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"Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder." Kurt Tucholsky, 4. August 1931 in der "Weltbühne"

Pluto, aufgehübscht

Einer der beiden Plutos
1997, also damals, als ich noch etwas frischer aus dem Bilderrahmen schaute wie in diesen Tagen, hatte ich gerade etwas Geld übrig und konnte kleinbürgerlich-hedonistischen Angewohnheiten frönen. Sprich, meiner Umgebung mit etwas Grobmusik auf die Nerven gehen. Da es eigentlich keinen Grund gibt, gute Musik aus schlechten Lautsprechern zu hören und ich schon immer eine Schwäche für das Holzhandwerk hatte, sich meine diesbezüglichen Fähigkeiten jedoch in engen Grenzen hielten auf den Komplettbau eines Gitarrenverstärkers incl. Combo-Gehäuse bezogen, bildete ich mir ein, unbedingt ein paar Lautsprecher zu brauchen. Ein audiophiler Kollege und ein paar andere hatten mich auf den Gedanken gebracht, mein Glück nicht herauszufordern, sondern in einen gehobenen Bausatz der Firma Orbid Sound zu investieren. Da mich leider - aus heutiger Sicht: glücklicherweise -  zu dem Zeitpunkt das Zipperlein plagte, konnte ich meine Idee, es doch einmal mit aus Beton gegossenen Boxen zu versuchen, nicht verwirklichen. Schnüff.

Wie auch immer, mit dem Schwiegervater ins nahe gelegene Leonberg gefahren und gleich die volle Packung geholt. Da ich zum damaligen Zeitpunkt mit meinen Nachbarn noch gut auskam, besorgte ich mir kleinere Standboxen, die es aber schon mal ordentlich krachen lassen können. Damit es sich schön in die Einrichtung einfügt und die Investition auch gerechtfertigt werden kann, wählte ich ein Buchefurnier, das sich mittels entsprechender Behandlung recht leicht auf den Erle Farbton des Wohnzimmerinterieurs abstimmen ließ. Der Rest war, wenn ich mich recht entsinne, auch nicht weiter problematisch, ein paar Kabel passend zuschneiden und verlöten und schon war die Laube fertig.

Leider hinkte die Raumakustik in unserem etwas esoterisch angehauchten Wohnungsgrundriss den Vorstellungen ein wenig hinterher, zudem wurden kurze Zeit später 5.1 Surroundsysteme erschwinglich, die sich mit ihren kleinen Satellitenboxen wesentlich besser in den Raum einfügten und - zumindest zum Fernsehen - einen realistischeren Sound entfalteten als die 2.0 Boxen. Beim Musik hören wiederum waren die Plutos wesentlich besser, auch wenn die Hörposition einfach nicht optimal war. Irgendwann hatten wir einfach andere Sorgen und so verschwanden die Plutos aus dem Wohnzimmer und wurden eingemottet. Damit kehrte für lange Jahre akustisch graue Tristesse ein. Nachdem ich früher schon immer extra genervt war von Kratzen und Knistern auf den Vinylscheiben, bin ich recht früh auf CDs umgestiegen, freilich ohne zu merken, daß mit dem astreinen Digitalsound irgendwie aber auch jedes Leben aus der Musikkonserve entschwunden war.

Ein paar Jahre und 2 Schränke mit CDs später war wiederum die Mucke aus der Cloud, sprich MP3, Spotify, Amazon Music etc. qualitativ soweit, daß eine CD, die ich sowieso rippe um sie mobil hören zu können, irgendwann nur noch Plunder ist, den keiner mehr haben will und der vermutlich den Weg durch die Schuttrutsche geht, wenn wir mal vor uns hinmodern. Mit dem selben Ergebnis wie bei der CD. Leblos. Seelenlos. Schwierig, nicht nur, weil Death Metal selbstverständlich zu unserem familären Kultgut gehört.

So kam es, wie es kommen musste: Nachdem bei uns einige Zimmer frei wurden war auf einmal Platz für Musikzimmer da, indem die guten alten Boxen ohrenoptimal aufgestellt werden konnten. Der Receiver, der den Ton für das Glotzpanel aufbereitet, war belegt, so lag es nahe einen 2x3 Watt Röhrenverstärker chinesischer Provenienz mit feinen Röhren aus ex-sowjetischer Fertigung zu besorgen. Damit Blut geleckt, und gleich einen  Cambridge Audio DacMagic 100 – Digital-Analog-Wandler hinterhergeschoben, der die ursprünglich analogen Musiksignale wieder von ihrem digitalen Übertragungsformat ins analoge konvertiert. Tja, wozu eigentlich erst der Umweg, also stand eine kleinere Investition in einen Audio Technica  AT-LP120USBHC an, um die ganzen alten abgenudelten, verdreckten und verkratzten Vinylscheiben abzutasten. Naja, hätte ich das mal lieber zuerst gemacht, denn es gab ja stabile Gründe dafür, von der Vinylscheibe zur CD zu wechseln. Aber gut, der Musikgeschmack hat sich weiterentwickelt, die alten Scheiben haben eigentlich nur noch Erinnerungswert und jede Combo, die etwas auf sich hält, veröffentlicht ihr Material auch auf Vinyl. Ok. Tool leider nicht.

Nachdem ich mir einbildete, beim Audio Technica das Laufgeräusch des Direktantriebs zu hören, wurde der veräußert und das Original in echt aber restauriert angeschafft. Sprich, ein 30 Jahre alter, gebrauchter Technics 1210 sorgt für gut nachbarschaftlichen kulturellen Austausch. Ohne Motorengeräusche. Kurze Zeit nach der Anschaffung war Technics bekanntlich auf die glorreiche Idee gekommen, den Klassiker neu aufzulegen und dabei nochmal ordentlichst abzukassieren. Den schrumpfenden Markt an brauchbaren gebrauchten 12x0ern beobachte ich schon länger nicht mehr, jedoch war der Gebrauchtlaufwerkskauf schon vor 5 Jahren echte Vertrauenssache. Ob ich das Risiko heute nochmal eingehen würde? Auf der anderen Seite ist das Gerät natürlich gut dokumentiert und es gibt (noch) Ersatzteile. Für mein Gerät habe ich nur den Deckel und eine Handvoll Tonabnehmer und weiteren Schnickschnack wie Slipmats usw. geordert. 

Zurück zu den Boxen. Tja, nicht nur ich sah 1997 frischer aus. Irgendwie fiel mir auf, daß an einer Gummisicke eines Basslautsprechers ein Lock - oh Schreck!  - den Gesamteindruck verunstaltete. Und ein Mitteltöner litt an einer eingedellten Staubkappe. Da wusste ich, es geht wieder los. Wie beim Motorengeräusch des Plattenspielers, das niemanden auffiel. Aber ich wusste, daß es da war und das mich das nervt. Wie die Sau. 

Also mal die Fühler ausgestreckt, was es für Möglichkeiten gibt, ohne Verschlechterung des Ist Zustandes an neue Klangwandler zu kommen. Wie immer habe ich mich längere Zeit damit herum getragen. Eine gleichwertige Neuanschaffung bedeutet einen Kleinkredit aufnehmen oder Geldboten auflauern kam daher nicht in Frage. Austauschbasslautsprecher? Naja. Die Orbids haben einen eigenen Klang, einen Lautsprecher von der Stange nehmen und hoffen, daß es passt? Wer billig kauft, zahlt doppelt und so. Also doch Neuanschaffung. Bei Orbid recht schnell weg zu Nubert oder Klipsch. Drei grundverschiedene Gehörklassen, in jedem Fall verbunden mit Schnappatmung hinsichtlich der finanziellen Umsetzung. Und dann - rein zufällig - bei Orbid Sound über die Möglichkeit eines  Austauschs bzw. Lautsprecher- oder Sickenreparatur der Staubkappen gestoßen. Anfrage gestartet, innerhalb weniger Stunden kam die Antwort mit der Bitte um aussagekräftige Fotos. Also die Lautsprecher zerlegt, und aussagekräftige Fotos gemacht und nach Balingen geschickt. Dort sitzt Orbid Sound inzwischen. Nachdem der Firmengründer Martin Beyersdorffer vergangenes Jahr mit knapp 87 Jahren gestorben ist, besteht die Firma trotzdem weiter und - was mich auch in Sachen Nachhaltigkeit freut - kümmert sich auch um ihre Kunden. Nach kurzem vom Geschäftsführer die Antwort: Austausch der Sicken sollte möglich sein, die Staubkappe kann man mit einer Stecknadel ausbeulen. (Ich hatte Erfolg mit etwas Tesafilm und so kein Loch drin, notfalls Gaffatape nehmen). Ich sollte mich jedoch auf vier bis fünf Wochen Bearbeitungszeit einstellen. 

Also die inzwischen doch recht zerzausten Tieftöner sicher verpackt und vor drei Wochen mit dem Götterboten nach Balingen geschickt. Was soll ich sagen. Vergangenen Freitag klingelt mich der freundliche DHL Bote mitten in der Nacht um 07:45 aus den Federn und überreicht mir das Paket mit den reparierten Lautsprechern. Ob der Kürze der Zeit hatte ich das Schlimmste befürchtet, sprich Reparatur nicht möglich und ähnliches Kopfkino. Derlei Gedanken waren jedoch völlig überflüssig, wie ich nach dem Auspacken feststellen durfte: Die Lautsprecher sehen aus wie neu. Mit ausführlichem Prüfprotokoll. 

Und klingen beinahe wie am 1 Tag. 
 


P.S.: Es gibt natürlich eine ganze Reihe Angebote zum Thema "Sickenreparatur" über die Suchmaschine der Wahl zu finden, auch Herstellerunabhängige. Ich bitte jedoch zu beachten, daß es darunter leider auch einige Pfuscher gibt. Nicht, daß ich nacher für vermurkste Lautsprecher belangt werde ;-)

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Mangel an Verständnis

Aus dem Beitrag: Chuck Schuldiner: the blazing life and tragic death of the godfather of extremity kopple ich mal "Lack of Comprehension" aus:

A condeming fear strikes down
Things they cannot understand
An excuse to cover up weaknesses that lie within
Lies
Laying your guilt and pain
On people that had no part in the molding of a life
That creates its destruction
Lies
Right before your very eyes
A reflection of the mistakes
To the end you will deny
Your part in the demise of a life
Lack of comprehension
Thriving on your cliche
Compelled by self-resentment

Reaching into the minds of those that created
The depression in which they
In which they drowned their flesh and blood
Lies
So easy to blame the
Everlasting fear on a pathetic attempt
To justify the ending of life
Lies
Right before your very eyes
A reflection of the mistakes
To the end you will deny
Your help in ending of a life
Lack of comprehension
Thriving on your cliche
Compelled by self-resentment