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»Wir sind Maurer, Maler, Elektriker, wir brauchen den Staat nicht, für nichts.« Lucio Urtubia

Hamburg: Neue Sternbrücke fertig? Stimmt nicht!

DB InfraGo verschleiert Projektverzögerungen. Eisenbahnbundesamt prüft Einhaltung Planfeststellungsbeschluss. Initiative fordert Beschleunigung und verbindlichen Zeitplan

Das Foto zeigt eine S-Bahn, die die Sternbrücke überquert. Darunter fahren Autos.

Foto © Stephan Pflug, Initiative Sternbrücke

Während DB InfraGo und Senat sich dafür feiern lassen, dass die Züge wieder über die Monsterbrücke rollen, bleibt die Wahrheit auf der Strecke: der Bau liegt weit hinter Zeitplan. Wesentliche Arbeiten dauern nun bis Ende 2027, die Kabelhilfstrasse soll sogar bis Anfang 2028 stehen. Hinterhöfe warten auf Wiederherstellung und Renaturierung, Flächen bleiben blockiert und die Entwicklung eines lebenswerten Umfelds wird weiter verzögert.

„Die Arbeiten an der neuen Sternbrücke sind erfolgreich abgeschlossen“, meldet die Deutsche Bahn auf Instagram. Eine zumindest irreführende Formulierung. Denn auf ihrer eigenen Projektseite beschreibt die DB den aktuellen Zustand gleichzeitig als „Bauzwischenzustand“. Der Lärmschutz soll erst im Oktober 2027 vollständig fertiggestellt werden - möglicherweise im Widerspruch zur Planfeststellung, das Eisenbahnbundesamt prüft. Die massive Kabeltrasse bleibt nach Unterlagen des Hamburger LSBG sogar bis Anfang 2028 und blockiert den geplanten bus- und fahrradfreundlichen Umbau der Stresemannstraße. Die Brammerfläche bleibt auf unbestimmte Zeit in den Händen der DB. Kurzum: wesentliche Arbeiten mit massiven Beeinträchtigungen vor Ort dauern noch voraussichtlich bis mindestens 2028.

„Dass die Züge wieder fahren, begrüßen wir. Aber die Erfolgsmeldungen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die hässliche Realität im Viertel eine andere ist“, sagt Axel Bühler, Sprecher der Initiative Sternbrücke. „Nach Jahren von Abriss, Baumfällungen und Baustelle muss jetzt kurzfristig die Wiederherstellung beginnen: Grün zurück, Hinterhöfe renaturieren, Flächen freigeben und die mit Beteiligung laufende Umfeldplanung konkret umsetzen.“

Die Initiative Sternbrücke fordert deshalb von DB und Senat Tempo und Verbindlichkeit:

- Beschleunigung der Bauarbeiten

- einen verbindlichen und öffentlichen Zeitplan, wann welche Flächen aus der Baustelle entlassen werden und wann die Wiederherstellung von Hinterhöfen, Begrünung und Umfeld tatsächlich beginnen kann

- Flächen, die früher freigegeben werden können, müssen früher für die Entwicklung des Umfelds zur Verfügung stehen.

- der mehr als einjährigen Betrieb ohne den vollständigen planfestgestellten Lärmschutz muss erklärt und der notwendige Schutz der Anwohnerinnen und Anwohner gewährleistet werden. 

Dazu Axel Bühler: „Die Monsterbrücke mag für den Zugverkehr in Betrieb sein. Ihr Bau ist längst nicht fertig. Wir wollen endlich darüber reden, wie aus diesem Ort wieder ein lebenswertes Stück Stadt wird – mit Grün, Aufenthaltsqualität und Raum für Nachbarschaft und Kultur. Für das Viertel und die Politik beginnt die eigentliche Arbeit jetzt erst.“

Quelle: Pressemitteilung 


 

Buchtipp: Freiheitsschiffe. Die unbekannte Geschichte der Flucht aus der Sklaverei auf dem Seeweg

Das Cover ezigt den Einband des Buches mit Titel und Autorenangabe sowie einem Stich eines Segelschifffes

Buchcover

»Freiheitsschiffe« beschreibt die dramatische Geschichte versklavter Afroamerikaner, die sich auf Schiffen versteckten, die sie in die Freiheit brachten. Bis zu 100.000 versklavten Menschen gelang die Flucht aus der Knechtschaft in den Südstaaten. Sie entkamen entlang eines Netzwerks von Fluchtwegen, das heute als Underground Railroad bekannt ist. Eine immens große Zahl von Fluchtversuchen fand jedoch nicht zu Lande, sondern auf dem Seeweg statt. Die dramatischen Berichte der Entkommenen von heimlichen Verschwörungen und wehenden Segeln machen das Buch zu einer fesselnden Lektüre.

Marcus Rediker vermittelt mit seiner detailgenauen Recherche einen tiefen Einblick in die geheime Welt der blinden Passagiere und der Schiffe, die sie in die Freiheit brachten. Er beleuchtet die wenig bekannten Geschichten von Freiheitssuchenden, die ihren Blick aufs Meer richteten. Er berichtet von den Tausenden, die sich heimlich unter Deck versteckten, zum Teil entdeckt wurden und erneut flohen. Er erzählt die Geschichte von Frederick Douglass, der als Matrose verkleidet auf einem Schiff entkam und nach seiner Flucht zu einem der bekanntesten Abolitionisten wurde, und von Harriet Tubman, einer ehemaligen Sklavin, die zu einer der Architektinnen der Underground Railroad wurde.

Marcus Rediker beweist erneut seine überragende Kompetenz in der Geschichtsforschung von unten und begibt sich auf eine spannende Reise entlang der Küsten des Atlantiks, auf den Spuren derer, die bei ihrer Suche nach Freiheit alles riskierten.

Freiheitsschiffe
Die unbekannte Geschichte der Flucht aus der Sklaverei auf dem Seeweg
26,00 €
Aus dem Englischen von Emma Hill, 400 Seiten, broschiert, mit Illustrationen 
SBN 978-3-86241-519-9
Erschienen 09/2026

 


 

STAATSSCHUTZ - Film und Gespräch: Was, wenn Rechtsextreme den Staat schützen?

07. September 2026 | 19:30 Uhr | Hackesche Höfe Kino in Berlin

Eine junge Staatsanwältin überlebt einen rassistischen Brandanschlag und stößt bei den Ermittlungen auf eine Mauer des Schweigens in den eigenen Reihen. Faraz Shariats Justizthriller STAATSSCHUTZ, auf der Berlinale 2026 mit dem Panorama-Publikumspreis ausgezeichnet, zeigt, wie schnell der Rechtsstaat Rechtsextremismus verharmlosen und Betroffene von Neonazi-Gewalt im Stich lassen kann.

Am 7. September zeigt United! Gemeinsam gegen Rechtsextremismus den Film im Hackesche Höfe Kino und diskutiert danach, wo Fiktion auf Realität trifft: Welche Konsequenzen hat es für Betroffene, wenn der ermittelnde Staatsanwalt mit den Täter*innen sympathisiert? Welche realen Fälle sind bekannt? Und wie geht die Justiz mit rechtsextremen Richter*innen und Staatsanwält*innen um?

GÄSTE: Claudia Schaefer, Drehbuchautorin von STAATSSCHUTZ Laurenz Schreiner, Journalist

Weitere Infos zum Film und zum Projekt. Tickets gibt es HIER.


 

Blogkino: Espion Lève Toi (1982)

Heute führen wir in unserer Reihe Blogkino die Serie mit französischen Krimis mit dem Agententhriller "Der Maulwurf" fort: In der Straßenbahn wird der Schweizer Sektionsleiter des französischen Geheimdienstes Alfred Zimmer durch Terroristen der sogenannten Volksfrontbrigaden liquidiert. Das offensichtlich politisch motivierte Attentat löst die Reaktivierung des französischen Ex-Agenten Sébastien Grenier aus, welcher kurz darauf von einem ominösen Bundesratsbeamten kontaktiert wird.


Aufrüstung trifft Widerstand: Rheinmetall-Entwaffnen-Camp startet in Köln

Das Bild ist ein politisches Plakat mit einer markanten Farbgestaltung in Magenta, Schwarz und Weiß.TextinhalteAm oberen Bildrand steht in großen, magentafarbenen Großbuchstaben: „KAMPF DEN KRIEGSTREIBERN“.Darunter folgt in kleinerer Schrift: „- FÜR UNSERE ZUKUNFT!“.Oben links befindet sich ein Logo der Initiative „RHEINMETALL ENTWAFFNEN“. Der Name „Rheinmetall“ ist in Schwarz geschrieben, das Wort „ENTWAFFNEN“ steht darunter in weißen Buchstaben auf einem magentafarbenen, stempelartigen Balken.Im mittleren Bereich sind zwei magentafarbene Textbalken mit weißer Schrift platziert:„CAMP + AKTIONSTAGE IN KÖLN 1.-6.9.“„NATO-MANÖVER IN HAMBURG 24.-26.9.“Bildmotive (Fotomontage)Die untere Hälfte des Plakats besteht aus einer schwarz-weißen Fotomontage, die vor einem hellen, magentafarbenen Hintergrund steht:Hintergrund: Auf der rechten Seite sind die markanten Zwillingstürme des Kölner Doms zu sehen. Links davon erstreckt sich eine große Bogenbrücke über einen Fluss (die Kölner Hohenzollernbrücke).Vordergrund rechts: Ein moderner Militärpanzer fährt von rechts nach links durch das Bild. Aus seinem Rohr bricht eine dunkle Rauchwolke aus, die den Kölner Dom teilweise verdeckt. Am Panzer und an der Rauchwolke sind zwei grafische, magentafarbene Sterne angebracht.Vordergrund links: Eine Gruppe von demonstrierenden Menschen ist im Profil zu sehen. Sie laufen von links nach rechts in Richtung des Panzers. Einige Personen halten Protestschilder in die Höhe, auf denen unter anderem „CHOICE“ zu lesen ist.Köln, 1. September 2026. Das antimilitaristische und internationalistische Bündnis „Rheinmetall Entwaffnen“ hat am Dienstag sein diesjähriges Camp in Köln eröffnet. Unter dem Motto „Kampf den Kriegstreibern – Für unsere Zukunft!“ finden bis zum 6. September Workshops, Diskussionsveranstaltungen, Demonstrationen und weitere Aktionen statt. Nach Angaben der Organisator*innen werden im Laufe der Woche mehrere Tausend Teilnehmende erwartet.

Antikriegstag eröffnet eine Woche des Protests

Zum Auftakt beteiligt sich das Bündnis am 1. September gemeinsam mit dem Kölner Friedensforum an einer Demonstration zum Antikriegstag. In den darauffolgenden Tagen sind an verschiedenen Orten in Köln politische Veranstaltungen und Aktionen geplant. Den öffentlichen Höhepunkt bildet eine große Abschlussdemonstration am Samstag, dem 5. September. Das Camp endet am 6. September.

Mit der Aktionswoche will das Bündnis auf die Folgen von Aufrüstung, Rüstungsproduktion und zunehmender Militarisierung aufmerksam machen. Es kritisiert, dass die Bundesregierung umfangreiche Mittel für militärische Zwecke bereitstellt, während zugleich Kürzungen im Sozialbereich beschlossen werden und die Klimakrise immer deutlicher spürbar wird.

Die Jahre 2025 und 2026 seien durch milliardenschwere Aufrüstungsprogramme, soziale Einschnitte und eskalierende Kriege beziehungsweise militärische Konflikte geprägt – unter anderem mit Blick auf Iran, Palästina und Kurdistan. Die Kosten dieser Politik trügen letztlich die Menschen, erklärt das Bündnis.

Bewaffnete Bundeswehrsoldaten vor dem Camp – Anmelder spricht von Einschüchterungsversuch

Bereits vor dem offiziellen Beginn des Camps postierten sich bewaffnete Feldjäger*innen der Bundeswehr im unmittelbaren Bereich des Camp-Eingangs auf. Der Anmelder des Camps bewertet das Auftreten als Versuch, Teilnehmende einzuschüchtern und zu provozieren.

„Dass bewaffnete Bundeswehrsoldaten unmittelbar vor Beginn unseres angemeldeten Camps am Eingang aufgetreten sind, haben wir als gezielten Einschüchterungs- und Provokationsversuch erlebt. Politischer Protest darf nicht durch bewaffnete Präsenz unter Druck gesetzt werden. Wir lassen uns davon nicht einschüchtern und setzen unser Programm wie geplant und mit noch stärkerer Kraft fort“, erklärt, der Anmelder des Camps.

„Wir stellen uns der Kriegsmaschinerie entgegen“

Mit öffentlich angekündigten Aktionen will das Bündnis während der Protestwoche Rüstungsproduktion, Bundeswehrstandorte und die aus seiner Sicht zunehmende Militarisierung des gesellschaftlichen Alltags zum Thema machen und in ihren gewohnten Abläufen stören.

„Wir werden nicht hinnehmen, dass Rüstungsproduktion, Bundeswehrstandorte und alltägliche Militarisierung in Köln ungestört weiterlaufen. Im vergangenen Jahr haben wir gezeigt, dass sich Menschen für Frieden und gegen Aufrüstung zusammenschließen. Daran knüpfen wir an“, erklärt das Bündnis.

Das Rheinmetall-Entwaffnen-Camp versteht sich als Ort des Austauschs, der politischen Bildung und des gemeinsamen Protests gegen Krieg, Aufrüstung und die Profite der Rüstungsindustrie. Zugleich soll es internationale Solidarität mit Menschen stärken, die von Krieg, Besatzung und militärischer Gewalt betroffen sind.

Termine auf einen Blick

1. September: Auftaktdemonstration zum Antikriegstag
Beginn: 17:30
Treffpunkt: Friesenplatz

1. bis 6. September: Camp, Workshops und Aktionen
Ort: Wiese am Fernsehturm/Colonius, Venloerstr. 130
50.94505° N, 6.93171° E.

Programm

5. September: Große Abschlussdemonstration
Beginn: 05.09., 13:00 Uhr
Treffpunkt: Dom/Hauptbahnhof

Quelle: Pressemitteilung


 

Buchvorstellung: Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt - Kämpfe, Kontinuitäten und Wandel

Das Buchcover zeigt neben Titel und Autor*innen ein Foto einer Demonstration, bei der Menschen ein Seitentransparent mit dem Text "Feuer + Flamme für's Partriarchat!" tragen.

ISBN 978-3-7560-3346-1 206 Seiten 39€

Die Arbeit gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend war und ist umkämpft. Es gab Versuche, die Schilderungen Betroffener zu leugnen und die Arbeit der Fachberatungsstellen als unseriös zu verunglimpfen. Dennoch ist der Kampf gegen sexualisierte Gewalt gesellschaftlich nicht mehr wegzudenken.

In diesem Sammelband wird die Frage behandelt, welche Angriffe es gegen Betroffene und die spezialisierte Fachberatung gab, welche Strategien erfolgreich waren und welche Lehren sich ziehen lassen.

Es kommen Betroffene, Berater:innen, Wissenschaftler:innen und Anwält:innen zu Wort. Es wird deutlich, dass patriarchale und adultistische Strukturen der Gesellschaft sexualisierte Gewalt hervorbringen und die Arbeit dagegen notwendiger denn je ist.

Herausgegeben von Franziska Drohsel, Clemens Fobian, Dorothea Zimmermann (2026)

Freitag, 11. September, 20 Uhr

Versammlungsraum Mehringhof
Gneisenaustr. 2a

2. Hinterhof

Metro-Station Mehringdamm

Eintritt: frei!

Via Schwarze Risse


 

Berlin: Mehr als abstrakte Hoffnung

Gegen Gewalt und organisierte Verwahrlosung: Wie eine Klinik in Chiapas kollektive Fürsorge denkbar macht. Mit Victórico Gálvez Pérez (Frayba), Pablo Uc (IRGAC), Felicitas Treue (EuropaZapatista) und medico.

Grafisch gestaltetes Plakat in Türkis, Schwarz, Hellgrün, Orange und Rot. Vor einem großen schwarzen Kreis ist eine flache, langgestreckte Klinik dargestellt. Das Gebäude ist nur durch hellgrüne Konturen und wenige Details angedeutet. Rechts daneben steht ein kleiner Krankenwagen mit einem weißen Kreuz. Ein geschwungener orangefarbener Weg führt vom unteren Bildrand zum Eingang der Klinik.  Über dem Gebäude steht in großen hellgrünen Großbuchstaben der spanische Schriftzug „CLÍNICA PARA TOD@S“, sinngemäß „Klinik für alle“. Das „@“ ist rot hervorgehoben und in ein weiß umrandetes Kreissymbol eingebettet. Im Hintergrund verlaufen türkisfarbene, wellenartige Linien durch die schwarze Fläche. Die bewusst rauen, teilweise ausgefransten und unregelmäßigen Strukturen verleihen der Grafik den Charakter eines politischen Plakats oder Siebdrucks.  Unten links befinden sich zwei rote Logos: CAREA sowie medico international.

Grafik: medico

Im mexikanischen Bundesstaat Chiapas werden indigene Gemeinden systematisch von der medizinischen Versorgung ausgeschlossen. Auch deshalb rebelliert dort seit 1994 die zapatistische Autonomiebewegung. Sie kämpfen für Freiheit, Gerechtigkeit und ein gutes Leben in Würde.

Während angesichts der Lage der Welt vielerorts Ohnmacht und Lähmung um sich greifen, zeigen die Zapatistas, dass Widerstand mehr als eine abstrakte Hoffnung sein kann. Angesichts eines immer gewalttätigeren Umfelds stärken sie ihre Autonomie und das Gemeinschaftliche.

Nun haben die zapatistischen Gemeinden mit Unterstützung solidarischer Initiativen wie medico international mitten im Regenwald mit dem Bau einer selbstverwalteten Klinik begonnen: Gynäkologie, Labor, zahnärztliche Versorgung – offen für alle.

Wir sprechen mit unseren Gästen über die Lage in Chiapas, den Widerstand der Zapatistas gegen organisierte Verwahrlosung und systematische Entrechtung und über die Bedeutung der Klinik als Infrastruktur der Fürsorge.

Victórico Gálvez Pérez ist Menschenrechtsverteidiger und Anwalt. Der Spezialist für Menschen- und politische Rechte arbeitet im Bereich internationale Advocacy für das Menschenrechtszentrum Frayba in San Cristóbal de las Casas, Chiapas.

Pablo Uc ist Schriftsteller, Wissenschaftler und Aktivist für den Schutz des Territoriums in Chiapas und darüber auch im engen Kontakt mit den Zapatistas. Er ist Teil der International Research Group on Authoritarianism and Counter-Strategies (IRGAC).

Felicitas Treue ist Teil von Frankfurt International, einer Gruppe des Netzwerks Europa Zapatista. Sie besucht regelmäßig die zapatistischen Gemeinden und berichtet von ihren Eindrücken.

Durch den Abend führen die medico-Referent:innen für Lateinamerika Timo Dorsch, Moritz Krawinkel und Jana Flörchinger.

Donnerstag, 15.10.2026

Beginn: 19:00 Uhr

Veranstaltungsort

aquarium
Skalitzer Str. 6
10999 Berlin

Alle Informationen und Spendenmöglichkeiten zur Kampagne “Klinik für alle“

Eine Anmeldung ist nicht erforderlich und die Teilnahme ist kostenlos. 

Veranstaltet von: medico international und Carea

Quelle: medico


 

Roter Lehm bringt es zum Vorschein oder: Die Schönheit von reflektiertem und gebrochenem Licht

Mein Hund schaut gerne mit mir in den Himmel, aber er macht das nicht gerade leise.

Während ich das hier schreibe - letzte Nacht -, ist Blutmond, eine Mondfinsternis. Während ich das hier schreibe - letzte Nacht -, verschwindet der Vollmond im Schatten der Erde. Wir sitzen um Mitternacht auf Stühlen im Garten, und mein Hund läuft auf und ab, wohl wissend, dass am Himmel etwas Seltsames vor sich geht. Er beschützt uns; er ist im Dienst. Es fällt ihm genauso schwer, nicht zu arbeiten, wie mir.

Heute Nachmittag habe ich den größten Teil eines Essays für dich über Kriminalität und Überwachung geschrieben. Vielleicht schaffe ich es sogar bald, ihn fertigzustellen, aber gestern Abend, als ich das hier schrieb, ging ich nach draußen, um meinen Hund pinkeln zu lassen, und sah, wie unsere Mutter, der Mond, bernsteinfarben wurde. Ich schreibe lieber über sie.

Alles, was der Mond tut, tut er weniger dramatisch als die Sonne. Die Sonne schenkt uns Wärme, Licht und Leben; der Mond schenkt uns die Gezeiten. Die Sonne beherrscht fast alles, aber der Mond sorgt für Ebbe und Flut im Wasser und für das geduldige weiße Rauschen, das uns beim Einschlafen hilft. Die Sonne verbrennt jeden, der es wagt, sie anzustarren, selbst wenn der Mond ihr Gesicht verdeckt, aber du kannst direkt in die Mondfinsternis schauen. Du kannst direkt in einen Blutmond blicken; du kannst ihr blasses Gesicht sehen, das in Ocker getaucht ist.

Versteh mich nicht falsch, ich habe in meinem Leben schon zweimal totale Sonnenfinsternisse gesehen und mich noch nie auch nur annähernd so gefühlt, als würde ich das Antlitz Gottes betrachten. Wenn ich könnte, würde ich ein „Chaser“ werden. Ich würde jedes Jahr den brennenden Ring der Totalität betrachten. Ich würde Gott anstarren.

Der Mond ist etwas ganz anderes. Wenn die Sonne ein Gott ist, dann ist der Mond der Spiegel, der uns ihn sehen lässt.

Mein Hund, der gerade, während ich das hier schreibe, den Mond beobachten will und mit dem Schwanz wedelt, der um Mitternacht bellen will, überwältigt von der Fremdartigkeit des Himmels … Ich habe ihn Rintrah genannt, nach einer Figur aus William Blakes Mythologie (oder Theologie, nehme ich an). Rintrah ist die Personifizierung des gerechten Zorns des Propheten, und er rennt durch den Garten, den Himmel absuchend, als würden die alten Götter vom Himmel herabsteigen, um uns zu verschlingen, und nur seine ungebrochene Aufmerksamkeit könnte sie in Schach halten.

Soweit ich weiß, hat er recht.

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass er einfach gezüchtet wurde, um Raubvögel von den Hühnern fernzuhalten, und das hat seltsame Folgewirkungen in einer Zeit der Flugzeuge, der Satelliten, des verdammten Starlink.

Rintrah brüllt und schüttelt seine Feuer in der bedrückten Luft,
Hungrige Wolken schweben über der Tiefe.
Einst sanftmütig und auf einem gefährlichen Pfad
Hielt der gerechte Mann seinen Kurs entlang
des Tals des Todes.
Rosen werden gepflanzt, wo Dornen wachsen,
Und auf der kargen Heide
Singen die Honigbienen.
Dann wurde der gefährliche Pfad angelegt,
Und ein Fluss und eine Quelle
An jeder Klippe und jedem Grab;
Und auf den gebleichten Knochen
Bringt roter Lehm hervor
Die Szene zeigt Flammen am unteren Rand, umarmende und sich küssende Figuren sowie schwebende Gestalten zwischen Himmel und Hölle, eingebettet in geschwungene Schriftzüge.

Das Bild zeigt das Titelblatt der berühmten illuminierten Handschrift The Marriage of Heaven and Hell des englischen Dichters und Malers William Blake, entstanden um 1790–1793.

Künstler: William Blake (unter Mitarbeit seiner Frau Catherine)

Ich kann nicht so tun, als würde ich alles verstehen, was William Blake in The Marriage of Heaven and Hell meint. Ich mag meine Texte eigentlich lieber einfacher, mehr auf den Punkt gebracht; und doch kehre ich regelmäßig zu diesem Gedicht zurück.

Hier sitze ich nun, beobachte, wie der weiße Mond rot wird, und denke darüber nach, wie roter Lehm auf gebleichten Knochen entsteht, darüber, wie der Tod uns Leben schenkt.

Der Mond färbt sich während der Finsternis aus demselben Grund rot wie der Sonnenuntergang: Das Licht der Sonne durchdringt die Atmosphäre seitlich. Der Blutmond ist unser eigener Sonnenuntergang, der etwa 239.000 Meilen durch den Weltraum projiziert wird.

In vielen Medien, die ich konsumiert habe, kann man nicht das Antlitz eines Gottes erblicken und unversehrt davonkommen. Man könnte sterben, man könnte wahnsinnig werden, man könnte erblinden.

Diese potenzielle Kehrseite der Begegnung mit der nackten Wahrheit des Universums können wir natürlich nicht so einfach selbst ausprobieren.

Man müsste erst einmal einen Gott finden, um ihn anzusehen, und wenn wir wüssten, wo man einen solchen finden könnte, würde unsere gesamte Gesellschaft ganz anders aussehen.

Aber natürlich kann man Götter nicht sehen. Das Göttliche (egal, welche Metapher du dafür bevorzugst – Wahrheit, das Universum, Gott, Götter, das Unendliche, du hast die Wahl) ist genau das, was man nicht sehen kann, das, was man nur durch den Glauben erkennen kann. Das Göttliche ist genau das, was unser Verständnis übersteigt. Es ist wie das Nachdenken über den Tod. Wir werden nie wissen, was er mit sich bringt, und doch müssen wir unser Leben geduldig damit verbringen, uns darauf vorzubereiten, ihm zu begegnen.

Wir können das Göttliche nur dort sehen, wo es nicht ist. Wir können nur sehen, wo es seine Spuren hinterlassen hat. Der einzige Weg, das Göttliche zu erblicken, besteht darin, seinen Einfluss und seine Abwesenheit wahrzunehmen. Wie eine „Star Trek“-Crew, die nach einem getarnten „Bird of Prey“ sucht, suchen wir nach dem Schimmer in den Sternen. Wie ein Jäger, der seiner Beute folgt, suchen wir nach Spuren.

Das heißt, wir schauen nicht auf das Licht, sondern auf seine Reflexion.

Wir schauen nicht auf die Sonne. Wir schauen auf den Mond.

Oder bellen ihn an, nehme ich an.

Quelle:  "Red Clay Brought Forth or: the beauty of reflected, refracted light" von Margaret Killjoy, 28. August 2026

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, solltest du ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung, Bearbeitung: Thomas Trueten [Autorisiert]


 

Roman Danyluk: Wenn der Himmel brennt

Das Buchcover von Roman Danyluk, „Wenn der Himmel brennt – Ein Jahrzehnt autonomer Bewegung in Westdeutschland und Westberlin von 1979 bis 1989“, zeigt die historische Fassadenmalerei des ehemaligen besetzten Hauses „KuKuCK“ (Kunst- und Kultur-Centrum-Kreuzberg) in der Anhalter Straße 7 in Berlin-Kreuzberg.  Das Wandbild wurde 1981 von der Künstlergruppe Ratgeb geschaffen und bedeckte eine der freistehenden Brandmauern des besetzten Gewerbehauses.  Vor einem hellblauen, stellenweise wie aufgebrochen oder zerklüftet wirkenden Hintergrund steigt eine große, vielfarbige Form in Grün, Blau, Rot und Gelb nach oben. Über ihr dominiert in kräftigem Rot das Hausbesetzerzeichen: ein stilisierter Blitz beziehungsweise Pfeil, der von einem Kreis umschlossen wird. Das Zeichen war ein weithin bekanntes Symbol der Hausbesetzerbewegung.  Im unteren Teil des Wandbildes sind drei dunkel gekleidete, hexenartige Gestalten dargestellt. Sie versammeln sich um einen gemauerten Kessel beziehungsweise eine Feuerstelle, die symbolisch für ein besetztes Haus steht. Die Figuren wirken durch ihre schwarze Kleidung und ihre teilweise maskenhaft dargestellten Gesichter düster und bedrohlich. Eine der Hexen hält eine Bombe in der Hand. Gerade dieses Motiv führte später zu heftigen politischen und juristischen Auseinandersetzungen um das Wandbild.  Links erscheint außerdem das große grüne Profil eines menschlichen Gesichts. Rechts und im oberen Bereich verteilen sich weitere stark stilisierte Figuren, Pflanzen und abstrakte Formen. Die leuchtenden Farben stehen in deutlichem Kontrast zu den dunklen Hexengestalten am unteren Bildrand.  Das Wandbild verbindet damit Hausbesetzung, Widerstand und politische Symbolik mit einer märchenhaft-fantastischen Bildsprache. Nach der Räumung des KuKuCK wurde die Fassadenmalerei aufgrund eines Gerichtsbeschlusses 1984 übermalt. Historische Fotografien des Wandbildes wurden später zu einem bekannten Bildmotiv für die West-Berliner Hausbesetzer- und Alternativbewegung der frühen 1980er Jahre.  Im oberen weißen Bereich des Buchcovers stehen in schwarzer Schrift der Name Roman Danyluk, der Titel „Wenn der Himmel brennt“ und darunter der Untertitel „Ein Jahrzehnt autonomer Bewegung in Westdeutschland und Westberlin von 1979 bis 1989“
Buchcover

Ein Jahrzehnt autonomer Bewegung in Westdeutschland und Westberlin von 1979 bis 1989

Dieses Buch über die autonome Bewegung der Achtzigerjahre versucht das originäre Lebensgefühl und militante Sozialmilieu der damaligen Handlungsfiguren sowie deren gesellschaftlichen Vorstellungen möglichst genau und lebendig zu rekonstruieren.

Die Autonomen brachen mit den überkommenen Vorstellungen der bisherigen Linken und starteten etwas erfrischend Neues. Von einer starken gegenkulturellen Mentalität geprägt, erzielten die autonomen Protagonist:innen eine erstaunliche politische und soziale Breitenwirkung.

Genauso wie Punk im ursprünglichen Sinne eher eine bestimmte Haltung, Herangehensweise und subversive Strategie darstellte, verhielt es sich auch mit der autonomen Revolte: Im Vordergrund stand das Machen, die Unmittelbarkeit und das In-Bewegung-sein.

Jede angemessene Rekonstruktion der ursprünglichen militanten Sozialrevolte 1979/80, sowie des darauffolgenden autonomen Jahrzehnts, muss das Neuartige, Außergewöhnliche und Mobilisierende dieses Aufbruchs vermitteln. Da die autonome Bewegung nach einer äußerst ereignisreichen Dekade schließlich scheiterte, endet das vorliegende Buch mit der Kritik und Aufarbeitung dieser historischen Niederlage.

Roman Danyluk
Wenn der Himmel brennt
in Jahrzehnt autonomer Bewegung in Westdeutschland und Westberlin von 1979 bis 1989
Edition AV
ISBN 978-3-86841-339-7
516 Seiten
48 Euro


 

Blogkino: Les Barbouzes (1964)

Heute führen wir in unserer Reihe Blogkino die Reihe mit französischen Krimis mit dem Agentenfilm Les Barbouzes. Ein „Leichenreicher, gleichwohl fröhlicher Konkurrenzkampf unter internationalen Geheimagenten. Bis zur völligen Absurdität verfremdete, unterhaltsame Parodie des Spionagefilms.“, wie das Lexikon des internationalen Films urteilt: In Paris wird die französische Gegenspionage auf den Tod des internationalen Waffenhändlers Shah in einem teuren Bordell aufmerksam gemacht. Um diese Gelegenheit zu nutzen, wird der Spitzenagent Francis Lagneau damit beauftragt, Shahs Leiche in sein bayerisches Schloss zurückzubringen. Dort übergibt er sie der ebenso jungen wie attraktiven Witwe Amaranthe, gegenüber der er sich als Ludo, dem Cousin des Toten, ausgibt. Alles klar? Genau.