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Revolution an der Tanzbar: Franz Josef Degenhardt - "Hier im Inneren des Landes..."

Franz Josef Degenhardt wäre in wenigen Tagen 80 Jahre alt geworden. Dazu hat es ihm nicht mehr gereicht. Heute ist er gestorben. Der Titel "Befragung eines Kriegsdienstverweigerers" war - auch aus eigener Betroffenheit heraus - eines der ersten Lieder, die mir und vielen anderen von FJD bewusst wurde:



"Spiel nicht mit den Schmuddelkindern". Ein Lied, das wie Klaus Hoffmann sagte "von einigen Spießern und Fettärschen abgelehnt wurde".



"Wölfe mitten in Mai" - gerade heute hochaktuell:


Der Titel "Hier im Inneren des Landes..." ist eine Erinnerung an die Zeiten, als bestimmte Leute nur "im Innern" auftauchten. Inzwischen sind sie als Innenminister und Kommentatoren ziemlich ins Äußere getreten. In diesen und anderen Liedern lebt Franz Josef Degenhardt weiter:

Wie oft hat man sie schon totgesagt, doch
hier im Innern des Landes leben sie noch
nach den alten Sitten und alten Gebräuchen,
kaum dezimiert durch Kriege und Seuchen,
stämmig und stark ein beharrliches Leben,
den alten Führern in Treue ergeben,
dem herzhaften Trunke, der üppigen Speise,
in Häusern, gebaut nach Altväterweise,
gefestigt im Glauben, daß alles fließt,
daß unten stets unten, oben stets oben ist,

Wie oft hat man sie schon totgesagt, doch
hier im Innern des Landes leben sie noch,
die gewaltigen Mütter mit Kübelhintern,
Bewahrer der Sitten, Leittier den Kindern,
die Männer, die diese Mütter verehren
und auf ihr Geheiß die Familie vermehren,
die Söhne, die nach diesen Vätern geraten -
prachtvolle Burschen und gute Soldaten -,
die Töchter, die mit dem Herzen verstehn
und im weißesten Weiß hochzeiten gehn.

Wie oft hat man sie schon totgesagt, doch
hier im Innern des Landes leben sie noch
und lieben die Blumen und Hunde und Elche,
vor allen Dingen die letzteren, welche
aus Bronze sie in die Wohnzimmer stellen,
wo sie dann leise röhren und bellen,
wenn jene traulichen Weisen erklingen,
die ihre Herrchen so gerne singen,
kraftvoll und innig nach gutalter Art,
von den zitternden Knochen, vom Jesulein zart.

Wie oft hat man sie schon totgesagt, doch
hier im Innern des Landes leben sie noch
und folgen den Oberhirten und -lehrern,
den Homöopathen und weisen Sehern.
Sie lieben das erdverbundene Echte,
hassen zutiefst das Entartete, Schlechte,
sind kurz vor der Sturmflut noch guten Mutes
und tanzen im Takt ihres schweren Blutes,
einen Schritt vor, zurück eins, zwei, drei,
und schwitzen und strahlen und singen dabei:

Wie oft hat man uns schon totgesagt, doch
hier im Innern des Landes leben wir noch.
Ja, da leben sie noch


Am 19.12.2011 gibt es ein Gedenkkonzert des Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, 10117 Berlin

Danke für die Hinweise an Fritz Güde und redblog

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richard albrecht on :

@ Thomas Trueten
@ Fritz Güde u.a.


„Die Vergangenheit ist niemals tot.
Sie ist nicht mal vergangen.“
(William Faulkner 1951)


(1) Jetzt, nachdem FJD 79jährig starb, wurde er das „singende, scharfzüngige Megafon der ‘68er-Bewegung“ (der westen) genannt. Ich erinnere FJD noch - Sommer 1966 - als der Korntrinker schon sein Kleinkunstpublikum hatte, immer noch in der SPD (zeitweilig SPD-Stadtrat) war und Uniassistent für Europarecht (Dr.jur. 1966). Später, m.E.n. 1981, FJD wohnte damals in Quickborn, gabs mal im Hamburger Univiertel eine öffentliche Diskussion mit Werner Mittenzwei, der sich in der damaligen DDR dafür engagierte, daß dort die drei Peter-Weiss-Bände DIE ÄSTHETIK DES WIDERSTANDS ungekürzt erschienen (was auch geschah). Auch FJD fragte öffentlich und später in der Kneipe beharrlich nach…


(2) Aber nicht deshalb diese Zuschrift. Sondern: es gibt, FJDs „Vatis Argumente“ betreffend, eine Rezeptionsgeschichte, genauer: ein Rezeptions“mißverständnis“. Als das 68er-Lied zuerst im WDR lief und so endete

„lieber Rudi Dutschke
würde vati sagen
ich mach ihnen einen vorschlag
sie kommen zu mir
in meinen betrieb
personalabteilung
und in einem jahr
in einem jahr
sind sie mein assistent meine rechte hand
und dann
steht ihnen alles offen
na
bin mal gespannt
was er dann sagen wird
euer Rudi Dutschke
meint vati
aber das andere ist ja bequemer
alles kaputtschlagen
würde vati sagen
bloß nicht
ÄRMEL AUFKREMPELN ZUPACKEN AUFBAU'N“ -

sollen im WDR zustimmende Telefonanrufe mit dem Tenor „endlich hat´s mal jemand den Radikalinskis gegeben“ eingegangen sein. So daß sich FJD entschloß, der Schallplattenversion diesen Nachsatz beizufügen, um jeder rechten Zustimmung vorzubeugen:

„also wenn vati loslegt
dann fragt man sich immer
was ist der bloß immer so wütend
hat er gemerkt
daß ihn keiner mehr
ernst nimmt“


(3) Achja: Ich erinnere auch, daß zur ideologischen „Begründung“ eines realvollzogenen Berufsverbots im damals SPD-alleinregierten Nordrhein-Westfalen 1977 ein sich kritisch auf FJD´s Roman „Zündschnüre“ beziehender Zeitungsleserbrief der aus dem öffentlichen Dienst entfernten Studienrätin z.A. vorgehalten wurde …


[1] http://www.duckhome.de/tb/archives/8829-DIE-VERGANGENHEIT-IST-NIEMALS-TOT.html
[2] http://www.youtube.com/watch?v=JfmJZ76kRwc
http://www.youtube.com/watch?v=O6C2t6GtNDI


Dr. Richard Albrecht
15. 11. 2011
http://KulturBruch.net

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