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»The boundaries which divide Life from Death are at best shadowy and vague. Who shall say where the one ends, and where the other begins?« Edgar Allan Poe

Blogkino: Libera, Amore Mio... (1975)

Heute zeigen wir im Blogkino mal keinen französischen Krimi, sondern Libera, Amore Mio.... Das italienische Historiendrama aus dem Jahr 1975, bei dem Mauro Bolognini Regie führte zeigt in der Hauptrolle der leidenschaftlichen und unangepassten Anarchistin Libera Valente die Kinodekade-Ikone Claudia Cardinale. Die epische Handlung erstreckt sich über vier Jahrzehnte von 1905 bis 1945. Libera, die Tochter eines verbannten Anarchisten, lehnt im Laufe ihres Lebens radikal jegliche politischen Systeme ab – sei es den Faschismus unter Mussolini, den Kommunismus oder die bürgerliche Demokratie. Der Film beleuchtet eindringlich ihren unerbittlichen und oft einsamen Kampf gegen Ungerechtigkeit und staatliche Zwänge, untermalt von einer emotionalen Filmmusik aus der Feder von Ennio Morricone.

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Blogkino Special: Winstanley (1975)

Heute anlässlich des gestrigen 350. Todestages von Gerrard Winstanley mal ein Blogkino Special außer der Reihe: Den britische Spielfilm Winstanley von 1975 - anlässlich des damaligen 300. Todestags:

Gerrard Winstanley, Sozialreformer und Schriftsteller des 17. Jahrhunderts, versucht zusammen mit einer kleinen Gruppe von Anhängern, den sogenannten „Diggers“, eine autarke Bauerngemeinschaft auf Gemeinschaftsland zu gründen. Ihre Bemühungen stoßen auf eine Reihe von Schwierigkeiten, darunter die „Ranters“, die den Gedanken des Gehorsams gänzlich ablehnen und an die Freiheit von allen traditionellen Zwängen glauben sowie daran, dass „Sünde“ lediglich ein Produkt der Vorstellungskraft ist...

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Gerrard Winstanley: „Die Erde zu einer gemeinsamen Schatzkammer machen“

Zum 350. Todestag des englischen Revolutionärs und „Digger“ Gerrard Winstanley (1609–1676)

 Ein gestricktes Dreieck, das an einem Stacheldrahtzaun auf dem Winter Hill direkt oberhalb von Bolton befestigt ist. Der Text auf dem Dreieck lautet: „Die Erde wurde zu einem gemeinsamen Schatz für alle gemacht / Gerrard Winstanley.“ Dieses Foto entstand während der Gedenkfeier zum Massenbesitzfriedensbruch von 1896.

Gerrard Winstanley: „Die Erde ist ein gemeinsamer Schatz, der allen gehört.“
Foto: Pierre Marshall – Eigenes Werk
Lizenz: CC BY 4.0

Auf dem Höhepunkt seiner politischen Tätigkeit in den Jahren 1649–1650 setzte sich Gerrard Winstanley mit radikal-protestantischer Sprache für eine frühe Form des anarchistischen Kommunismus ein. Winstanley prangerte Zwangsherrschaft („Regierung durch das Schwert“) und Privateigentum („meins und deins“) an und strebte durch gewaltfreie direkte Aktionen danach, egalitäre Gemeinschaften zu schaffen, in denen alles gemeinsam genutzt würde.

In seiner ersten explizit politischen Schrift, The New Law of Righteousness (1649), argumentierte Winstanley, dass der Wunsch, andere zu seinem eigenen Vorteil zu beherrschen und auszubeuten, nicht nur zur Entstehung von Regierung oder „Herrschaft und Macht“ führe, sodass „ein Teil der Menschheit“ „über einen anderen“ herrschen könne, sondern dass durch diese hierarchische Herrschaft auch das Privateigentum etabliert werde, „wodurch andere Mitgeschöpfe daran gehindert werden, Nahrung von ihrer Mutter Erde zu suchen“, die sich die Reichen und Mächtigen als ihr Eigentum angeeignet haben.

Winstanley prangerte alle Formen der Herrschaft an, denn: „Jeder, der Macht in seine Hände bekommt, tyrannisiert andere; so verhalten sich viele Ehemänner, Eltern, Herren und Richter, die nach dem Fleisch leben, wie unterdrückende Herren gegenüber denen, die unter ihnen stehen; ohne zu wissen, dass ihre Frauen, Kinder, Diener und Untertanen ihre Mitgeschöpfe sind und das gleiche Recht haben, mit ihnen an dem Segen der Freiheit teilzuhaben.“

Winstanley befürwortete gewaltfreie direkte Aktion, denn „die Zeit rückt nun näher, in der die Menschen nicht mehr von Gerechtigkeit reden, sondern Gerechtigkeit handeln werden.“ Schafft das Privateigentum ab, und es „wird keinen Bedarf mehr an Anwälten, Gefängnissen oder Strafmechanismen geben, denn alle werden in der Schöpfung gerecht wandeln und handeln.“ Die Menschen werden nicht länger „durch Armut zum Rauben und Stehlen gezwungen“ sein. Die Erde und ihre Reichtümer sollen zu einem gemeinsamen Schatz für alle werden, aus dem sich jeder frei nehmen kann, was er braucht, während er durch „den Schweiß seiner eigenen Stirn“ dazu beiträgt, anstatt von der Arbeit anderer zu leben.

Nur wenige Monate nach der Veröffentlichung von The New Law of Righteousness brachte Winstanley eine weitere Broschüre heraus, The True Levellers Standard Advanced, in der er das englische Volk dazu aufrief, sich das Land zurückzuholen, während er und eine Gruppe von „Diggers“ begannen, „Brachland“ (unbewirtschaftetes Land) am (St.) George’s Hill in Surrey zu bewirtschaften. Indem sie auf George Hill „gemeinsam die Erde umgruben und bearbeiteten“, wollten die Diggers eine Bewegung inspirieren, die „alle Allmenden und Brachflächen in England und auf der ganzen Welt“ für sich beanspruchte, ohne dass jemand „irgendein Eigentum besaß; sondern die Erde als gemeinsamen Schatz betrachtete, so wie sie ursprünglich für alle geschaffen wurde“.

In dieser Broschüre wandte sich Winstanley gegen die Lohnarbeit, die er als eine Form der Knechtschaft betrachtete, und sagte den „Lohnarbeitern“, dass „ihr armen Leute“ durch eure Arbeit „sowohl Gelehrte als auch Reiche zu euren Unterdrückern macht“.

Winstanley erkannte, dass die Herren ihre Macht über die arbeitende Masse verlieren würden, wenn sich die Arbeiter weigerten, ihren Befehlen zu folgen. Er plädierte für eine allgemeine Weigerung, „gegen Lohn zu arbeiten“ – eine Art Generalstreik –, denn „durch ihre Arbeit“ hätten die Armen „Tyrannen und die Tyrannei emporgehoben; und indem sie sich weigern, gegen Lohn zu arbeiten, werden sie diese wieder zu Fall bringen“.

Die Digger-Bewegung hatte einigen Erfolg, doch bis zum Sommer 1650 waren alle Digger-„Kolonien“ vom sogenannten „Commonwealth“, der kurzlebigen englischen Republik, gewaltsam niedergeschlagen worden.

Es ist bemerkenswert, wie sehr Winstanleys Ideen denen späterer selbsternannter Anarchisten vorausgehen. Er prangerte die Trennung zwischen Herren und Dienern an, die private Aneignung von Land, das Bündnis zwischen politischer Macht und Privateigentum, die Unterwerfung unter den Markt, die Lohnarbeit, das Strafrechtssystem, die institutionalisierte Gewalt des Staates, die institutionalisierte Religion sowie die Anwälte, Professoren und Priester (die intellektuelle Klasse), die die ideologische Rechtfertigung für dieses System der Ausbeutung und Herrschaft lieferten. Er befürwortete gewaltfreie direkte Aktionen, um der Marktwirtschaft Widerstand zu leisten und die Gemeingüter zurückzugewinnen, indem egalitäre, nicht-hierarchische Gemeinschaften geschaffen wurden, in denen die Menschen als Gleiche zusammenarbeiten und frei aus den gemeinsamen Vorratskammern nehmen könnten, was sie brauchten. Er wandte sich auch gegen jene Reformer und Revolutionäre, die danach strebten, die Macht in ihre eigenen Hände zu nehmen, die sie unweigerlich dazu nutzen würden, ihre eigenen Interessen durchzusetzen.

Nach der Niederschlagung der Digger-Bewegung schwieg Winstanley bis 1652, als er seine letzte Broschüre veröffentlichte: The Law of Freedom in a Platform. Während Marxisten The Law of Freedom als Winstanleys krönenden Erfolg betrachten, ist es aus anarchistischer Sicht lediglich eine Fußnote zu seinen libertär-kommunistischen Schriften von 1649–1650. Obwohl er sich weiterhin für den Kommunismus aussprach, glaubte Winstanley nun, dass dieser nur durch einen zwingenden staatlichen und rechtlichen Apparat umgesetzt und aufrechterhalten werden könne.

Weiterführende Literatur:

Gerrard Winstanley, The Law of Freedom and Other Writings (Penguin, 1973), hrsg. von Christopher Hill

John Gurney, Gerrard Winstanley: The Digger’s Life and Legacy (Pluto, 2013)

Robert Graham (Hrsg.) Anarchism: A Documentary History of Libertarian Ideas, Band 1 (Black Rose)

 

Quelle: Gerrard Winstanley: “To make the Earth a Common Treasury” in FreedomNews, 10. September 2026
Text: Robert Graham

Übersetzung, Bearbeitung: Thomas Trueten [Nicht autorisiert]


 

Die schönsten Attentate des letzten Jahrhunderts Nr. 15: Leon Frank Czolgosz vs. William McKinley (POTUS No. 25)

Ermordung von Präsident William McKinley durch Leon Czolgosz beim Empfang der Panamerikanischen Ausstellung am 6. September 1901
Leon Frank Czolgosz wurde 1873 in Alpena als Sohn polnischer Immigranten geboren. Er hatte sieben Geschwister. Die Familie zog nach Detroit und später nach Ohio. Dort verließ Czolgosz bereits im Alter von zehn Jahren den elterlichen Haushalt, um mit zweien seiner Brüder bei der American Steel and Wire Company zu arbeiten. Dort kam es oft zu Streiks, worauf die Brüder entlassen wurden. Mit 16 Jahren arbeitete er in einer Glasfabrik. Nachdem er mehrfach Auseinandersetzungen zwischen streikenden Arbeitern und der Polizei erlebt hatte, erlitt er 1898 einen Nervenzusammenbruch und kehrte zu seiner Familie zurück. Allerdings lehnte er ihre katholischen Anschauungen ab. Darüber geriet er oft in Streit mit seiner Stiefmutter und entfremdete sich gegenüber seiner Familie immer mehr. Er wurde ein Anhänger der Anarchistin Emma Goldman und besuchte viele ihrer öffentlichen Reden. Unter ihrem Einfluss begeisterte er sich für die Idee des Anarchismus. Als der italienische Anarchist Gaetano Bresci am 29. Juli 1900 den italienischen König Umberto I. ermordete, war Czolgosz davon so stark beeindruckt, dass er beschloss, seinerseits den US-amerikanischen Präsidenten zu töten.

Nachdem er erfahren hatte, dass Präsident McKinley die Pan-American Exposition in Buffalo besuchen würde, reiste Leon Czolgosz dorthin und mietete sich in einer Pension ein. Am 2. September 1901 erwarb er einen Revolver und erlebte am 5. September McKinleys Rede auf dem Ausstellungsgelände. Am folgenden Tag reihte er sich in das Defilee der Ausstellungsbesucher ein, die der Präsident im Temple of Music empfing. Die Hand, in der er den Revolver hielt, hatte er mit einem Taschentuch bandagiert, um eine Verletzung vorzutäuschen. Als er um 16:07 Uhr an die Reihe kam, dem Präsidenten die Hand zu schütteln, feuerte er zwei Schüsse auf ihn ab. Von den beiden Kugeln war eine von einer Rippe abgeprallt, die andere jedoch so tief in den Unterleib eingedrungen, dass die Ärzte sie nicht finden und entfernen konnten. Ein auf der Ausstellung gezeigter Prototyp eines Röntgengeräts kam aus unbekannten Gründen nicht zum Einsatz. Zunächst schien McKinley sich stetig zu erholen, sodass er am 11. September etwas Fleischbrühe und am folgenden Tag etwas Toast mit Ei zu sich nehmen konnte. Danach verschlechterte sich sein Zustand jedoch rapide. Er starb schließlich am 14. September 1901 um 02:15 Uhr.

Nach einer relativ kurzen Verhandlung wurde Czolgosz zum Tode auf dem elektrischen Stuhl verurteilt und am 29. Oktober 1901 im Gefängnis von Auburn hingerichtet. Seine letzten Worte waren:

I killed the President because he was the enemy of the good people — the good working people. I am not sorry for my crime.

(Ich tötete den Präsidenten, weil er der Feind der guten Menschen war - der guten, arbeitenden Menschen. Mein Verbrechen tut mir nicht leid.)

(WikiPedia)

Die Rückeroberung der Macht durch das Volk oder: Margaret schreibt ein bisschen Theorie

Seit ein paar Wochen schreibe ich nun schon in meinem Geschichts-Podcast über Flock-Kameras und ganz allgemein über den Kampf gegen automatische Kennzeichenlesegeräte.

Ich erzähle dabei, wie das Ganze eigentlich nur um gestohlene Autos dreht: Die erste ALPR-gestützte Festnahme betraf einen Autodieb in London, vor etwa dreißig Jahren, und „Autodiebe fangen“ ist die Hauptbegründung, die von den Polizeichefs vorgebracht wird, die genervt sind, dass niemand in einem Überwachungsstaat leben will; die ersten amerikanischen Datenbanken mit ALPR-Daten wurden vor etwa zwanzig Jahren von Pfändungsbeamten aufgebaut, während sie herumfuhren und nach Autos suchten, die sie legal von den ärmsten Menschen unserer Gesellschaft stehlen konnten; und die Finanzierung der ALPRs stammte vor der Ära der massiven Bundeszuschüsse größtenteils aus dem Geld, das die örtliche Polizei durch „zivilrechtliche Vermögensbeschlagnahmung“ einnahm – also genau das Zeug, das die Bullen den Leuten gestohlen haben, wie zum Beispiel Autos.

ALPRs existieren also „um Autodiebe zu fangen“, haben ihren Ursprung aber größtenteils im legalen Autodiebstahl. Tolle Sache.

ALPRs sind derzeit äußerst unbeliebt, und Flock-Kameras werden landesweit und quer durch das politische Spektrum in bemerkenswertem Tempo von Vandalen zerstört. Und genau dieselben Politiker, die ihre Finanzierung und Installation beaufsichtigt haben, prangern nun die Systeme an, zu deren Einführung sie beigetragen haben. (DeSantis in Florida sagt, Flock-Kameras seien „außer Kontrolle“, während Abbott in Texas staatliche Zuschüsse für die Kameras

Im Großen und Ganzen wechseln Städte, die ihre Verträge mit Flock kündigen, einfach zu dessen Konkurrenten, Axon. Denn unser politisches System ist darauf ausgelegt, die Empörung der Bevölkerung in milde Reformen umzuwandeln, die den Status quo nicht grundlegend in Frage stellen.

Sprechen wir also darüber.


Du hast wahrscheinlich schon mal die wirtschaftliche Maxime „Arbeit schafft allen Reichtum“ gehört. Die Idee dahinter ist einfach: Es sind die Menschen, die Dinge herstellen und Arbeit leisten, die wirtschaftlichen Wert schaffen. Chefs bauen keine Flugzeuge, das machen Mechaniker. Maurer bauen Villen, nicht Milliardäre.

Es stimmt auch, dass alle politische Macht vom Volk nach oben fließt. Das ist in einer Demokratie selbstverständlich: Politiker erhalten ihre Macht nur durch die Menschen, die für sie stimmen. Aber das gilt für jedes politische System, und gelegentlich holen die Menschen eine Guillotine hervor und erinnern ihre Herrscher daran, wo die Macht liegt.

Die Menschen wollen viele verschiedene Dinge. Eine Achse, entlang derer man die Menschen einteilen kann, ist die klassische Links-Rechts-Achse, mit Sozialisten (im weitesten Sinne, einschließlich Kommunisten, Anarchisten und anderen) auf der linken Seite, dann den Progressiven, dann den Zentristen, dann den Konservativen und schließlich den Faschisten. (Es gibt noch andere Möglichkeiten, Politik einzuordnen, aber das reicht fürs Erste). Das Volk selbst, die Macht des Volkes, könnte so aussehen:

Waagerechtes politisches Spektrum von Sozialisten und Progressiven links über eine markierte Mitte zu Konservativen und Faschisten rechts.

Ich habe die Gemäßigten weggelassen, weil mir der Platz ausgegangen ist. Die werden schon darüber hinwegkommen.

Unsere Macht fließt nach oben, und in einer demokratischen Gesellschaft wie der unseren befähigt diese Macht dann die politischen Parteien, denen anvertraut ist, unsere Wünsche umzusetzen. Die Parteien dienen als vermittelnde Kraft, als mäßigende Kraft. Diese höhere Ebene der Macht können wir in diesem Zusammenhang als „politische Macht“ bezeichnen.

Es gibt natürlich Argumente für dieses System. Wild auseinandergehende Ideen und Extreme werden ausgeglichen. Die Ecken und Kanten werden geglättet, und wir können besser miteinander leben, ohne uns über alles zu streiten. Vielleicht haben die Gemäßigten doch recht.

Aber diese Vermittlung bedeutet auch, dass die Macht des Volkes abgeschwächt wird und der Gesellschaft die Fähigkeit genommen wird, dramatische Veränderungen herbeizuführen.

Infolgedessen bleiben grundlegende Probleme des Systems unberührt (sodass Themen wie „eine angeblich demokratische Nation zu sein, die auf Völkermord und Sklaverei aufgebaut ist“ nur schwer sinnvoll angegangen werden können). Außerdem ist es unmöglich, schnell auf Krisen zu reagieren, die einen grundlegenden Wandel in Ethik und Wirtschaft erfordern. Das bestehende System scheint beispielsweise nicht in der Lage zu sein, den Klimawandel in einem akzeptablen Zeitrahmen sinnvoll anzugehen.

Populistische Macht drückt sich auf eine von zwei Arten aus: direkt oder indirekt. Direktes Handeln umgeht vermittelnde Instanzen wie das politische System und bedeutet, Probleme einfach direkt anzugehen, Dinge direkt zu verändern und die Menschen dann dazu aufzufordern, diese Veränderung zu akzeptieren. Indirektes Handeln ist der Versuch, Druck auf das bestehende politische System auszuüben, damit es sich ändert.

Du kannst heute selbst die Schlaglöcher auf der Straße füllen oder du kannst Druck auf die Stadt ausüben, damit sie es irgendwann tut. Beides hat seine Vorteile. Direkte Aktionen bringen die Sache auf den Weg. Die indirekte Methode – falls sie überhaupt funktioniert – könnte bedeuten, dass Fachleute die Sache besser erledigen, als du es hättest tun können, und es besteht sogar die Chance, dass du die Stadt dazu bringen kannst, den Schlaglöchern auf systemischer Ebene mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das würde allerdings eine Veränderung des Status quo erfordern, also wahrscheinlich eher nicht.

Politische Parteien lassen sich ihrerseits in zwei Kategorien einteilen. Die eine ist die, die wir aus den Vereinigten Staaten kennen: Parteien können rekuperativ sein. Rekuperation ist in diesem Zusammenhang der Prozess, durch den das politische System die Macht des Volkes in politische Macht umlenkt, wodurch der Status quo letztlich unangefochten bleibt oder nur geringfügig verändert wird.

Es kann sich aber auch um revolutionäre Parteien handeln, die sich der Umgestaltung der Macht und dem Bruch mit dem Status quo verschrieben haben. Das ist auch nicht von Natur aus gut – siehe die moderne Republikanische Partei.

Aber natürlich: Wenn alle Parteien in einem politischen System rekuperative Parteien sind, kann nur direkte Aktion groß angelegte Veränderungen bewirken.

Die meiste Zeit meines Lebens war das die politische Situation in den Vereinigten Staaten. Es gab zwei politische Parteien, die beide rekuperativ waren. Jede war die loyale Opposition der anderen, jede war darauf bedacht, den Status quo mit nur schrittweisen Verschiebungen aufrechtzuerhalten.

Die Demokraten waren eine Partei der Mitte, während die Republikaner Mitte-rechts standen.

Nach der alten Vorgehensweise wurde der größte Teil der Macht des Volkes in politische Macht umgewandelt, doch die linken und rechten Flügel des Spektrums strebten oft nach größeren Veränderungen, als es der Status quo zuließ, und griffen daher sowohl auf direkte als auch auf indirekte Aktionen zurück. Man könnte es sich so vorstellen:

Politisches Spektrum von Sozialisten bis Faschisten mit Demokraten und Republikanern nahe der Mitte. Eine obere Linie markiert die Grenze des Status quo; Pfeile veranschaulichen politische Bewegungen innerhalb und über diese Grenze hinaus.

Diese Grafiken sind nicht besonders gut, aber ich habe mir den Finger gebrochen, daher ist das das Beste, was ich hinbekomme.

Als Mussolini den Faschismus erfand, war es sein konkretes Ziel, die revolutionäre Strategie und das Ethos der Linken zu übernehmen und auf die rechte Politik anzuwenden. Das heißt, er entwickelte die Idee der rechtsgerichteten revolutionären Partei – einer Partei, die dazu dienen sollte, die rechtspopulistische Macht auf eine radikale Umgestaltung des Status quo zu bündeln.

Im Laufe der letzten zehn Jahre hat sich die Republikanische Partei von einer rekuperativen Partei zu einer revolutionären Partei gewandelt. Da es sich um eine rechtsgerichtete revolutionäre Partei handelt, bedeutet das, dass sie faschistisch ist. Aber sie ist immer noch eine vermittelnde Kraft. Sie ist nicht der direkte Wille des Volkes. Eine revolutionäre Partei ist eine Struktur, die populistische Macht zu revolutionärer politischer Macht organisiert. Daher werden einige populistische Forderungen weiterhin in den Status quo eingebunden – der rechtspopulistische Widerstand gegen Flock wird wahrscheinlich eingedämmt und wird keinen bedeutenden, dauerhaften Einfluss auf den Überwachungsstaat haben.

Die politische Lage sieht nun also eher so aus: Die Tatsache, dass rechtspopulistische Macht mittlerweile durch den Staat gefiltert wird, ist überall zu beobachten. Die „Proud Boys“ waren früher eine Direaktionsgruppe, doch jetzt dienen sie dem Staat – vor allem, indem sie zu ICE-Agenten geworden sind. Unterdessen wird die konservative Empörung darüber, dass sich „die Dinge ändern“ und „das Leben schlechter wird“, in Fremdenfeindlichkeit und Transphobie kanalisiert – weg von Themen wie „Milliardärs-Pädophile regieren die Welt“, einem Thema, das allen Menschen über das gesamte politische Spektrum hinweg am Herzen liegt.

Die Linke hat in diesem Land seit mindestens hundert Jahren keine eigene politische Partei (weder eine, die das System für sich nutzt, noch eine revolutionäre) mehr gehabt (obwohl die Demokraten unter FDR dem am nächsten kamen). Höchstwahrscheinlich hängt das mit der Struktur unserer Demokratie zusammen, die von anderen westlichen Demokratien weitgehend als primitiv angesehen wird – wir sind strukturell so aufgebaut, dass ein Zweiparteiensystem gefördert wird.

Die „Democratic Socialists of America“ (DSA) haben kürzlich einen kühnen Vorschlag gemacht: Was wäre, wenn die Demokraten tatsächlich die Progressiven und Linken vertreten würden, anstatt nur ihre Stimmen und ihr Geld einzustecken? Es ist ein lohnenswertes Experiment, und ich wünsche ihnen viel Glück dabei, auch wenn die Geschichte darauf hindeutet, dass demokratische Sozialisten eher als rekuperative denn als revolutionäre Kraft wirken. Allerdings hat New York City sicherlich viel dafür getan, Schlaglöcher zu füllen, seit es einen DSA-Bürgermeister hat.

Linke revolutionäre Parteien gab es natürlich schon vor dem Faschismus. Mussolini begann als Kommunist. Aber es ist möglich, dass revolutionäre Parteien (also Systeme, die die Macht des Volkes vermitteln und in politische Macht umlenken) von Natur aus zum Autoritarismus neigen. Sicherlich haben die meisten Beispiele, die wir von rechts- und linksgerichteten revolutionären Parteien haben, die an die Macht kamen, zu autoritären Exzessen geführt.

Vielleicht wäre es besser, wenn revolutionäre populistische Energie gar nicht erst in eine Partei kanalisiert würde. Der Ansatz der Anarchisten war schon immer, die Umwandlung von Volksmacht in politische Macht abzulehnen – zumindest innerhalb des derzeitigen staatlichen Rahmens.

Aber der Begriff „Populismus“ hat seine eigene Last und negative Geschichte. Es scheint wahrscheinlich, dass wir Strukturen in unserer Gesellschaft brauchen, um die schlimmsten Auswüchse der menschlichen Natur zu verhindern (und deren beste Aspekte zu fördern). Wir brauchen Strukturen, nur eben kooperative. Wir brauchen politische Macht, die keine politische Macht ist. Wir brauchen revolutionäre Parteien, die die Macht des Volkes nicht vermitteln, sondern sie einfach organisieren.

Wir haben Beispiele dafür gesehen, im Laufe der Geschichte und auf der ganzen Welt. Wir haben gesehen, wie einige der indigenen Bewohner Nordamerikas wahrhaft demokratische Strukturen praktiziert haben und riesige Konföderationen schufen, die darauf ausgelegt waren, Vielfalt zu respektieren und gleichzeitig den sozialen Zusammenhalt zu fördern. Wir haben gesehen, wie die Menschen in Chiapas ihre traditionellen antiautoritären Werte anwandten, um eine revolutionäre kommunistische Armee zu dem zu formen, was wir heute als die Zapatisten kennen. Wir haben gesehen, wie die Kurden den demokratischen Konföderalismus entwickelt haben und nach seinen Prinzipien leben. Wir haben gesehen, wie die Anarchosyndikalisten im revolutionären Spanien Millionen von Menschen ernährten und gleichzeitig einen faschistischen Putsch abwehrten.

Es ist machbar.

Aber lasst euch in der Zwischenzeit von keiner der Parteien einreden, dass ihr einfach nur Flock-Safety-Kameras gegen Axon-Kameras austauschen könnt.

Der bessere Weg, politische Macht zu beeinflussen, besteht darin, sie zu zwingen, zu euch aufzuschließen. Bettelt nicht am Tisch um Krümel. Versorgt euch selbst und andere, und zwingt die Parteien dazu, sich an dem beteiligen zu wollen, was ihr bereits tut.

Wie Malatesta es vor hundert Jahren so treffend formulierte:

„Wir werden die Institutionen niemals anerkennen; wir werden alle möglichen Reformen mit demselben Geist erobern oder erringen, mit dem man dem Feind besetztes Gebiet entreißt, um weiter voranzukommen.“

Quelle:  "The Recuperation of Popular Power or: Margaret writes some Theory" von Margaret Killjoy, 04. September 2026

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Übersetzung, Bearbeitung: Thomas Trueten [Autorisiert]


 

Der anarchistische Partisan Ruslan Sidiki braucht einen neuen Anwalt - sein Anwalt wurde verhaftet!

Ich hatte letztes Jahr kurz hier und da über anarchistischen Widerstand gegen die russische Kriegsmaschinerie berichtet. Vor allem der Fall von Ruslan Sidiki schlug international hohe Wellen. Nun gibt es eine neue Entwicklung: Sein Anwalt wird gerade mit Repressionen überzogen. Hier die kurze Übersetzung des Textes "Anarchist partisan Ruslan Sidiki needs a new lawyer – his lawyer was arrested!"  und die Bitte, nach Möglichkeit zu helfen und oder das Thema zu teilen:

Der Anwalt von Ruslan Sidiki, Igor Popovsky, in Handschellen in einem Käfig vor Gericht
Der Anwalt von Ruslan Sidiki, Igor Popovsky
Der Anwalt Igor Popovsky, der den Anarchisten Ruslan Sidiki vertrat und eine Untersuchung seiner Foltervorwürfe beantragt hatte, wurde wegen „Betrugs in besonders großem Umfang“ festgenommen. Das berichtete das Medienportal „The Insider“ unter Berufung auf den auf Enthüllungen spezialisierten Telegram-Kanal „112“.

Dem Kanal zufolge behaupten die Ermittler, Popovsky habe von seinem Mandanten 6 Millionen Rubel erhalten, nachdem er versprochen hatte, durch Einflussnahme auf das Gericht und die Staatsanwaltschaft zur Einstellung des Strafverfahrens beizutragen.

Die Festnahme erfolgte kurz nachdem Ruslan Sidikis Fall an das Militärberufungsgericht verwiesen worden war, obwohl Popovsky noch am 19. Mai Kontakt zu ihm hatte. Schließlich wurde Popovsky laut Mediazona unter Hausarrest gestellt.

Igor Popovsky gehörte zu den wenigen russischen Anwälten, die offen die Anerkennung von Angeklagten in Sabotagefällen als Kriegsgefangene gemäß der Genfer Konvention forderten. Im Jahr 2024 reichte er bei den Ermittlern einen Antrag ein, in dem er sich auf die Behauptung der Staatsanwaltschaft bezog, Sidiki habe angeblich im Interesse des ukrainischen Geheimdienstes gehandelt, was es laut der Verteidigung ermöglichte, ihn als Kombattanten anzusehen. Zudem gelang es Popovsky, medizinische Unterlagen zu beschaffen, die darauf hindeuten, dass Sidiki nach seiner Festnahme gefoltert worden war, und er bestand auf einer Untersuchung dieser Umstände.

Das Anarchist Black Cross Moskau betrachtet die Verfolgung von Igor Popovsky als Rache der russischen Sicherheitskräfte, weil er Dinge öffentlich gemacht hat, die sie nicht ans Licht kommen lassen wollten.

Nun wird gegen einen der wenigen mutigen, von den Sicherheitsdiensten unabhängigen Anwälte ermittelt, während der inhaftierte Anarchist Ruslan Sidiki vor seiner Berufung ohne Rechtsbeistand dasteht.

Jetzt müssen wir Geld für einen neuen Anwalt für Ruslan sammeln.

Das Foto zeigt Ruslan Sidiki im Käfig vor Gericht
Ruslan Sidiki im Käfig vor Gericht
In den letzten Monaten gab es fast keine öffentlichen Entwicklungen in seinem Fall: Der Termin für die Berufungsverhandlung steht immer noch nicht fest, die Verwaltung der Haftanstalt schränkt Ruslans Zugang zu Büchern und der Presse weiterhin ein, und statt seine Foltervorwürfe ordnungsgemäß zu untersuchen, findet ein bürokratisches Hin und Her zwischen dem Untersuchungsausschuss und der Staatsanwaltschaft statt. Entscheidungen, die die Einleitung eines Strafverfahrens ablehnen, wurden bereits dreimal aufgehoben, doch die Verantwortlichen wurden immer noch nicht zur Rechenschaft gezogen.

Deshalb ist die regelmäßige Arbeit des Anwalts gerade jetzt besonders wichtig. Unter den Bedingungen in der Haftanstalt ist ein Verteidiger nicht nur jemand, der Beschwerden und Berufungen vorbereitet. Er ist die einzige Person, die Ruslan regelmäßig und ungehindert besuchen, vertraulich mit ihm sprechen, Informationen von ihm ohne Zensur durch die Haftanstalt erhalten und schnell reagieren kann, falls der Druck gegen ihn zunimmt.

Briefe können blockiert werden. Bücher werden vielleicht nicht zugestellt. Zeitungen können „verschwinden“. Aber der Besuch eines Anwalts kann nicht einfach durch eine Verwaltungsentscheidung unterbunden werden. Für einen Gefangenen, der bereits nach seiner Festnahme gefoltert und während der Haft bedroht wurde, ist diese Verbindung zur Außenwelt eine Frage der Sicherheit.

Aktuelle Nachrichten über die Folter von Azat Miftakhov in der Strafkolonie IK-18 in Kharp zeigen einmal mehr, wie gefährlich die Situation werden kann, wenn ein politischer Gefangener allein gegen das System steht. Öffentliche Aufmerksamkeit, Briefe, Unterstützung und regelmäßiger Zugang zu einem Anwalt verhindern die völlige Isolation. Das ist zwar keine Garantie gegen Gewalt, aber es ist eine der wichtigsten Möglichkeiten, das Risiko von Misshandlungen zu verringern und schnell zu erfahren, wenn es dazu kommt.

Vor der Verhaftung von Popovsky waren 210.000 Rubel (ca. 2400 Euro) für drei Monate Anwaltskosten erforderlich, doch nun könnten die Kosten steigen.

Unterstütze Ruslan auf jede erdenkliche Weise. Selbst eine kleine Spende hilft dabei, eine regelmäßige Rechtsverteidigung und den Kontakt zu ihm aufrechtzuerhalten.

Spenden in Rubel über die Plattform „Zaodno“

Für Überweisungen in anderen Währungen:

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Karteninhaber: Anastasiia Bogdanova

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Wenn du Kryptowährung spendest, um Ruslan Sidiki zu unterstützen, schreib uns bitte eine E-Mail an: firesoffreedom@protonmail.com

Das Soli T-Shirt, getragen von einer blonden Person
Soli T-Shirt
Eine weitere Möglichkeit, Ruslan zu unterstützen, ist die Bestellung eines T-Shirts mit einem Aufdruck, der auf seinen Kunstwerken basiert. Der gesamte Erlös aus dem Verkauf der Merchandise-Artikel fließt in die Unterstützung des Gefangenen.

Der Versand der T-Shirts erfolgt aus Deutschland, und eine Lieferung ist fast überallhin auf der Welt möglich. Aus Sicherheitsgründen versenden wir T-Shirts mit diesem Aufdruck jedoch nicht nach Russland oder Weißrussland.

Über die T-Shirts:

▫️ Farben – rosa und weiß

▫️ Größen von XS bis 3XL

▫️ Material: 100 % Bio-Baumwolle. Die Produkte sind von PETA (vegan) zertifiziert, und der Hersteller ist Mitglied von Fair Wear.

▫️ Preis — 20 € + Versand

Möchtest du eine Bestellung aufgeben? Fülle das Formular aus, und wir melden uns innerhalb weniger Tage bei dir.

Adresse für Briefe:

391999, Region Rjasan, Rjashsk, Krasnaja-Straße 1a, SIZO-2

Sidiki Ruslan Kasemovich, geboren 1988

Briefe können auch über den Dienst PrisonMail.Online verschickt werden, Anleitung zum Ausfüllen des Formulars:

Region: Oblast Rjasan

Gefängnis: Untersuchungsgefängnis-2 Rjasschsk

Nachname des Gefangenen: Сидики

Vorname des Gefangenen: Руслан

Zweiter Vorname des Gefangenen: Касемович

Geburtsjahr des Gefangenen: 1988

Anarchist Black Cross Moskau

Die Kontaktadressen aller Gefangenen in Russland, die vom Anarchist Black Cross Moskau unterstützt werden, findest du hier. Wenn du für einen bestimmten Gefangenen oder Fall spenden möchtest, kontaktiere uns bitte vorher per E-Mail, um sicherzustellen, dass die Unterstützer des Gefangenen oder Falls derzeit Spenden sammeln; unsere E-Mail-Adresse ist dieselbe wie die des angegebenen PayPal-Kontos. Wir sind auf Telegram und Facebook vertreten, du kannst dich hier für unseren E-Mail-Newsletter anmelden.

Wild Roving oder: Das Lied der offenen Straße

Einen schönen Maifeiertag euch allen!

Zur Feier des Tages werde ich dieses Wochenende zweimal in Cleveland auftreten. Am Freitag, dem 1. Mai, veranstaltet das Rhizome House (2174 Lee Road, Cleveland Heights) einen ganzen Tag mit einsteigerfreundlichen Workshops, und ich werde während des Abendessens gegen 18 Uhr über die Geschichte des Maifeiertags sprechen. (Aber kommt auch wegen dem Rest vorbei! Ich denke, diese Veranstaltung ist ideal für Leute, die so etwas noch nie erlebt haben.)

Am Samstag, dem 2. Mai, bin ich in der Buchhandlung Mac’s Backs zu Gast und unterhalte mich mit dem Debütautor (und Freund) Carter Keane über ihr queeres Folk-Horror-Buch „Morsel“ (das ihr vor Ort bei der Veranstaltung kaufen oder bei Firestorm Books mit 10 % Rabatt über meinen Empfehlungscode bestellen könnt).

Ich schwöre, dass ich irgendwann auch Veranstaltungen in anderen Städten machen werde.

Und zur Erinnerung: Der Cool Zone Media Bookclub ist diese Woche interaktiver als sonst. Ihr seid eingeladen, zwei Kurzgeschichten von Ursula K. Le Guin zu lesen: „Die, die aus Omelas fortgehen“ und „Der Tag vor der Revolution“ (hier in einem Zine zusammengefasst, das ihr online lesen könnt) und sie dann auf dem Reddit-Forum „It Could Happen Here“ zu diskutieren. Morgen werden einige von uns die Geschichten anhand eurer Kommentare besprechen, und der Beitrag erscheint diesen Sonntag.

Wild Roving


Das Foto von Walt Whitman aus dem Jahr 1869 zeigt ihn mit nachdenklichem Blick auf den Fotografen, das Kinn auf eine Hand gestützt, mit langem Haar und Vollbart
Walt Whitman (etwa 1869)

„Jetzt sehe ich das Geheimnis, wie man die besten Menschen hervorbringt:
Es besteht darin, an der frischen Luft aufzuwachsen und mit der Erde zu essen und zu schlafen.“

Walt Whitman, Song of the Open Road 6

Letzte Nacht bin ich über meine Schlafenszeit hinaus aufgeblieben (ja, ich habe eine Schlafenszeit. Ich bin in meinen 40ern. Ich wünschte, ich würde mich mehr daran halten.) und habe A Knight of the Seven Kingdoms geschaut. Ich habe es noch nicht zu Ende gesehen und habe nicht vor, euch die Spannung zu nehmen, aber der Protagonist dieser Serie ist ein Heckenritter. Ein Obdachloser mit einem Schwert und einem Pferd und kaum einem Kupferpfennig in der Tasche.

Ich habe das Gefühl, das Ganze sei als Geschenk für mich geschrieben worden. All die Schwerter und Rüstungen und die Produktionsqualität von Game of Thrones, nur mit etwas weniger Adel und (bisher) ganz ohne Vergewaltigungen. Vielleicht schau ich mir die Serie zu Ende an und ändere meine Meinung, aber bisher gefällt sie mir so gut, dass ich, wie gesagt, länger aufgeblieben bin, als ich eigentlich sollte.

Es gibt eine Szene ganz am Anfang, in der sich unser Held Dunk mit seinem Meister Ser Arlan von Pennytree, dem Heckenritter, der ihn zum Knappen nahm, unter einem Baum zusammenkauert. Sie teilen sich ein einfaches Mahl, während der Regen heftig niederprasselt, und Bäume sind schlechte Unterstände, weil sie undicht sind.

Das kenne ich. Ich bin nicht mehr dort, aber ein Teil von mir wird es immer vermissen.

Als ich mit etwa dreißig Jahren schon ein alter Hase war, fuhr ich zu einer Konferenz für Organisatoren von Earth First! in den Bergen, und wir sprachen darüber, was alles dazugehört, wenn man versucht, den einzigen Planeten zu retten, von dem wir wissen, dass er Leben ermöglicht. Eine Delegation indigener Organisator*innen kam aus Solidarität zu uns (oder um uns zu helfen, Solidarität mit ihnen zu zeigen), und eine Frau hielt eines Abends beim Abendessen einen Vortrag darüber, wie wir als Kolonisator*innen eine bessere Verbindung zu diesem Land herstellen könnten, auf dem wir lebten und das wir pflegten.

Ich wünschte, ich würde mich an ihren Namen erinnern, aber damals war mir nicht bewusst, dass ich einen dieser Momente erlebte, die einem für immer im Gedächtnis bleiben.

Sie sprach darüber, wie schwierig es für Nicht-Indigene sei, wirklich verwurzelt und mit dem Land verbunden zu sein, für das sie kämpften – aber dass es für die Arbeit unerlässlich sei. Es fiel mir schwer, das zu hören. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon seit über einem Jahrzehnt ständig auf Reisen und ging davon aus, dass ich das mein ganzes Leben lang tun würde. Die Trägheit hatte mich fest im Griff, und ich wusste nicht, ob ich mich befreien könnte, selbst wenn ich es wollte.

Nach dem Vortrag ging ich schüchtern zur Referentin, um mich vorzustellen, und wir unterhielten uns eine Weile. Ich erzählte ihr, dass ich ein Wanderer sei. Dass ich nirgendwo ein Zuhause gefunden hätte, zumindest nicht für längere Zeit, und es mir daher schwerfiel, mir eine Verbindung zu einem bestimmten Stück Land vorzustellen.

Sie lachte und verstand meine Nervosität. „Oh, das ist in Ordnung“, sagte sie zu mir. „Manche Menschen sind einfach so.“ Sie erzählte mir Geschichten von einem Mann, einem ihrer Liebhaber, der nie ein Zuhause gefunden hatte und mit seiner Gitarre umherwanderte.

Manche Menschen sind einfach so.

Das Foto von Rémi Orts zeigt eine schnurgerade Straße in der Prärie, aufgenommen vom Mittelstreifen aus, mit Bergen im Hintergrund.
Foto: Rémi Orts
Quelle
Die meisten meiner Freunde, vor allem die älteren Anarchisten, die ich kannte (meine Ältesten, würde ich sagen), verbrachten ihre Zeit damit, mich dazu zu bringen, an einem Ort zu bleiben. Mein „Frenemy“ Aragorn! (Das Ausrufezeichen war Teil seines Namens, und er ist der Grund, warum ich das Wort „Frenemy“ kenne. Er hat einmal buchstäblich einen Text mit dem Titel „Gegen die Freundschaft“ geschrieben.) traf mich auf einer anarchistischen Buchmesse in Kanada und sagte mir unverblümt, dass ich meine Zeit mit Reisen verschwendete, obwohl ich schreiben sollte. Dass ich so viel mehr für den Anarchismus erreichen könnte. Er und ich haben uns vor seinem Tod immer über Politik gestritten und gezankt, aber er hat meine Vision, trashige anarchistische Pulp-Fiction zu schreiben, immer unterstützt, und er hat mir einmal einen Synthesizer geliehen, damit ich einen Auftritt spielen konnte, als ich mir keinen eigenen leisten konnte.

Aragorn! war einer der ersten großen Theoretiker indigener anarchistischer Ideen, also kann ich nicht einfach sagen „Oh, ein indigener Mensch hat mir gesagt, ich darf reisen, also ist es okay“ und es dabei belassen, weil mir ein anderer indigener Mensch gesagt hat, ich solle verdammt noch mal stillsitzen. Aber Aragorn! würde mir niemals verzeihen, dass ich mich überhaupt auf solche vereinfachten Identitätsargumente berufe.

Ein anderer Freund, der noch am Leben ist und daher ungenannt bleibt, sagte mir: „Wenn du an den Strand gehst, wirst du die Geisterkrabben nicht sehen, es sei denn, du stehst lange genug still, damit sie dir vertrauen und aus dem Sand kommen.“

Ein vierter Ältester, der sich nach dem Fall der UdSSR in Bulgarien im Straßenkampf gegen Faschisten seine Sporen verdient hatte, sagte mir, es sei in Ordnung zu wandern, das sei einfach das, was manche Leute tun.

Meine Ratgeber waren also fifty-fifty gespalten, was ich mit meinem Leben anfangen sollte, und ich wanderte weiter. Etwa fünfzehn Jahre lang verbrachte ich selten mehr als ein paar Wochen an einem Ort. Gelegentlich schaffte ich es auf ein paar Monate. Einmal, mitten in all dem, blieb ich aus Liebe zwei Jahre lang in Portland, Oregon, obwohl ich es trotzdem schaffte, alle paar Monate von einem Punkhaus in ein Zelt im Garten und wieder zurück in ein Punkhaus zu ziehen.

Letztendlich war es eine Verletzung, die mich bremste.

Vor etwa zehn Jahren habe ich meinen viel zu schweren Rucksack falsch aufgesetzt und mir den Brustknorpel gerissen. Du wirst schockiert sein zu erfahren, dass die Gesundheitsversorgung für Nomaden in den Vereinigten Staaten alles andere als erstklassig ist, und ich hatte jahrelang Probleme, wieder gesund zu werden, und konnte kaum etwas tragen. Das Leben im Van war unhaltbar. Ich zog nach Asheville, dann in ein Punkhaus auf dem Land, dann in eine Scheune auf dem Land, dann in eine Hütte auf dem Land, dann weiter nach Norden in die Appalachen, und es geht dich nichts an, wo ich jetzt wohne, aber ich bin ganz sicher ein Stubenhocker.

Ich habe meine Brust vor Jahren durch eine Kombination aus Zeit und selbst durchgeführter Physiotherapie geheilt, aber Trägheit ist nun mal Trägheit. Wenn ich ein Objekt in Bewegung war, blieb ich in Bewegung. Wenn ich ein Objekt in Ruhe bin, bleibe ich in Ruhe. Manchmal habe ich nachts das Gefühl, etwas verloren zu haben.

Aragorn! hatte Unrecht. Ich bin an einem Ort nicht von Natur aus produktiver, als ich es unterwegs war.

Aber mein Hund mag die Buchtour im Van viel weniger, als er es mag, im Garten Flugzeuge anzubellen, und es war schön zu sehen, wie die sprichwörtlichen Geisterkrabben hervorkamen. Es war schön, einen einzigen Ort durch die Jahreszeiten zu beobachten, zu sehen, welche Wildblumen jedes Jahr sprießen und wann sich die Truthähne versammeln. Man hat nicht die Chance, zu sehen, wie sich andere Menschen und Orte verändern, wenn man selbst derjenige ist, der sich ständig verändert. Und es ist schön, sich gemeinsam mit anderen Menschen zu verändern, Hand in Hand.

Als ich jung war, brachte mich das Leben auf der Straße den Menschen näher. Ich war immer in dieser oder jener Punk-Clique unterwegs, sprang auf Züge auf oder trampte, schlief im Park oder in jemandes Garten oder in einem Wald, den wir zu retten versuchten. Als ich meinen Van bekam, quetschte ich regelmäßig fünf oder sechs Leute hinein, während ich durchs Land fuhr. Aber mit Mitte dreißig reiste ich meist allein. Vollzeit zu reisen, während man pleite ist, ist für die meisten Menschen keine nachhaltige Lebensweise, und die Leute um mich herum starben entweder oder gaben ihr Leben als Aussteiger auf.

Ich versuche einfach, sowohl für die Zeit, die ich mit Umherziehen verbracht habe, als auch für die Zeit, die ich an einem Ort verbracht habe, dankbar zu sein, und meistens gelingt mir das auch. Aber es vergeht keine Woche, in der ich nicht darüber nachdenke, alles, was ich besitze, wegzugeben und wieder in meinen Van zu ziehen.

Der Grund, warum ich es am Ende wahrscheinlich nicht tun werde, ist, dass ich mich, als ich ein mittelloser Aktivist war, ziemlich stark auf andere Menschen verlassen habe. Ich will nicht sagen, dass ich mich „zu sehr“ auf sie verlassen habe, denn ich finde es gut, Teil eines Netzwerks der gegenseitigen Abhängigkeit und der gegenseitigen Hilfe zu sein. Aber ich habe auf Sofas und in Gästezimmern übernachtet und mindestens genauso oft Essen gegessen, das andere Leute gekauft haben, wie ich meine Mahlzeiten gestohlen oder aus dem Müll gefischt habe. Ich habe beigetragen, so gut ich konnte, meist indem ich bei jeder Demo dabei war und meine Freizeit für die Organisation genutzt habe.

Aber jetzt bin ich auf der anderen Seite dieser Gleichung. Ich nehme Anhalter mit. Ich beherberge Freunde, die es brauchen, ich nehme Besucher auf. Ich versuche, genauso großzügig zu anderen zu sein, wie andere es mir gegenüber waren. Das ist eine hohe Messlatte, und vielleicht schaffe ich es nicht. Ich möchte jetzt jemand sein, der Ressourcen bereitstellt. Das scheint nur fair zu sein, und es ist zutiefst befriedigend.

Das Umherziehen fühlt sich jetzt wie ein Notfallplan an. Es hilft mir sehr gegen meine Ängste, zu wissen, dass ich ohne festen Wohnsitz überleben kann. All diese „Prepper“-Überlebenskünstler, die mit Beilen Unterkünfte bauen und Eichhörnchen töten können, wissen wahrscheinlich nicht, wie man die kostenlosen Bagels im Müll findet oder wie man auf das Dach einer Domino’s-Pizzeria klettert, um dort zu schlafen. Ich vermute, Straßenkinder werden die Apokalypse mindestens genauso gut meistern wie die christlichen Nationalisten aus der Mittelschicht, die sich für Alpha-Männer halten, denn Straßenkinder ziehen in Gruppen umher und kennen die Städte.

Aber wenn ich wieder auf Wanderschaft gehe, sind es nicht die Städte, die mich rufen. Es ist die Straße und es ist die Wildnis (was davon übrig ist). Es ist schön, unter Menschen zu sein, aber vielleicht bin ich in meinem Herzen immer ein halber Einsiedler. Vielleicht bin ich in meinem Herzen immer ein Wanderer.

Hätte ich nur die Hälfte des Geldes, das ich dir anvertraut habe
Könnte ich mir zehn Morgen Land kaufen und meine Familie versorgen
Könnte ich mir ein strohgedecktes Häuschen bauen, könnte ich mir eine Scheune errichten
Könnte ich mir einen Pelzmantel kaufen, um meinen Rücken warm zu halten

Das wilde Umherziehen werde ich aufgeben
Das wilde Umherziehen, ich gebe es auf
Und ich werde nie wieder
Der wilde Wanderer genannt werden

- The Wild Rover

(Wird meist als traditionelles irisches Lied angesehen, ist aber wahrscheinlich englischen Ursprungs, was schwer zu schlucken ist, aber wohl notwendig, denn eigentlich ist Nationalismus Unsinn und die Arbeiterklasse kennt kein Land, und Volkstraditionen haben sich seit Urzeiten zwischen diesen beiden Inseln bewegt, und das Problem sind die Regierung und die Machtsysteme.)

Quelle: "Wild Roving or: the song of the open road", 29. April 2026 von Margaret Killjoy.

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, solltest du ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]

Achte Anarchistische Buchmesse Mannheim vom 14. bis 17. Mai 2026

Das SharePic zur 8. anarchistischen Buchmesse in Mannheim zeigt das Jugendzentrum Forum auf der rechten Seite und links 3 Wellen, deren Schaumkronen aus lauter Anarchie Ⓐ besteht sowie Angaben zur Messe und den Veranstalter:*Innen

„Eine Welt, die von Gewalt regiert wird“: Der Angriff auf Venezuela und die kommenden Konflikte

„Wir leben in einer Welt, die von Stärke regiert wird, die von Gewalt regiert wird, die von Macht regiert wird“, erklärte Stephen Miller am 5. Januar 2026 gegenüber CNN-Moderator Jake Tapper und legte damit das faschistische Programm dar, mit dem er die gewaltsame Eroberung Grönlands rechtfertigte. „Das sind die eisernen Gesetze der Welt seit Anbeginn der Zeit.“

Das Foto zeigt eine Rauchwolke hinter Gebäuden und verschiedene Brände
Caracas, 3. Januar 2026
Am frühen Morgen des 3. Januar führte die Trump-Regierung eine für das Fernsehen inszenierte Razzia in Venezuela durch, bei der mindestens sieben Ziele in Caracas bombardiert und Präsident Nicolás Maduro und seine Frau Celia Flores entführt wurden. Dies war der Höhepunkt einer einjährigen Druckkampagne, in deren Verlauf die Regierung venezolanische Einwanderer in den USA als „Drogenterroristen“ bezeichnete, versuchte, das Gesetz über feindliche Ausländer anzuwenden, mutmaßliche „Drogenboote“ bombardierte, Öltanker beschlagnahmte und die US-Marine zur Blockade Venezuelas einsetzte.

Das Trump-Regime beschuldigte Maduro zunächst, Anführer des „Cartel de los Soles“ zu sein, einer ebenso erfundenen Konstruktion wie „Antifa“. Obwohl sie diese Anschuldigung gestern revidierten, um einen weniger fadenscheinigen Rechtsfall zu formulieren, ist es typisch für ihre Vorgehensweise, dass sie mit einer falschen Erzählung beginnen und dann nach Mitteln suchen, diese der Realität aufzuzwingen. Eines der Hauptziele von Donald Trump war es, ein Foto von Nicolás Maduro in Ketten zu veröffentlichen, in Anlehnung an die Fotos, die Bundesbehörden von Menschen verbreitet haben, die von der Einwanderungsbehörde ICE entführt wurden. Anstatt Verbesserungen der wirtschaftlichen Lage anzubieten, bietet Trump seinen Anhängern den stellvertretenden Nervenkitzel, sich mit Gefängniswärtern und Folterern zu identifizieren. Sein Ziel ist es, seine Gegner zu entmenschlichen und alle für die Art von Gewalt zu desensibilisieren, die erforderlich sein wird, um seine Herrschaft und den Kapitalismus selbst in einer Ära sinkender Gewinne aufrechtzuerhalten.

Die Unternehmensmedien erfüllen ihre klassische Rolle als loyale Opposition, indem sie Fragen zur Rechtmäßigkeit der Aktion aufwerfen und gleichzeitig Maduro verteufeln und seine rechtsgerichtete Gegnerin María Corina Machado glorifizieren. Für Anarchisten und andere, die sich gegen den Imperialismus stellen wollen, ist es notwendig, den Angriff auf Venezuela in einem größeren Zusammenhang zu betrachten, darüber nachzudenken, wie eine wirksame Opposition aussehen könnte, und zu überlegen, wie wir darauf reagieren können.

Das Drehbuch
Die Regierung der Vereinigten Staaten blickt auf eine lange Geschichte imperialistischer Interventionen in Lateinamerika zurück, darunter mehr als ein Jahrhundert Operationen gegen Kuba, der blutige Militärputsch in Chile 1973 und George Bushs Invasion in Panama 1989. Der Angriff auf Venezuela knüpft an eine Reihe jüngerer Unternehmungen an, von George W. Bushs Invasionen in Afghanistan und im Irak in den Jahren 2002 und 2003 bis hin zu Joe Bidens Abbau der internationalen „regelbasierten Ordnung“, um Benjamin Netanjahu zu ermöglichen, ab 2023 einen Völkermord in Palästina zu begehen.

Gleichzeitig stellt das Programm der Trump-Regierung eine Abkehr von früheren Normen dar. Mit seinem Bestreben, die Ausbeutung von Ressourcen mit brutaler Gewalt und ohne den geringsten Anschein einer anderen Agenda durchzuführen, schließt sich Trump Wladimir Putin und Benjamin Netanjahu an und läutet eine Ära der unverhüllten Gier um ihrer selbst willen ein.

Während Trumps Untergebene die manipulierten Wahlen in Venezuela im Jahr 2024 als Rechtfertigung für den Angriff anführen, gibt Trump nicht vor, Wahlen oder „Demokratie“ nach Venezuela zu bringen. Einige Quellen behaupten, dass die von María Corina Machado angeführte Opposition von fast 80 % der venezolanischen Bevölkerung unterstützt wird, aber Trump behauptet, dass sie nicht genug Unterstützung habe, um zu regieren; vermutlich meint er damit, dass ihr die Unterstützung des Militärs fehlt. Trump selbst würde es vorziehen, mit einem autokratischen Regime zusammenzuarbeiten, das ihm direkt verpflichtet ist. Auch er möchte sich lieber nicht Wahlen stellen, weder in Venezuela noch in den Vereinigten Staaten.

Trump nutzt den Krieg, um eine innenpolitische Krise abzuwenden. Während Trump und eine Gruppe antikommunistischer Republikaner seit langem auf einen Regimewechsel drängen und die Marinepräsenz in der Karibik seit August verstärkt wird, ist dieser Putsch zeitlich so gelegt, dass er die Medienberichterstattung dominiert, um von den sich verschlechternden Umfragewerten und einer Reihe von Gerichtsniederlagen im Zusammenhang mit Trumps Bemühungen, die Nationalgarde einzusetzen, abzulenken. Gleichzeitig führen Beweise für Trumps Komplizenschaft bei Jeffrey Epsteins Kindermissbrauchs- und Vergewaltigungsring endlich zu einer Spaltung seiner Anhängerschaft.

Wenn Autokraten ihre Macht verlieren, werden sie gefährlicher und unberechenbarer. Netanjahus Manöver, um seinem Korruptionsskandal zu entgehen – einschließlich seiner Bereitschaft, Geiseln zu opfern, um den Völkermord fortzusetzen – sind hier aufschlussreich. Wenn Krisen sie bedrohen, schaffen solche Herrscher zusätzliche Krisen, um diejenigen, die sie regieren, abzulenken. Jede wirksame Opposition sollte daran denken, das Rampenlicht auf das zu richten, was Trump zu verbergen versucht. Das ist es, was er am meisten fürchtet.

Als Medienkampagne verstanden, ist der Angriff auf Venezuela ein Angriff auf uns alle: ein Versuch, alle einzuschüchtern, die sich dem Trump-Regime widersetzen könnten, uns dazu zu bringen, zu akzeptieren, dass die staatliche Gewalt weiter eskalieren wird, egal was wir tun, und uns davon zu überzeugen, dass wir nicht die Protagonisten unserer Zeit sind.

Wie wir 2025 argumentiert haben, hat Trump einen Großteil seines Vorgehens von Autoritären wie Wladimir Putin kopiert. Als Putin im August 1999 Premierminister wurde, waren seine Zustimmungswerte noch niedriger als die von Trump heute. Er löste dieses Problem durch den zweiten Tschetschenienkrieg, der die Umfragen dramatisch zu seinen Gunsten wendete. Danach wiederholte er jedes Mal, wenn seine Unterstützung nachließ, diesen Trick – 2008 mit der Invasion Georgiens, 2014 mit der Invasion der Krim und des Donbass und 2022 mit der Invasion der Ukraine –, wodurch er langsam die Kontrolle über die russische Gesellschaft festigte, bis er es sich leisten konnte, Hunderttausende Russen in den Fleischwolf des Krieges zu schicken.

Putin hat den Krieg in der Ukraine als Mittel zur Kontrolle im Inland genutzt – und in Russland geht dies weit über die Unterdrückung von Protesten hinaus. Angesichts der sich verschlechternden wirtschaftlichen Lage muss Putin kontinuierlich Stärke und Brutalität demonstrieren, aber er muss auch herausfinden, was er mit einer zunehmend unruhigen und verzweifelten Bevölkerung tun soll. Indem er junge Männer aus armen Familien im Hinterland in den Krieg schickt, kann Putin sie beschäftigen; wenn einige Hunderttausend von ihnen nie nach Hause zurückkehren, umso besser – sie werden nicht in den Arbeitslosenstatistiken auftauchen und die Polizei muss ihre Proteste nicht unterdrücken. Ebenso hat die Wehrpflicht diejenigen, die wahrscheinlich eine Revolution anführen würden, dazu veranlasst, zu Tausenden aus dem Land zu fliehen. Dies ist eine Strategie, die wir angesichts der sich verschärfenden globalen Krise des Kapitalismus auch anderswo wiederholt sehen werden.

Der Hauptunterschied zwischen den beiden Kontexten besteht darin, dass die Vereinigten Staaten zwar viel mächtiger sind als Russland, Trumps Machtposition jedoch bei weitem nicht so sicher ist wie die Putins. Gleichzeitig haben die US-Wähler nach den katastrophalen Besatzungen von Afghanistan und Irak deutlich weniger Verständnis für Operationen, die das Leben von US-Soldaten gefährden.

Trump ist weder ein besonders disziplinierter Taktiker noch ein fokussierter Stratege. Er setzt stets auf Drohungen und Einschüchterung, um seine Ziele zu erreichen, und nutzt dabei die Feigheit und Schwäche seiner Zeitgenossen aus. Vermutlich spekuliert er darauf, dass Einschüchterung ausreichen wird, um die Regierungen Lateinamerikas ohne weitere militärische Maßnahmen seinen Wünschen zu unterwerfen. Sollte dies nicht funktionieren, beabsichtigt er wahrscheinlich, sich auf Militärtechnologie, private Söldner und andere Mittel der Gewaltanwendung zu stützen, ohne US-Truppen zur Besetzung Venezuelas oder anderer Länder entsenden zu müssen. Doch einmal begonnen, folgt ein Krieg seiner eigenen Logik. Wenn die Trump-Regierung diesen Kurs fortsetzt, könnten die US-Streitkräfte dennoch in einen offenen Konflikt verwickelt werden.

Nach dem Angriff auf Venezuela haben Trump und seine Gefolgsleute mit ähnlichen Maßnahmen gegen Mexiko, Kuba, Kolumbien, Dänemark und andere Nationen gedroht. Sie werden diese sicherlich durchführen, wenn sie sich in einer Position der Stärke fühlen, aber selbst wenn die Dinge für ihn schlecht laufen, könnte Trump versuchen, mit solchen Manövern von seiner Schwäche abzulenken.

Die Rückkehr der Plünderung
Der Kapitalismus begann inmitten kolonialer Plünderungen, und da die Gewinnmargen in der gesamten Weltwirtschaft sinken, kehren die Regierungen zu dieser altmodischen Strategie der Akkumulation zurück. Dies erklärt Putins Landnahme in der Ukraine, Netanjahus anhaltende Versuche, Völkermord als eine Form der Gentrifizierung einzusetzen, und Trumps jüngstes Abenteuer in Venezuela.

In einem „National Security Strategy”-Papier vom November 2025 verpflichtete sich die Trump-Regierung ausdrücklich zu einem „Trump-Korollar” zur Monroe-Doktrin, mit dem Ziel, „die Vorrangstellung Amerikas in der westlichen Hemisphäre wiederherzustellen”, um „nicht-hemisphärischen Konkurrenten die Möglichkeit zu verweigern, Streitkräfte oder andere bedrohliche Fähigkeiten in unserer Hemisphäre zu positionieren oder strategisch wichtige Vermögenswerte zu besitzen oder zu kontrollieren”.

Trump hat die selbstverherrlichende Umbenennung dieser geopolitischen Strategie in „Donroe-Doktrin“ begrüßt und erklärt, dass „die amerikanische Vorherrschaft in der westlichen Hemisphäre nie wieder in Frage gestellt werden wird“. Dabei geht es um Öl, wie Trump betont hat – Venezuela verfügt über 17 % der weltweiten Ölreserven –, aber es ist auch ein Mittel, um mit China um die Vorherrschaft zu ringen, das ein wichtiger Investor und Importeur der venezolanischen Ölindustrie ist, 80 % der venezolanischen Ölexporte kauft und die venezolanische Ölindustrie seit 2007 mit Krediten in Höhe von über 60 Milliarden Dollar unterstützt. Diese Strategie geht auf Trump zurück: Eine Erneuerung der Monroe-Doktrin mit dem Schwerpunkt auf dem Wettbewerb mit China und Russland im globalen Süden war ein wesentlicher Bestandteil der unter der Regierung von Joe Biden ins Leben gerufenen Kommission für die nationale Sicherheitsstrategie 2024. Die Kommission 2024 forderte ausdrücklich, mit China und Russland um Einfluss in Lateinamerika zu konkurrieren, insbesondere im Hinblick auf die „Entwicklung und Gewinnung natürlicher Ressourcen sowie Einrichtungen und Fähigkeiten zur Machtprojektion“. Während Trump die Wende zur Autokratie repräsentiert, waren die geopolitischen und wirtschaftlichen Gründe dafür bereits vorhanden.

Mit anderen Worten: Trumps harte Brutalität bietet der herrschenden Klasse eine Lösung für ein Problem, mit dem Kapitalisten aller Couleur konfrontiert sind – das Problem schwindender Möglichkeiten.

Trumps Plan, US-Ölkonzerne die Rohstoffgewinnung in Venezuela übernehmen zu lassen, ist Teil einer neuen Phase kolonialer Ausbeutung, einer Rückkehr zur direkten Aneignung von Vermögenswerten anderer Länder. Dies muss im größeren Kontext von Stagnation und Finanzialisierung verstanden werden. Historisch gesehen spiegelt dies frühere Perioden des „systemischen Chaos“ wider, 1 als sinkende Gewinne die Kapitalisten dazu zwangen, sich der Finanzspekulation zuzuwenden, und die Maschinerie des kapitalistischen Weltsystems ins Stocken geriet, bis sie durch massive Gewalt in eine neue Ordnung umgestaltet wurde. Das relevanteste Beispiel aus jüngerer Zeit ist der Zeitraum von 1914 bis 1945, in dem beide Weltkriege des 20. Jahrhunderts stattfanden.

Es geht also nicht nur um Öl, sondern um die Sicherung der Bedingungen für kapitalistische Profitgier im Allgemeinen und um einen Vorgeschmack auf künftige Gewalt in größerem Maßstab. Wir treten in eine Phase ein, in der Beziehungen auf reiner Gewalt basieren, nicht auf „Rechtsstaatlichkeit“ oder Diplomatie, und dieser Angriff ist – wie Trumps Präsidentschaft selbst – ein Symptom, nicht die Ursache.

Dies stellt jedoch eine Abkehr vom nationalistischen und populistischen Imperialismus der Vergangenheit dar, in dem Regime Ressourcen aus der globalen Peripherie stahlen, um die Lebensqualität im imperialen Kern zu verbessern. Trumps Angriff auf Venezuela ist darauf ausgerichtet, einer immer kleiner werdenden Gruppe von Kapitalisten zu nützen. Die Mittelschicht und die weiße Arbeiterklasse sind nicht mehr „Juniorpartner” kolonialer Unternehmungen und haben immer weniger Grund, sich mit ihnen zu identifizieren.

Die Frage der Führung
Zunächst schlug die venezolanische Vizepräsidentin Delcy Rodríguez einen trotzigen Ton an, ruderte jedoch sofort zurück und schlug versöhnlichere Töne an. Dies hat zu Spekulationen geführt, dass Rodríguez bereit sein könnte, mit dem Trump-Regime zu kooperieren, oder bereits kooperiert.

Es sind verschiedene Szenarien möglich, und es ist schwierig, die Wahrheit zu ermitteln. Vielleicht haben die Vereinigten Staaten Delcy Rodríguez in eine bedrohliche Lage gebracht, aber sie hält tapfer durch; vielleicht hat das Trump-Regime bereits heimlich mit Delcy Rodríguez verhandelt, und sie beabsichtigt, harte Verhandlungen zu führen, während sie gleichzeitig die Agenda der USA zur Rohstoffgewinnung unterstützt; vielleicht ist auch etwas anderes im Gange. Unabhängig davon unterstreichen sowohl die Anfälligkeit des Chavismus2 für die Entführung seines Führers als auch die Möglichkeit, dass Rodríguez oder andere Elemente der venezolanischen Regierung an Trumps Plan, die Kontrolle über die venezolanischen Ressourcen zu übernehmen, beteiligt sind oder werden könnten, die Tatsache, dass alle Hierarchien einen Schwachpunkt für Befreiungskämpfe darstellen.

Wir haben bereits gesehen, wie die Führung früherer revolutionärer linker Bewegungen, wie beispielsweise die Regierung von Daniel Ortega in Nicaragua, gewaltsam in das Funktionieren des Neoliberalismus integriert und gezwungen wurde, der Bevölkerung unter ihrer Herrschaft kapitalistische Sparmaßnahmen und staatliche Kontrolle aufzuerlegen. Angesichts dieser Niederlagen kommen manche Menschen zu dem Schluss, dass der einzige Weg, Souveränität zu erlangen, darin besteht, einen mächtigen Nationalstaat zu kontrollieren, der über Atomwaffen verfügt. Dies ist die Logik, die dem „Campismus” zugrunde liegt, der Unterstützung imperialer Mächte wie Russland und China, die mit den Vereinigten Staaten rivalisieren.

Doch Russland und China agieren nach derselben autoritären, kapitalistischen Logik wie die heutige Regierung der Vereinigten Staaten – und diejenigen, die sich dafür entscheiden, sie zu unterstützen, werden nicht mehr Einfluss auf die Handlungen ihrer Führer haben als die Venezolaner auf die Regierung der Vereinigten Staaten. Diejenigen, die sich mit dem einen oder anderen geopolitischen Akteur verbünden wollen, werden unweigerlich dazu kommen, genozidale Autokraten aus einer Position der völligen Machtlosigkeit zu verteidigen. Die wirkliche Alternative ist nicht Campismus, sondern ein internationaler Widerstand der Basis, der sich über Grenzen hinweg erstreckt.

Damit dies jedoch zu einer überzeugenden Alternative wird, müssen die Menschen in den Vereinigten Staaten die Fähigkeit entwickeln, die US-Regierung daran zu hindern, im Ausland Bombenangriffe durchzuführen und Plünderungen zu begehen.

Was ist zu erwarten, wie kann man sich vorbereiten?
Der Angriff auf Venezuela markiert die Eskalation eines Stellvertreterkrieges mit China. Die Umstellung der industriellen Basis, einschließlich der Technologiebranche, auf Kriegswirtschaft ist eine Möglichkeit, mit der stagnierenden Wirtschaft umzugehen, aber dies wird nur möglich sein, wenn die Trump-Regierung mehr „Nationalgeist” und Patriotismus wecken kann. Es ist anzunehmen, dass die Eile, die Finanzierung und Verbreitung künstlicher Intelligenz zu konsolidieren, darauf abzielt, eine leichtgläubigere und kontrollierbarere Bevölkerung für diesen letztendlichen Zweck zu schaffen.

In naher Zukunft ist zu erwarten, dass die Trump-Regierung erneut versuchen wird, das Alien Enemies Act gegen Venezolaner und andere Ziele anzuwenden. Der vorherige Versuch von Trump und Miller wurde vor Gericht abgelehnt, da sich die USA tatsächlich nicht im Krieg befanden. Nachdem sie nun einen Krieg geschaffen haben, werden sie diesen nutzen, um eine Reihe zusätzlicher Notstände auszurufen und weitere Restriktionen zu rechtfertigen. Es ist auch mit mehr rassistischer Gewalt gegen Lateinamerikaner und Chinesen zu rechnen, ebenso wie mit Vergeltungsmaßnahmen gegen die US-Außenpolitik durch nichtstaatliche Akteure oder Stellvertreter, die die Trump-Regierung zu nutzen versuchen wird, um ihre Agenda voranzutreiben.

Die Zwischenwahlen sind für November 2026 geplant. Donald Trump und die Republikaner sind nicht in der Favoritenrolle, aber Trump hat bereits so viele rote Linien überschritten, dass er keine Bedrohung seiner Macht tolerieren kann. Ob durch Wahlbeeinflussung, Betrug oder, was wahrscheinlicher ist, durch künstlich herbeigeführte Krisen, die einen Ausnahmezustand legitimieren – wir können davon ausgehen, dass die Zwischenwahlen die am wenigsten „demokratischen” Wahlen der jüngeren Vergangenheit sein werden. Wahlen allein werden uns nicht aus dieser schwierigen Lage befreien.

Die Grafik zeigt sterbende deutsche Soldaten 1943
Die Rückkehr des Faschismus auf globaler Ebene – und hoffentlich die Fähigkeit, ihn zu besiegen.

Lynd Ward – Mezzotinto für „Moriae Encomium (Das Lob der Torheit)“ – 1943
Da Trump von verschiedenen Krisen, Skandalen und Hindernissen geplagt wird, wird er gewalttätiger, unberechenbarer und gefährlicher werden. Dies ist ein Zeichen von Schwäche, aber es ist eine Schwäche, die durch die volle Stärke des US-Militärs gestützt wird. Wir sollten bis Oktober dieses Jahres mit militärischen Verwicklungen in größerem Umfang rechnen, einschließlich weiterer Einsätze der Nationalgarde und möglicherweise sogar des Kriegsrechts.

Unbeliebte Kriege ohne klares Mandat – insbesondere Kriege, die zu Opfern unter US-Soldaten oder anderen Opfern im eigenen Land führen – können den Untergang eines Regimes bedeuten. Es ist unsere Aufgabe, diesen Krieg – zusammen mit Trumps anderen Fehlern und den kommenden Kriegen – zu einem Mühlstein um den Hals der gesamten herrschenden Klasse zu machen. Es wird so viel Kraft aus der Bevölkerung erfordern, Trump zu stürzen, dass wir ähnlich ehrgeizige Vorschläge populär machen sollten – und nicht einfach eine Rückkehr zum unpopulären Status quo der Mitte fordern. Revolutionäre müssen sich darauf vorbereiten, die Versuche der Mitte, das Staatsschiff wieder ins Gleichgewicht zu bringen, zu überlisten. Das mag derzeit schwer vorstellbar sein, aber Aufstände und Revolutionen entwickeln sich schnell. Die Revolutionen der „Generation Z“ haben im Laufe des Jahres 2024 weltweit Regime gestürzt.

Bei Demonstrationen in den gesamten USA wurden bekannte Slogans wie „Kein Blut für Öl” verwendet. Leider ist Trump zu dem Schluss gekommen, dass seine Anhänger beides wollen – Öl und Blut. Antikriegsbewegungen sind in der Regel von Natur aus konservativ, da sie versuchen, die Politik des Staates zu beeinflussen; aber wie die Regierungen vor ihm hat auch das Trump-Regime deutlich gemacht, dass es sich nicht um Opposition kümmert. Anstatt Forderungen durch symbolische Proteste zu stellen, müssen wir horizontale Bewegungen aufbauen, die in der Lage sind, Bedürfnisse durch direkte Aktionen anzugehen. Diese sollten sich auf die gemeinsamen Bedingungen konzentrieren, mit denen normale Menschen von Caracas bis Minneapolis konfrontiert sind: Armut, Sparmaßnahmen, Plünderung lebenswichtiger Ressourcen, Kontrolle durch gewalttätige Söldner, Herrschaft durch unverantwortliche Tycoons. Der Widerstand gegen die Aktivitäten der Einwanderungs- und Zollbehörde in den Vereinigten Staaten stellt einen vielversprechenden Schritt in diese Richtung dar.

Wenn, wie Stephen Miller andeutet, Regierungen tatsächlich nicht die Wünsche oder Interessen der Menschen vertreten, über die sie herrschen, wenn – wie mittlerweile allen klar sein sollte – sie nicht unser Wohl im Sinn haben, sondern einfach nur danach streben, sich so viel Reichtum wie möglich anzueignen, dann ist niemand verpflichtet, ihnen zu gehorchen. Die Frage ist nur, wie wir genug kollektive Stärke, genug Basisbewegung, genug horizontale Macht aufbauen können, um sie zu besiegen.

Anhang: Weiterführende Literatur
Zunächst sollten Leser „We Denounce the Imperial Offensive on Venezuela” konsultieren, eine internationale Erklärung lateinamerikanischer anarchistischer Organisationen, die im Dezember 2025 veröffentlicht wurde.

Für einen tieferen Einblick in die Situation in Venezuela empfehlen wir spanischsprachigen Lesern, das Archiv der inzwischen eingestellten venezolanischen anarchistischen Publikation El Libertario zu durchsuchen, wo man beispielsweise eine kritische Bewertung der bolivarischen Sozialorganisationen aus dem Jahr 2006 oder eine Sammlung von Texten über die Rolle der Erdölindustrie bei der Unterdrückung der Basisbewegungen in Venezuela und ihrer Integration in die Weltwirtschaft findet:
„Venezuela ist Teil des Prozesses des Aufbaus neuer Formen der Regierungsführung in der Region, die die sozialen Bewegungen, die auf die Anwendung struktureller Anpassungsmaßnahmen in den 1990er Jahren reagierten, demobilisiert und sowohl den Staat als auch die repräsentative Demokratie neu legitimiert haben, um die Exportquoten für natürliche Ressourcen an die wichtigsten Märkte der Welt zu erfüllen.“

-Ley Habilitante: dictadura para el capital energético („Das Ermächtigungsgesetz: Diktatur für das Energiekapital“) in El Libertario Nr. 62, März-April 2011

Wir könnten Trumps Angriff auf Venezuela als eine Fortsetzung dieses „Prozesses der Schaffung neuer Formen der Regierungsführung in der Region“ verstehen.

Eine Liste der Personen, die kürzlich in einer einzigen Haftanstalt in Brooklyn inhaftiert wurden, deutet auf die zunehmende Zahl weltgeschichtlicher Widersprüche hin, die in unserer Zeit in den Vordergrund treten.

In „The Long Twentieth Century“ argumentiert Giovanni Arrighi, dass die letzten 700 Jahre von einem vorhersehbaren Pendelschwung zwischen relativ „friedlichen“ und stabilen Phasen der Handelsexpansion geprägt waren, in denen wachsende Märkte Kapitalisten und Staaten ohne nennenswerte Konkurrenz Gewinne ermöglichten und Investitionen in Produktion oder Handel zuverlässige Gewinne generierten, sowie von zunehmend chaotischen Phasen der finanziellen Expansion, in denen der Wettbewerb zwischen den Kapitalisten die Gewinne drückte und das Investitionskapital vor allem durch Finanzspekulationen Gewinne erzielte. Wenn das Wachstum der Weltwirtschaft zum Stillstand kommt, wenden sich Kapitalisten und nationale Eliten zunehmend Gewalt und Plünderung zu, um ihre Gewinne aufrechtzuerhalten, was in Phasen „systemischen Chaos“ gipfelt. Diese Phasen sind von bemerkenswerter Gewalt geprägt, gekennzeichnet durch Militärausgaben und Plünderungen; historisch gesehen enden sie erst, wenn eine neue Hegemonialmacht eine neue Weltordnung durchsetzt und die Bedingungen für kapitalistische Akkumulation wiederherstellt. Die amerikanische Hegemonie des 20. Jahrhunderts und das von den Vereinten Nationen eingeführte internationale System spielten diese Rolle nach dem Zweiten Weltkrieg, aber beide sind seit der Hinwendung zur Finanzialisierung und dem Aufstieg des „Neoliberalismus” in den 1970er Jahren im Niedergang begriffen und zeigen nun ihre Irrelevanz, da immer mehr Kräfte versuchen, Gewinne durch reine Gewalt statt durch kapitalistische Investitionen zu erzielen. Experten, die das Ende der internationalen regelbasierten Ordnung beklagen und Nostalgie für die Vereinten Nationen zum Ausdruck bringen, übersehen den Wald der wirtschaftlichen Stagnation vor lauter Bäumen einzelner schlechter Akteure wie Trump und Putin. Jede echte Lösung für die Zeit der Barbarei, in die wir eintreten, muss größer und ehrgeiziger sein als das „Zeitalter der Revolution” von 1789 bis 1848.

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Chavismo ist die sozialistische Bewegung, die mit dem ehemaligen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez in Verbindung gebracht wird.

Quelle: CrimeThinc: “A World Governed by Force”. The Attack on Venezuela and the Conflicts to Come, 06. Januar 2026

Übersetzung: Thomas Trueten

Hat der Anarchismus in Amerika eine Zukunft?

Der Koproduzent des bahnbrechenden Dokumentarfilms denkt über dessen Erbe inmitten der heutigen Herausforderungen nach

Das Plakat zeigt ein in eine mit dem Text"Anarchism in America" sowie den Angaben zur Produktion: A Pacific Street Production, Produced and Directed by Steven Fischler and Joel Sucher
Zeitgenössisches Filmplakat
"Anarchismus in Amerika" ist der Titel eines Dokumentarfilms, der 1980 produziert wurde; zu einer Zeit, als die Welt noch ganz anders aussah und die Glut der älteren Strömungen der Bewegung - Kommunisten, Individualisten und Syndikalisten - noch brannte. Ich war einer der Produzenten dieses Dokumentarfilms und hatte das Glück, mit einer Vielzahl von Anarchisten - Italienern, Juden, Spaniern, Russen und anderen - zusammenzukommen, die eine gemeinsame Vision von einer besseren Welt teilten. Sie träumten von einem universellen Terrain ohne die Fesseln autoritärer Strukturen, ohne Regierungen und ihre Lakaien aus der Wirtschaft, ohne Kirchen mit ihrem Aberglauben und ohne bewaffnete Polizei, die das Diktat der Oligarchen und Autoritären durchsetzt.

Der Dokumentarfilm wurde ironischerweise von einer liberalen Institution finanziert - dem National Endowment for the Humanities -, die 1965 von Lyndon Johnson gegründet wurde, als die Idee der intellektuellen Stimulierung noch Teil einer demokratischen Sensibilität war. Ein fehlerhaftes Ideal, wie ich meine, denn es war durchdrungen von der Überzeugung, dass die USA eine Ausnahme sind. Das Festhalten an dieser Vorstellung hat Amerika in den Abgrund eines neuen dunklen Zeitalters gestürzt, das mit einer gehörigen Portion Dummheit, Rassismus, weißer Vorherrschaft, übertriebener Männlichkeit und Rassismus angereichert ist. Es ist eine Zeit, in der Idioten den Mund aufmachen, bevor sie ihr Hirn einschalten.

Der ursprüngliche Dokumentarfilm basierte auf einer fragwürdigen Prämisse aus einem Buch von David DeLeon aus dem Jahr 1978 mit dem Titel "The American as Anarchist, Reflections on Indigenous Radicalism". Darin wird postuliert, dass es Menschen gibt, die sich ausdrücklich als Anarchisten bezeichnen (wie ich selbst), dass es aber noch viele andere gibt, deren Denken antiautoritäre Ideen verkörpert, ohne dass sie spezifische Etiketten verwenden. DeLeon zufolge haben diese Leute eine antiautoritäre DNA geerbt, die sich mit dem amerikanischen Charakter verwoben hat und ihn definiert.

Das Drehbuch wurde von einem alten Freund und Kameraden, Paul Berman, geschrieben und war so gut, dass die NEH-Mitarbeiter es ein paar Jahre lang als Beispiel für das, was sie finanzieren würden, herumreichten; das heißt, bis Ronald Reagan 1981 Präsident wurde. Im Kielwasser der Wahl - und im Vorgriff auf das, was heute geschieht - baten uns die NEH-Mitarbeiter, die sich über den Wandel der politischen Sensibilität aufregten, verlegen, ihre Namen aus dem Abspann zu streichen (was wir nicht taten).

Nun, viele Jahrzehnte später blicke ich durch den Spiegel und sehe den Amerikaner als Anarchisten in einem anderen Gewand: nämlich als MAGA-Anhänger.

Wir interviewten beispielsweise einen unabhängigen Lkw-Fahrer - "Lil John" -, der an seinem großen Sattelschlepper stand und darüber schimpfte, wie sehr ihm die Vorschriften der Regierung den Lebensunterhalt gekostet hätten.

"Wir sind nicht wirklich unabhängig, denn wenn man von unabhängigen Lkw-Fahrern spricht, gerät man in die politische Bürokratie, die die Regierung der Vereinigten Staaten leitet ... vor allem die Regeln und Vorschriften. Ich meine, ich glaube nicht, dass mir ein Mann in Washington, DC, vorschreiben kann, wie ich diesen Lkw finanziell zu betreiben habe".

Einen wichtigen Punkt berührend, schloss er
"Nur weil man in ein Amt gewählt wird oder Politiker wird, ist man nicht unbedingt der große Bruder, der alles überwachen muss, was in seinen Bereich fällt ... die Leute da draußen haben das Gefühl, dass sie der große Bruder sein müssen, dass wir hier unten nicht klug genug sind, um unser eigenes Ding zu machen".

Ein weiterer Kritikpunkt an den Amerikanern als Anarchisten ist vielleicht die in dem Dokumentarfilm von dem verstorbenen anarchistischen Dichter aus der Arbeiterklasse, Philip Levine, vertretene Idee, dass die Amerikaner "klug genug" sind, um Regeln und Konformität zu hassen, insbesondere an Orten, die in ihrer Kultur einen Sinn für Ordnung haben.

"Eines der Dinge, die mir am meisten auffielen, als ich nach Europa ging und dort ein paar Jahre lebte, war, wie verdammt gesetzestreu die Leute waren, und wie ich alle Gesetze brach. Und ich glaube, ich habe die Gesetze nicht so sehr gebrochen, weil ich ein Anarchist war, sondern einfach, weil ich ein Amerikaner war. Ich meine, wenn ich an eine Ampel kam, war niemand da. Ich habe das verdammte Ding überfahren. Es war einfach eine Einstellung, weißt du, was ist der Sinn, hier zu bleiben? ... Ich fand, dass meine europäischen Nachbarn verrückt wurden. stay in line, weißt du, es war eine Art von stay in line, be this way, queue up in England, weißt du. Und ich würde sagen, fick dich, weißt du, der erste im Bus steigt ein, weißt du.... Wir sind ein Volk, das sehr klug ist, wir haben viel Straßenverstand... Ich meine, wir wissen, was es mit dem Gesetz auf sich hat. Wir wissen, wer es gemacht hat und wie es durchgesetzt wird. Ich meine, ich denke, wenn man den Durchschnittsamerikaner fragt: "Was hat es mit dem Gesetz auf sich? Hat Gott es gemacht? Er würde sagen: Blödsinn. Er hat nichts damit zu tun. John D. Rockefeller hat es gemacht".

Im Nachhinein hat sich diese "Wahrheit" in den Eingeweiden von MAGA eingenistet, um die aufgestaute Wut gegen die Erlasse dessen, was sie den Washingtoner Sumpf nennen, zu rechtfertigen. Leider ist es ihr Ziel, einen neuen Sumpf zu schaffen, der von einem charismatischen Führer beaufsichtigt wird, der ihnen weismachen will, dass er ihr Leben besser machen wird.

Während sich die Ereignisse in Amerika mit bewusster Schockstarre entfalten, ist klar, dass die Verwirrung als Deckmantel für die Einführung einer "schönen neuen faschistischen Welt" dient. Die Pläne dafür liegen bereits vor (siehe meinen Covert Action-Artikel über Curtis Yarvin). Jeder, der auch nur im Geringsten links von der Mitte steht, wird sich auf Abschusslisten mit unklarem Ausgang wiederfinden. Die Handschrift steht sprichwörtlich an der Wand, und die Cop-City-Proteste von 2023 außerhalb von Atlanta, bei denen ein Aktivist getötet wurde, liefern mehr als genug Beweise dafür, dass der Staat der antiautoritären Bewegung eine Zielscheibe auf den Rücken gesetzt hat.

Werden Anarchisten die nächste Gruppe sein, die - nach Einwanderern und Pro-Palästinensern - weggekarrt wird? Das ist durchaus möglich. Man muss kein Nostradamus sein, um zu erraten, was als Nächstes kommen könnte.

Was ist also zu tun?

Nun, die gegenseitige Hilfe - dieses grundlegende anarchistische Theorie-Praxis-Konzept ist auch heute noch so lebendig und relevant wie damals und hat uns den Anreiz - die Macht - gegeben, mit Gleichgesinnten zum Wohle unserer lokalen Gemeinschaften zusammenzuarbeiten. Wir müssen uns nicht Ⓐ's um die Stirn wickeln. Es ist eine Demonstration dessen, was dem menschlichen Charakter angeboren ist: ein Mitgefühl, das über Gier und Grausamkeit hinausgeht und das anarchistisches Denken durchdringt.

Das Bewusstsein, dass man überwacht wird, muss genau das sein und darf den Aktivismus nicht einschränken. Da ich an der Produktion von Filmen wie dem Dokumentarfilm Red Squad aus dem Jahr 1970 beteiligt war, bin ich mir der Gefahren bewusst, die vom Überwachungsstaat ausgehen, aber es gibt viele Gegenmaßnahmen. Halten Sie Ihren Freundeskreis klein ("Affinitätsgruppen", wie wir sie früher nannten); nutzen Sie sichere Plattformen wie Signal für die Kommunikation und laden Sie nicht alle ein, von denen Sie glauben, dass sie sich bedeckt halten wollen. Wenn das bedeutet, dass man Beiträge in den sozialen Medien, in denen man seine Unterstützung für Palästina verkündet, eindämmen muss, dann sollte man das vorerst in Betracht ziehen. Die andere Seite wird uns überwachen, und die Bedrohung ist real. Alles ist möglich. Ich wurde nach dem Krieg in einem Lager für Displaced Persons in der Nähe von Lübeck, Deutschland, geboren, kam in die USA und wurde eingebürgert. Könnte ich theoretisch auch wieder ausgebürgert werden? Sicherlich.

Obwohl ich glaube, dass "Anarchism in America" ein zutiefst fehlerhafter Film ist, würde ich behaupten, dass es Lektionen zu lernen gibt und dass, nachdem die Autoritären und Kapitalisten zusammengeschmolzen sind - was sie sicher tun werden - die Anarchisten sich wieder der Aufgabe widmen können, die Vision einer besseren Welt zu propagieren.

Quelle: Joel Sucher, Is there a future for Anarchism in America?, 17. August 2025

Übersetzung, Bearbeitung, Ergänzungen (Weblinks): Thomas Trueten [Nicht authorisiert]

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Dieser Artikel wurde ursprünglich in der Sommerausgabe 2025 der anarchistischen Zeitschrift Freedom veröffentlicht.