Wie Kinder Schlachtens mit einander gespielt haben

Erster Teil der Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen" von 1812
Erster Teil der Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen" von 1812
"Einstmals hat ein Hausvater ein Schwein geschlachtet, das haben seine Kinder gesehen; als sie nun Nachmittag mit einander spielen wollen, hat das eine Kind zum andern gesagt: „du sollst das Schweinchen und ich der Metzger seyn;“ hat darauf ein bloß Messer genommen, und es seinem Brüderchen in den Hals gestoßen. Die Mutter, welche oben in der Stube saß und ihr jüngstes Kindlein in einem Zuber badete, hörte das Schreien ihres anderen Kindes, lief alsbald hinunter, und als sie sah, was vorgegangen, zog sie das Messer dem Kind aus dem Hals und stieß es im Zorn, dem andern Kind, welches der Metzger gewesen, ins Herz. Darauf lief sie alsbald nach der Stube und wollte sehen, was ihr Kind in dem Badezuber mache, aber es war unterdessen in dem Bad ertrunken; deßwegen dann die Frau so voller Angst ward, daß sie in Verzweifelung gerieth, sich von ihrem Gesinde nicht wollte trösten lassen, sondern sich selbst erhängte. Der Mann kam vom Felde und als er dies alles gesehen, hat er sich so betrübt, daß er kurz darauf gestorben ist."

Erschienen 1812 im ersten Band der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm. Quelle

Man nannte uns Kaninchen

"Kriegschirurgische Experimente": so nannten die SS-Ärzte ihre medizinischen Versuche, die ab Sommer 1942 an polnischen Insassinnen des Konzentrationslagers Ravensbrück durchgeführt wurden. Nur wenige Frauen überlebten diese Experimente.

Kurz vor Ende des Krieges wurden viele der "Versuchskaninchen" ermordet - es sollte keine Zeuginnen geben.

Drei Frauen, die im April 1945 dem KZ entkommen konnten, berichten in dieser Dokumentation über ihre Erlebnisse - weil sie es als ihre Pflicht den Frauen gegenüber empfinden, die nicht überlebten: Satnislawa Bafia, Maria-Broel Plater-Skassa und Wladyslawa Marczewska.



Filmographische Angaben

Dokumentation

Deutschland, 1995

Regie: Loretta Walz

Quelle: Landeszentrale für politische Bildung NRW

Vor 78 Jahren: Aufstand in Sobibór

Heute jährt sich der Tag des größten erfolgreichen Aufstandes in einem faschistischen Vernichtungslager - Sobibor. Anlass genug, in Gedenken daran, den Film "Sobibór" mit Alan Arkin und Rutger Hauer in den Hauptrollen zu zeigen. Der Film erzählt vom Aufstand und der Flucht von 365 Insassen des berüchtigten, in Polen gelegenen Vernichtungslagers Sobibór. Zwischen Mai 1942 und Oktober 1943 wurden dort 150.000 bis 250.000 Juden und Sinti und Roma ermordet.

Am 14. Oktober 1943 kam es in Sobibór zu einem Aufstand mit anschließender Massenflucht. Planung und Durchführung der Revolte gingen mehrheitlich zurück auf sowjetische Kriegsgefangene jüdischer Herkunft aus Weißrussland unter Führung des Rotarmisten Alexander Petscherski und des Zivilgefangenen Leon Feldhendler. Die Aufständischen töteten zehn SS-Angehörige, darunter Josef Vallaster, und zwei Trawniki-Wachmänner. Viele Gefangene starben im Kugelhagel der Wachleute oder im Minenfeld außerhalb der Stacheldrahtumzäunung. 365 Gefangene konnten zunächst fliehen, nur 47 überlebten den Krieg. Semjon Rosenfeld, der letzte Überlebende, starb 2019.

Vor 85 Jahren: Soziale Revolution in Spanien

Vor 85 Jahren, am 17. Juli 1936, begann der sogenannte spanische Bürgerkrieg, der nach einem Aufruf der CNT am 18. Juli zum landesweiten Generalstreik dann zum 19. Juli hin in eine soziale Revolution überging. Nach blutigen Auseinandersetzungen wurden die aufständischen Militärs am 19. Juli in Barcelona durch organisierte Arbeitergruppen und republiktreuen Einheiten der Guardia de Asalto und der Guardia Civil besiegt. Am folgenden Tag endeten die Kämpfe in Madrid mit dem gleichen Ergebnis. Der Militärputsch war ebenso wenig in Valencia erfolgreich. In anderen Landesteilen siegte jedoch das Militär. Die Strukturen der CNT und anderer antifaschistischer Organisationen wurden in diesen Regionen unmittelbar zerschlagen, die aktiven Mitglieder der antifaschistischen Organisationen zu Tausenden hingerichtet...

Dem Frieden entgegen

Hermann Hesse, 1927 Foto: Gret Widmann (†1931)
Hermann Hesse, 1927
Foto: Gret Widmann (†1931)
Aus Haßtraum und Blutrausch
Erwachend, blind noch und taub
Vom Blitz und tödlichen Lärm des Krieges,
Alles Grauenhaften gewohnt,
Lassen von ihren Waffen,
Von ihrem furchtbaren Tagwerk
Die ermüdeten Krieger.

"Friede!" tönt es
Wie aus einem Märchen, aus Kinderträumen her.
"Friede." Und kaum zu freuen
Wagt sich das Herz, ihm sind näher die Tränen.

Arme Menschen wir,
So des Guten wie Bösen fähig,
Tiere und Götter. Wie drückt das Weh,
Drückt die Scham uns heute zu Boden.

Aber wir hoffen. Und in der Brust
Lebt uns glühende Ahnung
Von den Wundern der Liebe.
Brüder! Uns steht zum Geiste,
Steht zur Liebe die Heimkehr
Und zu allen verlorenen
Paradiesen die Pforte offen.

Wollet! Hoffet! Liebet!
Und die Erde gehört euch wieder.

Hermann Hesse, Februar 1945
Aus: Sämtliche Werke, herausgegeben von Volker Michels, Band 10 Die Gedichte, bearbeitet von Peter Huber, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2002, Seiten 377-378.

Veranstaltungshinweise: 80. Jahrestag des faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion

Foto: Überfall auf die Sowjetunion. Gebirgs-Jaeger gehen im Morgengrauen über die deutsch-russische Interessengrenze, König, Lemberg, 22.6.1941. Bundesarchiv, Bild 146-2007- 0127 CC-BY-SA 3.0. Wikimedia
Foto: Überfall auf die Sowjetunion. Gebirgs-Jaeger gehen im Morgengrauen über die deutsch-russische Interessengrenze, König, Lemberg, 22.6.1941. Bundesarchiv, Bild 146-2007- 0127 CC-BY-SA 3.0. Wikimedia
Am 22. Juni 2021 jährt sich der faschistische Überfall auf die Sowjetunion zum 80. Mal. Aus diesem Anlass gibt es bundesweit eine Reihe spannender Veranstaltungen:

Berlin „Es war doch so ein schöner Sommertag.“ Der Überfall der faschistischen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22.6.1941, Kundgebung der Berliner VVN-BdA, 22. Juni 2021, 17:00 – 22:00 Uhr, Bebelplatz.

Hamburg „Komm und sieh!“ von Elem Klimow, 1985. Filmveranstaltung der VVN-BdA Hamburg, Sonntag, 27. Juni, 17:00 Uhr, Kommunales Kino METROPOLIS, Kleine Theaterstraße 10. Mit einer Einleitung von Hannes Heer, Historiker und u. a. Kurator der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 – 1945“.

Frankfurt am Main Gedenkveranstaltung der VVN-BdA, 18:00 Uhr, Paulsplatz.

Leipzig Veranstaltungsreihe 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion. Erster Termin 30.06. „Vernichtungskrieg an der Heimatfront – Neue Fotografien sowjetischer Gefangener aus dem Kriegsgefangenenlager Zeithain“, mit Jens Nagel und Nora Manukjan (Gedenkstätte Ehrenhain-Zeithain), Innenhof der Galerie KUB in Leipzig mit Stream bzw. Videoaufzeichnung. Weitere Termine folgen.

Braunschweig Kundgebung am 22. Juni 2021, 16:00 Uhr, auf dem Platz vor der öffentlichen Bücherei und 18:00 Uhr Gedenken am Ehrenmal für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter am Brodweg. u.a. von der VVN-BdA Braunschweig.

Hanau Die Friedensplattform Hanau (die VVN‐BdA Main-Kinzig ist Teil der Friedensplattform Hanau) lädt zum Anlass des 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion am 19.06.21, 19:00 Uhr, in das Internationales Kulturzentrum der DIDF, Alfred-Delp-Straße 10 ein.

Hannover „Aus dem Schatten der Erinnerung. Spurensuche zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion – in Niedersachsen“, u.a. mit Hannes Heer, 3. Juli 2021 im Kulturzentrum Pavillon (Großer Saal), Lister Meile 4, 30161 Hannover. Beginn: 11:00 Uhr, Ende gegen 16:00 Uhr, Anmeldung unter: buero@vvn-bda-niedersachsen.de.

Nürnberg „Der „Fall Barbarossa“ – Die deutsche Wehrmacht überfällt die UdSSR“, Veranstaltung der VVN-BdA und das Nürnberger Friedensforum – Unterstützt wird die Veranstaltung von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Bayern, Referent Manfred Weissbecker, 23. Juni 2021, 19:30 Uhr, Villa Leon, Philipp-Koerber-Weg 1. Anmeldungen an: info@friedensforum-nuernberg.de oder an VVN-BdA: Georg-Neubauer@t-online.de

Nürnberg Ausstellung: „Holocaust: Vernichtung, Befreiung, Rettung“, 21. – 30. Juni 21 in der Villa Leon. Anmeldung unter: Georg-Neubauer@t-online.de

Nürnberg Vortrag und Filmvorführung Hannes Heer „80 Jahre Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion oder: der zweite deutsche Völkermord“, 26. Juni 2021, 18:30 – 20:30, u.a. VVN-BdA, Villa Leon, Philipp-Körber-Weg 1, Nürnberg. Präsenzveranstaltung und parallel über Zoom. Anmeldung an: info@isfbb.de.

Neufahrn bei Freising Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, Gedenkrede Dr. Guido Hoyer, Kreisvorsitzender VVN-BdA Freising-Moosburg, Juni 2021, 18:30 Uhr, Marktplatz Neufahrn

Neumünster Hannes Heer liest aus seinem Buch „Vernichtungskrieg im Osten“, Lesung und Diskussionsveranstaltung des Friedensforums und VVN-BdA, 22. Juni 2021, 18:30 in der Buchhandlung „Krauskopf“, Großflecken 32. Anmeldung: info@krauskopf-buecher.de.

Schwerin „Gedenkkundgebung zum 80. Jahrestag des faschistischen Angriffs auf die Völker der Sowjetunion“, u.a. VVN-BdA Westmecklenburg-Schwerin, 22. Juni 2021, 17:00 Uhr, Marktplatz.

Quelle: VVN-BdA via VVN-BdA Kreisverband Esslingen.

Stuttgart: Gedenken an Liselotte Herrmann - 20 Juni 2021 - 15 Uhr - Unipark

Nicht nur in Zeiten des Rechtsrucks ist es wichtig, den antifaschistischen Kampf aktiv zu führen. Für uns heißt das neben der Organisation von Protesten gegen rechte Akteure, Bekämpfung von Rassismus im Alltag und Aufklärung über die Zuspitzung der herrschenden Verhältnisse auch, dass wir auf diejenigen Bezug nehmen, die bereits vor uns eben diesen Kampf geführt haben. Die Erinnerung an diejenigen lebendig zu halten, die damals ihr Leben riskierten im Kampf für eine Welt ohne Krieg und Faschismus ist unsere Pflicht.


Daher erinnern wir am 20. Juni an Liselotte Herrmann


Lilo war schon in ihrer Jugend politisch aktiv und kam zum Studium 1929 nach Stuttgart. Als Studentin wurde sie aufgrund ihrer kommunistischen Überzeugung von der Uni suspendiert. Daraufhin arbeitete sie im Büro ihres Vaters hier in Stuttgart und war klandestin für die KPD aktiv und schmuggelte Kriegspläne in die Schweiz. In Schutzhaft und im Verhör in der Gestapo-Zentrale Hotel Silber verlor sie kein Wort über die Strukturen des "Abwehrapparates" der KPD.


Aufgrund ihres Widerstandes wurde sie im Juni 1938 in Berlin wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und am 20. Juni in Plötzensee hingerichtet.


Um an Lilo und ihren entschlossenen Kampf zu erinnern findet am 20. Juni 2021 um 15 Uhr eine Kundgebung am von Studierenden der Uni Stuttgart 1988 illegal errichteten Gedenkstein statt; mit Redebeiträgen, Livemusik und einer Ausstellung zu Lilo und weiteren Widerstandskämpferinnen.


Erinnern heißt kämpfen!


Aufruf von: Antifaschistisches Aktionsbündnis Stuttgart & Region (AABS), Antifaschistische Aktion (Aufbau) Stuttgart, DKP Stuttgart, Linkes Zentrum Lilo Herrmann & VVN-BdA

Vor Ort bitten wir um die Einhaltung der gebotenen Corona-Schutzmaßnahmen.

Blogkino: Espana en Guerra. Guadalajara / Guernika (1987)

Heute setzen wir unsere Reihe Blogkino mit Filmen zum Thema Ⓐnarchismus fort und zeigen den 15. und 16. Teil der spanischen Dokureihe "Espana en Guerra" aus dem Jahr 1987 mit den Folgen "Guadalajara" und "Guernika". In Guadalajara fand die Schlacht von Guadalajara statt, die der republikanischen Armee einen großen Sieg einbrachte. In Gernika fand am 26. April 1937 der zerstörerische Luftangriff der deutschen Legion Condor und der italienischen Corpo Truppe Volontarie auf Seiten Francos im Spanischen Bürgerkrieg statt, die hunderte Menschen das Leben kostete und seitens der Faschisten „als eine Art Prüfstand für die Luftwaffe“ (Hermann Göring im Nürnberger Prozess) geführt wurde.



Blogkino: Espana en Guerra. Valencia capital de la República / El Jarama (1987)

Heute setzen wir unsere Reihe Blogkino mit Filmen zum Thema Ⓐnarchismus fort und zeigen den 13. und 14. Teil der spanischen Dokureihe "Espana en Guerra" aus dem Jahr 1987 mit den Folgen  "Valencia capital de la República" und "El Jarama".

Zentralrat Deutscher Sinti und Roma erinnert an den Widerstand von Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau vor 77 Jahren, am 16. Mai 1944

Blick auf die Holzbaracken im Lagerabschnitt B II in Birkenau
Quelle: Archiv des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau
Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma erinnert an den Widerstand von Sinti und Roma im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau am 16. Mai 1944. An diesem Tag sollte der Lagerabschnitt B IIe, das sogenannte „Zigeunerlager“, in dem tausende von Sinti und Roma inhaftiert waren, aufgelöst und sämtliche Häftlinge in den Gaskammern ermordet werden. „An diesem Tag jedoch leisteten die dort inhaftierten Menschen Widerstand gegen die Aktion der SS. Dieser Widerstand gegen die Vernichtung ist in der Geschichte von Auschwitz wie in der Geschichte der NSVerbrechen und des Widerstands bislang nicht hinreichend gewürdigt worden, obwohl eine Vielzahl von Zeitzeugenaussagen vorliegen, die diesen Widerstand dokumentieren und die eindeutig diesen verzweifelten Akt des Widerstands in Auschwitz-Birkenau, im Zentrum des Holocaust, belegen“, so Romani Rose.

Die SS brach die Vernichtungsaktion am 16. Mai 1944 wegen des Widerstands der Sinti und Roma ab; wohl auch, um zu verhindern, dass der Widerstand auf andere Lagerabschnitte übergreifen konnte. In der Folge deportierte die SS die arbeitsfähigen und widerstandsfähigen jungen Männer und Frauen mit ihren Familien in andere Konzentrationslager. Viele von ihnen waren kampferfahrene ehemalige Soldaten, die oftmals direkt von der Front nach Auschwitz-Birkenau verbracht wurden. In der Nacht vom 2. zum 3. August 1944 wurden dann die letzten 4.300 im Lagerabschnitt BII e noch lebenden Menschen in den Gaskammern ermordet, die meisten waren Frauen, Kinder, Alte und Kranke. Dieser Tag ist heute der internationale Gedenktag an die Opfer des Holocaust an den Sinti und Roma Europas.

Eine Vielzahl von Zeugenaussagen, die den Aufstand vom 16. Mai 1944 dokumentieren, brachte der Prozess am Landgericht in Siegen gegen den SS-Rottenführer in Auschwitz Ernst August König hervor. Die Zeugen hielten hier unabhängig voneinander fest, dass die Sinti und Roma im Lager wussten, wie der Prozess der Vernichtung organisiert war – anders als Neuankömmlinge in Auschwitz-Birkenau,die direkt in die Gaskammern gebracht wurden. So berichtete Walter Winter:

„Wir wussten genau, wie die SS vorging. Erst rufen sie, dass alle raustreten sollen, dann reißen sie die Blocktore auf, stürmen herein und brüllen: ‚Raus, raus, raus!‘ Wir haben verabredet: ‚Wenn sie bei uns anfangen, gehen wir nicht aus dem Block. Und zwar alle nicht. Wir rühren uns einfach nicht. Wir müssen uns aber mit irgendetwas bewaffnen, mit Latten oder sonst etwas, und damit stehen wir dann hinter der Tür. Wir lassen sie reinstürmen, greifen uns die SS-Leute und versuchen, an ihre Maschinengewehre zu kommen.‘ Wir wären alle bereit gewesen zu schießen, denn wir hatten sowieso nichts zu verlieren. Ich glaube, sogar ich hätte geschossen. In der Überzahl waren wir immer, aber wir waren immer unbewaffnet, deshalb konnten wir nie etwas gegen unsere Peiniger ausrichten.“

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma war in dem Prozess gegen König als Nebenkläger vertreten, 1991 verurteilte ihn das Landgericht Siegen wegen mehrfachen Mordes zu einer lebenslänglichen Haftstrafte. Im Urteil des Gerichts von 1991 wurde der Widerstand der Sinti und Roma im Lagerabschnitt BIIe ausdrücklich gewürdigt: das Gericht stellte fest, dass der Versuch, die Insassen des Lagerabschnitts BIIe im Mai 1944 zu ermorden, gescheitert sei, „weil die Zigeunerhäftlinge von dem damaligen Rapportführer [Bonigut] gewarnt worden waren, sich daraufhin mit Werkzeugen und ähnlichem bewaffnet hatten und Widerstand leisteten.“ Vor allen Dingen aber waren unter den Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau auch viele ehemalige Soldaten, die teilweise direkt von der Front in das Vernichtungslager deportiert worden waren. Sie konnten daher nicht nur mit Waffen umgehen, sondern waren auch in der Lage, ihre Widerstandsaktion wirksam zu organisieren. Zilli Schmidt, die als Häftling das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebte, beschrieb den Widerstand in ihren 2020 erschienenen Erinnerungen:

„Sie wollten uns eigentlich schon vorher alle umbringen. Schon vor dem 2. August 1944 wollte die SS das. Irgendwann wollten sie das gesamte »Zigeunerlager« auflösen. Aber da machten die Häftlinge einen Aufstand; das waren die Deutschen, die Sinti. Die Blockältesten und die, die da das Sagen hatten, die wollten das nicht, die haben irgendwie Wind davon bekommen. Sie wussten, was die planten von der SS. Da haben sie Gewehre gesammelt und Gegenstände, die man als Waffen benutzen konnte. Um sich zu wehren. Aber so weit ist es nicht gekommen, es kam nicht zum Kampf. Die SS hat erst einmal abgelassen, als sie merkten, dass die Sinti sich wehren würden. Dann haben sie sie alle abgeschoben, die ganzen Blockältesten, die, die sich wehren konnten, alle. Auch die Lagerältesten, die ihnen geholfen hatten, die sind dann alle abgezogen worden.“

Der Holocaust an den Sinti und Roma wurde über viele Jahrzehnte von der Geschichtswissenschaft wie von der Politik verharmlost oder lediglich als Anhängsel der Shoah, der Ermordung von 6 Millionen Jüdinnen und Juden durch die Nationalsozialisten und ihre Helfer, angesehen. Erst 1982 wurde der Holocaust an den Sinti und Roma von Bundeskanzler Helmut Schmidt völkerrechtlich anerkannt. Davor fanden die Aussagen der überlebenden Sinti und Roma keinerlei Gehör in der deutschen Öffentlichkeit. Die Bürgerrechtsarbeit des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma machte dann in den 1980 und 1990er Jahren die Publikation einer Vielzahl von Zeitzeugenberichten und Biographien möglich.

Quelle: Pressemitteilung, 14. Mai 2021