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"Das "Vaterland" ist der Alpdruck der Heimat." Kurt Tucholsky

Pioniertat gegen das Vergessen

Die Wanderausstellung »Geraubte Kinder – vergessene Opfer« des gleichnamigen Vereins aus Freiburg wurde am 5. November 2016 mit dem Alfred-Hausser-Preis der VVN-BdA Baden-Württemberg geehrt. Die Laudatio auf die Preisträger hielt Jens Rüggeberg aus Tübingen. Der folgende Beitrag ist ein Auszug aus dieser Laudatio.

Alfred-Hausser-Preis 2016 an »Geraubte Kinder – vergessene Opfer« verliehen

Das Thema dürfte selbst Menschen, die schon lange antifaschistisch engagiert sind, wenig sagen. Worum geht es? Statt langer Worte zitiere ich Reinhard Strecker, geboren 1930, der als einer der ersten über alte Nazis in der BRD informierte, mit Material insbesondere aus DDR-Archiven und in Zusammenarbeit mit der VVN, und der 1959/60 mit einer Ausstellung über Nazi-Blutrichter in westdeutschen Justizdiensten einen Skandal auslöste. Strecker also fasste vor drei Jahren in einem Interview, angesprochen auf seine Globke-Dokumentation von 1961, unser heutiges Thema kurz und prägnant zusammen: »Sagt Ihnen der Name Zamość etwas? Zamość liegt im südöstlichen Bereich des polnischen Bezirks Lublin, Schwarzerdegebiet, von Himmler ausgesucht als Hauptsitz seines eigenen Kurfürstentums. Es wurde eingedeutscht unter dem Namen Himmlerstadt. Die Polen und Juden dort am Ort und in dem ganzen Bereich Zamość störten und kamen … die ersten hatten noch Glück, die kamen zum Teil mit Kindern in Zwangsarbeit, die anderen wurden getrennt und die Kinder wurden durchgemessen, ob sie eventuell regermanisierungsfähig seien und kamen dann nach Łódź, Litzmannstadt. Wenn sie dann für wieder ›rückdeutschungsfähig‹ gehalten wurden, dann kriegten sie einen Namen von einem der Globkeschen Sonderstandesämter – eine Erfindung Globkes von 1934 – und wurden dann einer guten, ich nehme an vorwiegend einer SS-Familie zugeteilt. Die wenigsten Eltern haben überlebt, aber wenn dann nach dem Krieg Eltern die Spur ihrer Kinder fanden und vor deutschen Gerichten auf Rückgabe der Kinder an die Eltern klagten, dann urteilten die Amtsgerichte in aller Regel, es sei im wohlverstandenen Interesse des Kindes, nicht einem Aufwachsen und Leben im kommunistischen Osteuropa ausgeliefert zu werden.«

Der historische Hintergrund
Die Nazis wollten Osteuropa nicht nur erobern, ausbeuten und ausplündern, sondern auch »germanisieren«. An Deutschland grenzende Gebiete wie Teile Frankreichs, Belgiens, Sloweniens, der Tschechoslowakei und Polens wurden annektiert, so auch die Provinz Posen, von den Nazis »Reichsgau Wartheland« genannt. Dort begann die Germanisierungspolitik. »Volksdeutsche« aus allen Teilen Europas wurde dort angesiedelt, die Juden deportiert, und die nicht-jüdische polnische Bevölkerung wurde in Kategorien aufgeteilt: »Volksdeutsche«, »Eindeutschungsfähige« usw. und eben unerwünschte Polen. Letztere wurden ins »Generalgouvernement« abgeschoben. Kinder in Waisenhäusern und in Pflegefamilien wurden, wie wir schon von Reinhard Strecker hörten, von so genannten »Experten« geprüft. Für »gutrassig« befundene Kinder wurden geraubt.

Der Umgang mit den Verbrechen nach 1945
Streckers Erkenntnisse über geraubte Kinder – das war 1961. Elf Jahre zuvor war zuletzt über das Thema verhandelt worden, und zwar vor einer Münchner Spruchkammer. Es war um die Entnazifizierung von Beteiligten an dem Verbrechen gegangen. Fast alle wurden als »Mittäter« eingestuft und freigesprochen. Immerhin waren aber kurz zuvor einige Hauptverantwortliche in einem Prozess vor einem Gerichtshof der Vereinigten Staaten in Nürnberg verurteilt worden, wenngleich sie verhältnismäßig mild davonkamen. Das war 1948.

Nach 1961 waren die geraubten Kinder für viele Jahre kein Thema mehr. Zwar veröffentlichte der Rowohlt-Verlag 1981 eine polnische Dokumentation zum Thema, aber die Wissenschaft wandte sich ihm erst in den letzten fünfzehn Jahren wieder zu.
Als der Verein »Geraubte Kinder – vergessene Opfer« 2014 unter Federführung von Christoph Schwarz seine gleichnamige Ausstellung in Freiburg eröffnete, war also eine Pioniertat vollbracht. Von einer Pioniertat zu sprechen, ist aber auch deshalb angebracht, weil die Ausstellung von der Konzeption her ganz auf die Opfer ausgerichtet ist, ihre furchtbaren Schicksale vorstellt, sie damit dem Vergessen entreißt und ihre Entschädigung einfordert. Ich spreche deshalb im Präsens, weil die Ausstellung nach wie vor gezeigt wird. Man kann sie ausleihen!

Österreich hat diejenigen ehemaligen geraubten Kinder, die dort waren oder sind, inzwischen entschädigt. Das Gesetz, das die Grundlage dafür bot, trat im November 2000 in Kraft. Insgesamt 22.693 Entschädigungsanträge wurden positiv beschieden – wie viele Anträge insgesamt gestellt worden waren, wurde allerdings nicht veröffentlicht. Und die Beträge von durchschnittlich 1.453,- Euro waren auch eher symbolisch angesichts des Leids, das die Opfer erfahren haben. Ich zitiere die frühere Vorsitzende des »Verbands der polnischen Kinder, die durch das Hitlerregime eingedeutscht wurden«, Barbara Paciorkiewicz, die selbst zu den geraubten Kindern gehörte:

»Die ›Eindeutschung‹ der dem polnischen Volk entrissenen Kinder vernichtete die Psyche dieser Kinder. Auch wenn die »Eindeutschung« erfolglos durchgeführt wurde, die Kinder zurückkehrten und in Polen blieben. Aber die Seele ist wie ein gebrochener Ast: Er wächst nie mehr wieder zusammen und findet nie mehr seine Lebensruhe.«

VVN-BdA Baden-Württemberg

Geraubte Kinder – vergessene Opfer



Quelle: Jens Rüggeberg in antifa, Magazin der VVN-BdA für antifaschistische Politik und Kultur, Ausgabe 1/2017

Siehe auch: Alfred-Hausser-Preis 2016 geht an „Geraubte Kinder“

Alfred-Hausser-Preis 2016 geht an „Geraubte Kinder“

Alfred Hausser

Die Wanderausstellung des Vereins „Geraubte Kinder – vergessene Opfer“ des gleichnamigen Vereins aus Freiburg erhält den Alfred-Hausser-Preis 2016.

Am 5. November 2016 im Esslinger Gewerkschaftshaus wird die Auszeichnung des Preisträgers erfolgen. Dies beschloss der Landesvorstand der VVN-BdA auf Empfehlung seines Beirats. Die 1947 von Überlebenden der Naziverfolgung gegründete überparteiliche antifaschistische Organisation vergibt den Preis seit 2006 alle zwei Jahre für Projekte, die in besonderer Weise die Erinnerung an den Widerstand gegen den Faschismus, die Verfolgten und die Opfer des Naziregimes bewahren helfen.

Die Wanderausstellung behandelt das Schicksal von Menschen, die von den Nazis als Kinder aus Polen, Russland, Slowenien, der Tschechoslowakei und Norwegen wegen ihres vermeintlich „arischen“ Aussehens nach Deutschland verschleppt wurden, woran in nicht geringem Maß die Deutsche Reichsbahn mitwirkte. Viele dieser geraubten Kinder konnten nach dem Krieg nicht in ihre Heimat zurückgebracht werden, weil deutsche Jugendämter bei der Verschleierung des Menschenraubs mitwirkten und die Kinder mit einer fremden Identität „einbürgerten“. So haben die meisten von ihnen nach 1945 ihre Eltern nicht wiedergesehen. Und wenn sie in zurückkehren konnten, traten schwere Probleme auf Das Leid dieser Menschen wurde nie als Verbrechen anerkannt. Nie erhielten sie eine Entschädigung. Von der Wanderausstellung über diese kaum bekannte Opfergruppe und dem dazu gehörenden Film, der sich auch mit der Uneinsichtigkeit der heutigen Deutschen Bahn beschäftigt, waren die Vergabegremien für den Alfred-Hausser-Preis berührt und beeindruckt

„Die Auswahl fiel unserem Beirat nicht leicht“, erklärte Lothar Letsche, das zuständige Vorstandsmitglied. „Auch die drei anderen nominierten Projekte waren ohne Zweifel preiswürdig und wurden von einzelnen Beiratsmitgliedern an die erste Stelle gesetzt. Aber wir können den Preis eben leider nur einmal vergeben.“ Im Auswahlverfahren befanden sich:

Die (inzwischen auch als Buch dokumentierte) Ausstellung „Nazi-Terror gegen Jugendliche“ – Verfolgung, Deportation und Gegenwehr in der Region Freiburg – unter Leitung der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg zwischen 2008 und 2015 weitgehend durch Jugendliche erarbeitet, die bei ZeitzeugInnen in aller Welt und in Archiven recherchierten
Eine (filmisch dokumentierte) Serie von Aktivitäten in Offenburg unter den Titel „KZ in der Nachbarschaft“. Zwei Schulen in Offenburg-Nord befinden sich auf einem ehemaligen Kasernengelände, das zeitweise als Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof (Elsass) diente. Diese Tradition wird nicht verdrängt, sondern von den Schülerinnen und Schülern für beeindruckende Formen des Gedenkens und Erinnerns aufgegriffen.
Das Ettlinger Bündnis gegen Rassismus und Neonazis erarbeitete als Teil seiner vielfältigen Aktivitäten eine Broschüre und einen Vortrag über den als Vorbild verstandenen Widerstandskämpfer Fritz Birk (1894-1956), Verteidiger der Spanischen Republik, der auch nach dem 2. Weltkrieg in seiner Heimat versuchte und es schwer hatte, diese Welt zu einer gerechteren zu verändern.

VVN-BdA Baden-Württemberg

Geraubte Kinder – vergessene Opfer

Nazi-Terror gegen Jugendliche“

Buntes Haus Offenburg

Ettlinger Bündnis gegen Rassismus und Neonazis


Quelle: Pressemitteilung VVN-BdA LV Baden-Württermberg