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"Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag: sie wohnen in schönen Häusern, sie tragen zierliche Kleider, sie haben feiste Gesichter und reden eine eigene Sprache; das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf einem Acker." Georg Büchner

Es gibt noch Hoffnung. Oder?

In der mir eigenen Naivität dachte ich früher immer, das, was in den ganzen Shows, Richtersendungen usw. usf. auf den Privatsendern abläuft, könne nicht echt sein, weil kein Mensch so blöd sein könne, sich als Darsteller für derartigen geistigen Dünnschiß herzugeben. Gestern abend hatte ich mich weil sonst im Grunde auch nichts besseres läuft in einem Anfall von seelischem Masochismus zu einer halben Stunde Dschungelcamp ("Ich bin ein  Star - holt mich hier raus") gezwungen.

Ich dachte mir, wenn sich ein Teil meiner Kollegen davon jede einzelne Folge reinziehen und auch die dazugehörige Dokumentation von Brustimplantaten der weiblichen und männlichen "Stars" (je nach Preislage oberhalb oder unterhalb des Brustmuskels) in der "BILD" verfolgen, kann ich nicht außen vor stehen und muss mitreden können.

Die dort agierenden Menschen bedürfen meiner Ansicht nach dringend psychatrischer Behandlung. Mehr noch allerdings die Zuschauer. Seit gestern geht es mir übrigens auch nicht mehr so gut :-O In der gestrigen Folge ging es wohl darum, welcher der geltungsbedürftigen Akteure letzlich als "Sieger" aus dem "Big Brother Nachbau" hervorgeht. Das konnte offenbar nur der / die / dasjenige werden, welchem es am wenigsten grauste am wenigsten Skrupel hatte, die Konkurrenz mit üblem Geschwätz in der in der Zuschauergunst auszustechen. Die Zuschauer werden demokratisch eingebunden und können mit einem Anruf "ihre(n) KandidatIn" in der Bewertung nach oben pushen. Wie im richtigen Leben. So werden so diejenigen Eigenschaften gefördert, die dem Erhalt der herrschenden Ordnung dienen. Als da wären: Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Entsolidarisierung, kurz - die Lebenseinstellung des TINA Prinzizips: "Du hast zwar nichts zu melden aber was soll's - Du kannst eh nichts machen, es war schon immer so und wird sich auch nicht ändern, also mußt Du auch nichts machen, Hauptsache wir gehen so bescheuert wie möglich unter."

Der Standpunkt des geschätzten Pantoffelpunk bringt das auf den Punkt:
"Schade finde ich ja - gerade in Zeiten wie diesen, oh Krise hier, oh Krise da - immer wieder, dass der Pöbel schnelle und leichte Antworten auf seine bohrenden Fragen möchte, dass er sich nicht die Zeit nimmt, die Situation umfassender zu begreifen, andere Stimmen zu hören, andere Konzepte zu prüfen und dass der deusche Michel einfach nicht den Mut aufbringt, das System zu hinterfragen. Und so bleibt die angebliche Bewältigung der Finanzkrise nur die Fortführung der immer selben Grütze, die uns in diese Krise geführt hat."

Stellt sich die Frage: Was war eigentlich zuerst da - die Propaganda oder die Einstellung? Oder sind beides nicht die verschiedenen Seiten ein und derselben Medaille? Und: Müssen wir das hinnehmen?

Ein Kollege von mir, der nicht zur bloggenden Zunft gehört, hat in dem Zusammenhang einen interessanten Gedankengang entwickelt, den ich hier mal skrupellos klaue zitiere:

Die kapitalistische Weltwirtschaft ist mitten in ihrer bislang größten internationalen Belebung in eine gesetzmäßig auftretende Überproduktionskrise gerasselt. Interessierte Gruppen wollen uns weismachen, dass mit dem Abbau des Lebensstandards der Beschäftigten die Durststrecke überwunden werden kann. Das Gegenteil davon wird eintreten, mit der Abnahme von Massenkaufkraft wird sich die Krise vertiefen. Das wird durch tolle Verschrottungs - und Klimakillerprämien auch nicht zu ändern sein.

Nun könnte man bei Karl Marx nachschlagen und käme zu den Fragen, was Krisen verursacht, warum Kapitalismus niemals ohne funktionieren wird, ja sogar die Frage was passieren muß, damit der kapitalistische Reproduktionsprozeß wieder in Gang kommt, läßt sich dort erfahren.

Doch Antikommunismus hat in Deutschland Religionsrang. Wir werden uns höchst wahrscheinlich noch etwas gedulden müssen bis marxistische Ideen im Massenumfang aufgegriffen werden.

Etwas unverfänglicher ist da Albert Einstein, dem allgemein große Intelligenz zugesprochen wird. Auch er hatte gute Tips. Im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise 1929 wird ihm der Satz zugesprochen: "Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind."

Er gab auch einen Hinweis darauf, wie man Probleme lösen kann. Einstein sagte einmal: „Wenn man mir eine Stunde Zeit geben würde, ein Problem zu lösen, von dem mein Leben abhängt, würde ich 40 Minuten dazu verwenden, es zu studieren, 15 Minuten dazu, Lösungsmöglichkeiten zu prüfen, und 5 Minuten, um es zu lösen.“

Die Regierung, die Unternehmer und verschiedene Gewerkschaftsführer halten sich an einen anderen Maßstab:
"Zwei Dinge sind unendlich: Das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir noch nicht sicher." Sie halten daher einen anderen Lösungsweg für sinnvoller:

Die ersten 10 Minuten wird verkündet: "Da ist kein Problem!" Dann hektisches Erwachen und sofortige Lösung unter 1 Minute: Konjunkturpakete. Beschäftigungssicherungstarifverträge. Kurzarbeit. Entlassungen. Die nächste Zeit wird dann sicher verbracht mit Aufatmen, dass zwar sich am Problem nichts ändert, die Verluste für die ganzen Aktionäre und Gesellschafter aber von vornherein durch deren Vergesellschaftung minimiert werden.

Kein seriöser Mensch wird sagen können, wie sich die Krise entwickelt. Aber eins ist heute schon sicher: Wenn wir eine Welt ohne Krisen wollen, dann gilt es für eine andere Gesellschaft einzutreten. Für Albert Einstein war das der Sozialismus. Dazu ein paar Kostproben:

"Die ökonomische Anarchie der kapitalistischen Gesellschaft heute ist meiner Meinung nach die eigentliche Ursache des Übels. Wir sehen vor uns eine riesige Gemeinschaft von Erzeugern, deren Mitglieder unaufhörlich bestrebt sind, einander die Früchte ihrer kollektiven Arbeit zu entziehen, - nicht mit Gewalt, aber in getreuer Einhaltung der gesetzlich feststehenden Regeln." (...)

Die Produktion ist für den Profit da – nicht für den Bedarf. Es gibt keine Vorsorge dafür, dass all jene, die fähig und bereit sind, zu arbeiten immer Arbeit finden können."

"Ich bin davon überzeugt, daß es nur einen Weg gibt, dieses Übel loszuwerden, nämlich den, ein sozialistisches Wirtschaftssystem zu etablieren, begleitet von einem Bildungssystem, das sich an sozialen Zielsetzungen orientiert. In solch einer Wirtschaft gehören die Produktionsmittel der Gesellschaft selbst und ihr Gebrauch wird geplant. Eine Planwirtschaft, die die Produktion auf den Bedarf der Gemeinschaft einstellt, würde die durchzuführende Arbeit unter all denjenigen verteilen, die in der Lage sind zu arbeiten und sie würde jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind einen Lebensunterhalt garantieren."

Soweit mein Kollege (mit ein paar Ergänzungen und Weglassungen meinerseits). Diese Seite von Einsteins Ideen wird ja leider gerne ausgeblendet, Einstein selber wurde für diese Ansichten in den USA durch das FBI überwacht. Warum wohl? In dieser Tradition wird jeder, der etwas gegen die Abwälzung der Krise auf die Masse der Bevölkerung vorbringt, medial ans Kreuz genagelt und zum eigentlichen Problem erklärt:

"Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall warnte vor überzogenen Vorwürfen an die deutsche Wirtschaft. Wer auf jeden Stellenabbau "reflexhaft mit maßloser Kritik" reagiere, dürfe sich nicht wundern, wenn eines Tages selbst ein starker Motor ins Stottern gerate, sagte Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser. In der Metall- und Elektrobranche als größtem deutschen Industriezweig sei die Zahl der Stammarbeitsplätze im vergangenen Jahr allein um 120.000 auf 3,5 Millionen gestiegen. Jeder Stellenabbau sei schmerzlich, sagte Kannegiesser. Meist sei dies aber einem Strukturwandel geschuldet, dem Unternehmen nicht ausweichen könnten."

In einer eigenartigen, im Grunde jedoch wenig überraschenden großen Koalition quer durch die Parteienwelt, Unternehmerverbände, Medienschaffenden und sonstigen geistigen, kulturellen und ideologischen Dummschwätzern scheinen sich einige der Protagonisten auf dieselbe propagandistische Masche wie früher einzustellen. Anders klappt das ja sonst auch nicht. Andere setzen auf bewährte Muster: Für die Masse muss "Brot und Spiele", ideologische Nebelkerzen oder das Vertrösten auf eine bessere Welt im Jenseits reichen. Letzteres ist alter Wein in neuen Schläuchen. Ersteres eine alte Variante des kollektiven Massenbesäufnisses, von Rudelbumsen, Hirnabschaltung uvm. Dampfablassens, das in den nächsten Tagen und Wochen wieder das Denken vieler Mitmenschen beherrrschen wird.

Passend zum Ende vom Dschungelcamp. Komisch.