trueten.de

"Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen." Warren Buffet, im Interview mit Ben Stein in New York Times, 26. November 2006

Blogkino: The Siege of Sidney Street (1960)

Heute zeigen wir im Blogkino mit Filmen zum Thema Ⓐnarchismus The Siege of Sidney Street, die Verarbeitung der Belagerung der Sidney Street, einer bewaffneten Auseinandersetzung zwischen staatlichen Ordnungskräften und einer Gruppe baltischer Anarchisten im Londoner East End im Januar1911. Die Belagerung endete mit dem Tod der meisten Anarchisten. Die Affäre schlug hohe politische Wellen wegen der Rolle des damaligen britischen Innenministers Winston Churchill.

Undead Chemnitz vor dem Aus?

Keine guten Nachrichten aus Chemnitz:

"Unser Vermieter hat uns heute (19. Mai) ohne Angabe von Gründen zum 30.09.22 gekündigt.
Wir wollten dieses Jahr 20. jähriges Bestehen feiern. Unser Haus ist eine der wichtigsten Kultureinrichtungen in unserer Region und weit über die Grenzen hinaus bekannt und mit internationaler Reputation. Viele, die das hier jetzt lesen, haben schöne Stunden bei uns verbracht oder mit unserer Hilfe Bands, Projekte und Kunst gestartet und organisiert.
„Undead Chemnitz“ ist unser ZUHAUSE! und für viele, viele Menschen ein Zentrum ihres kulturellen Lebens.
Wir geben nicht kampflos auf (das ist gar nicht unsere Art) und wir brauchen jetzt EURE HILFE!
Wir benötigen Anwälte und Vereine und privat Personen, die auf unserer Seite sind und uns helfen."

Zwei Männer

Wolfgang Borchert, letztes Foto als Zivilist im Sommer 1941
Wolfgang Borchert, letztes Foto als Zivilist im Sommer 1941
Es waren einmal zwei Menschen.
Als sie zwei Jahre alt waren, da schlugen sie sich mit den Händen.
Als sie zwölf waren, schlugen sie sich mit Stöcken und warfen mit Steinen.
Als sie zweiundzwanzig waren, schossen sie mit Gewehren nach einander.
Als sie zweiundvierzig waren, warfen sie mit Bomben.
Als sie zweiundsechzig waren, nahmen sie Bakterien.
Als sie zweiundachtzig waren, da starben sie. Sie wurden nebeneinander begraben.
Als sich nach hundert Jahren ein Regenwurm durch beide Gräber fraß, merkte er gar nicht,
daß hier zwei verschiedene Menschen begraben waren. Es war dieselbe Erde. Alles dieselbe Erde.

Wolfgang Borchert, * 20. Mai 1921 in Hamburg; † 20. November 1947 in Basel

RiP, Vangelis Papathanassiou

Keine Ahnung, wieviel Rauschkraut wir damals verdrückt hatten, als Demis Roussos und Vangelis Papathanassiou das Kult- und Konzeptalbum 666 mit ihrer Gruppe Aphrodite’s Child veröffentlichten, eine musikalische Interpretation der Offenbarung des Johannes. Na gut, es waren ein paar Jahre danach, 1972 durfte ich noch nicht rauchen. Wie auch immer, nachdem Demis Roussos ja schon 2015 nach einer zwischenzeitlichen Mutation zum hierzulande bakannten Schlagersänger verstarb, ist vergangenen Dienstag in Agria bei Volos, Griechenland, nun auch Evangelos Odysseas Papathanassiou, kurz: Vangelis, gestorben.

Aus verschiedenen Gründen gefiel mir damals ∞ aka Infinity mit der unglaublichen Performance von Irene Papas, die die Worte „I was, I am, I am to come“ immer wieder in mehr oder weniger hysterischer Weise wiederholte, während Vangelis sie perkussiv begleitet - unschwer als die musikalische Präsentation eines Geschlechtsaktes zu begreifen. Dass es veröffentlicht werden konnte, war dem Umstand zu verdanken, dass man sich mit der Plattenfirma darüber verständigen konnte, die Länge des Songs von 39 auf 5 Minuten verkürzt wiederzugeben. Immerhin wäre es vermutlich schwierig geworden, das Stück auf eine Plattenseite zu bekommen.

Angenehmer Zusatznutzen: Neben dem Test der Lautsprecherkanäle der eigenen Stereoanlage konnte man auch ältere Menschen mit roten Gesichtern beobachten.

Wie auch immer. Möge die Erde Dir leicht sein, Vangelis.

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Last modified on 2022-05-20 11:03

Berlin: Gedenken an Fadl

Fadl Omer Fadl - Rest in Peace  © Umbruch Bildarchiv
Fadl Omer Fadl - Rest in Peace © Umbruch Bildarchiv
Unser sudanesischer Freund und Umbruch Fotograf Fadl Omer Fadl ist gestorben. Er wurde am 24.2.2022 auf dem muslimischen Friedhof in Berlin-Spandau beigesetzt. Viele kamen, um sich von Fadul zu verabschieden.

Fadul ist im Sudan geboren und aufgewachsen. In den 90er Jahren kam er als Student nach Halle, um Elektrotechnik zu studieren. Während einer Reise in den Sudan zu seiner Familie wurde er willkürlich für kurze Zeit festgenommen und bedroht. Aufgrund seiner umweltpolitischen Aktivitäten im Sudan war er der Regierung „ein Dorn im Auge“ und mußte weitere Repressionen befürchten. Deshalb beantragte er Asyl in Deutschland. Er kam nach Lauchhammer im Spreewald, wo er sich wohlfühlte und mit vielen Menschen gut verstand, bis er eines Abends von Rechten schwer zusammengeschlagen wurde.

Nach diesem Ereignis zog Fadul nach Berlin und arbeitete viele Jahre bei Umbruch. Legendär sind seine wunderschönen Fotos von der Besetzung des Schlossplatzes 2001. Wie für viele Afrikaner:innen in Deutschland war es auch für Fadul nicht einfach, sich eine stabile Lebensgrundlage aufzubauen: viele Jobs, Probleme mit dem Aufenthalt, Ängste.

Fadul war ein guter Freund, unglaublich hilfsbereit und freundlich. Er hat gerne für uns, seine Freund:innen gekocht, zu Hause oder wenn wir beim „Nil“ vorbei kamen. Auch die Obdachlosen damals in der Oppelner Straße wussten genau, was sie an ihm hatten.

Als 2015 viele geflüchtete Menschen nach Berlin kamen, arbeitete Fadul als Hausmeister, Unterstützer und Übersetzer für diese Menschen. Diese Arbeit hat ihm viel Freude bereitet.

Wir werden Fadul sehr vermissen und uns an die vielen schönen Momente mit ihm erinnern.

Ich traf Fadl in den frühen Neunzigern. Wir haben mehrere Jahre in einer Wohnung gelebt. Zwei junge Menschen aus dem Sudan versuchen einen Neuanfang in einem neuen kulturellen Milieu in einem europäischen Land. Es waren schwierige Jahre in unser beider Leben und wir haben viel daraus gelernt. Die Erfahrungen, die wir gemeinsam bewältigt haben, haben die menschliche Beziehung zwischen uns verfeinert. Mit seiner spontanen, verspielten Art hat er Erinnerungen geschnitzt, die ich mein Leben lang nie vergessen werde. Du bist früh von uns gegangen Fadl.

Osman

Die Muslime im Sudan sagen: Was auch immer Allah nimmt, ist für Ihn und was immer Er gibt, ist für Ihn, und alles mit Ihm hat eine begrenzte feste Zeit (in dieser Welt).

It is with a heavy heart writing this mail. Fadul has left us too soon. He was a very nice gentleman that deserves to live for many more years in order to impact positively on the lives of others who need assistance. However, we can only question with no appropriate answers. I wish to use this opportunity to wish his Soul to Rest in Peace.

Nsoh Christopher, Cameroon

Laixter arte Fadl, lagun maitea, amalurrak goxo har zaitzala
(auf ​wiedersehen fadl, lieber freund, möge die muttererde dich sanft umarmen)

Elixabete Alvarez Uribarri

Zu den Bildern beim Umbruch Bildarchiv

Weitere Fotos im alten Bildarchiv (1980 - 2018)

Blogkino: The Rider Named Death / Всадник по имени смерть (2004)

Heute zeigen wir im Blogkino mit Filmen zum Thema Ⓐnarchismus den Spielfilm "The Rider Named Death". Der Plot: Im vorsowjetischen Russland führt Boris Sawinkow eine terroristische Gruppe von Mitgliedern der sozialrevolutionären Partei an, die für den Tod von Gouverneuren und Ministern verantwortlich ist.

k9 - combatiente zeigt geschichtsbewußt: Das kurze Leben des Wolfgang Borchert

„Ich möchte Leuchtturm sein
in Nacht und Wind —
für Dorsch und Stint —
für jedes Boot —
und bin doch selbst ein Schiff in Not!“


1941 wird Borchert als 20-Jähriger in der Heeresgruppe Mitte zum deutschen Angriff auf die Sowjetunion an die russische Front kommandiert. Am 23. Februar 1942 kam es zu einer Schussverletzung seiner linken Hand (die er sich selbst zugefügt hatte), in deren Folge sein Mittelfinger amputiert werden musste. Wegen Verdacht auf Selbstverstüummelung wurde Borchert nach seiner Rückkehr verhaftet und ins Nürnberger Militärgefängnis überführt. Am 31. Juli fand der Prozess statt, bei dem die Anklage die Todesstrafe forderte, das Gericht jedoch auf Freispruch entschied. Aufgrund des gesammelten Belastungsmaterials an kritischen Äußerungen Borcherts über die Nazifaschisten kam es zu einem zweites Verfahren wegen Verstoßes gegen das Heimtückegesetz, das mit einer Verurteilung zu sechs Wochen verschärften Arrests mit anschließender „Frontbewährung“ endete. Am 8. Okt. 1942 kam Borchert wieder frei, doch 1944 wurde er nach einer Goebbels-Parodie, die ein Beobachter denunziert hatte, wegen Wehrkraftzersetzung zu neun Monaten Gefängnis verurteilt.

Eine kurze, wunderbare Theaterzeit" (März - Juni 1941)
Nach 1945 = Borcherts Stücke wurden ein Aufschrei. In der Erzählung „Die Hundeblume“ hat Borchert seine Zeit im Nürnberger Militärgefängnis eingebracht. „Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen-sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, Dann gibts nur eins - Sag NEIN!"

kg + größenwahn » politischer filmabend
sonntag 22. mai 2022 * 19h
Ein Portrait
Das kurze Leben des
Wolfgans Borchert
20. mai 1921 - 20. november 1947
film von Hans Emmerling - 1987 - 43:28

combatiente zeigt geschichtsbewußt: revolucion muß sein! filme aus aktivem widerstand & revolutionären kämpfen
kinzigstraße 9 + 10247 berlin + U5 samariterstraße + S frankfurter allee

BITTE LEBN. Urbane Kunst und Subkultur in Berlin 2003–2021

© Reclaim your City | "Bitte lebn". Urbane Kunst und Subkultur in Berlin 2003–2021
Buchcover © Reclaim your City | "Bitte lebn". Urbane Kunst und Subkultur in Berlin 2003–2021
„Reclaim your City!“ – Eine über viele Jahre gewachsene Graffiti-Szene traf sich mit Künstler*innen und Aktivist*innen aus aller Welt, um neue ästhetische Ausdrucksformen zu finden und ein Recht auf Stadt für alle einzufordern. Ein beeindruckendes Buch mit dem Titel „Bitte lebn“ erzählt jetzt ihre Geschichte – zwei Jahrzehnte Urbanart und Subkultur in Berlin und anderswo. Wir möchten euch das Buch mit dieser Fotostrecke vorstellen.

Reclaim Your City ist ein Netzwerk und Archiv, das Interventionsformen wie Urban Art, Graffiti, Raves und kritische Kartierungen mit stadtpolitischen Protesten verbindet und mit den Mitteln der Kunst ein Recht auf Stadt für alle einfordert. Das 480-seitige Buch BITTE LEBN dokumentiert diese Bewegung in einzigartiger Weise aus einer aktivistischen Perspektive. Viele unveröffentlichte Fotos zeigen die Entstehung berühmter Berliner Mauern und Dächer, dokumentieren Aktionen und erinnern an so manchen verschwundenen Freiraum der Stadt. Die Arbeit fragt aber auch nach den Grenzen künstlerischer Aktionsformen, die Gefahr laufen, selbst zur Marke und zum Standortfaktor für Großstädte zu werden.

BITTE LEBN beginnt 2003 im Zentrum Berlins. Neue städtebauliche Planungen, unklare Eigentumsverhältnisse und rechtliche Grauzonen hatten nach dem Fall der Mauer eine einzigartige Situation für die Entwicklung von Kunst und Subkulturen geschaffen. Viele nutzten die Gelegenheit, sich brachliegende Räume anzueignen und zu nutzen. Eine seit Jahrzehnten gewachsene Graffiti-Szene traf sich mit Künstler*innen und Aktivist*innen aus aller Welt.

Auf den Straßen kam es zu einer kreativen Explosion. Unzählige Werke entstanden auf Oberflächen wie Mauern, Dächern, Verkehrsschildern oder Sperrmüll. Die Suche nach leerstehenden Industrieanlagen, Dächern oder schwer zugänglichen Orten wurde zu einer Freizeitbeschäftigung. Mobile Soundsysteme eroberten mit Techno-Partys Brachflächen und Parks. Werkstätten, Nachbarschafts- und Projektläden sowie andere Räume für nichtkommerzielle Kultur organisierten Festivals und Veranstaltungen, die zumindest eine Ahnung vermittelten, wie sich ein Leben nach dem Kapitalismus anfühlen könnte.

In den letzten zwanzig Jahren hat sich das Stadtbild Berlins stark verändert. Einerseits ist die Stadt von einer großen und lebendigen Kunst- und Kulturszene geprägt, die alternative Gesellschaftsentwürfe entwickelt und vorlebt. Gleichzeitig müssen sich Menschen gegen ihre Verdrängung aus ihren Wohnungen und Läden zu Wehr setzen, weil die Mietpreise explodiert sind. Viele subkulturelle Räume sind verschwunden, nichtkommerzielle Kulturzentren wurden geräumt oder sind bedroht, ehemals leerstehende Industrieanlagen und brachen abgerissen und bebaut. Was sind unsere Utopien, die wir der bestehenden Welt entgegensetzen wollen?

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv

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