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Wolfgang Borchert: Das Brot

Wolfgang Borchert, letztes Foto als Zivilist im Sommer 1941
Wolfgang Borchert, letztes Foto als Zivilist im Sommer 1941

Plötzlich wachte sie auf. Es war halb drei. Sie überlegte, warum sie aufgewacht war. Ach so! In der Küche hatte jemand gegen einen Stuhl gestoßen. Sie horchte nach der Küche. Es war still. Es war zu still und als sie mit der Hand über das Bett neben sich fuhr, fand sie es leer. Das war es, was es so besonders still gemacht hatte: sein Atem fehlte. Sie stand auf und tappte durch die dunkle Wohnung zur Küche. In der Küche trafen sie sich. Die Uhr war halb drei. Sie sah etwas Weißes am Küchenschrank stehen. Sie machte Licht. Sie standen sich im Hemd gegenüber. Nachts. Um halb drei. In der Küche. Auf dem Küchentisch stand der Brotteller. Sie sah, dass er sich Brot abgeschnitten hatte. Das Messer lag noch neben dem Teller. Und auf der Decke lagen Brotkrümel. Wenn sie abends zu Bett gingen, machte sie immer das Tischtuch sauber. Jeden Abend. Aber nun lagen Krümel auf dem Tuch. Und das Messer lag da. Sie fühlte, wie die Kälte der Fliesen langsam an ihr hoch kroch. Und sie sah von dem Teller weg. "Ich dachte, hier wäre was", sagte er und sah in der Küche umher. "Ich habe auch was gehört", antwortete sie und dabei fand sie, dass er nachts im Hemd doch schon recht alt aussah. So alt wie er war. Dreiundsechzig. Tagsüber sah er manchmal jünger aus. Sie sieht doch schon alt aus, dachte er, im Hemd sieht sie doch ziemlich alt aus. Aber das liegt vielleicht an den Haaren. Bei den Frauen liegt das nachts immer an den Haaren. Die machen dann auf einmal so alt.

"Du hättest Schuhe anziehen sollen. So barfuß auf den kalten Fliesen. Du erkältest dich noch." Sie sah ihn nicht an, weil sie nicht ertragen konnte, dass er log. Dass er log, nachdem sie neununddreißig Jahre verheiratet waren. "Ich dachte, hier wäre was", sagte er noch einmal und sah wieder so sinnlos von einer Ecke in die andere, "ich hörte hier was. Da dachte ich, hier wäre was."

"Ich hab auch was gehört. Aber es war wohl nichts." Sie stellte den Teller vom Tisch und schnippte die Krümel von der Decke. "Nein, es war wohl nichts", echote er unsicher.

Sie kam ihm zu Hilfe: "Komm man. Das war wohl draußen. Komm man zu Bett. Du erkältest dich noch. Auf den kalten Fliesen." Er sah zum Fenster hin. "Ja, das muss wohl draußen gewesen sein. Ich dachte, es wäre hier."

Sie hob die Hand zum Lichtschalter. Ich muss das Licht jetzt ausmachen, sonst muss ich nach dem Teller sehen, dachte sie. Ich darf doch nicht nach dem Teller sehen. "Komm man", sagte sie und machte das Licht aus, "das war wohl draußen."

Die Dachrinne schlägt immer bei Wind gegen die Wand. Es war sicher die Dachrinne. Bei Wind klappen sie immer." Sie tappten sich beide über den dunklen Korridor zum Schlafzimmer. Ihre nackten Füße platschten auf den Fußboden.

"Wind ist ja", meinte er. "Wind war schon die ganze Nacht."

Als sie im Bett lagen, sagte sie: "Ja, Wind war schon die ganze Nacht. Es war wohl die Dachrinne." "Ja, ich dachte, es wäre in der Küche. Es war wohl die Dachrinne." Er sagte das, als ob er schon halb im Schlaf wäre. Aber sie merkte, wie unecht seine Stimme klang, wenn er log.

"Es ist kalt", sagte sie und gähnte leise, "ich krieche unter die Decke. Gute Nacht."

"Nacht", antwortete er noch: "ja, kalt ist es schon ganz schön". Dann war es still. Nach vielen Minuten hörte sie, dass er leise und vorsichtig kaute. Sie atmete absichtlich tief und gleichmäßig, damit er nicht merken sollte, dass sie noch wach war. Aber sein Kauen war so regelmäßig, dass sie davon langsam einschlief.

Als er am nächsten Abend nach Hause kam, schob sie ihm vier Scheiben Brot hin. Sonst hatte er immer nur drei essen können. "Du kannst ruhig vier essen", sagte sie und ging von der Lampe weg. "Ich kann dieses Brot nicht so recht vertragen. Iß du man eine mehr. Ich vertrag es nicht so gut." Sie sah, wie er sich tief über den Teller beugte. Er sah nicht auf. In diesem Augenblick tat er ihr leid.

"Du kannst doch nicht nur zwei Scheiben essen", sagte er auf seinen Teller. "Doch. Abends vertrag ich das Brot nicht gut. Iss man. Iss man."

Erst nach einer Weile setzte sie sich unter die Lampe an den Tisch.

Lesehinweise

Blogkino: America, America – Part 4 – The Anatolian Smile (1963)

Heute zeigen wir im Blogkino mit Filmen zum Thema Ⓐnarchismus das Epos "America America" (Das anatolische Lächeln), geschrieben, adaptiert, inszeniert und produziert von Elia Kazan (1963). In der Rezension von Stuart Christie heißt es zum Plot: "Trotz seiner schicksalhaften Entscheidung, 1952 (dem Jahr, in dem er "Viva Zapata!" drehte) vor dem Ausschuss für unamerikanische Umtriebe (HUAC) auszusagen, ist Elia Kazan, Gründer des Actor's Studio und ehemaliges Mitglied der amerikanischen KP (und Anti-Stalinist), für mich einer der großen amerikanischen Filmregisseure. Sein vielleicht stärkster, aber übersehener Film - ein Film mit politischer Relevanz in dieser Zeit der Massenmigration von Kriegsflüchtlingen und der brutalen Unterdrückung politischer Dissidenten und religiöser und ethnischer Minderheiten - war sein autobiografisches Epos "America, America" (im Vereinigten Königreich "The Anatolian Smile") von 1963.

Das Voice-over wird von Kazan selbst gesprochen: "Ich bin Grieche von Blut, Türke von Geburt und Amerikaner, weil mein Onkel eine Reise gemacht hat". Der Film beginnt mit der Zerstörung eines verarmten kappadokischen griechischen und armenischen Dorfes in der korrupten osmanischen Türkei Mitte der 1890er Jahre (die Zeit, in der Donald Trumps Großvater Zuflucht - und einen Vorteil! - in den USA), der Heimat des anatolisch-griechischen Protagonisten Stavros, und das erbarmungslose Abschlachten seiner terrorisierten und wehrlosen Bewohner, die versuchen, ihren osmanischen Peinigern zu entkommen.

Wie Herodes hatte Sultan Abdu'l-Hamid II. (ein Vorbild für Recep Tayyip Erdoğan?) die Tötung der Armenier im ganzen Reich angeordnet (möglicherweise wurden bis zu 30 000 von ihnen bereits auf Hamids Befehl hin massakriert). Dieser besondere Holocaust war seine Antwort auf die 14-stündige Besetzung der in französisch-britischem Besitz befindlichen Osmanischen Reichsbank in Konstantinopel im Jahr 1896 durch 28 bewaffnete Männer und Frauen der Armenischen Revolutionären Föderation.

Es war ein vergeblicher, aber verzweifelter Protest, mit dem die westeuropäischen Mächte gezwungen werden sollten, Hamids Straffreiheit in Frage zu stellen und gegen seine anhaltenden Pogrome und Massaker an christlichen Griechen und Armeniern zu intervenieren. Die von Panik ergriffenen armenischen Dorfbewohner suchen Zuflucht in ihrer von Kerzenlicht und Weihrauch umwölkten Kirche, wo ein Priester sie zum Gebet anleitet. Draußen ist das Gebäude von türkischer Polizei und Derbendji-Hilfstruppen umstellt, die brennende Fackeln schwingen. Ein Priester, der sich widersetzt, wird gedemütigt und eine Fackel wird in das Gebäude geworfen. Flammen und Rauch verschlingen die Kirche und wir hören die Schreie der sterbenden Männer, Frauen und Kinder, die bei lebendigem Leib verbrennen.

Kazan schneidet auf die rauchenden, verkohlten Überreste der Kirche; die Opfer des staatlich geförderten Massakers liegen auf den Straßen, und wir sehen Stavros, der neben der Leiche seines armenischen Freundes Vartan kauert. Nach dem Massaker erkennt Stavros' Familie, dass es in der Hamidian-Türkei keine Hoffnung auf Gerechtigkeit oder Toleranz für armenische, aserbaidschanische, arabische, assyrische, griechische, persische und kurdische Minderheiten gibt. Sie schicken ihn mit den Schätzen der Familie auf eine gefährliche und brutale Odyssee auf einem Esel und zu Fuß quer durchs Land, um der Familie in Konstantinopel ein sichereres Zuhause zu bereiten.

Stavros hingegen träumt von einem Neuanfang in einem neuen, verheißungsvollen Land, Amerika. Es sind jedoch die Missgeschicke und die moralische Entwicklung des unverwüstlichen Protagonisten, der auf seiner Reise in das Land der Freiheit lernt, mit Verrat, Verrat, Demütigung, Gewalt und Korruption umzugehen, die sich zu dem großen filmischen Bildungsroman "Amerika, Amerika" entwickeln."

Wir zeigen heute den letzte von vier Teilen.

77. Jahrestag - Nagasaki mahnt

Heute ist der 75. Jahrestag des Atombombenabwurfes auf Nagasaki. 



Das Netzwerk Friedenskooperative stellt eine umfangreiche Übersicht zu den Aktivitäten rund um die Gedenktage zur Verfügung. Aktuell finden sich in dem Terminkalender mehr als 80 Veranstaltungen bundesweit. Beteilige dich an den Aktionen! Hier findest du alle Infos und Termine.



Es waren nur wenige Wochen zwischen dem ersten Atomtest im US-Bundesstaat New Mexico und dem ersten Praxistest in Hiroshima. Am 16. Juli 1945 war die im Manhattan-Projekt entwickelte Atombombe auf dem Testgelände bei Alamogoro gezündet worden; ihre Sprengkraft betrug 21 Kilotonnen TNT. Die Explosion war erfolgreich, aber über die tödliche Wirkung konnte der Test nichts Definitives aussagen. 20 Tage später detonierte die 12,5-Kilotonnen-Bombe mit dem niedlichen Namen "Little boy" in Hiroshima, drei Tage später eine weitere Bombe namens "Fat Man" über Nagasaki. Die Wirkung der Bomben war kolossal: Zwischen 90.000 und 200.000 Menschen starben unmittelbar. Weitere 130.000 Menschen starben bis Jahresende. Bis 1950 war die Zahl der Spätopfer in beiden Städten auf insgesamt 230.000 gestiegen. Strahlenopfer sind auch heute noch in der dritten Generation zu beklagen. (RedGlobe)



„Der obige Befehl ergeht an Sie auf Anweisung und mit Zustimmung des Kriegsministers und des Generalstabschefs der amerikanischen Streitkräfte.“ (Befehl an den General Carl Spaatz, Oberkommandierender der amerikanischen strategischen Luftwaffe für den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima)



„Ich habe nie bereut und mich nie geschämt, denn ich glaubte damals, dass ich meine patriotische Pflicht tat, als ich den Befehlen folgte, die man mir gab.“ (Oberst Paul W. Tibbets, der die Atombombe über Hiroshima ausklinkte)





Die aufsteigende Wolke kurz nach der Explosion, fotografiert von Matsuda Hiromichi in einem Außenbezirk der Stadt Nagasaki (9. August 1945)



Obwohl Japan zum damaligen Zeitpunkt militärisch bereits am Ende war, nahm die U.S. Militärführung unter der Führung von US-Präsident Truman zehntausende von Opfern in Kauf: 140.000 starben bis Ende 1945 an den Folgen des Abwurfs. Der zweite Atombombenabwurf auf Nagasaki geschah drei Tage später, am 9. August 1945. Die Opfer steigerten sich dadurch auf über 250.000.





Opfer des Atombombenabwurfs in Hiroshima, fotografiert von Onuka, Masami (尾糠政美), Gemeinfrei, 


Lesetipps zum Thema vom Lebenshaus Alb:

"Der Fluss war voll von toten Menschen und ich konnte die Wasseroberfläche überhaupt nicht mehr sehen"

"Ich fühlte, dass die Stadt Hiroshima auf einen Schlag verschwunden war"

Was den Menschen von Hiroshima und Nagasaki Grauenhaftes widerfahren ist

Nacht der 100.000 Kerzen zum Hiroshimatag - “Verhängnisvollste Erfindung der Menschheitsgeschichte”



Siehe auch:

"Erklärung der Weltkonferenz gegen Atomwaffen 2010", dokumentiert bei der Tageszeitung "junge Welt"

Democracy Now! Archive zu Hiroshima und Nagasaki

• Die Geschichte von Shin's Dreirad


Stop A100 - Musizieren statt Betonieren

Das Ensemble vor dem Transparent "Musizieren statt Betonieren - Null€ Ticket jetzt! Stop BundesverkehrswegeplanAm 4. August um 06:45 Uhr in der Frühe enterten 90 Aktivist*innen von Lebenslaute für drei Stunden die Baustelle der A100 nahe der Kiefholzstraße, um den Bau der A100 zu stoppen. Mit ihren Instrumenten und Stimmen boten die Lebenslautis den überraschten Bauarbeiter*innen Stücke von Josef Haydn, Franz Schubert, Rio Reiser, Dmitrij Shostakovitch, Ulrich Klan und vielen anderen dar. Die Aktion ist Bestandteil der Jahresaktion von Lebenslaute gegen den Ausbau der Berliner Stadtautobahn.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv

Weitere Ereignisse zu diesem Thema

77. Jahrestag - Hiroshima mahnt

Heute ist der 77. Jahrestag des Atombombenabwurfes auf Hiroshima. Das Netzwerk Friedenskooperative stellt eine umfangreiche Übersicht zu den Aktivitäten rund um die Gedenktage zur Verfügung. Aktuell finden sich in dem Terminkalender mehr als 80 Veranstaltungen bundesweit. Beteilige dich an den Aktionen! Hier findest du alle Infos und Termine.

Es waren nur wenige Wochen zwischen dem ersten Atomtest im US-Bundesstaat New Mexico und dem ersten Praxistest in Hiroshima. Am 16. Juli 1945 war die im Manhattan-Projekt entwickelte Atombombe auf dem Testgelände bei Alamogoro gezündet worden; ihre Sprengkraft betrug 21 Kilotonnen TNT. Die Explosion war erfolgreich, aber über die tödliche Wirkung konnte der Test nichts Definitives aussagen. 20 Tage später detonierte die 12,5-Kilotonnen-Bombe mit dem niedlichen Namen "Little boy" in Hiroshima, drei Tage später eine weitere Bombe namens "Fat Man" über Nagasaki. Die Wirkung der Bomben war kolossal: Zwischen 90.000 und 200.000 Menschen starben unmittelbar. Weitere 130.000 Menschen starben bis Jahresende. Bis 1950 war die Zahl der Spätopfer in beiden Städten auf insgesamt 230.000 gestiegen. Strahlenopfer sind auch heute noch in der dritten Generation zu beklagen. (RedGlobe)

„Der obige Befehl ergeht an Sie auf Anweisung und mit Zustimmung des Kriegsministers und des Generalstabschefs der amerikanischen Streitkräfte.“ (Befehl an den General Carl Spaatz, Oberkommandierender der amerikanischen strategischen Luftwaffe für den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima)

„Ich habe nie bereut und mich nie geschämt, denn ich glaubte damals, dass ich meine patriotische Pflicht tat, als ich den Befehlen folgte, die man mir gab.“ (Oberst Paul W. Tibbets, der die Atombombe über Hiroshima ausklinkte)
Der Atompilz über Hiroshima fotografiert aus dem Heck der Enola Gay Bildquelle: WikiPedia

Der Atompilz über Hiroshima fotografiert aus dem Heck der Enola Gay Bildquelle: WikiPedia

Obwohl Japan zum damaligen Zeitpunkt militärisch bereits am Ende war, nahm die U.S. Militärführung unter der Führung von US-Präsident Truman zehntausende von Opfern in Kauf: 140.000 starben bis Ende 1945 an den Folgen des Abwurfs. Der zweite Atombombenabwurf auf Nagasaki geschah drei Tage später, am 9. August 1945. Die Opfer steigerten sich dadurch auf über 250.000.

Opfer des Atombombenabwurfs in Hiroshima Bildquelle: WikiPedia
Opfer des Atombombenabwurfs in Hiroshima Bildquelle: WikiPedia

Lesetipps zum Thema vom Lebenshaus Alb:
"Der Fluss war voll von toten Menschen und ich konnte die Wasseroberfläche überhaupt nicht mehr sehen"
"Ich fühlte, dass die Stadt Hiroshima auf einen Schlag verschwunden war"
Was den Menschen von Hiroshima und Nagasaki Grauenhaftes widerfahren ist
Nacht der 100.000 Kerzen zum Hiroshimatag - “Verhängnisvollste Erfindung der Menschheitsgeschichte”

Siehe auch:
"Erklärung der Weltkonferenz gegen Atomwaffen 2010", dokumentiert bei der "jungen Welt"
Democracy Now! Archive zu Hiroshima und Nagasaki
• Die Geschichte von Shin's Dreirad

Hiroshima und Nagasaki sind Mahnung für eine atomwaffenfreie Welt – Mehr als 100 Veranstaltungen gedenken den Opfern der Atombombenabwürfe vor 77 Jahren

Am 6. August jährt sich der Atombombenabwurf auf die japanische Stadt Hiroshima zum 77. Mal. Drei Tage später, am 9. August, erfolgte der Atombombenabwurf auf Nagasaki. Etwa 92.000 Menschen starben sofort, 130.000 weitere Menschen starben bis zum Jahresende an den Folgeschäden. Über die Auswirkungen auf die zweiten und dritten Generationen ist wenig bekannt. Zum Gedenken an Hiroshima und Nagasaki finden bundesweit heute und in den kommenden Tagen mehr als 100 Gedenkveranstaltungen und Aktionen der Friedensbewegung statt. Das Netzwerk Friedenskooperative ruft die Bundesregierung dazu auf, konsequent gegen die anhaltende nukleare Bedrohung vorzugehen, indem es die in Deutschland stationierten Atomwaffen abziehen lässt und dem Atomwaffenverbotsvertrag schnellstmöglich beitritt.

„Durch den Krieg in der Ukraine ist die Gefahr eines Atomwaffeneinsatzes so wahrscheinlich wie lange nicht mehr. Dabei sind Atomwaffen nicht die Lösung, sondern Teil des Problems.“, so Kristian Golla vom Netzwerk Friedenskooperative. „Wir sind den wenigen Atomwaffenstaaten ausgeliefert. Das darf nicht sein und deswegen fordern wir den Beitritt Deutschlands zum Atomwaffenverbotsvertrag. Dies wäre ein positives Signal für alle auf dem Weg für eine atomwaffenfreie Welt.“, so Kristian Golla weiter.

Die Gedenktage fallen zudem auf den Zeitraum der 10. Überprüfungskonferenz des Nichtverbreitungsvertrags (NVV) bei den Vereinten Nationen in New York, die vom 1. bis 26. August stattfindet. Alle fünf Jahre wird dort die Umsetzung des Vertrags überprüft und dieses Jahr ist unsere Mitarbeiterin, Annegret Krüger, vor Ort dabei. „Dieser Vertrag stellt einer der wichtigsten Abkommen zu Atomwaffen dar und wird angesichts der schwierigen politischen Lage mit Spannung erwartet.“, so Annegret Krüger. „Auch 77 Jahre nach dem Abwurf der Atomwaffen ist der Einsatz für eine atomwaffenfreie Welt leider existenziell. Daher fordern wir von allen Vertragsparteien ihren vollen Einsatz in New York für Abrüstung!“, so Annegret Krüger weiter.

Aktivitäten zu den Hiroshima- & Nagasaki-Gedenktagen 2022

Das Netzwerk Friedenskooperative stellt auf seiner Website auch in diesem Jahr eine Übersicht über die Aktivitäten der Friedensbewegung anlässlich der Gedenktage zur Verfügung:

Themen des Hiroshima- & Nagasakigedenktages 2022
Zentral bei den Veranstaltungen rund um den Hiroshima- und Nagasakigedenktag wird das Gedenken an die Opfer der Atomwaffeneinsätze auf die beiden japanischen Städte am 6. bzw. 9. August 1945 sein. Bei diesen starben rund 100.000 Menschen sofort und bis Ende 1945 weitere 130.000 Menschen. Hibakusha, so werden die Überlebenden der Atombombenabwürfe genannt, leiden oft noch Jahre später aufgrund der Strahlung an Krankheiten. Ebenso wird die Forderung nach einer atomwaffenfreien Welt ein zentrales Thema darstellen. Weltweit gibt es noch immer rund 13.000 Atomwaffen. Von diesen werden etwa 1.800 in ständiger Alarmbereitschaft gehalten und können der Menschheit innerhalb weniger Minuten ein Ende bereiten. Durch den Krieg in der Ukraine ist das Risiko eines Atomwaffeneinsatzes deutlich gestiegen. Insbesondere die Drohungen Russlands Atomwaffen einzusetzen sind zu verurteilen und heißen die Spannungen zwischen den Atommächten USA und Russland weiter an.

Quelle: Netzwerk Friedenskooperative

Das Eisenbahngleichnis

Erich Kästner 1961 Foto: von Basch Lizenz: [CC BY-SA 3.0 nl]

Wir sitzen alle im gleichen Zug
und reisen quer durch die Zeit.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir fahren alle im gleichen Zug.
Und keiner weiß, wie weit.

Ein Nachbar schläft, ein andrer klagt,
ein dritter redet viel.
Stationen werden angesagt.
Der Zug, der durch die Jahre jagt,
kommt niemals an sein Ziel.

Wir packen aus, wir packen ein.
Wir finden keinen Sinn.
Wo werden wir wohl morgen sein?
Der Schaffner schaut zur Tür herein
und lächelt vor sich hin.

Auch er weiß nicht, wohin er will.
Er schweigt und geht hinaus.
Da heult die Zugsirene schrill!
Der Zug fährt langsam und hält still.
Die Toten steigen aus.

Ein Kind steigt aus, die Mutter schreit.
Die Toten stehen stumm
am Bahnsteig der Vergangenheit.
Der Zug fährt weiter, er jagt durch die Zeit,
und keiner weiß, warum.

Die erste Klasse ist fast leer.
Ein feister Herr sitzt stolz
im roten Plüsch und atmet schwer.
Er ist allein und spürt das sehr.
Die Mehrheit sitzt auf Holz.

Wir reisen alle im gleichen Zug
zur Gegenwart in spe.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir sitzen alle im gleichen Zug
und viele im falschen Coupé.

Erich Kästner

Blogkino: America, America – Part 3 – The Anatolian Smile (1963)

Heute zeigen wir im Blogkino mit Filmen zum Thema Ⓐnarchismus das Epos "America America" (Das anatolische Lächeln), geschrieben, adaptiert, inszeniert und produziert von Elia Kazan (1963). In der Rezension von Stuart Christie heißt es zum Plot: "Trotz seiner schicksalhaften Entscheidung, 1952 (dem Jahr, in dem er "Viva Zapata!" drehte) vor dem Ausschuss für unamerikanische Umtriebe (HUAC) auszusagen, ist Elia Kazan, Gründer des Actor's Studio und ehemaliges Mitglied der amerikanischen KP (und Anti-Stalinist), für mich einer der großen amerikanischen Filmregisseure. Sein vielleicht stärkster, aber übersehener Film - ein Film mit politischer Relevanz in dieser Zeit der Massenmigration von Kriegsflüchtlingen und der brutalen Unterdrückung politischer Dissidenten und religiöser und ethnischer Minderheiten - war sein autobiografisches Epos "America, America" (im Vereinigten Königreich "The Anatolian Smile") von 1963.



Das Voice-over wird von Kazan selbst gesprochen: "Ich bin Grieche von Blut, Türke von Geburt und Amerikaner, weil mein Onkel eine Reise gemacht hat". Der Film beginnt mit der Zerstörung eines verarmten kappadokischen griechischen und armenischen Dorfes in der korrupten osmanischen Türkei Mitte der 1890er Jahre (die Zeit, in der Donald Trumps Großvater Zuflucht - und einen Vorteil! - in den USA), der Heimat des anatolisch-griechischen Protagonisten Stavros, und das erbarmungslose Abschlachten seiner terrorisierten und wehrlosen Bewohner, die versuchen, ihren osmanischen Peinigern zu entkommen.



Wie Herodes hatte Sultan Abdu'l-Hamid II. (ein Vorbild für Recep Tayyip Erdoğan?) die Tötung der Armenier im ganzen Reich angeordnet (möglicherweise wurden bis zu 30 000 von ihnen bereits auf Hamids Befehl hin massakriert). Dieser besondere Holocaust war seine Antwort auf die 14-stündige Besetzung der in französisch-britischem Besitz befindlichen Osmanischen Reichsbank in Konstantinopel im Jahr 1896 durch 28 bewaffnete Männer und Frauen der Armenischen Revolutionären Föderation.



Es war ein vergeblicher, aber verzweifelter Protest, mit dem die westeuropäischen Mächte gezwungen werden sollten, Hamids Straffreiheit in Frage zu stellen und gegen seine anhaltenden Pogrome und Massaker an christlichen Griechen und Armeniern zu intervenieren. Die von Panik ergriffenen armenischen Dorfbewohner suchen Zuflucht in ihrer von Kerzenlicht und Weihrauch umwölkten Kirche, wo ein Priester sie zum Gebet anleitet. Draußen ist das Gebäude von türkischer Polizei und Derbendji-Hilfstruppen umstellt, die brennende Fackeln schwingen. Ein Priester, der sich widersetzt, wird gedemütigt und eine Fackel wird in das Gebäude geworfen. Flammen und Rauch verschlingen die Kirche und wir hören die Schreie der sterbenden Männer, Frauen und Kinder, die bei lebendigem Leib verbrennen.



Kazan schneidet auf die rauchenden, verkohlten Überreste der Kirche; die Opfer des staatlich geförderten Massakers liegen auf den Straßen, und wir sehen Stavros, der neben der Leiche seines armenischen Freundes Vartan kauert. Nach dem Massaker erkennt Stavros' Familie, dass es in der Hamidian-Türkei keine Hoffnung auf Gerechtigkeit oder Toleranz für armenische, aserbaidschanische, arabische, assyrische, griechische, persische und kurdische Minderheiten gibt. Sie schicken ihn mit den Schätzen der Familie auf eine gefährliche und brutale Odyssee auf einem Esel und zu Fuß quer durchs Land, um der Familie in Konstantinopel ein sichereres Zuhause zu bereiten.



Stavros hingegen träumt von einem Neuanfang in einem neuen, verheißungsvollen Land, Amerika. Es sind jedoch die Missgeschicke und die moralische Entwicklung des unverwüstlichen Protagonisten, der auf seiner Reise in das Land der Freiheit lernt, mit Verrat, Verrat, Demütigung, Gewalt und Korruption umzugehen, die sich zu dem großen filmischen Bildungsroman "Amerika, Amerika" entwickeln."



Wir zeigen den dritten von vier Teilen heute, der letzte Teil folgt kommenden Dienstag.



 


Friedensgruppen fordern vor der Überprüfungskonferenz zum Atomwaffen-Nichtverbreitungsvertrag in New York von der Bundesregierung die Beendigung der nuklearen Teilhabe

Kampagnenlogo Büchel AtomwaffenfreiVon 1. bis 26. August 2022 findet bei den Vereinten Nationen die 10. Überprüfungskonferenz zum nuklearen Nichtverbreitungsvertrag (NVV/engl. NPT) statt. Die Vertreter*innen der Vertragsstaaten, zu denen auch Deutschland gehört, treffen sich alle fünf Jahre. Wegen Corona ergab sich diesmal eine Verschiebung um mehr als zwei Jahre.

Die bundesweite Kampagne „Büchel ist überall! atomwaffenfrei.jetzt“ fordert von der Bundesregierung die Beendigung der nuklearen Teilhabe, wie sie in Büchel mit ca. 20 US-Atombomben im Widerspruch zum NVV ausgeübt wird. Die Bundesregierung hat durch Beitritt zum NVV auf Atomwaffen verzichtet, diese aber mittelbar – im Ernstfall unmittelbar – angenommen 1 und verletzt somit den Vertrag. Die atomwaffenfrei-Kampagne fordert von der Bundesregierung den Abzug der US-Atomwaffen aus Deutschland, den Ausstieg aus der nuklearen Teilhabe in der NATO und die Unterzeichnung des 2021 in Kraft getretenen Atomwaffenverbotsvertrages.

Auf dem Bundeswehr-Fliegerhorst Büchel (Eifel) sind derzeit im Rahmen der nuklearen Teilhabe ca. 20 US-Atombomben stationiert, die in den kommenden Jahren für viele Milliarden Euro gegen neue, technisch aufgerüstete und „einsetzbarere“ Atombomben (B61-12) ausgetauscht werden sollen. Für den Einsatz dieser Atomwaffen hat die Bundesregierung den Kauf von F-35-Kampfjets der Firma Lockheed Martin beschlossen.

Die atomwaffenfrei-Kampagne fordert von der NVV-Konferenz, den Bruch dieses Vertrages durch die nukleare Teilhabe-Praxis in der NATO zu verurteilen. Kampagnensprecher Martin Singe: „Eine Mehrheit der Vertragsstaaten, insbesondere die blockfreien Staaten, verurteilten die nukleare Teilhabe wiederholt als vertragswidrige Praxis, deshalb kann diese auch nicht als Völkergewohnheitsrecht deklariert werden. Die Hinweise der USA und der Bundesregierung, dass der NVV im Kriegsfall nicht gelte, sind vertragsrechtlich unhaltbar."

Kampagnensprecherin Marion Küpker macht deutlich: „Alle Vertragsbrüche müssen benannt werden, sowohl die nukleare Teilhabe der NATO in Europa als auch eine zukünftig mögliche nukleare Teilhabe von Belarus an russischen Atomwaffen, die von den Präsidenten Lukaschenko und Putin kürzlich angekündigt wurde. Die nukleare Abschreckungspolitik konnte einen völkerrechtswidrigen Krieg Russlands in der Ukraine nicht verhindern. Ein Ende der Atomkriegsbedrohungen kann nur über redliche Verhandlungen zur vollständigen Abrüstung aller Atomwaffen (in good faith) gemäß Artikel VI des NVV funktionieren.“

Die atomwaffenfrei-Kampagne unterstützt die Initiative des ehemaligen costaricanischen Präsidenten und Friedensnobelpreisträgers, Oscar Arias, und des Präsidenten des Global Security Institute, Jonathan Granoff. Sie schlagen vor, als Geste des guten Willens gegenüber Russland den Abzug der US-Atomwaffen aus Europa und aus der Türkei anzubieten, der wirksam werden soll, sobald im Ukrainekrieg eine Verhandlungslösung erreicht ist.

Für die bundesweite Kampagne "Büchel ist überall! atomwaffenfrei.jetzt" wird Kampagnensprecherin Marion Küpker in der ersten Woche der Überprüfungskonferenz in New York dabei sein.

1 Artikel II des NVV lautet: „Jeder Nichtkernwaffenstaat, der Vertragspartei ist, verpflichtet sich, Kernwaffen oder sonstige Kernsprengkörper oder die Verfügungsgewalt darüber von niemandem unmittelbar oder mittelbar anzunehmen, […]“
 
Quelle: Pressemitteilung 1. August 2022
 
 
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