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"Warum mir aber in neuester Welt Anarchie gar so gut gefällt? Ein jeder lebt nach seinem Sinn, das ist nun also auch mein Gewinn! Ich laß´ einem jeden sein Bestreben, um auch nach meinem Sinn zu leben." Johann Wolfgang v. Goethe

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Porsche, der Dieselskandal und die Meinungsfreiheit. Ein Nachtrag.

So sieht ein Sieg auf ganzer Linie aus:

Porsche musste beide Kündigungen gegen Siegmar Herrlinger (wir berichteten) zurücknehmen, die Gerichtskosten übernehmen und das Arbeitsverhältnis besteht bis Ende des Jahres – dem Renteneintritt von Sigmar Herrlinger – regulär weiter und wird ordnungsgemäß abgerechnet.

Mächtig aufgeblasen hatten sich die Herren von Porsche, von „Schmähkritik“ an der „wunderbaren Arbeitswelt“ von Porsche war die Rede.

Zum guten Schluss haben öffentlicher Druck und Solidarität ihnen aber die Luft abgelassen.

Da standen sie nun im Regen und mussten die Kündigungen zurücknehmen, wollten sie nicht Gefahr laufen, auch noch ein Urteil zu kassieren, das schwarz auf weiß dokumentiert, dass man auch bei Porsche sagen darf, was wahr ist.

Der Versuch, ein Exempel zu statuieren, um die Kritik aus der eigenen Belegschaft mundtot zu machen, war jedenfalls grandios gescheitert.

Porsche, der Dieselskandal und die Meinungsfreiheit

Am 19. Dezember 2017 steht Porsche vor Gericht. Nicht wegen seiner Rolle im Dieselskandal – es ist nur ein Kündigungsschutzprozess. Aber auch kein ganz „normaler“ Kündigungsschutzprozess.

Kläger ist Siegmar Herrlinger, seit 39 Jahren bei Porsche beschäftigt. Porsche hat ihm gekündigt – inzwischen zum zweiten Mal.

Er habe „auf der Betriebsversammlung am 15. Dezember 2016 in Weissach öffentlich in den Raum gestellt, er glaube in Hinblick auf den sogenannten „Dieselskandal“ nicht, dass man nichts gemerkt habe. Die Verantwortlichen müsse man benennen und bestrafen.“

Eine Ansicht, die nach verschiedenen Umfragen 70 – 80 % der Bundesbürger teilen.

Siegmar Herrlinger wurde daraufhin von Porsche freigestellt und es wurde ihm verboten, auf der nächsten Betriebsversammlung teilzunehmen. Per einstweiliger Verfügung erstritt er sich das Recht auf Teilnahme und wiederholte dort seine Forderung nach der Bestrafung der Verantwortlichen.

In der Folge führte jeder Schritt von Herrlinger, sich der juristischen Verfolgung von Porsche zu erwehren, zu einer weiteren Kündigung: In einem Flugblatt der Internationalistischen Liste/MLPD, für die Herrlinger zu den Bundestagswahlen kandidierte, wurde von der Vergiftung tausender Menschen durch Dieselabgase gesprochen.

Diese Tatsachenfeststellung (es gibt dazu inzwischen verschiedene Studien) ist für Porsche ein tiefer Griff in „die Kiste der üblen Worte“. Ob die „Kiste der üblen Worte“ des Porsche-Anwalts allerdings eine juristische Kategorie ist, darf getrost bezweifelt werden.

Die Folge war jedenfalls die erste fristlose Kündigung.

Als daraufhin eben dies auf einem Wahlplakat mit der Aussage, Porsche habe Herrlinger gekündigt, weil er für Arbeitsplätze und Umwelt kämpfe, angeprangert wurde, folgt die zweite fristlose Kündigung.

Dieses Vorgehen nennt man Kettenkündigung. Damit hat Porsche Erfahrung. Von Dezember 2002 bis August 2007 kündigte sie ihren Mitarbeiter Ulrich Schirmer siebenmal.

Damals hatte sich Schirmer als gewerkschaftlicher Vertrauensmann für einen gekündigten Kollegen eingesetzt. Dabei wirkte er auch an der Gründung eines Solidaritätskreises von Porsche-Mitarbeitern mit, der auf einem Flugblatt eine „menschenverachtende Jagd auf Kranke“ sowie „verschärfte Ausbeutung“ anprangerte.

Vierzig Gerichtsverhandlungen durch verschiedene Instanzen (2006 bis zum Bundesarbeitsgericht), zwölf für Schirmer positive Gerichtsurteile und 75.000 € Zwangsgeld waren notwendig, bis Porsche begriffen hatte, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung auch in ihrem Betrieb gilt.

Der Rechtsstreit dauerte sieben Jahre. 2010 beendete das Landesarbeitsgericht diesen Marathon, indem es keine Revision mehr zu ließ und Schirmers Anwalt für den Fall, dass Porsche sich weiter weigert, Schirmer zu beschäftigen, die Beantragung von Zwangshaft für den Vorstandsvorsitzenden Wendelin Wiedeking in Aussicht stellte.

Im Fall von Ulrich Schirmer bekam die Redewendung „zu Tode prozessieren“ eine tragische Bedeutung. Schirmer erkrankte während des Rechtsstreits schwer und starb wenige Jahre nach seinem juristischen Sieg über Porsche.

Siegmar Herrlinger wurde übrigens schon damals von Porsche erfolglos gekündigt – weil er sich mit seinem Kollegen Schirmer öffentlich solidarisch erklärt hatte.

Um die gewerkschaftliche Solidarität, zumindest der zuständigen Gremien Betriebsrat und IGM-Ortsverwaltung, mit Herrlinger ist es derweil schlecht bestellt.

Uwe Hück, Betriebsratsvorsitzender bei Porsche, Mitglied des Aufsichtsrats, SPD-Mann mit Ambitionen (brachte sich als Anwärter auf den Landesvorsitz der SPD ins Gespräch), in seiner Freizeit Kickboxer und „Co-Pressesprecher“ von Porsche, verstieg sich zu folgender Argumentation :

Er findet es richtig, wenn Siegmar Herrlinger durch Porsche gekündigt wird. Wenn es für Siggi ein Verbrechen ist, wenn man mit der Abgasmanipulation Menschen vergiftet, solle er doch darauf verzichten, sein Brot bei diesen Verbrechern zu verdienen.

Auf der Betriebsversammlung vor versammelter Belegschaft wurde er noch deutlicher: „Siggi, hau endlich ab!“.

Uwe Meinhard, 1.Bevollmächtigter der IGM Stuttgart teilt, sinngemäß, diese Argumentation – alles in allem ein starkes Signal an Porsche: Der ist zum Abschuss freigegeben.

Dazu passt auch, dass Herrlinger der gewerkschaftliche Rechtsschutz verweigert wird. Was die Bezirksverwaltung der IGM bestreitet: Herrlinger habe gar keinen Rechtschutz beantragt.

Das ist nun weniger als die Hälfte der Wahrheit: Natürlich hatte Herrlinger schon zu Anfang der Auseinandersetzung Rechtsschutz beantragt, der ihm mit der erstaunlichen Begründung, die Mitgliedschaft (!) habe daran kein Interesse, verweigert wurde.

Dass die Mitgliedschaft bei einem Rechtshilfeersuchen befragt wird, wäre nun in der IGM eine ganz neue Erscheinung.

Wer den bisherigen Gerichtsverhandlungen in Sachen Herrlinger gegen Porsche beigewohnt hat, bekam einen ganz anderen Eindruck von der Stimmung in der „Mitgliedschaft“:

Der Saal war regelmäßig überfüllt, vor Verhandlungsbeginn fanden Solidaritätsbekundungen statt, die Berichterstattung in der örtlichen Presse stieß auf ein breites Echo in der Leserschaft.

So wird auch vor der Verhandlung am 19.12.2017 um 9 Uhr eine Solidaritätskundgebung um 8.30 Uhr stattfinden.

Herrlinger gegen Porsche
19.12.2017 9 Uhr
Arbeitsgericht Stuttgart, Johannesstr. 86, Saal 024, Hochparterre
8.30 Uhr Solidaritätskundgebung vor dem Gericht.

Ver-Schleyer-te Vergangenheit

Hanns-Martin Schleyer auf dem 22. Bundesparteitag der CDU in Hamburg, 1973
Foto: Bundesarchiv 145 Bild-F041440-0014 / Reineke, Engelbert / CC-BY-SA 3.0
Aus gegebenem Anlass einige Bemerkungen zu Schleyers Nazi-Vergangenheit, die der deutschen Geschichtsvergessenheit anheim gefallen ist.

Hanns-Martin Schleyers Karriere in der NS-Zeit begann 1931 mit seinem Eintritt in die Hitler Jugend.

1932 Studium der Rechtswissenschaften in Heidelberg, 1933 Eintritt in die SS und Mitglied im Corps Suevia Heidelberg, einer schlagenden Verbindung. 1935 Austritt aus dem Corps, da das Corps sich weigerte, alle jüdischen „Alten Herren“ auszuschließen.

Schleyer: “Ich werde es nie verstehen können, dass ein Corps aus der Auflage, zwei Juden aus der Gemeinschaft zu entfernen, eine Existenzfrage macht.“

1937 Eintritt in die NSDAP, Leiter des NS-Studentenwerks, einer Tarnorganisation des Sicherheitsdienstes (SD). Als solcher Mitverfasser eines Denunziationsberichts über den Freiburger Rektor Metz, der seine Universität nicht vorschriftsmäßig Hakenkreuz-beflaggt, eine Teilnahme der theologischen Fakultät an der Fronleichnamsprozession geduldet, dagegen den Reichsstudentenführer Scheel, einen Förderer Schleyers, an einer Rede gehindert hatte.

Rektor Metz war kein Widerständler, sondern NSDAP-Mitglied. Deshalb wanderte er auch nicht ins KZ, sondern wurde nur von seinem Posten entfernt.

Nachdem Schleyer in Jura promoviert hatte, organisierte er in Prag ab 1943 Zwangsarbeiter für das Deutsche Reich und war mit der sogenannten Arisierung der tschechischen Wirtschaft beschäfigt

Prag, 5. Mai 1945, Aufstand gegen die Nazi-Besatzungsmacht. Im Schulgebäude des 4. Bezirks hat sich eine SS-Einheit verschanzt, die zwanzig Geiseln, Beschäftigte der Firma Janeceln, in ihrer Gewalt hat. Die tschechischen Aufständischen verhandeln mit dem SS-Kommandanten über die Freilassung der Geiseln. Dieser verlangt dafür im Gegenzug, dass seine Frau und sein Kind herbeigebracht werden sollen. Um Mitternacht wird die Frau, die ein kleines Kind auf dem Arm trägt, mit einem Auto zu dem Schulgebäude gebracht und gegen die Geiseln ausgetauscht. Die Aufständischen ziehen sich zurück. Einen Tag später richtet die SS in unmittelbarer Nähe des Schulgebäudes ein Massaker unter der Zivilbevölkerung an: Im Keller des Hauses 253 und im Garten des Hauses 254 werden 41 Menschen erschossen aufgefunden: unbewaffnete ältere Männer, Frauen und Kinder.

Am 8. Mai 1945, dem Tag der deutschen Kapitulation, bringt eine SS-Einheit Geiseln aus der Prager Zivilbevölkerung in ihre Gewalt, setzt sich aus Prag ab und erreicht abends die amerikanischen Linien, wo sie sich gefangen nehmen lässt.

Der Führer dieser SS-Einheit wird als gedrungener, breitgesichtiger Mann mit dicken Lippen und Mensurnarben auf der Wange beschrieben, dessen Namen auf „Meier oder so ähnlich“ endet. Der einzige SS - Führer in Prag, auf den diese Beschreibung passen könnte, ist Hanns-Martin Schleyer. Er ist zu diesem Zeitpunkt 30 Jahre alt, seine Frau hatte ihm am 1. November 1944 einen Sohn geboren.

Nachtrag:
Immer noch wird er von vielen Politikern als „Vorbild für die deutsche Jugend“ angepriesen. Die größte Veranstaltungshalle Stuttgarts trägt immer noch seinen Namen.

„Herr Mann, Herr Hummel und die Nazis“. (Überschrift in der Stuttgarter Zeitung vom 11.3.2017, S.28)

1.7.2016, Ludwigsburg:

Die Firma Mann+Hummel begeht ihr 75. Firmenjubiläum und weiht das neue Technologiezentrum ein. Den Beschäftigten ist allerdings nicht nach Feiern zumute. Sie protestieren lautstark und machen ihrem Unmut auf einer Versammlung Luft:

„Wir protestieren entschieden gegen die Vernichtung von 500 Arbeitsplätzen in den Inlandswerken von Mann+Hummel, davon 275 in Ludwigsburg.

Wütend und empört sind wir besonders über die ausgesprochenen 121 Kündigungen. Seit heute, dem 1.7.2016 befinden sich 121 in einem gekündigten Arbeitsverhältnis! 91 davon sind aus der Produktion, viele Kollegen schon über 46 Jahre alt und viele sind Gewerkschaftsmitglieder.

Zeitgleich findet heute eine Feier von Mann+Hummel statt zur Einweihung des neuen Technologiezentrums. 350 ausgewählte Gäste sind geladen. Darunter der Ministerpräsident Winfried Kretschmann von den Grünen, die Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut, der Vorsitzende des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann von der CDU, der Oberbürgermeister von Ludwigsburg, Werner Spec und auch der Raumfahrer Ulf Merbold.

Nicht eingeladen sind die Kolleginnen und Kollegen von Mann+Hummel.

Sich selbst zu feiern und zeitgleich Kündigungen auszusprechen, dies bewerten wir als eine ungeheuere Provokation der Belegschaft.

Wir sind uns einig und fordern:

Sofortige Rücknahme der ausgesprochenen Kündigungen!

Unser Protest richtet sich auch an die Ludwigsburger Kreiszeitung. Während heute eine dreiseitige „Anzeigensonderveröffentlichung“ von Mann+Hummel erscheint, wurde es abgelehnt, heute eine Traueranzeige über „den Verlust von 275 Mitarbeiter(n)“ abzudrucken, die einige Kollegen initiiert hatten. Hat nur der das Recht auf Meinungsäußerung, der das meiste Geld hat? Wir sehen darin einen Akt der politischen Zensur und verlangen dazu eine Stellungnahme der Verantwortlichen der LKZ.“

1938, Stuttgart und Wien:
Die Firmengründung im Jahre 1941 hat eine Vorgeschichte:
Adolf Mann und Erich Hummel beginnen ihre Unternehmerlaufbahn als leitende Angestellte der Firma Wilhelm Bleyle in Stuttgart.
1938 bekommen die Inhaber Max und Fritz Bleyle Schwierigkeiten mit der NS-Justiz.
Max Bleyle und der Geschäftsführer Arthur Weber müssen sich wegen Volksverrat, Devisenvergehen und Steuerhinterziehung vor einem NS-Sondergericht verantworten.
„... Diese Situation haben die langjährigen Angestellten der Firma Wilh. Bleyle GmbH., Mann und Dr. Hummel, ausgenutzt, um mit den Herren Bleyle und Weber am Tag vor der Hauptverhandlung vor dem Sondergericht über den Betrieb der Firma Wilh. Bleyle GmbH einen von ihnen ausgearbeiteten Kauf- und Pachtvertrag abzuschließen, durch den die Gesellschafter der GmbH auf das schwerste übervorteilt wurden. ..." (Zitate aus der Abschrift von Dr. Edmund Natter, 12.11.1945)
Der öffentliche Kläger Bauer (im Entnazifizierungsverfahren) bestätigte dies ebenfalls am 19.1.1949. Er schreibt:  „... Dem Befr. (gemeint ist Adolf Mann) ist es damals gelungen, einen unverhältnismäßig günstigen Vertrag herauszuschlagen aus dem er in den 6 Jahren bis 1945 ein Einkommen von RM 3 265 945,-- bezogen hat. ... Er hat aus der Not des deutschen Volkes, in die es durch den von der NSDAP vom Zaum gerissenen Krieg gekommen ist, riesige Profite in seine eigene Tasche gesteckt..." (RM bedeutet: Reichsmark)

Max Bleyle dagegen wurde in dem Prozess zu einer 5-jährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Fritz Bleyle kam in die ,,lrrenanstalt“ nach Winnenden.

Dieses „Geschäftsmodell“ zur Bereicherung behalten Mann und Hummel bei, als es im angeschlossenen Österreich um die Arisierung zweier jüdischer Unternehmen geht.

Zum Vorgang der „Arisierung“ äußert sich Adolf Mann laut Firmenchronik wie folgt :
Die Verkaufsverhandlungen mit den jüdischen Vorbesitzern seien „im besten Einvernehmen“ geführt worden.

Mit dem besten Einvernehmen kann es nicht weit her gewesen sein.
Mira Steirer, eingesetzte Verwalterin, beschreibt den Vorgang im Antwortschreiben auf einen Fragebogen der amerikanischen Militärverwaltung vom 19.1.1948:
„In der sich in unseren Händen befindlichen Korrespondenz mit dem Mutterhaus Bleyle, Stuttgart, befindet sich Kopie eine Briefes des seinerzeitigen Prokuristen Hermann Zimmer, aus dem klar hervorgeht, dass er zusammen mit dem seinerzeitigen kommissarischen Verwalter, Herrn Norbert Streit, Herrn Bratmann (Vertreter des jüdischen Besitzers – Anmerkung des Verfassers) durch Abnahme seines tschechischen Passes gezwungen hat, in den Verkauf einzuwilligen.“

Da weder Zimmer noch Streit irgendwelche amtlichen Befugnisse zum Entzug des Passes gehabt haben, will man sich gar nicht vorstellen, unter welchen Umständen die Abnahme des Passes wohl vor sich gegangen sein mag.

Über die „Arisierungsverhandlungen“ mit dem Besitzer der zweiten Firma schreibt Steirer:
„Herr Ing. Engelhardt hat unseres Wissens keinen Kaufvertrag unterschrieben, sondern ist – da er persönlich bedroht war – bei Nacht und Nebel ohne Verständigung seiner Wiener Angestellten abgereist.“

Über den „Arisierer“ Norbert Streit bemerkt Steirer lakonisch:
„Herr Streit ist vor kurzem wegen Zugehörigkeit zur Partei und andere Delikte gesessen. Soweit uns bekannt, befindet er sich seit kurzem auf freiem Fuß.“

Um das Maß voll zu machen, behauptet die Firmenchronik, es spräche für den „Anstand“ von Adolf Mann, dass die 300.000 Reichsmark (360.000 Schilling – Anmerkung des Verfassers) der „höchste Arisierungspreis gewesen sei, der in Wien bezahlt wurde.“
Steirer gibt den Effektivwert der Firma aber mit 2 Millionen Schilling an, „niedrig geschätzt.“

Ob im Falle der anderen Firma (Ing. Otto Engelhardt) überhaupt Zahlungen geleistet wurden, darf bezweifelt werden. Jedenfalls spricht Steirer nur von der Zahlung von 360.000 Schilling an Bratmann bzw. den bestellten Liquidator.

Das erfüllt den Tatbestand der räuberischen Erpressung unter Anwendung von Drohungen mit gegenwärtiger Gefahr für Leib und Leben und zeugt nicht von Anstand, sondern von erheblicher krimineller Energie !

Frühjahr 2017, Ludwigsburg:
Im Vorfeld des Firmenjubiläums äußert die Firma Mann + Hummel den „Wunsch“, dass ein Teil der Schlieffenstrasse in Mann + Hummel-Strasse umbenannt werden soll.
Eine Historiker-Kommission, von der Stadt Ludwigsburg beauftragt, Strassennamen und mögliche Umbenennungen zu untersuchen, rät, angesichts der oben geschilderten hässlichen Gründungsgeschichte der Firma, davon ab.

Der Gemeinderat erfährt das aber eher zufällig, da die Expertise der Historiker-Kommission bei Oberbürgermeister Spec unter Verschluß liegt. Das führt zu Diskussionen im Gemeinderat und in der Öffentlichkeit, die teils abstruse Blüten treibt :
In einem Kommentar der Ludwigsburger Kreiszeitung heißt es:
„Und niemand wirft den Firmengründern Adolf Mann und Erich Hummel vor, dass sie im Dritten Reich an Verbrechen beteiligt waren (...).“ (LKZ vom 9.3.2017)

Aber das genau waren sie, wie wir oben gesehen haben. Es sei denn, man folgt dem fatalen Geschichtsverständnis des NS-Marine Richters und späteren Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, Hans Filbinger, dass, was damals Recht war, heute nicht Unrecht sein könne.

Ein Stadtrat der Freien Wähler sieht in der Arbeit der Historiker gar „einen Angriff gegen Mann+Hummel“. Willkommen im postfaktischen Zeitalter.

Die Stadtverwaltung strapaziert inzwischen die Logik und den gesunden Menschenverstand, denn die Umbenennung sei zu „keinem Zeitpunkt verstanden worden als Würdigung von Personen, sondern der Firma, die nach den Firmengründern benannt ist.“

OB Spec schwelgt in wolkiger Unternehmer-Prosa, von „Innovation“, „Sicherung der Arbeitsplätze“ erzählt er. Das Unternehmen stelle „nicht einseitig die kurzfristige Rendite in den Vordergrund.“
Dabei scheint ihm entgangen zu sein, dass im Industriegebiet Ludwigsburger Weststadt seit den 1990iger Jahren ein Prozess der Deindustrialisierung stattgefunden hat, der tausende von Arbeitsplätzen gekostet hat. Allein bei Mann+Hummel schmolz die Zahl der Arbeitsplätze von ca. 4000 Anfang der 1990iger Jahre auf 1600 aktuell. Der jeweilige Arbeitsplatzabbau wurde immer damit gerechtfertigt, die restlichen Arbeitsplätze zu sichern. Das war damals genauso wenig wahr, wie heute. Denn natürlich plant Mann+Hummel weiteren Arbeitsplatzabbbau, auch bei Entwicklung, Vertrieb und Einkauf.

Nachtrag:
Am 23.3.2017 teilt die Stadtverwaltung mit, dass die Umbenennung nicht weiter verfolgt werde.

Die Geschäftsleitung von Mann + Hummel teilt mit, dass ihr Mitglied, Arbeitsdirektorin Filiz Albrecht mit sofortiger Wirkung aus dem Unternehmen ausscheidet. Gründe werden nicht genannt.

Die Kollegen, die sie letztes Jahr betriebsbedingt kündigte und die vor dem Arbeitsgericht klagten, haben ihre Prozesse gewonnen und sind immer noch bei Mann + Hummel.

Die Firma hat auf das Einlegen weiterer Rechtsmittel verzichtet.

Das Wunder von Madrid 1936

Madrid 1936
Der spanische Bürgerkrieg, dessen Ausbruch sich dieses Jahr zum achtzigsten Mal jährt, war Vorgefecht des 2. Weltkriegs, der vorweggenommene Kampf zwischen dem europäischen Faschismus und den Kräften der Demokratie, des Fortschritts und des Sozialismus. "Das große Ringen zweier nicht miteinander zu vereinbarender Kulturen, Liebe kämpft gegen Hass, Frieden gegen Krieg, die Bruderschaft Christi gegen die Tyrannei der Kirche." (F.Valeras am 8.November 1936 über Radio Madrid).

Seit dem 1. November rücken die Franco Truppen, 25.000 Mann stark, auf Madrid vor. Technisch und organisatorisch sind sie den verteidigenden Republikanern weit überlegen. Am 4. November nehmen sie den Vorort Getafe ein, am 5. November dringen sie in die Vororte Alcarcon und Leganes vor; hier liegen die Endstationen einiger Buslinien und Straßenbahnen Madrids.

Die Geschichte des 7. Novembers beginnt eigentlich am 6. November. An diesem Tag versuchen die Franco-Faschisten über den Arbeitervorort Carabanchel auf die Segovia- Brücke vorzustoßen, um den Manzanares zu überschreiten und in die Innenstadt von Madrid zu gelangen. Aus den umkämpften Vororten ergießt sich ein Flüchtlingsstrom in die Innenstadtbezirke, ein langer Zug bestehend aus Menschen, Tieren und Karren.

Ein Mann aus dem Flüchtlingsstrom tritt auf uns zu: "Entschuldigen Sie, wo werden hier die Gewehre ausgegeben?"
Wir fragen zurück: "Zu welcher Organisation gehörst Du?"
"Zu keiner."
"Zu welcher Partei?"
"Zu keiner."
"Was bist Du?"
"Landarbeiter."
"Sag Kamerad. Wozu willst Du ein Gewehr?"
"Ich will mein Land verteidigen."
"Hat man es Dir weggenommen?"
"Mir? Ich hatte keines, die Volksfront hat es mir gegeben."

Es gibt an diesem 6. November auch einen Zug in die andere Richtung, in die umkämpften Stadtteile. Wir begegnen einer langen Kolonne von Männern, die vom Retiro-Park kommend in Richtung Puerta del Sol marschiert. Alle in Zivil, unbewaffnet. Wer sind sie? Wohin wollen sie?
"Es sind die Männer vom Baugewerbe und sie ziehen nach Carabanchel ."
"Ohne Waffen?"
"Sie gehen die Gefallenen abzulösen."


Zur gleichen Zeit machen sich immer mehr Alte, Frauen und auch Kinder auf den Weg an die Front. Sie wollen die Kämpfenden mit Proviant, Wasser und Decken versorgen Auch im Regierungsviertel herrscht hektische Aktivität. Deren Ziel ist aber ein ganz anderes: Die Regierung flüchtet - Verzeihung - verlegt ihren Sitz nach Valencia. Um 18.45 Uhr hat Premierminister Largo Caballero die Zustimmung des Kabinetts dafür eingeholt. Einige Minuten später sitzt er in seinem mit Koffern bepacktem Wagen.

General Miaja war als Vorsitzender einer Verteidigungsjunta, bestehend aus Vertretern aller in der Volksfront organisierten Parteien und Gewerkschaften, eingesetzt worden. Von Largo Caballero sollte er in diesen Novembertagen nichts mehr hören, abgesehen von einem Brief folgenden Inhalts, überbracht von seinem Adjutanten: In Anbetracht dessen, dass das Kriegsministerium und der Generalstab bei ihrer Abreise nicht vermocht hatten, Essgeschirr und Wäsche mitzunehmen, was sich jetzt unangenehm auswirke, bitte man, dem Überbringer Ess- und Teeservice des Kriegsministeriums auszuhändigen, einschließlich der dazugehörigen Tischtücher und Servietten; man solle auch für den notwendigen Automobiltransport zur sofortigen Übermittlung der genannten Gegenstände nach Valencia sorgen.

Währenddessen strömen immer mehr Menschen zu den Manzanares-Brücken, nach Carabanchel und in den Casa de Campo-Park. Barrikaden wachsen in den Straßen, provisorische Haufen aus Pflastersteinen und Möbelstücken. Im Casa de Campo werden Schützengräben ausgehoben. Gruppen von Frauen ziehen durch die Straßen, Gewehre geschultert und mit durchdringender Lautstärke schreiend: "Uno, dos, tres, quatro, siete. Todos los hombres al frente." Ohne jede Führung und Anweisung durch die Regierung hat Madrid sich entschlossen, sich selbst zu verteidigen.

Im Kriegsministerium: General Miaja versammelt den neuen Generalstab und die Gewerkschaftsführer um sich. Von den Gewerkschaftsführern verlangt er die Mobilisierung von 50.000 gewerkschaftlich organisierten Arbeitern innerhalb der nächsten 24 Stunden. Sie sollen die Stadt zwei Tage lang halten, bis Reserven eintreffen.

In jedem Volkshaus, ja in jedem Theater Madrids, versammeln sich die über den Rundfunk mobilisierten Gewerkschaftsmitglieder. Die Handlungsgehilfen im Theater Calderón, die Straßenkehrer im Español, die Grafiker im Comedia und die Friseure im Zarzuela Theater.

Zarzuela Theater: Fast 300 ihres Gewerbes sind hier, unter ihnen Meister, Gesellen und Lehrlinge. Es fehlen ungefähr hundert. Einige sind in Kommissionen abdelegiert worden, andere sind für die Wache in der Casa del Pueblo eingeteilt, acht sitzen im Vorzimmer des Kriegsministeriums. Andere haben verschlafen, die restlichen trudeln nach und nach ein. Alle Altersstufen sind vertreten: von fünfzehn bis achtundsechzig.

Aber es gibt nicht genug Gewehre. Die wenigen werden von Hand zu Hand weitergegeben und einige Waffenkundige erklären den Ahnungslosen, wie man das Gewehrschloss öffnet, wie man zielt etc. Jacinto Bonifaz steigt auf eine Bank und spricht zu der Menge: "Genossen, die Stunde ist gekommen. Diese faschistische Kanaille steht vor den Toren Madrids... General Miaja, der die Verteidigung Madrids übernommen hat, erwartet, dass unsere Gewerkschaft ihre Mission erfüllt, genau wie die anderen, die sich zu dieser Stunde, wie ihr wisst, an verschiedenen Orten der Stadt versammeln. Die Losung heisst schlicht und einfach: nicht zurückweichen. Wohin man uns schickt, dort bleiben wir: tot oder lebendig."

Epifanio Salcedo erhebt die Stimme: "Mit was sollen wir losziehen? Mit unseren Rasiermessern?"
"Wir haben für drei Mann je ein Gewehr", spricht Jacinto Bonifaz weiter. "Das genügt. Auf alle Fälle werden immer hundertfünfzig von uns parat sein und dafür sorgen, dass sie nicht durchkommen. Und sie werden nicht durchkommen, no pasarán! Und wenn sie durchkommen, wird es keinem von uns mehr etwas ausmachen. Falls einer es sich anders überlegt, soll er´s jetzt sagen. Bildet jetzt zu zehnt immer eine Gruppe, nach Belieben, und ernennt jeweils einen zum Anführer, und zwar einen, von dem ihr meint, dass er starke Nerven hat; und dann einen, der ihn, wenn er fällt, ersetzen soll. Und für den einen wieder einen, und so weiter."

"Hat noch jemand eine Frage?", erkundigt sich Bonifaz, bevor er von der Bank heruntersteigt. Niemand achtet auf ihn, denn sie sind bereits dabei, ihre Gruppen zu bilden. "So, dann tretet jetzt bitte in Dreierreihen an. Gleich werden die Mauser Gewehre gebracht." Ungefähr ein Drittel von ihnen hat noch nie eine Waffe in der Hand gehabt. "Bis fünf Uhr habt ihr genug Zeit zum Üben.

1. November 1936, der 19. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution. Es ist kalt, feiner Regen fällt auf Madrid. Madrid ist eine andere Stadt geworden: Jedes Haus ist eine Festung, auf den Dächern und Balkonen sind Molotowcocktails aufgereiht, bereit auf die Angreifer geworfen zu werden, die Fenster sind mit den Matratzen der Bewohner verbarrikadiert. Häuser- und Straßenkomitees sind gebildet, die den Barrikadenbau organisieren, Waffen - und seien es alte Jagdgewehre und Schrotflinten - requirieren und verteilen. Die Frauen haben das Nachschubproblem gelöst, indem sie mit der Metro oder der Straßenbahn an die Front fahren und die Kämpfenden mit allem versorgen, was sie brauchen. Die Untergangsstimmung hat sich mit der Regierung nach Valencia verzogen.

Carabanchel: Wir befinden uns an der Landstraße nach Extremadura. Einer der Milizsoldaten, Antonio Coll, erzählt uns, dass er vor dem Bürgerkrieg Amtsdiener im Marineministerium war. Seitdem kämpft er für die Republik. Vor ein paar Tagen war er im Central Kino und hat sich den Film "Tschapejew" angeschaut. Das Rasseln von Panzerketten ist zu hören. Sieben italienische Fiat Panzer rollen heran, sie walzen durch die erste Barrikade. Antonio Coll geht in einem Hauseingang in Deckung, wartet bis der erste Panzer herangekommen ist und hält seine Zigarette an die Zündschnur der Dynamitstange, die er in den Händen hält. Dann springt er aus der Deckung und wirf sie unter den ersten Panzer. Die Explosion bringt diesen zum Stehen. Handgranaten fliegen gegen den Turm, der Panzerangriff stockt, ein zweiter Panzer fängt Feuer. Die Milizionäre springen aus ihren Verstecken: "Jetzt sind wir die Angreifer!"

Eine wütende, unzureichend bewaffnete Volksmasse stürzt sich einer Brandung im Sturm gleich auf den Gegner. Aber es ist ein ungleicher Kampf. Menschen mit bloßen Händen gegen stählerne Maschinen. Auch als die Ersten fallen, gehen die anderen weiter voran. Sie beginnen zu laufen, springen über Hindernisse, Granattrichter und Erdspalten und kümmern sich nicht um die Geschossgarben, die blutige Lücken in ihre Reihen reißen; und wenn sie keine Gewehre haben, werfen sie mit Steinen.

Casa de Campo: Am Lago Casa de Campo treffen wir wieder auf Jacinto Bonifaz und seine Friseure. Hinter ihm liegt ein Mann, den er schon einmal gesehen hat, im Volkshaus. Er wartet darauf, dass sie Jacinto töten, um an sein Gewehr ranzukommen. Oder um es ihm wegzunehmen, sobald Jacinto Angst bekommt, denn so haben sie´s ausgemacht. Angst? Angst wovor? Vor den Faschistenschweinen? Das wäre ja noch schöner. Hier lässt sich niemand einschüchtern.

Rechts vor Jacinto steht Sindulfo Zambrano, vom Gewerkschaftsvorstand, links von ihm Don Pedro Gandarias, von der Plaza de la Cebada. Und hinter ihm liegen Pinto und der hinkende Juan. Und dahinter kann er noch Juan Perez und Valeriano Monzon aus der Calle de Atocha erkennen, allesamt unrasiert.

Wann hat man das schon mal gesehen? Unrasierte Friseure! Andererseits, wann hätte man je so viele Friseure auf einem Haufen gesehen, die noch dazu ein Bataillon bilden? Das Figaro-Bataillon: hört sich gut an, ein guter Name. Zweihundertfünfzig von ihnen stehen auf einem Abschnitt von 300 Metern. Und sie schießen, ohne zu zielen zwar, aber ununterbrochen. Die Marokkaner der Franco-Truppen fallen, einer nach dem anderen, wenn auch nicht unbedingt die, die man aufs Korn genommen hat. Jacinto Bonifaz zielt sorgfältig auf einen Fähnrich und trifft.

"Glück muss man haben." Das war das Letzte, was er sagte. Eine Kugel traf ihn in den Mund. So konnte er nicht einmal mehr ein "Ai!" ausstoßen. Ramiro Hinojosa nimmt sein Gewehr und pflanzt das Bajonett auf. Doch das braucht er nicht mehr. Ein Maschinengewehr, das plötzlich aus dem Nichts auftaucht, stoppt den Vormarsch der Eliteeinheiten. Aufatmen. Aber sie stehen noch an der gleichen Stelle, an der man sie bei Morgengrauen aufgestellt hat. Und es ist bereits zwölf.

Ähnliche Szenen spielen sich an diesem 7. November an vielen Stellen rund um Madrid ab. Gegen alle militärische Wahrscheinlichkeit gelingt es den Franco Truppen nicht, nach Madrid einzudringen, im Gegenteil: an einigen Stellen erzielen die Verteidiger sogar Raumgewinn. Bei einem dieser Angriffe wird ebenfalls ein italienischer Panzer zerstört. Als die tote Besatzung durchsucht wird, findet man bei dem Panzerkommandanten ein Dokument mit dem Titel: "Operationsbefehl Nr. 15". Es ist der Plan des Franco-Generals Varela für die Einnahme Madrids. General Miaja kann zwar die Verteidiger entsprechend den Angriffsplänen Francos umgruppieren, aber es fehlt an Waffen, und es fehlt vor allem an Reserven.

1. November 1936: Wir fahren Richtung Valencia. Plötzlich geht es nicht mehr weiter. Eine nicht enden wollende Kolonne von Lastwagen kommt uns entgegen. Auf ihnen, dicht gedrängt, Männer in Uniformen. Sie singen. In welcher Sprache singen sie? Es sind keine Spanier. Woher kommen sie? Unser Fahrer schreit: "Das sind Franzosen! Ich hab’s ja immer gesagt, dass Frankreich uns nicht im Stich lassen kann!"

Lastwagen und noch mehr Lastwagen. In welcher Sprache singen sie? Auf französisch, ja. Aber diese hier nicht. Diese hier singen auf italienisch. Und die dort? Ist das russisch? Deutsch? Tschechisch? Und die hier, auf englisch! Die Soldaten der internationalen Brigaden fahren hinauf nach Madrid.

Über die Prachtstraße Gran Via marschieren sie schließlich unter dem Jubel der Bevölkerung ins Universitätsviertel und den Casa de Campo. Gemeinsam mit dem Volk von Madrid halten sie dort die Stellungen gegen die Franco-Faschisten unter ungeheuren Opfern und Entbehrungen.

Madrid sollte erst am Ende des Bürgerkriegs, im April 1939, in die Hände der Franco - Truppen fallen - durch Verrat. Das "Wunder von Madrid" war nicht im Wirken eines "höheren Wesens" begründet, das "Wunder von Madrid" hatte unzählige Väter und Mütter aus Fleisch und Blut, mit all ihren Fehlern und Schwächen.

In diesen Novembertagen aber wuchsen sie über sich selbst hinaus und bestätigten eindrucksvoll, dass das Volk und nur das Volk die Triebkraft ist, die Geschichte schreibt.

Anmerkung:
Diese Reportage wurde erstellt nach Motiven aus:
• Die bitteren Träume von Max Aub
• Spanisches Tagebuch von Michail Kolzow
• Das Wunder von Madrid von Dan Kurzman
• The struggle for Madrid von Robert Colodny

Erstveröffentlichung caiman.de 11/2006

Spanischer Bürgerkrieg - Ebroschlacht 1938: Die Geschichte von Armand und Jose

Am 25. Juli 1938 begann die Schlacht am Ebro. Es war der verzweifelt-kühne Versuch, die Franco-Faschisten am Angriff auf Katalonien zu hindern, sie im Gegenteil vom Ebro zurückzudrängen, um so die Vorraussetzungen dafür zu schaffen, die Einheit des republikanischen Gebiets wiederherzustellen.

Die folgende historisch-fiktive Reportage behandelt nur eine Episode dieser Schlacht, eine militärische Operation am Rande des großen Geschehens, die nichtsdestoweniger für die anfänglichen Erfolge der Republikaner von großer Wichtigkeit war.
Es soll an die Männer und Frauen der 14. Internationalen Brigade erinnert werden, an das Opfer, das sie brachten, um den Faschisten Einhalt zu gebieten.

Sommer 2016:

Auf beiden Seiten des Cami de Ranxero, einem asphaltierten Weg mit vielen Schlaglöchern, ziehen sich Olivenhaine, terrassiert mit kleinen Steinmauern, auf karmesinroter Erde, Johannisbrotbäume säumen den Wegrand.





Der Cami de Ranxero endet an einer Anschlussstelle zur Schnellstrasse C 42: Font de Quinto.
In der anderen Richtung führt der Cami nach El Perello, er verläuft auf der alten Römerstrasse, die weiter nach Tarragona geht.

Sommer 1938:

El Perello ist Sitz des Stabes der 45. Division der republikanischen Volksarmee.
Nach dem Durchbruch der Franco-Faschisten zum Mittelmeer, die das Gebiet der spanischen Republik in zwei Teile spaltete, leitet Hans Kahle von hier aus die Operationen der Republikaner.
Der weitere Vormarsch der franquistischen Einheiten konnte gestoppt werden, sie haben sich am rechten Ufer des Ebro und den angrenzenden Berghängen eingegraben, die Republikaner am linken Ufer.

Armand Robert und Jose Martinez sind im Ebro-Delta stationiert, zusammen mit ihren Kameraden von der 14. Internationalen Brigade, in der ursprünglich Franzosen und Belgier zusammengefasst waren.
Nach verlustreichen Kämpfen wurden ihre Reihen durch spanische und katalanische Kämpfer verstärkt.



Das Ebro-Delta, entstanden durch die Ablagerung der Sedimente, die der Ebro seit Jahrhunderten hier anschwemmt, ist eine topfebene Landschaft und aufgrund der natürlichen Gegebenheiten wird hier Reis angebaut.
Zwischen den überfluteten Reisfeldern liegen Armand und Jose in Stellung, geplagt von der Hitze, den Moskitos und der Malaria.

Mai/Juni 1938:


Armand und Jose sind erleichtert, ihr Bataillon „Commune de Paris“ wird heraus aus den sumpfigen Gräben in Seitentäler des Ebro verlegt.
Dort gehen seltsame Dinge vor sich:
Den Nichtschwimmern ihres Bataillons wird Schwimmunterricht erteilt, sehr zur Erheiterung aller Beteiligten, andere lernen kleine Barkassen zu rudern, die Pioniere trainieren, wie man in möglichst kurzer Zeit mit einfachen Mitteln Ponton-Brücken zusammenbaut.
Nach dieser willkommenen Abwechslung rumpelt ein Lastwagen den Cami de Ranxero wieder hinunter , auf der Ladefläche die Gruppe von Armand und Jose.
„Nicht schon wieder ins Delta!“ stöhnt Armand.
Aber am Font de Quinto biegt der LKW ab Richtung Campredo, einem kleinen Städtchen am Unterlauf des Ebro.
„Vielleicht kommen wir nach Campredo oder sogar nach Tortosa“ sagt Jose hoffnungsvoll zu Armand. Obwohl Tortosa nach den Bombardements durch die deutsche Legion Condor nur noch ein einziges Trümmerfeld ist.
Aber kurz vor Campredo biegt der Lastwagen wieder ab und schnauft einen Hügel hinauf.



Schon von weitem sehen sie den Torre Font de Quinto, einen mittelalterlichen Wehrturm, erbaut von den Templern, um ihre Landbesitzungen vor Piraten und anderen Eindringlingen zu schützen.
Die Gruppe bezieht dort Beobachtungsposten, ihre Aufgabe ist, die Truppenbewegungen der anderen Seite zu überwachen.

Dort tut sich nicht viel, zumindest nicht in ihrem Abschnitt.
Mit ihren Feldstechern können sie aber sehen, dass die Franquisten zwischen Amposta und Sant Jaume d`Enveja im Delta ihre Truppen massiv verstärken.

In ihrem Abschnitt ist keine Bewegung. Die Faschisten schießen einmal am Tag in Richtung des Torre, sie schießen zurück - das war es dann für den Rest des Tages.
„Inaktiver Frontabschnitt“ heißt das in der Militärsprache.

Es weht immer eine leichte Brise, die die Hitze erträglich macht und in den Pausen, wenn sie abgelöst werden, halten die dicken Mauern des Torre die Hitze ab, während sie ihre Garbanzos mit Olivenöl löffeln.

Aber es ist langweilig.
Jose beginnt sich die Zeit damit zu vertreiben, Parolen in die Steinquader des Torre zu ritzen:
„Viva la Juventud Socialista!“ „Viva la Unidad!“ (Es lebe die sozialistische Jugend! Es lebe die Einheit!)
Armand ist Mitglied der Kommunistischen Partei Belgiens und hat eine poetische Ader.
Am 3.Juni 1938 ritzt er dieses Gedicht in den Stein:

Et tant qu`il y aura des fascistes
... nous autres anti-fascistes
nous batterons contra eux
mais les vraix proletaires
nous avons notres devoirs
la bonheur pour nos meres
le plus beau des efforts

(Und wenn es noch so viele Faschisten geben wird
wir anderen, die Antifaschisten
wir werden gegen sie kämpfen
aber die wahren Proletarierer
wir schulden unseren Müttern Glück
dafür lohnen sich alle Mühen)

Juli 1938, El Perello:

Der Generalstab der republikanischen Volksarmee hatte beschlossen, mit einer der offensivsten Militäroperationen des Krieges, der Überquerung des Ebro, die Faschisten zurück zu drängen, um so das gespaltene republikanische Spanien wieder zu vereinen.

Der Ebro bei Miravet, einem der Hauptübersetzpunkte der Republikaner


Um die franquistischen Truppen zu verwirren und vom Hauptstoß der Republikaner zwischen Benifallet und Riba-roja d`Ebre abzulenken sollen zwei Ablenkungsmanöver durchgeführt werden.
Eines davon bei Campredo, am Font de Quinto
In El Perello plant der Stab der 45. Division das Unternehmen:
Die 14. Internationale Brigade soll bei Font de Quinto über den Ebro setzen und auf Santa Barbara vorstoßen, die dortige Eisenbahnlinie unterbrechen, um den Transport von Truppen flussaufwärts zu verhindern.

Die 14. Internationale Brigade besteht aus vier Bataillons, einer Abteilung Kavallerie und einigen gepanzerten Fahrzeugen.
Das Bataillon „Commune de Paris“ wird von einem algerischen Kommunisten geführt, Rene Cazala, das Bataillon „Paul Vaillant-Courturier“ von Pierre Rösli aus Paris.
Emile Boursier, dreimal verwundet, ist der Kommandant des Bataillons „Andre Marty“ und Yvan Dinah, 23 Jahre jung, aus Martinique kommandiert das Bataillon „Henri Barbusse“.
Jedes Bataillon ist 200 - 300 Mann stark, die Brigade umfasst also 1000 - 1200 Kämpfer.
Chef der gesamten Brigade ist Marcel Sagnier, Anstreicher von Beruf, 29 Jahre alt, seit Oktober 1936 in Spanien, beim Kampf um Madrid dabei, Teilnehmer der Jarama-Schlacht und der Schlacht bei Guadalajara.
Sein Politkommisar ist Henri Tanguy, Metallarbeiter im XIV. Arrondisment von Paris, Gewerkschafter und Kommunist.



1. Juli 1938, 0.15 Uhr, Font de Quinto:

Die erste Aktion der 14. Internationalen Brigade in jener Nacht ist ein Ablenkungsmanöver vom Ablenkungsmanöver:
Lastwagen fahren ohne Tarnung und mit aufgeblendeten Scheinwerfern die Küstenstrasse von El Perello Richtung Amposta, um die Faschisten in ihrer Annahme zu bestärken, der Angriff erfolge zwischen Amposta und Saint Jaume d`Enveja.

Armand und Jose fahren auf gut getarnten Lastwagen ohne Licht mit ihrem Bataillon an die Stelle, an der der Fluß einen leichten Bogen macht, laden die Barkassen ab, mit denen sie übersetzen wollen.

Der Ebro bei Campredo, rechts hinten einer der Bewässerungskanäle


Der natürliche Lauf des Ebro wird an seinem Unterlauf rechts und links von zwei Bewässerungskanälen flankiert, jeweils fünf Meter breit.
Den rechten Kanal haben die Faschisten geflutet, so dass die Republikaner nicht nur den Ebro, sonder nach ca. 200 Metern auch noch den Bewässerungskanal überqueren müssen.

Bei Amposta stoßen die Freiwilligen des Bataillons „Andre Marty“ auf der anderen Flußseite auf starken Widerstand, aber sie können sich ohne große Verluste wieder auf das linke Flussufer zurückziehen.
Einige hundert Meter weiter müssen die Soldaten des Bataillons „Vaillant-Courturier“ umkehren, nachdem sie am rechten Ufer Fuß gefasst hatten, viele Barkassen sind Leck geschlagen, die Besatzungen ertrunken, von denjenigen, die sich nicht zurückziehen konnten, ist niemand zurückgekehrt.

Hier überquerte das Bataillon „Commune de Paris“ den Ebro


Einzig dem Bataillon „Commune de Paris“ ist es gelungen bei Campredo einen soliden Brückenkopf von vierhundert Metern Breite zu bilden.
Auf einer Ponton-Brücke überquert praktisch das ganze Bataillon den Fluß, aber kann nicht weiter als hundert Meter vom Fluß aus vorrücken, der Bewässerungskanal hindert sie daran.

Armand und Jose sind unter den ersten, die am rechten Ufer ankommen.
Aber die 200 Meter zwischen dem Ebro und dem Bewässerungskanal erweisen sich als Todeszone.
Es gibt keine Deckung, keine Tarnung wie den hohen Schilfbewuchs am Ebro.

Sie wehren sich nach Kräften. Aber sie können nicht zurück und ihre Kameraden am anderen Ufer können ihnen nicht zu Hilfe kommen, Ponton-Brücke und Barkassen sind vom Artillerie-Dauerbeschuss zerstört oder abgesoffen.
Schon gibt es ganze Gruppen von Männern, die nichts mehr haben, um sich zu verteidigen.

Mit einigen anderen versuchen Armand und Jose das andere Ufer schwimmend zu erreichen.
Maschinengewehrsalven peitschen das Wasser um ihre Köpfe, nur wenige erreichen das rettende Ufer, die meisten versinken in den Wassern des Ebro.

Ihren Kameraden am linken Ufer des Ebro bietet sich in der heraufkommenden Morgendämmerung ein grausiges Schauspiel:
Die Hilfeschreie ihrer Kameraden hallen noch in ihren Ohren wieder, da sehen sie wie in den schmutzigen Fluten des Ebro die Körper ihrer toten Brüder vorbeitreiben. Sie tauchen auf und wieder unter, weil sie noch schwere Ausrüstungsgegenstände an sich tragen, ziehen vorbei wie zu einem letzten Abschied.

Die, die am anderen Ufer ausharren, werden von den Faschisten gefangen genommen und in die Kaserne von Santa Barbara gebracht. Die Spanier werden in den Kerker geworfen, die Internationalen in einer Schlucht erschossen.

Epilog:
Der Zweck des Ablenkungsmanövers wurde erreicht:
Im Ebro-Bogen überschritt die republikanische Volksarmee an mehreren Stellen den Fluss, erzielte große Geländegewinne und fügte den Faschisten enorme Verluste zu.

Rene Cazala, Kommandeur des Bataillons, wurde am 26.Juli so schwer verletzt, dass er sich eine Kugel in den Kopf schoß.

Seine Stelle nahm Henri Tanguy, der Politkommisar, ein, der als Henri Rol-Tanguy im August 1944 den bewaffneten Aufstand der Resistance gegen die deutsche Besatzung in Paris anführte. „Rol“ war sein Deckname in der Illegalität. Es war der Name von Theo Rol, einem jungen Mechaniker aus Epinay-sur-Seine, der bei den letzten Kämpfen in der Sierra Cabals gefallen war.

Armand Robert und Jose Martinez sind verschwunden, einzig die Inschriften in den Steinquadern des Torre zeugen von ihrer Existenz.



Seit einigen Jahren erinnert ein Gedenkstein an den Einsatz der Internationalen Brigaden an dieser Stelle.



Nach Motiven aus den Arbeiten von Theodor Balk, Roger Bourderon, Josep Sanchez Cervello und Pere Clua Micola, Pierre Landrieux, Francois Roche, Remi Skoutelsky.

Ein besonderer Dank geht an Jordi Banque de Doz für die Übersetzungen aus dem Katalanischen und an Gisela Vomhof für die Übersetzungen aus dem Französischen.

Tribute to James Connolly (5. Juni 1868 – 12. Mai 1916)

Kilmainham Gaol ist ein düsterer Ort, die Gefängniszellen fensterlos, nackte Steinwände, an die eine flackernde Kerze flüchtige Schatten wirft.
Seine Mauern vollgesogen mit den nächtlichen Seufzern abgerissener Elendskreaturen der großen Hungersnot (1845-1850), deren Verbrechen es war, nicht Hungers sterben zu wollen.
Darunter viele Frauen und Kinder, verurteilt wegen Bettelns und Mundraub, zu fünft zusammengepfercht in Einmann-Zellen.

James Connolly
„Irland ohne sein Volk bedeutet mir nichts, und derjenige, der zwar übersprudelt von Liebe und Enthusiasmus für „Irland“ , aber unberührt durch unsre Straßen geht, angesichts des Elends und des Leidens, der Schande und der Erniedrigung, die von Iren über irische Frauen und Männer gebracht wurde und der nicht danach trachtet, dem ein Ende zu setzen, ist in meinen Augen ein Betrüger und Lügner, unabhängig davon, wie sehr er diese Kombination chemischer Elemente vorgibt zu lieben, die er beliebt, Irland zu nennen.“
James Connolly

Seine Mauern getränkt mit den Flüchen der Aufständischen gegen dieses Elend:

Henry Joy Mc Cracken
von den „United Irishmen“, 1798 gehängt

Robert Emmet, Anführer des zweiten „United Irishmen“-Aufstands 1803, öffentlich hingerichtet

William Smith O`Brien und Thomas Francis Meagher von der „Young Ireland“ – Bewegung, 1848 inhaftiert und anschließend nach Tasmanien deportiert

1867 wurden die aufständischen Fenians inhaftiert, alle nicht politischen Gefangenen in andere Gefängnisse verlegt – man fürchtete die „Ansteckung“.

Nach der Ermordung zweier Repräsentanten der britischen Regierung durch die „Invincibles“ (Die Unbesiegbaren), einer Splittergruppe der Fenians, wurden fünf Mitglieder dieser Gruppe 1883 in Kilmainham gehängt.

„Wir sind nicht loyal zur Krone, wir bekennen, dass wir mehr Respekt und Ehrerbietung haben für das abgerissenste Kind des ärmsten irischen Arbeiters als für diese lange Reihe von Mördern, Ehebrechern und Verrückten, die bisher auf dem Thron von England saßen.“
James Connolly

1798
1803
1848
1867
1883

Und dann wurde es eine Zeit lang still in Irland – scheinbar.

Kilmainham Gaol, Dublin, Hinrichtungsstätte im Hof

Foto: Eweht, Lizenz GFDL
12. Mai 1916, im Morgengrauen
XY., walisischer Bergmann, durch Arbeitslosigkeit und Hunger in die Reihen der britischen Armee getrieben, zum Exekutionskommando befohlen, berichtet:
„Der Mann, den sie heute in den Hinrichtungshof brachten, war so schwer verwundet, dass er auf einer Tragbahre gebracht werden musste.
Zur Exekution wurde er auf einen Stuhl gefesselt, er konnte nicht mehr stehen.
Vielleicht verstehe ich die Sache, für die diese Rebellen sterben, nicht vollständig, aber alle Menschen lieben doch die Freiheit wie einen klaren Frühlingsmorgen.
Sie sagen, er war anders, ganz verschieden von den anderen – ein Freund der Armen – seine Wunden bluteten.
Er trat uns gegenüber wie ein Mann, der einen größeren Schmerz kennt als den von Schlägen und Gewehrkugeln: Würde sein Tod vergeblich sein?
„Achtung!“, „Legt an!“, und er lächelte nur. Der Finger am Abzug meines Gewehrs zitterte.
Um seinen Stuhl eine Blutlache und ich schwöre, er flüsterte „Feuer!“, bevor mein Gewehr diesen außergewöhnlichen Menschen tötete.
Ausgerechnet ich war dazu gezwungen worden, einen solchen Mann zu töten: James Connolly“

Drei Wochen vorher, Ostermontag, den 24. April 1916, Dublin. O`Connell Street.

Dublin im April 1916: Straßenbarrikade während des Osteraufstandes
Auf den Stufen des General Post Office GPO (Hauptpostamt) verliest Padraig Pearse die Proklamation der Irischen Republik, die das Recht des irischen Volkes auf die Verfügungsgewalt über Irland erklärt, Religionsfreiheit und die bürgerlichen Freiheiten garantiert, gleiche Rechte und gleiche Möglichkeiten für all seine Bürger, sowie das Frauenwahlrecht.

„Die Großen erscheinen nur groß, weil wir auf unseren Knien liegen. Lasst uns aufstehen!“
James Connolly

Der Osteraufstand gegen die britische Besatzung hat begonnen.

Die Rebellen besetzen das GPO und andere strategische Punkte in Dublin, James Connolly ist der militärische Leiter dieser Operationen.
1500 Rebellen, schlecht bewaffnet, unerfahren und isoliert vom Rest des Landes, halten ein Woche lang einer Übermacht von 5000 britischen Soldaten stand, die mit Artillerie-Beschuss die Dubliner Innenstadt in Schutt und Asche legen.

James Connolly ist im GPO stationiert, am Donnerstag, den 27. April leitet er den Bau einer Barrikade in Mitten brennender Gebäude, von Gewehrfeuer und Artilleriegranaten.
Er gibt Anweisungen, hält plötzlich inne und gibt dann weiter Kommandos mit derselben festen Stimme.
Zurück im GPO lässt er sich hinter einem Wandschirm vom Sanitäter Jim Ryan behandeln (er ist am Arm getroffen) und ermahnt ihn: „Kein Wort darüber zu irgendjemand!“

Sofort kehrt er zu seinen Männern zurück, begleitet sie in ihre neue Stellung. Auf dem Rückweg zum GPO zerschmettert ein Querschläger seinen linken Knöchel, er stürzt.
Hilferufe würden die Aufmerksamkeit britischer Scharfschützen auf ihn lenken, also kriecht er zurück zum GPO. Einige Männer bemerken ihn schließlich und bringen ihn in Sicherheit.

30. April Kapitulation der Aufständischen

1351 Menschen wurden während des Aufstands getötet oder schwer verwundet, 179 Gebäude allein im Zentrum Dublins völlig zerstört.

9. Mai, Killmainham Gaol, geheimes Standgericht

Aus Connollys Erklärung:
„Wir glauben, dass die britische Regierung in Irland keinerlei Rechte hat, noch je gehabt hat und auch in Zukunft nie haben wird; das Vorhandensein zumindest einer ansehnlichen Minderheit in allen Generationen der irischen Geschichte, die dazu bereit war, zu sterben , um diese Wahrheit zu bestätigen, zeigt, dass die britische Herrschaft für immer widerrechtlich ist und ein Verbrechen gegen den menschlichen Fortschritt.“

„Wer einen solchen Aufstand einen Putsch nennt, ist entweder der schlimmste Reaktionär oder ein hoffnungsloser Doktrinär, der unfähig ist, sich die soziale Revolution als eine lebendige Erscheinung vorzustellen.(...)
Wer eine „reine“ soziale Revolution erwartet, der wird sie niemals erleben. Der ist nur in Worten ein Revolutionär, der versteht nicht die wirkliche Revolution.“
Lenin

Nach Motiven aus den Arbeiten von P. Berresford Ellis, C. Desmond Greaves, Liam McGowan, The Office of Public Works, James Connolly, Wladimir Iljitsch Lenin

Trauerarbeit in der Parallelgesellschaft

Begleiten Sie uns heute, lieber Leser, auf einen Ausflug in eine Parallelgesellschaft, abseits von den üblichen Verdächtigen („bildungsferne Unterschicht mit und ohne Migrationshintergrund“ etc.):

Das deutsche Unternehmertum.

Ausgewiesenes Sprachrohr dieser kleinen, aber feinen Parallelgesellschaft ist die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), weshalb sie auch der bevorzugte Ort für persönliche Mitteilungen ihrer Klientel ist.

In ihrer Ausgabe vom 6.6.2015 finden sich die Traueranzeigen zum Ableben von Dr. Kurt Müller, Seniorchef der Firma Coroplast.

Werden Sie nun Zeuge, wie in diesen Kreisen die Tatsache, dass der Verblichene zu Lebzeiten ein komplettes Arschloch gewesen sein muss, elegant und stilvoll umschrieben wird:

Der Beirat der Coroplast:
„Sein facettenreiches, vielschichtiges und komplexes Wesen wusste zu faszinieren, aber auch herauszufordern. (...) Dr. Kurt Müller hatte seine „Ecken und Kanten“, war immer authentisch, ehrlich, zuweilen auch schwierig.“

Geschäftsführung, Betriebsrat und (natürlich !) alle Mitarbeiter:
„Er hat es seinen Mitmenschen bisweilen nicht leicht gemacht, denn er mochte die Zuspitzung und die Provokation (...) Bei allem Streben nach Neuerungen stand er fragwürdigen zeitgeistigen Trends skeptisch gegenüber und widerstand der politischen Korrektheit.“

Die Gesellschafter:
„Wir haben mit ihm viele schöne, aber auch anstrengende Stunden verbringen dürfen.“

Die einzig Ehrlichen in diesem Club der Heuchler sind seine Kinder und Enkelkinder:
Unter dem Motto „Omnia tempus habent“ (Alles hat seine Zeit) heißt es :
„Uns bleibt mehr als die Erinnerung an Dich.“

Ja klar, ein Unternehmen mit 400 Millionen Umsatz und 6000 Mitarbeitern!

Heimatkunde: Deutsche Revolutionen

Es gibt Orte, dort ballt sich Geschichte, in Schichten wie geologische Formationen, oft in Gegenden weit ab von den politischen Zentren und Metropolen. Von zwei solcher Orte handelt die folgende historisch-fiktive Reportage.

Winter 2015:
Im Tal der Wutach liegt eine Nebelwand, darüber blauer Himmel, in den senkrecht die Wasserdampfsäule vom Atomkraftwerk Leibstadt auf der Schweizer Rheinseite aufsteigt.

Auf der B 314 rasen Geisterfahrer durch den Nebel, vorbei an den Aluminiumgießereien in den Gewerbegebieten, ein Ortsschild taucht auf:
„Stühlingen. Landkreis Waldshut“.



Zwischen Nebel und blauem Himmel erhebt sich zwischen blattlosen Bäumen Schloss Lupfen.

23. Juni 1524:
Die Gräfin von Schloss Lupfen, eine geborene Montfort, veranstaltete gern Feste, die immer etwas Besonderes, Überraschendes, noch nie Dagewesenes aufzuweisen hatten.

Von einem italienischen Maestro der Musik hatte sie die Anregung erhalten, äolische Musik zu erzeugen.

An dem Schloss entlang, zwischen den Baumreihen, sollten Hunderte, Tausende von Schneckenhäusern aufgereiht werden, die durch den vorbeiziehenden Wind zu säuselnden, unerhört lieblichen, geradezu himmlischen Tönen gebracht werden sollten.

Zuerst werden nur die Kinder zum Suchen der Schneckenhäuser angehalten. Doch als an den nahegelegenen Plätzen nichts mehr zu finden ist, werden auch Männer und Frauen von den Feldern geholt und zum Absuchen in weit entlegene Gegenden geschickt. Die Arbeit auf den Feldern bleibt liegen, die Ernte ist teilweise vernichtet.

Vor lauter Abgaben und Diensten wissen die Bauern ohnehin nicht mehr ein noch aus : Außer den Stühlinger Grafen haben auch die Klöster St. Blasien, Schaffhausen und Rheinau, das Spital von Waldshut, die Grafen von Sulz, die vom Klettgau und die Herren von Ofterdingen Rechte in der Landgrafschaft. Das Maß ist voll.

Der Unmut explodiert auf den Feldern. Die Aufseher werden verprügelt, zum Schloss getrieben, die Herrschaft beschimpft.

Ausgeschickte, berittene Strafabteilungen werden abgefangen:



Hans Müller von Bulgenbach zieht mit fünfhundert bewaffneten Bauern vor das Schloss, die Kanone donnert von den Albhängen, Brandsätze werden nachgeschickt.

Nach zwei Wochen wird die Belagerung beendet, verschoben bis zur großen Abrechnung.

Etwas Ungeheuerliches war geschehen: Ein Waffengang gegen die Unterdrücker.



Dieser Aufstand kann als unmittelbarer Anfang des deutschen Bauernkriegs gelten.

16.April 1848:

Friedrich Hecker zieht mit seiner Kolonne in Stühlingen ein. Der badische Revolutionär hatte sich am 11.April in Konstanz aufgemacht, der bürgerlichen Revolution Beine zu machen.

Auf seinem Hecker-Zug wollte er die badischen Revolutionäre sammeln, um gegen die Reaktion zu Felde zu ziehen. In Stühlingen stößt er auf große Resonanz.

Schon im März musste Amtmann Frey der Obrigkeit melden, dass die Bauern keine Steuern mehr bezahlten, Anfang April beschloss eine von 160 Teilnehmern besuchte Versammlung, Frey habe Stühlingen innerhalb 24 Stunden zu verlassen, da man ansonsten nicht länger für seine Sicherheit garantieren könne.

Nach einer flammenden Rede von Hecker auf dem Marktplatz, schließt sich auf Beschluss der Gemeinde, das erste und zweite Aufgebot der Bürgerwehr, immerhin 84 Stühlinger, seiner Kolonne an.

Nach der Niederlage der badischen Revolution folgt die Rache der Sieger:



Die Stühlinger Freischärler werden wiederholt vor dem Gasthof Rebstock ausgepeitscht, viele müssen in die Schweiz fliehen.

Winter 2015:

Es nieselt aus einem grauen Himmel. In Grießen ist kein Mensch auf der Strasse, eine Filiale der Bäckereikette Dörflinger, dunkel. Der Bus nach Waldshut fährt vorbei, aus den Wolken dröhnen die Triebwerke eines Flugzeugs im Landeanflug auf Zürich Airport.



Am Hang eine neugotische Kirche, daneben der Friedhof.

4.11.1525:

1000 Bauern und 150 Schweizer hatten sich dem doppelt überlegenen österreichischen Heer des Ritters Fuchs von Fuchsberg entgegengeworfen.



Die letzten 300 zogen sich auf den von starken Mauern umgebenen Friedhof zurück.

„Steht auf, ihr Toten, helft uns, diese Herrenknechte abzuwehren!“

Dem zweimaligen Ansturm der Landsknechte halten sie stand, mit Brandsätzen, Pech, Schwefel und ölgefüllten Fässern versuchen diese die Nacht zum Tag zu machen, um jede Bewegung der Bauern im flackernden Licht zu erkennen, ihre huschenden Gestalten zwischen den Grabreihen. Im Morgengrauen ist der ungleiche Kampf zu Ende, die Bauern legen ihre Waffen nieder und verlassen den Friedhof.

Die Herren halten Gericht: Der Bauernführer Klaus Wagner und der Pfarrer Johannes Rebmann werden geblendet, dem Pfarrer zusätzlich noch die Zunge aus dem Gaumen geschnitten. Den Waldshutern werden die Schwurfinger abgehackt.

Es war die letzte Schlacht des deutschen Bauernkriegs im süddeutschen Raum.

17. April 1848:

Tausende strömen in Grießen zur Volksversammlung zusammen. Gustav Struve und der Engel-Wirt Joseph Weißhaar, Kampfgefährten von Friedrich Hecker, rufen die Menge auf, sich der Volkserhebung gegen die preußische Reaktion anzuschließen.

Über dreihundert Männer folgen ihrem Aufruf und reihen sich in die Hochrhein-Kolonne ein.

Die Vereinigung mit der Kolonne Heckers misslingt, sie wird am 20. April von den Truppen des Generals von Gagern in Steinen bei Schopfheim vernichtend geschlagen.

Am Nachmittag des selben Tages erleidet die Kolonne Weißhaars das gleiche Schicksal – ebenfalls in Steinen.


Nach Motiven aus den Arbeiten von Friedrich Engels, Günter Koppenhöfer und Wilhelm Zimmermann.

Buchbesprechung: Fritz Güde - Umwälzungen - Schriften zu Politik und Kultur

Fritz Güde ist politischer Aktivist und Publizist, Lehrer und war zeitweilig KBW-Mitglied. Diese Kombination bescherte ihm in den 1970iger Jahren Berufsverbot.

Anlässlich seines 80. Geburtstags hat der Verlag edition assemblage eine Auswahl seiner Arbeiten aus den Jahren 1985 – 2012 herausgebracht.

Thematisch umfasst werden Beiträge zu Geschichte der politischen Linken, Faschismus und antifaschistischer Widerstand, Tucholsky, Walter Benjamin, Brecht, Fried etc. bis hin zu Beiträgen zur populären Kultur.

Sebastian Friedrich hat die Vielfältigkeit der Beiträge in einem Nachwort umfassend gewürdigt.

Es ist schwer, dem noch etwas hinzu zu fügen. Trotzdem soll es hier versucht werden.

Fritz Güde hat sich nach seiner KBW-Zeit nicht, wie viele andere, den Grünen in die Arme geworfen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist ein abstoßendes Beispiel dieser Spezies.

Auch hat die – vorsichtig formuliert – eigenwillige Interpretation des Marxismus durch die KBW-Führung um Joscha Schmierer (der es übrigens auch bis in den Planungsstab des Auswärtigen Amtes gebracht hatte und dort als strammer Bellizist tätig war ) nicht jenen antikommunistischen Beißreflex hinterlassen, den man bei ehemaligen Mitgliedern des KBW auch außerhalb der grünen Partei oft antrifft.

In seiner Arbeit „Erinnerung an die ersten fünfzig Jahre der KP China“ entreisst er diese Zeit „dem Vergessen und der hochnäsigen Verachtung“ (S. 28), referiert über Maos grundlegende Schriften „Über die Praxis“ und „Über den Widerspruch“ und stellt noch heute verblüfft fest, dass der Primat der Politik im China Mao Tse Tungs zu Kampagnen führte, „in denen millionenweise etwa „Bürgerkrieg in Frankreich“ (von Karl Marx – der Verf.) gelesen wurde, um sich mit dem Konzept der Kommune 1871 vertraut zu machen.“ (S.24).

Und kommentiert diesen Vorgang in bester Güde’scher Selbstironie:
„Praxisbezogene Theorie. Gerade das – und das es das gab, ist unbestreitbar – traf uns vergrämte Schulmeisterinnen und Schulmeister ins Herz, uns mit unseren Ermunterungen zur Selbsttätigkeit, die unter den gegebenen Verhältnissen immer neu an felsigen Ohren strandeten. Der Lehrer sagte : Denk selber – das Pult, das Klassenzimmer, das Schulgebäude, die zu erwartende Behandlung der Sache in der Klassenarbeit, das Abitur, alle schrien zusammen im Chor ihr: „Nein !“.“  (S.24/25)

Dieser ironisierende, oft literarisch daher kommende Witz ist auch das Faszinierende an Güdes Kommentaren zum Zeitgeschehen, die lange Zeit bei trueten.de veröffentlicht wurden.

Obwohl manchmal inhaltlich völlig anderer Meinung, hinterließen diese Kommentare den Leser oft mit einem kopfschüttelnden und bewundernden Lächeln: „Wie kommt er darauf, das so zu sagen?“

Diese Praxisbezogenheit, eine bei allem intellektuellen Höhenflug materielle Bodenhaftung, wird auch bei der von ihm selbst als schwierig empfundenen Annäherung an die Streitschrift „Der kommende Aufstand“ deutlich.

Dort heißt es: „Mir drängt sich eine ganz andere Schwierigkeit auf. Um – als einer der Autoren – die unverbrüchliche Einigkeit in den Communen, in den aufgewachten Vorstädten Frankreichs zu empfinden, müsste einer von Anfang an drinstecken. Den Gelberübengeruch im Hausgang selbst gerochen haben seit seinem fünften Lebensjahr – und ihn bejahen. Nebst allem, was Nase und Ohr in diesen Gegenden erreicht.“ (S.41)

Engels sagte einmal, die deutschen Arbeiter hätten den französischen oder englischen den Vorteil vorraus, dass sie sich den „theoretischen Sinn“ bewahrt haben.

Fritz Güde ist ein linker Intellektueller, der sich den „praktischen Sinn“, den „Gelberübengeruch“, bewahrt hat.

In unseren Tagen eine Seltenheit.

Fritz Güde
Umwälzungen
Schriften zu Politik und Kultur
Broschur, 140×205 mm
220 Seiten, 20 Euro
ISBN 978-3-942885-97-3 | WG 973
Neuerscheinung Oktober 2015

Umwälzungen: Schriften zu Politik und Kultur