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FFM: Voltaire - Eingemauert in Bunkern aus Sprache. Erstickungsgefahr.

[Es geht hier um eine Diskussionsmethode, die wir für prinzipiell verfehlt halten. Die Vorgänge um die Verweigerung des Zutritts zu "Club Voltaire" sollen - weil noch in bester Erinnerung - nur als Beispiel dienen]

Verstehbar ist es schon: Die gesamte Linke befindet sich in der Defensive. Wer schon vor dem Aufstieg der "LINKEN" auf Sozialismus gesetzt hatte, sieht sich betrogen. Im Grunde besiegt. Was liegt da näher, als auf Teilgebieten mit aufgesetzter Unerbittlichkeit Siege erwerben zu wollen, die im Ganzen total verwehrt scheinen.

In der neuen Unübersichtlichkeit werden Koordinaten eingezogen, die um so erbitterter verteidigt werden, je willkürlicher sie erstellt wurden. Man orientiert sich in allen Fällen an den USA - um nach dem Zusammenbruch der Hoffnung auf vollständigen Umsturz wenigstens das “Zivilisatorische” zu retten, wie man dann sagt.

So ähnlich stellt sich von außen der Streit um unbehinderten Zugang zum Club Voltaire dar. Linke Gruppen um Bockenheim in Frankfurt fühlten sich verpflichtet, zu retten, was zu retten ist: die bürgerlichen Freiheiten. Die in dieser Blickweise allerdings nichts mehr für die ganze Menschheit bleiben, sondern zu Privilegien in einer Festung werden.

Zu diesem Zweck sind ganz neue Definitionen entwickelt worden - zum Beispiel vom zu bekämpfenden Anti-Amerikanismus. Bedeuten soll der Begriff: Kampf um das freie Bürgerleben in der Großstadt. Dieses scheint bedroht durch potentielle Angriffe finsterer Mächte, gegen die die USA zusammen mit dem bedrohten Israel als absolut zu verteidigende Potenzen letzten Schutz bieten.

Logische Konsequenz: Es müssen alle Angriffe zurückgewiesen werden, die auch nur von fern die Integrität der beiden Schutzmächte bedrohen könnten. Also auch Theorien, die dazu dienen könnten, die Schutzbereitschaft in der Bundesrepublik für diese beiden Mächte zu untergraben - durch die Neigung, anerkannte Glaubenssätze, auf die "unsere" Verteidigungsgemeinschaft setzt, auch nur zur Diskussion zu stellen.

Soviel, um sich die Erbitterung des Einsatzes überhaupt verständlich zu machen gegen eine Ausstellung mit Hip-Hop-Zugaben, die normalerweise kaum eine Lokalmeldung in der "Frankfurter Rundschau" bewirkt hätten. Gesehen, Gehört, Vorbei. Das sollte dieses Mal nicht so über die Bühne gehen.

Philologische Abwehrbarrikaden

Zum Zweck der Abwehr wurde an Schutzmaßnahmen nicht gespart. Die Widerlegung der Texte von "DIE BANDBREITE " wurde von Anmerkungen begleitet, die mindestens für einen Bachelor gereicht haben sollten.

Nur dass etwas vergessen wurde, was normalerweise in der elften Klasse der mir bekannten höheren Schulen eingebimst wird. Bevor man über einen Text spricht, müsste über die Textsorte und die Redeabsicht des Sprechenden Auskunft gegeben werden können.

"Hänsel und Gretel - verirrten sich im Wald" - als lückenhafter Teil eines Polizeiprotokolls gelesen, würde zu irrigen Sachverhaltsvermutungen und Handlungsfolgen führen. Umgekehrt die Mitteilung der Gruppe. "Adolf Hitler war homosexuell/ und traf sich mit Hess in einem Hotel" wird auch der erbittertste Kritiker nicht für eine ernstgemeinte Mitteilung über die Zeit des deutschen Faschismus halten, sondern allenfalls für eine parodistische Anspielung auf die vermutete Schwulenfeindschaft der heutigen Nazis. Bei den Kritikern der Gruppe wird aber anfallsweise immer wieder so ein Satz für eine historische Aussage gehalten.

Es sollte klar sein, dass von einer Darbietung der hier zurückgewiesenen Gruppe keine Sätze mit "denn" und "weil" und "also" erwartet werden können. Musik sagt mir persönlich gar nichts, weder die hohe noch die niedere. Es ging mir immer wie Troubadix. Ich wurde nach der ersten Strophe von "Stille Nacht" genau wie bei der "Internationale" sehr früh gebeten, mich intensiv zurückzuhalten. Insofern kann es unverschämt wirken, etwas über Songs sagen zu wollen. Auch zur Frage, ob die Texte sexistisch wirken, möchte ich mich nicht äußern. (Auf mich schon, nur ist das gar nicht Gegenstand der Hauptangriffe). Mir geht es nur darum, dass sämtliche mir bekannt gewordenen Kritiken die Texte der Gruppe so behandeln, als seien sie linear zu übertragende Aussagen über den wirklichen Hergang der Geschichte in den letzten siebzig Jahren.

So wird mit Ausdrücken äußerster Erbitterung die Unterstellung der Gruppe angegriffen, Roosevelt habe im Jahr 1941 die Vernichtung der Flotte vor Pearl Harbour billigend in Kauf genommen, um die Bürger der USA kriegswilliger zu machen. Diese Behauptung wird zum Beispiel in WIKIPEDIA in Abschnitt 4 der dortigen Ausführungen gewissenhaft diskutiert, scheint also - unabhängig von rechtem oder linken Vorwissen - durchaus begründet mit "ja" "nein" oder "vielleicht" zu beantworten.

Das Kurzschnappige der moralischen Empörung gerade in diesem Punkt macht deutlich, dass jede folgende Überlegung entfällt. War das Opfern eigener Leute nicht geradezu nötig, um ein Ergebnis zu erreichen, das bei Deutsch und Antideutsch bisher unbestritten als erwünscht gegolten hat: die Niederlage Deutschlands, die ohne ausdrückliche Kriegsbeteiligung der USA nicht zu erreichen gewesen wäre?

Die gleiche Überlegung wäre anzustellen nach der dann folgenden Salvenserie gegen die Vermutung, Geheimdienste - vor allem zwei, die hier nicht weiter erwähnt werden müssen - hätten an der Sprengung der Twin Towers mehr oder weniger mitgewirkt. Auch das ist für sich allein wieder einmal eine Hypothese, auf die mit "ja" "nein" oder vor allem mit "vielleicht" zu antworten wäre. Auch hier müssten sich ganz entschlossene Verteidiger Israels und des WESTENS fragen lassen, ob die damit unterstellte Untat nicht um höherer Zwecke willen entschuldbar/ nötig/ gerechtfertigt erscheint.

Denn: das scheint in der Brandung der Angriffe vergessen worden zu sein: zielbestimmte und zu allem entschlossene Politik nahm bisher immer dunkle Dinge in Kauf, um größere Ziele zu erreichen, die um ihrer Wünschbarkeit willen im majestätischen Rückblick der Geschichte alles Vorherige entschuldigen sollten.

Verschwörung und "Verschwörungstheorie"

Hauptvorwurf der Kritiker der gesamten Veranstaltung im Club Voltaire: alle drei Beteiligten hätten sich dadurch schuldig gemacht, dass sie einer "Verschwörungstheorie" aufgesessen wären - oder sogar eine solche böswillig gegen eigne Überzeugung verstärkt hätten. Mitgedacht zugegebenermaßen: eine Verschwörungstheorie zuungunsten von CIA und MOSSAD. Andersgerichtete werden oder wurden bisher mit größtem Gleichmut hingenommen. Etwa die von der WELT bis heute vertretene: Stalin hätte unmittelbar vor Hitlers Zuschlag selbst seine Truppen zum Angriff aufgestellt und ohne die Weitsicht des FÜHRERS so Deutschland überrollt. (Eine Ansicht, die zu allem voraussetzt, dass Stalin dumm war, wofür sonst nichts spricht. Sonst hätte er kaum im Augenblick von Hitlers Triumph über Europa so etwas anstellen wollen).

Im Streit um Club VOLTAIRE bleiben die Aufklärer bei einer veralteten Vorstellung von der Verbreitung der Wahrheit stehen.

Der Namenspatron des Clubs - Voltaire - und seine Zeitgenossen verstanden nämlich den gedanklichen Austausch unter den Menschen nach dem Muster des freien Warenaustausches, wie ihn Adam Smith gepredigt hatte. Jeder Denkende ist genau so Privatproduzent wie jeder Zuckerbäcker.

Die Menschen bringen demnach allerlei Vorstellungen, auch Erfindungen, auch Selbsttäuschungen auf den weltweiten Markt der Wissenschaft. Jeder einzelne, den solche Botschaften erreichen, überprüft diese im Rahmen der ihm zur Verfügung stehenden Erfahrungen. Dabei sollten die unzutreffenden Meinungen nach Überprüfung herausfallen

Wer nach Durchsetzung eines gewissen Erkenntnisstandards immer noch Falsches behauptet, kann dann individuell haftbar gemacht und aus der Diskutantengemeinschaft ausgeschlossen werden.

Je mehr sich die Kommunikationsformen kollektivierten, musste sich auch die Theorie der Entstehung von Meinungen und Wahrheiten ändern. Zugegebenermaßen gibt es heute riesige staatliche und nicht-staatliche Bürokratien, in welchen gemeinsam Verabredungen getroffen werden, bevor auch nur ein Wort nach außen dringt. Insbesondere bestehen Geheimdienste, wie der Name sagt, aus solchen Bürokratien.

Dass diese sich mit gemeinsamem Meinen nicht begnügen, sondern auf gemeinsames Handeln aus sind, dürfte auch von niemand bestritten werden. Vom Celler Loch im Kleinen bis zu den koordinierten Gerüchten gegen Irak im Großen durch die Bush-Administration wimmelt es von Beispielen. Was vorher gemeinsam geplant, wird nachher gemeinsam vertuscht.

Wenn das so ist, ist die grundsätzliche Annahme von internen Abmachungen, Planungen und zielführenden Handlungen innerhalb von Bürokratien (staatlich) oder Konzernen (wirtschaftlich) - kurz von "Verschwörung" (conspiracy) nichts Vorwerfbares, sondern notwendige Voraussetzung jeder historischen Untersuchung. Es muss immer und grundsätzlich mitbedacht werden: Was wollen die jetzt am Ruder sitzenden, dass ich über den Sachverhalt denke - bevor ich prüfe: wie war es möglicherweise wirklich? Ein Service wie MEINUNGSSEITEN unternimmt eine solche Prüfung bei uns von Montag bis Freitag.

Folge für den Voltaire-Streit: Die Kritiker der Veranstaltung hängen, ohne es zu merken, immer noch an der alten Vorstellung der "Aufklärer" und meinen, mit der Ausstoßung eines verhärtet Falsches Behauptenden sei die Reinheit der Erkenntnis gesichert. Statt sich einzugestehen: Ob ARBEITERPHOTOGRAPHIE und die Song-Gruppe jetzt etwas Richtiges oder Falsches sagen: darauf kommt es gar nicht mehr an.

Es müssten Methoden gegen "Meinungs-Verschwörung" selbst gefunden werden, die es im Zeitalter der Konzerne und Bürokratien noch einmal erlauben würden, überhaupt nach dem Gang der Ereignisse zu forschen, wie sie sich einmal dem Historiker darstellen werden. Diese könnten selbst nur kollektiv organisiert werden. Aufgrund gemeinsamer Untersuchungen hat sich zum Beispiel sehr mühsam herausgeschält, dass die deutschen Behörden bis kurz vor dem Ende der Stammheimhäftlinge durch Mit- und Abhören Kenntnis von dem haben mussten, was in den Zellen vorging.

Das ist nicht viel, aber immerhin ein kleiner Sieg der Beharrlichkeit im Zweifeln und Untersuchen gegen alle auch in diesem Fall festgemauerten Behauptungen. Wobei es bei einem solchen Zusammenwirken nicht notwendig auf die politische Voreinstellung der Untersuchenden ankommt. Aust, an sich unterwürfigster Bediener im Meinungskartell SPIEGEL, hat trotzdem - gerade er - einiges Neue zu den letzten Tagen in STAMMHEIM vor dem Ende beigetragen. Im herrschenden Durcheinander dem politischen Gegner ein Wissen zu entreißen, gehört zu den Grundtechniken politischer Erkenntnis. Das neue Wissen tritt dann jedes Mal in einen weiteren Zusammenhang.

Trauriges Ergebnis


Unterstellen wir einmal Waibel, dem bisherigen Vorsitzenden des Club Voltaire, und den Seinigen aufrichtigsten Willen zur Verteidigung einer Wahrheit. Dann muss gesagt werden: sie haben nichts erreicht. Wer bisher an die gängige Theorie über 9/11 glaubte, hält daran fest. Wer berechtigte Zweifel hatte, flüchtet sich weiterhin entweder in eine auch noch nichts erklärende Gegentheorie - oder überlegt weiterführende bessere Untersuchungsmethoden.

Es wird sich schnell herausstellen, dass sie eine mögliche Zukunft des Vereins gefährden. Nach dem "erfolgreichen" Boykott der Veranstaltung, wie es die Gegner wohl sehen, wird bei jeder künftigen Veranstaltung um einen strittigen Gegenstand unweigerlich die Frage auftauchen: Warum gerade die? Sind die denn besser als ARBEITERPHOTOGRAPHIE? Aus einem Ort freier Diskussion wird damit Club Voltaire einer mit Eintrittskarte und Erlaubnisschein werden. Es wird nicht mehr gesagt: Aha! Interessant! Hören wir uns mal an!- sondern angstvoll:Darf ich da rein? Wer geht noch hin?

Club Voltaire ist im Kalten Krieg entstanden. Aus der Defensive. Es sollte auch über das geredet werden, was sonst nirgends eine Stelle fand. Dieser Ansatz ist inzwischen massiv gefährdet. Wenn nicht schon ganz verloren.

Zuerst erschienen in StattWeb

Siehe auch die Beiträge zu den Vorgängen:

Trackbacks

racethebreeze.twoday.net on : Arbeiterfotografie vs. Antideutsche vs. Antifa: Cui Bono?

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„Ist nicht sofort ersichtlich, welche politischen oder sozialen Gruppen, Kräfte oder Größen bestimmte Vorschläge, Maßnahmen usw. vertreten, sollte man stets die Frage stellen: Wem nützt es?“ (Wladimir Iljitsch...

Comments

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Herbert L. on :

"Hanna Müller, Magd auf dem Schöllerhof, hat sich in vielfältiger Weise der Teufelsbuhlschaft schuldig gemacht. Der Zauberei für schuldig befunden ist sie durch Zeugen die die Vorgänge auf dem Hof bestätigten. Nach eingehend peinlicher Befragung hat sie ihre Taten gestanden und wird somit höchstrichterlich zum Tode durch das Schwert verurteilt. Vollzogen wird dies zum nächsten Hahnenschrei."

Wieso nur habe ich das Gefühl das sich alles, in abgewandelter Form, ständig in ähnlicher Weise, wiederholt? Liegt es tatsächlich daran, daß diese Dinge einfach nicht in ihre jeweilige Zeit passen?

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