Bienen), einer römisch-katholischen pazifistischen Gemeinde, verübt hat. Die Avejas unterstützen bis heute die zapatistischen Ideen, ohne jedoch den militärischen Arm EZLN gut zu heißen.
Darüberhinaus versucht die Regierung mit einem Propagandafeldzug („Zucker und Peitsche“) den Aufstand zu schwächen und zu spalten – so dass heute in vielen Gemeinden einige Familien den Zapatista angehören und andere der PRI (regierungsnah) oder wohlmöglich paramilitärisch organisiert sind, was folglich starke Konflikte innerhalb der Gemeinde mit sich bringt. An den Ausfallstraßen befinden sich viele der Plakate mit den Regierungsprogrammen, welche soziale Leistungen wie Kindergeld oder eine finanzielle Unterstützung für Strom und Medikamente anbieten, was bei dem geringen Einkommen vieler Menschen sehr verlockend ist.

Die Zapatisten nehmen keine Unterstützung des Staats an, sie haben schließlich ihre Erfahrungen bereits gesammelt, was eine wirkliche Unterstützung ihrer Anliegen angeht.

Menschenrechtsbeobachtung in bedrohten Gemeinden
All die bisher beschriebenen Vorkommnisse von Einschüchterung, Schädigung und exzessiver Gewaltanwendung gegenüber den indigenen Gemeinden können bisher leider nur durch internationalen Druck und die Präsenz von Beobachtern vor Ort eingedämmt oder möglicherweise unterbunden werden.

Die 1989 ebenfalls vom Bischof Samuel Ruiz García gegründete NGO „Fray Bartolomé de las Casas“ in San Cristóbal übernimmt diese Aufgabe, in dem sie neben der rechtlichen Beratung und Beihilfe sowie Öffentlichkeitsarbeit auch Menschenrechtsbeobachter_innen nach Chiapas schickt. Hier werden internationale in ihrem Land bereits geschulte Menschen gezielt in irgendeiner Weise bedrohte Gemeinden für genau zwei Wochen geschickt, die den Zapatista angehören oder aber in anderer Weise im Fokus der rechten Paramilitärs oder Militärtruppen stehen. Durch den in Chiapas immer wichtiger werden Tourismus und die Ausbeutung der reichlich vorhandenen Rohstoffe, sind einzelne Dörfer oder Familien-Äcker oft bedroht und werden – sofern kein erheblicher Widerstand geleistet wird – schlichtweg platt gemacht.

Die Idee dieser internationalen Augen vor Ort ist die, dass durch das passive, aber dokumentierende Vor-Ort-Sein der Beobachter_innen größere Übergriffe verhindert werden können, was bisher auch geklappt hat. Außerdem können durch die folgenden Berichterstattungen so langfristig Strategien der verschiedenen Akteure, die die indigenen Gemeinden bekämpfen, erarbeitet werden, um Wege zu finden, die unterdrückten Menschen am Rande der Gesellschaft langfristig für ein würdevolles Dasein unterstützen zu können. In Deutschland bereitet CAREA e. V. zweimal im Jahr für die Menschenrechtsbeobachtung in Chiapas und die Zeugenbegleitung des lange vom Bürgerkrieg geplagten Guatemalas vor.

www.carea-menschenrechte.de
(CAREA e. V. in Deutschland)
www.frayba.org.mx (Menschenrechtszentrum FrayBa in San Cristóbal)
www.chiapas98.de (Inforportal zu aktuellen Dingen rund um die Zapatista)
www.ezln.org.mx (offizielle Seite der EZLN)