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"Warum mir aber in neuester Welt Anarchie gar so gut gefällt? Ein jeder lebt nach seinem Sinn, das ist nun also auch mein Gewinn! Ich laß´ einem jeden sein Bestreben, um auch nach meinem Sinn zu leben." Johann Wolfgang v. Goethe

Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie

Heute vor 140 Jahren erließ Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen etc. im Namen des Reichs, nach erfolgter Zustimmung des Bundesrates und des Reichstages das berüchtigte  Sozialistengesetz gegen die damals noch revolutionäre Sozialdemokratie:

„Wer keine Tränen vergießen wird, der wird zumindest schwitzen.“ Über Gisela Elsner

Am 2. Mai wäre die Schriftstellerin Gisela Elsner 80 Jahre alt geworden.

Foto: jens David
„Selbst dem Arglosesten, sollte man meinen, dürfte das Mißverhältnis zwischen den langatmigen Äußerungen der Presse über ihr Leben und den kärglichen Bemerkungen über ihren Tod nicht entgangen sein. Tatsächlich hatte die Beisetzung, von der es überall recht untertrieben hieß, sie wäre feierlich gewesen, von ihrem bemüht makabren Anstrich ganz zu schweigen, etwas durchweg Skandalöses an sich (…)
Die Inszenierung der Veranstaltung berührte, das ist wahr, die meisten dermaßen peinlich, daß sich bedingt durch die Bedrücktheit fälschlicherweise der Anschein von Trauer einstellte. Wäre nicht das wie der Prunk unpassende Ehepaar gewesen, ein Polizist und eine hochschwangere Hausschneiderin, die letzten überlebenden Erben, die sich von keinem der Würdenträger den Platz hinter dem gläsernen Sarkophag streitig machen ließen, so würde man heute noch all diese ausgeklügelten Ehrerweisungen der Spontaneität ihrer Anhänger, zumal der zahlreichen Mitglieder der internationalen Elsner-Gesellschaft, zuschreiben, die sich weniger durch ihr Konzept als vielmehr durch ihre werbeträchtige Rührigkeit auszeichnen.“

Im Gegensatz zu dieser spektakulären Inszenierung verlief die tatsächliche Beisetzung von Gisela Elsner in aller Stille. Die zitierten Passagen stammen aus ihrer Erzählung „Die Auferstehung der Gisela Elsner“ und wurden in dem 1970 veröffentlichten Sammelband „Vorletzte Worte – Schriftsteller schreiben ihren eigenen Nachruf“ veröffentlicht.
Nach ihrem Suizid im Mai 1992 war die einstige Starautorin der bundesdeutschen Literaturszene eine Vergessene. Von „langatmigen Äußerungen der Presse über ihr Leben“ konnte schon Jahre vor ihrem Tod keine Rede mehr sein. Von der Kritik war sie zunehmend missachtet, im Literaturbetrieb an den Rand gedrängt worden.
„Schreibende Kleopatra“ wurde sie von Kritikern oft genannt. Von Kritikern, die nicht verstanden, dass ihre schwarzen Perücken und ihre Vorliebe für teure Kleider auch Teil einer Selbstinszenierung waren. Eine Selbstinszenierung, die eine parodistische Reaktion auf ein Bild von Weiblichkeit und von ihrer Person war. „Sexy thing“ nannte sie ein englischer Autor bei der Verleihung des „Prix Formentor“ für ihren Debütroman „Die Riesenzwerge“. Vielleicht war ihre exzentrische Erscheinung auch ihr bewusster Ausdruck dessen, dass es, wie Adorno sagte, „kein richtiges Leben im Falschen“ gebe.

Gisela Elsner wurde am 2. Mai 1937 in Nürnberg geboren. Sie wuchs in großbürgerlichen Verhältnissen auf: Ihr Vater Dr. Richard Elsner war Generalbevollmächtigter der Siemens AG.

Ein Leben lang haderte die Schriftstellerin mit ihrer Herkunft:

„Obwohl ich, seitdem ich 16 Jahre alt war, meine Eltern immer wieder anflehte, bei Siemens, wo es mein Vater bis zum Vorstandsmitglied brachte, Akkordarbeit verrichten zu dürfen, weil ich jene kennenlernen wollte, für die ich aus Haß auf meinen Vater und die gehobenen Kreise in zunehmendem Maße Partei ergriff, genehmigte man mir nur einen Posten in der Werksbibliothek, den ich ablehnte, weil ich den Arbeitern nicht jene Werke anpreisen und ausleihen wollte, die von übergeordneter Stelle für sie ausgewählt worden waren.“

1954 lernte sie auf einem Studentenball ihren späteren Ehemann, den Schriftsteller Klaus Roehler, kennen. Aus dieser Zeit stammen auch ihre ersten literarischen Gehversuche. Bereits mit 18 Jahren,1955, erschienen Texte von ihr in der Literaturzeitschrift Akzente und in der FAZ.
Im August 1958 heiratete sie Klaus Roehler. Die Ehe wurde fünf Jahre später „schuldhaft“ geschieden, weil Elsner „ehewidrige Beziehungen“ unterhalten habe. Dadurch verlor sie auch das Sorgerecht für ihren 1959 geborenenen Sohn Oskar.

Einen ersten Text zur literarischen Aufarbeitung des Faschismus, einem ihrer zentralen literarischen Themen, legte Gisela Elsner 1960 mit „Der Sonntag eines Briefträgers“ vor.
Sie beschreibt darin einen Postbeamten, der sinnlos, aber von „Pflicht“ und „Verantwortungsbewußtsein“ erfüllt, selbst sonntags arbeitet. Diese Arbeit besteht darin, Unmengen von Briefen im Kamin zu verbrennen:
„Auch sonntags versiegt der Strom von Briefen nicht, der mir zufließt. (…) Berge von Briefen verkohlen sonntags in seinen Flammen (…).“
Elsner kannte die Aufzeichnungen des ebenso „pflichtbewussten“ Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß. Unschwer ist ihr Text als Anspielung auf die „willigen Vollstrecker“ (Goldhagen) des faschistischen Massenmords und auf die Verbrennungsöfen in den Vernichtungslagern zu verstehen.

1964 veröffentlichte Elsner ihren international gefeierten Debütroman „Die Riesenzwerge“. Der Roman beschreibt aus der Sicht des etwa fünfjährigen Lothar Leinlein Episoden aus seinem und dem Leben seiner Eltern, des Oberlehrers Leinlein und seiner Frau Luise. Elsner beschreibt kühl und analytisch die Vorgänge, zoologisch fast ihre Figuren.
Mit grotesken Mitteln legt sie eine autoritär geprägte Nachkriegsgesellschaft, die sich dem Konsum der sogenannten Wirtschaftswunderjahre hingibt, bloß.
Das Motiv des Essens, im Sinne von „Fressen und gefressen werden“, zieht sich durch das ganze Buch:
Der Roman beginnt mit dem Satz „Mein Vater ist ein guter Esser“. Es folgt eine minutiöse Beschreibung einer Mahlzeit in der Familie.
Die Verteilung des Essens drückt das Machtgefüge in der autoritären Kleinfamilie aus. Der Vater ist der Vielfraß, seiner Frau und seinem Sohn bleibt nur ein geringer Teil über. Der Sohn wird später schließlich noch von einem Bandwurm befallen.
Fressen und gefressen werden; Elsner drückt damit auch die gesellschaftlichen Verhältnisse aus. So beschreibt sie eine gierige Meute von Restaurantbesuchern, die sich gar über die Goldfische des Aquariums und zuletzt über Vater Leinlein hermachen und ihn auffressen.
Vater Leinlein selbst hatte vorher bereits Luises ersten Mann verspeist. In seinem Antrag an Luise spricht er von der Heirat als „Wiedergutmachung“.

Dies ist eine der vielen Anspielungen Elsners auf Verdrängen und Vergessen des faschistischen Massenmords.
In einer Beschreibung einer katholischen Prozession erzählt Elsner von einem der Teilnehmer, dem Kriegsversehrten Herr Kecker; ein Täter, der sich mit seinen Krücken und mit seinem Beinstumpf als Opfer inszeniert.
Während der Prozession lässt er sich vor aller Augen auf einer Bahre tragen. Er und seine Opferinszenierung werden so zum eigentlichen Mittelpunkt des Geschehens. Die Träger beschimpft er als Deserteure und Kriegsdienstverweigerer. Das Kapitel endet:
„Frömmlinge, die! Inquisitorengesocks!“, hörte ich den Herrn Kecker schreien.
Mich ausquetschen wollen! Mich! Kein Sterbenswörtchen werden sie erfahren. Mich bringt man nicht zum Reden! Nicht so leicht! Auch nicht mit solchen Methoden! Eher beiß ich mir die Zunge ab! Eher reiß ich mir die Zunge raus!“ Dann rannten die Träger ums Eck.“

Nach ihrem zweiten Roman „Der Nachwuchs“ von 1968 begann Elsner, sich von ihrem bisherigen großen Vorbild Franz Kafka zu lösen.
Kafka, in ihren „jungen Jahren (..) ein konkurrenzlos dastehender literarischer Gott“, attestierte sie später einen „verderblichen“ Einfluss, seiner Prosa „entrückte Weltferne“.
Demensprechend stellte Elsner ab Ende der 1960er Jahre ihr eigenes Werk vom Kopf auf die Füße.
Sie wechselte von der grotesken zu einer realistischeren Schreibweise; vom Absurden und Parabelhaften zur Gesellschaftssatire.
Mit dem Roman „Das Berührungsverbot“ (1970) versuchte sich Elsner 20 Jahre vor Elfriede Jelineks Roman „Lust“ in einer Art Anti-Porno. Es war ihre Reaktion auf die Welle der sexuellen Befreiung, die sie für keine wirkliche Befreiung hielt.
Der Roman beschreibt eine Gruppe von Ehepaaren, die sich im Partnertausch versuchen. Dieser Versuch scheitert und mündet in Gewalt.

Als gebildete Marxistin wandte sich Elsner in ihren Satiren zunehmend auch ökonomischen Themen zu. In ihrem 1977 erschienenen Roman „Der Punktsieg“ beschreibt sie einen Großunternehmer, der für die SPD Wahlkampf macht. Das politisch-ökonomische Programm eines „sozialen Unternehmertums“ entlarvt sie als unmöglich.

Gisela Elsner ordnete sich als Schriftstellerin den Bedingungen des Literaturbetriebs nicht unter. Sogenannte Frauenliteratur, Psychologisieren, Subjektivität und Innerlichkeit lehnte sie ab.
Weil sie als Frau über Dinge schrieb, die andere Schriftstellerinnen nicht schrieben, also über die herrschenden Zustände, sah sie sich schon in ihren frühen Jahren Angriffen der Kritik ausgesetzt. Elfriede Jelinek in einem Essay über ihre Kollegin: „Gisela Elsner steht mir als Schriftstellerin sehr nahe und sie geht mir sehr nahe; in der Verzweiflung über die Verachtung des weiblichen Werks finde ich mich wieder (…) Sie (die Frau) darf die Wirklichkeit bedienen, aber sie darf sie nicht beschreiben, so wie sie ist.“
Die Wirklichkeit beschrieb Elsner mit ihrem unverwechselbaren Stilmittel langer Schachtelsätze voller Redundanz und Wiederholungen.
Mit ihrer fordernden und geradezu folternden Syntax verstand sie es, Macht-, Gewalt- und Herrschaftsverhältnisse in ihrer ganzen Stupidität und Brutalität darzustellen.

Nach ihrem letzten Erfolg „Abseits“ von 1982, der Roman war im deutschsprachigen Raum ihr absatzstärkstes Buch, geriet Gisela Elsner selbst ins literarische Abseits. Ihr Werk, das laut Selbstauskunft in 20 Sprachen übersetzt worden war, wurde von Verlagen und Kritik verkannt.
In ihrem Spätwerk befasste sich Elsner wieder verstärkt mit dem Faschismus, so unter anderen in dem Roman „Heilig Blut“, für den sie in Deutschland keinen Verleger fand.
„Heilig Blut“ handelt von vier älteren Herren, allesamt alte Nazis, die jedes Jahr einen mehrtägigen Jagdausflug in den Bayerischen Wald unternehmen. Diesmal jedoch ist einer dieser Herren, Herr Gösch, erkrankt und schickt seinen Sohn, den „jungen Gösch“ mit.
Die Atmosphäre ist von stetig wachsender Feindseligkeit geprägt. Die Herren Hächler, Lüßl und Glaubrecht werden unter anderem mit „kehlige(m) Gelächter“ als menschliche Wölfe dargestellt.
Nachdem nun aus einer Forschungsstation in der Nähe von Heilig Blut zwölf echte Wölfe ausbrechen, beginnt eine Jagd mit erwartbar tödlichem Ausgang.
In ihrem Roman verknüpft Elsner die katholische Blut-Verehrung mit dem Blut- und Boden-Kult der Faschisten. Sie entlarvt damit den irrationalen Charakter einer mörderischen Ideologie.
Das Manuskript von „Heilig Blut“ wurde von Elsners Hausverlag Rowohlt abgelehnt. Mit der Autorin befreundete Redakteure und Mitarbeiter der DKP-nahen Literaturzeitschrift „kürbiskern“ bemühten sich daraufhin um Vermittlung in der Sowjetunion.
1987 erschien der Roman in der Übersetzung der Germanistin Nina Litwinez zusammen mit weiteren Erzählungen im Band „Chailigbljut“ im Moskauer Raduga Verlag.
In einem Interview mit der DKP-Zeitung Unsere Zeit vom September 1987 erklärte Elsner zu diesen Vorgängen trocken:
„Im Falle meines antifaschistischen Romans 'Heilig Blut' habe ich, etwas jenseits der Legalität, die Weltrechte für diesen Roman an den größten sowjetischen Verlag verkauft. Das Buch erscheint demnächst in der UdSSR, wo man es für mein bestes Buch hält, während es hier von drei Verlagen als 'mißlungen' abgelehnt wurde. Was daran mißlungen war, sagte man mir allerdings nicht. Zu meiner Freude wird der Roman jetzt nicht etwa vom Deutschen, sondern vom Russischen ins Bulgarische übersetzt. Ob man ihn daraufhin vom Bulgarischen ins Sudanesiche oder Koreanische übersetzen wird, kann ich momentan noch nicht sagen“.
Erst 2007, zu Elsners 70. Geburtstag und 15 Jahre nach ihrem Tod wurde der Roman vom Verbrecher Verlag erstmals auf Deutsch publiziert.

Gisela Elsner fertigte in den 1980er Jahren einige weitere Romanmanuskripte an, die sie vielleicht aus Resignation über ihre zunehmende Missachtung von sich aus nicht bei Verlagen einreichte.
Ein besonders gelungenes Beispiel hierfür ist „Otto der Großaktionär“, der erstmals 2008 erschien.
Otto Rölz arbeitet als „sogenannter Tierbetreuer“ bei Tierversuchen in einer Schädlingsbekämpfungsmittelfabrik. Er kauft fünf Aktien „seiner“ Firma und fühlt sich als stolzer Miteigentümer. Einsparungen führen zu Arbeitszeitverkürzungen. Da das Gehalt nicht mehr ausreicht, sieht sich Otto Rölz dazu gezwungen, sich der Firma als Versuchsperson für chemische Kampfstoffe zur Verfügung zu stellen. Der soziale Abstieg Ottos ist dennoch nicht aufzuhalten. Die Aktien verlieren an Wert und müssen verkauft werden; er wird entlassen.
Der Roman enttarnt die Illusionen einer Klassengleichheit. Er stellt aber auch die Profite deutscher Großkonzerne an Waffen und historisch an der Herstellung von Zyklon B dar, das von der IG Farben ursprünglich auch als Ungeziefervertilgungsmittel entwickelt worden war. In ihrem Roman deutet Elsner dies mit dem Tierversuchstrakt an, der von den Arbeitern das „AUSCHWITZEL“ genannt wird.
In den 1980er Jahren begann eine schleichende Entfremdung zwischen dem Rowohlt Verlag und seiner einstigen Starautorin. Gisela Elsners „Marktwert“ war gesunken, die Vorschüsse für ihre Bücher wurden immer geringer.
Mit dem neuen Verlagsleiter Michael Naumann überwarf sie sich und Ende der 1980er Jahre wurde die Verlagsbindung aufgehoben.

Gisela Elsner wechselte zum Zsolnay Verlag, in dem 1989 ihr letzter zu Lebzeiten veröffentlichter Roman „Fliegeralarm“ erschien. „Fliegeralarm“ erzählt von einer Gruppe von Kindern, die in den letzten Kriegsmonaten in den Bombenruinen von Nürnberg ein KZ nachbauen. Der Roman wurde von der Kritik völlig missverstanden.

Foto: Jens David
1991 wurde Elsners Werk vom Rowohlt Verlag verramscht. Sie selbst sprach vom „großen Elsnerräumungsschlussverkauf“.

Ab Anfang der 1990er Jahre litt Gisela Elsner zunehmend unter den Folgen ihrer Alkohol- und Tablettensucht. Es bestand die Gefahr, dass ihr wegen des Rauchens ein Bein abgenommen werden müsste. Neben den gesundheitlichen Umständen waren es sicher auch ihre finanzielle Situation und die politische Desillusionierung, die ihr zu Schaffen machten. Gisela Elsner war Kommunistin. Der DKP blieb sie mit einer kurzen Unterbrechung bis zu ihrem Tod treu. Vom Ende des Realsozialismus wurde sie schwer getroffen.
Im Juni 1990 zog Elsner nach Ostberlin. Vielleicht war ihr Vorbild dafür ihr Schriftstellerkollege und Freund Ronald M. Schernikau, der nach dem Mauerfall 1989, als viele den Weg von Ost nach West suchten, erfolgreich die Einbürgerung in die DDR beantragte. Nach nur drei Tagen kehrte sie nach München zurück.
Knappe zwei Jahre später erlitt sie einen psychischen Zusammenbruch und wurde in eine Münchner Klinik eingeliefert. Wenige Tage später, am 10. Mai 1992, beging sie dort durch einen Fenstersturz Selbstmord.

Nach ihrem Tod geriet Gisela Elsner, sofern dies nicht schon davor der Fall war, zunächst in Vergessenheit.
Ihre Person wurde erst im Jahr 2000 durch den Film „Die Unberührbare“ mit Hannelore Elsner, die nur den Namen mit ihr gemein hat, wieder bekannter. Regisseur ist ihr Sohn Oskar Roehler.
Kennt man Leben und Werk der Elsner noch nicht, mag der Film faszinieren. Doch wird ihr Alter Ego hier vorrangig als nikotin-, alkohol- und tablettenabhängige, paranoide Person dargestellt. Das bedeutende literarische Werk von Gisela Elsner tritt völlig in den Hintergrund. So ist, gewollt oder nicht, im ganzen Film kein einziges Buch zu sehen.
Auch in weiteren Filmen verarbeitete Oskar Röhler die gestörte Mutter-Sohn-Beziehung und zeichnete das Bild seiner Mutter negativ. In „Die Quellen des Lebens“ tritt Lavinia Wilson als Elsner auf, in „Tod den Hippies. Es lebe der Punk“ Hannelore Hoger.

Um die Wiederentdeckung des Werks von Gisela Elsner haben sich der Verbrecher Verlag und insbesondere die Literaturwissenschaftlerin Christine Künzel verdient gemacht, die Herausgeberin der Werkausgabe ist. Seit 2002 sind zehn Bände wieder oder erstmalig erschienen, zuletzt 2016 das Romanfragment „Die teuflische Komödie“.

In einem behielt Gisela Elsner in ihrem Selbstnachruf recht:
Maßgeblich von Prof. Christine Künzel initiiert, wurde im Mai 2012 am Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg die „Internationale Gisela-Elsner-Gesellschaft“ gegründet, die regelmäßig Symposien veranstaltet und deren Mitglieder intensiv zu Leben und Werk der Schriftstellerin forschen.
Auch im Feuilleton wird Gisela Elsner wiederentdeckt; ihre wieder- oder erstaufgelegten Werke werden durchaus positiv besprochen.
Offenbar schätzt man ihr Werk heute mehr als zu ihren Lebzeiten. Und wenn es nicht geschätzt wird, wird es zumindest wieder wahrgenommen.
Vielleicht wird sich so eine weitere Prophezeiung aus ihrem Selbstnachruf bewahrheiten. Elsner abschließend in ihrer „Auferstehung“:
„Wer keine Tränen vergießen wird, soll Gisela Elsner gesagt haben, der wird zumindest schwitzen.“

Die Gisela-Elsner-Werkausgabe erscheint im Verbrecher Verlag.
Nähere Informationen zu Leben und Werk von Gisela Elsner finden sich auf der Seite der Internationalen Gisela-Elsner-Gesellschaft.

Blogkino: Das Geständnis (1970)

Heute zeigen wir in unserer Reihe Blogkino den 1970 unter der Regie von Costa-Gavras entstandenen Politthriller "Das Geständnis" mit Yves Montand und Simone Signoret in den Hauptrollen. Anton Ludvik (Yves Montand), der stellvertretende Außenminister der Tschechoslowakei, wird in Prag von der Regierung festgenommen. Mit zermürbenden Methoden will man ihn zwingen, Verbrechen gegen den kommunistischen Staat zu gestehen, die er nie begangen hat...

Blogkino: Que viva Mexico! (1931)

Heute setzen wir in unserer Reihe Blogkino die kurze, chronologische Reihe mit Filmen des sowjetischen Regisseurs Sergej Michajlovič Ėjzenštejn mit dem unvollendeten Film "Que viva Mexico!" fort. Ėjzenštejn porträtiert in dem von Upton Sinclair produzierten Film episodenhaft die Geschichte Mexikos, beginnend mit der Zeit vor der Eroberung durch Spanien bis hin zur Revolution 1910.

Blogkino: Die Generallinie - Старое и новое (1929)

Heute setzen wir in unserer Reihe Blogkino die kurze, chronologische Reihe mit Filmen des sowjetischen Regisseurs Sergej Michajlovič Ėjzenštejn mit dem 1929 entstandenen Film Die Generallinie bzw. Das Alte und das Neue (Старое и новое bzw. Генеральная линия – Staroe i nowoje bzw. Generalnaja linija) fort. "Der Film, eine Auftragsarbeit des Sowjetstaates, wirbt in propagandistischer Form für die neue, sozialistische Ordnung bei der Landverteilung und für die Zwangskollektivierung.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht die junge Bäuerin Marfa, die sich de facto selbst spielt. Als ihr Vater stirbt, bleibt ihr bei der Verteilung des Erbes nur eine Kuh und ein winziges Stück Land, das zu bewirtschaften sich kaum lohnt. Um wenigstens einen minimalen Ertrag zu erwirtschaften, bitten sie einen reichen Kulaken um etwas Hilfe. Sie braucht lediglich ein Pferd, um ihren kleinen Acker zu bestellen. Doch der hartherzige Mann hört sie nicht einmal an. Aus lauter Verzweiflung überlegt sich Marfa, ob es nicht andere Wege zu einer Erfolg versprechenden Landwirtschaft geben kann.

So erwacht in Marfa eines Tages die Revolutionärin. Sie gründet mit vier anderen Landwirten, die sich in einer ähnlich prekären Situation befinden, eine eigene Kolchose. Immer wieder gibt es Rückschläge, doch allmählich zeichnet sich der Nutzen dieser Produktionsgemeinschaft für alle Beteiligten ab. Die Genossenschaft wird zum Musterbeispiel für effektive Landwirtschaft, und immer mehr Bauern der Umgebung schließen sich ihr an. Bald kann man sich sogar einen Traktor leisten und die Felder zu aller Nutzen optimal bewirtschaften. Dagegen erscheint so manch anderer im Umfeld, etwa die tief Gläubigen und der Priester, wie ein allmählich verglimmendes, archaisches Relikt längst vergangener Zeiten." (WikiPedia)

Blogkino: Panzerkreuzer Potemkin - Броненосец „Потёмкин“ – Bronenossez „Potjomkin“ (1925)

Heute setzen wir in unserer Reihe Blogkino die kurze, chronologische Reihe mit Filmen des sowjetischen Regisseurs Sergej Michajlovič Ėjzenštejn mit dem1925 entstandenen Panzerkreuzer Potemkin (Броненосец „Потёмкин“ – Bronenossez „Potjomkin“) fort. Sein wohl bekanntester Film war der offizielle Jubiläumsfilm zur Feier der Revolution des Jahres 1905 im Jahr 1925 und "lehnt sich sehr frei an die tatsächlichen Ereignisse des russischen Revolutionsjahres 1905 an, der Meuterei der Besatzung des russischen Kriegsschiffs Knjas Potjomkin Tawritscheski gegen deren zaristische Offiziere. Die Bezugnahme auf eine gescheiterte Revolution in einem Propagandafilm ist schlüssig, wenn man die leninistische Revolutionstheorie berücksichtigt: der aufbegehrenden Masse fehlten demnach die für das Gelingen notwendigen Berufsrevolutionäre und die Kaderpartei, als die sich später die Bolschewiki erweisen würden. Die Figur des Wakulintschuk wird zu früh getötet und gerät eher zufällig in die revolutionäre Situation, als dass er diese Rolle übernehmen könnte." (Wikipedia).

100. Todestag von Jack London

Jack London *12. Januar 1876 in San Francisco † 22. November 1916 in Glen Ellen, Kalifornien

Der heute vor 100 Jahren gestorbene Jack London war nicht nur Abenteurerzähler, sondern auch Sozialist. "Der Kapitalist muss zuerst lernen, dass Sozialismus von der Ungleichheit der Menschen und nicht von deren Gleichheit ausgeht. (...) Dann muss er begreifen, dass der Sozialismus von dem ausgeht, was existiert, und nicht von dem, was sein sollte. Die Grundlage des Sozialismus ist der Staub der alltäglichen Straße." (War of the Classes 1905, Reden zum Sozialismus)

Ganz oben sollte in der heutigen Zeit Jack Londons Buch "Die eiserne Ferse" (Originaltitel: "The Iron Heel"), ein dystopischer Roman stehen. Das Buch ist online z.B. hier verfügbar.

"Er erschien 1907 bei MacMillan in New York und 1908 bei Everett in London. Er wurde u. a. von Erwin Magnus übersetzt. Der in einer nahen Zukunft spielende Science-Fiction-Roman beschreibt mehr die künftigen politischen und sozialen Änderungen als den technologischen Fortschritt. London schrieb den Roman nach seinen Erfahrungen in der Socialist Party of America und dem Scheitern der russischen Revolution von 1905, in die er große Erwartungen gesetzt hatte. Bei der Beschreibung der titelgebenden Oligarchie nimmt London hellsichtig spätere Strukturen des Totalitarismus vorweg, siedelt diese aber vor allem in den USA an. Die eiserne Ferse stand im Mai 1933 auf Wolfgang Herrmanns Schwarzer Liste der verbotenen Bücher." (WikiPedia)

"(...) Die eiserne Ferse sieht das Auftauchen des Faschismus voraus, der aus einem verfaulenden Kapitalismus aufsteigt, ebenso dessen schreckliche Auswirkungen für die Arbeiterklasse und ihre Führung. Der Roman zeichnet den Aufstieg politischer Organisationen der herrschenden Klasse nach, die von der „Plutokratie“ oder „Oligarchie“ kontrolliert werden. Diese Organisationen bilden zusammenwirkend eine Einheit, die London einprägsam als die „Eiserne Ferse“ bezeichnet, und deren Brutalität über den gesamten Roman hinweg ausführlich geschildert wird. (...)" (WSWS)

Ein Auszug aus dem Kapitel "Der Generalstreik":

“(...) Die schweren Zeiten hatten eine ungeheure Absatzstockung verursacht. Die Arbeiter, meistens ohne Arbeit, hatten kein Geld, um zu kaufen. Die Folge war, dass die Plutokratie einen größeren Überschuss als je in Händen hatte. Diesen Überschuss musste sie an das Ausland absetzen, denn zur Ausführung ihrer riesigen Pläne brauchte sie viel Geld. Die Folge der großen Anstrengungen, die sie machte, um diesen Überschuss auf dem Weltmarkt abzustoßen, war, dass die Plutokratie mit Deutschland zusammenstieß. Wirtschaftliche Zusammenstöße pflegen durch Kriege ausgetragen zu werden, und diesmal war es nicht anders. Der mächtige deutsche Kriegsherr rüstete, und dasselbe taten die Vereinigten Staaten.

Die Kriegswolken hingen schwarz und drohend am Himmel. Eine Weltkatastrophe schien vor der Tür zu stehen, denn in der ganzen Welt gab es schwere Zeiten, Arbeiterunruhen, untergehenden Mittelstand und Heere von Arbeitslosen, Zusammenstöße wirtschaftlicher Interessengruppen auf dem Weltmarkte und ein Gemurmel und Raunen von der kommenden sozialistischen Revolution. (...)“

"Der Mensch ist für Besseres geschaffen, als Dreck aufzuwirbeln..."

Oscar Wilde 1892, Foto: Sarony, Napoleon

"Und da ich das Wort Arbeit ausgesprochen habe, möchte ich darauf hinweisen, wie viel Törichtes heutzutage über die Würde der körperlichen Arbeit geschrieben und gesagt wird. Körperliche Arbeit ist durchaus nicht etwas, das Würde verleiht, zumeist ist sie absolut erniedrigend. Irgend etwas zu tun, das man ohne Freude ausführt, ist geistig und moralisch verwerflich, und viele Arbeiten sind völlig freudlose Tätigkeiten und sollten auch als solche betrachtet werden. Eine schmutzige Straßenkreuzung während acht Stunden des Tages bei scharfem Ostwind zu fegen, ist eine widerliche Beschäftigung. Sie mit geistiger, moralischer oder körperlicher Würde zu fegen, scheint mir unmöglich. Sie mit Freude zu fegen, erscheint mir geradezu ungeheuerlich. Der Mensch ist für Besseres geschaffen, als Dreck aufzuwirbeln."

Oscar Wilde in seinem Essay »Der Sozialismus und die Seele des Menschen« (1891)

Siehe auch: Über Freudloses...