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»The boundaries which divide Life from Death are at best shadowy and vague. Who shall say where the one ends, and where the other begins?« Edgar Allan Poe

United for Palestine

Farbfotografie einer dicht gedrängten Demonstration für Palästina bei sonnigem Wetter. Im Mittelpunkt steht eine Frau mit lockigem Haar und einer schwarz-weißen Kufiya um den Hals. Sie hält ein großes Pappschild mit der Aufschrift „JUSTICE“ hoch und streckt ihre rot gefärbte Handfläche demonstrativ in die Luft. Um sie herum stehen zahlreiche Menschen, einige ebenfalls mit palästinensischen Kufiyas. Auf dem Schild ist außerdem ein kleiner Aufkleber mit der Aufschrift „Free Palestine – Free Gaza“ zu sehen. Die Aufnahme vermittelt eine entschlossene, ernste Proteststimmung.
Foto: © heba / Umbruch Bildarchiv

In Solidarität mit Palästina versammelten sich am 10. Oktober 2026 mehr als 5.000 Menschen zu einer Kundgebung vor dem Kanzleramt mit anschließender Demonstration zum Alexanderplatz. Aufgerufen hatte das Bündnis „United for Palestine“ anlässlich eines internationalen Aktionstages.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

„Seit dem sogenannnten „Waffenstillstand“ im Oktober 2025 wurden in Gaza mehr als 1.250 Palästinenser*innen ermordet, darunter über 300 Kinder. Insgesamt wurden mehr als 100.000 Menschen von Israel ermordet, über 12.200 liegen weiterhin unter den Trümmern, und mehr als 20.000 Kinder wurden allein in den ersten zwei Jahren ermordet.
Über 92% der Wohneinheiten in Gaza wurden zerstört. Mehr als 540 Mitarbeiter*innen von Hilfsorganisationen und über 240 Journalist*innen wurden von Israel ermordet. (…)

Am 10. Oktober gehen wir gemeinsam auf die Straße – für die Befreiung Palästinas und für ein Ende der deutschen Komplizenschaft im seit drei Jahren andauernden
zionistischen Genozid an den Palästinenser*innen in Gaza.

Wir fordern:
• Sofortiges Ende der deutschen Unterstützung für den israelischen Genozid, Apartheid und Besatzung
• Konsequente Achtung des Völkerrechts und Unterstützung internationaler juristischer Maßnahmen
• Entkriminalisierung der Palästina-Solidarität – Schutz palästinensischer Stimmen, Symbole und Proteste
Freiheit, Gerechtigkeit und gleiche Rechte für Palästinenser*innen

(aus dem Aufruf zur Demonstration)


 

VVN-BdA ganz in der Ideologie der Staatsräson angekommen 

Logo der VVN-BdA: Der rote, politische Winkel vor den weiß blauen Streifen der KZ Häftlingskleidung. Darunter die Abkürzung VVN-BdA
Logo der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisti:*Innen (VVN-BdA): Der rote, politische Winkel vor den weiß blauen Streifen der KZ Häftlingskleidung

Im Bundesverband der VVN-BdA haben die pro israelischen Kräfte nun das Sagen, denn im Verbandsblatt antifa September 2026 bespricht Stefan Dietl im Beitrag "Kooperieren statt bekriegen" das Buch "Schattenarmee - Arabisch-palästinensische Kooperation mit dem Zionismus 1917 bis 1947" von Hillel Cohen.

Dietls Projekt ist hauptsächlich, der AfD Antisemitismus nachzuweisen. Das ist natürlich schwierig, denn die AfD steht felsenfest an der Seite von Netanjahu, und die AfD lebt die Staatsräson. Dietl tönt, dass die AfD aber "in Wirklichkeit" antisemitisch sei, auch wenn Worte und Taten gegenüber Israel das Gegenteil zeigen. Und wer, wie die schrecklichen Freunde Israels, immer und überall Antisemitismus mit Israelkritik gleichsetzt, der muss wohl davon ausgehen, dass die AfD gar nicht antisemitisch sein kann, oder? Dietl hat dazu auch schon in der Jüdischen Allgemeine geschrieben und wurde von Werteinitiative (!) interviewt.

Aber nun zu Dietls Rezension. 

Dietl: "Seine akribische Darstellung ist dabei im besten Sinne als eine Geschichte von unten zu verstehen. Er begibt sich auf die Spur tausender Araber, die mit dem Zionismus kooperierten oder gar mit ihm sympathisierten: die Land an den Jüdischen Nationalfonds verkauften, jüdische Nachbarn unterstützten und persönliche Bande knüpften, in jüdischen Einrichtungen arbeiteten und zionistische Organisationen mit Informationen versorgten oder den zionistischen Milizen im Kampf gegen nationalistisch-islamistische Hardliner Waffen lieferten." 

Die böse Nationalbewegung war nazigesteuert, gewalttätig, islamistisch fanatisch und natürlich durch Antisemitismus hervorgerufen und motiviert, so Dietls tendenziöse Analyse. Deshalb sind die "palästinensischen Araber" (so sein Sprech) auch selbst schuld: "Ein antisemitischer Wahn, der für die Araber Palästinas schließlich in die Katastrophe führte."

Dietls Staatsräson-Fazit lautet: 

"Cohens Buch zeigt eindrücklich, dass im israelisch-arabischen Konflikt auch eine andere Entwicklung möglich gewesen wäre: eine Entwicklung des Zusammenlebens und der gemeinsamen Verbesserung der eigenen Lebensumstände. Haupthindernis dafür war auch damals schon der Antisemitismus."

Die sich dem Landraub unterordnenden Palästinenser, die froh sein können, Zivilisation und Fortschritt als Subalterne im Dienst der neuen Herren zu bekommen, mehr Kolonialismus geht wohl nicht. 

Die VVN-BDA hat sich nach dem 7. Oktober 2023 weggeduckt, hat geschwiegen und damit Kriegsverbrechen und Völkermord zugestimmt. 2026 werden Kollaboration und Kapitulation in der antifa gelobt, trotz täglich sichtbarem Unrecht in Israel, im Westjordanland und in Gaza.

Jetzt beginnt Ihr sogar, die Unterdrückung zu rechtfertigen, das ist krass.

Euer Handeln ist faktische Unterstützung von Netanjahu, Ben Gvir und all der anderen Faschisten - ja, das sind Faschisten, VVN-BDA... 


 

Staatsräson vor Rechtsstaat - Wie die Ulm 5 Deutschland auf die Probe stellen

Externer Inhalt von YouTube Beim Laden wird eine Verbindung zu YouTube (Google) hergestellt. Dabei können personenbezogene Daten, insbesondere Ihre IP-Adresse, übertragen werden. „Wir haben einen Rechtsstaat. Daran habe ich keinen Zweifel." Das war Friedrich Merz' Antwort, als er auf einer Pressekonferenz in Dublin am 28. Juli gefragt wurde, ob der Prozess gegen die sogenannten Ulm 5 ein Schauprozess sei – eine Einschätzung, die irische Politiker bereits zuvor öffentlich vertreten hatten, nachdem eine parteiübergreifende Delegation aus sechs Abgeordneten und einer Europaabgeordneten am 22. Juli 2026, dem elften Verhandlungstag, nach Stammheim gereist war, um sich den Prozess selbst anzusehen. Sie besuchten Daniel Tatlow-Devally, den irischen Staatsbürger unter den fünf Angeklagten, in der Ulmer Haftanstalt, wo er seit fast einem Jahr in Untersuchungshaft isoliert ist, durften jedoch nicht mit ihm über seinen Fall sprechen. Im Gerichtssaal untersagte ihnen die vorsitzende Richterin Kathrin Lauchstädt am nächsten Tag jegliche Mitschrift – ein Vorgehen, das die Verteidigung als skandalöse Verletzung parlamentarischer Rechte bezeichnete –, während die Angeklagten hinter einer Glasscheibe saßen, ohne vertraulich mit ihren Anwälten sprechen zu können, in einem Prozess, von dem es kein vollständiges Protokoll gibt. Politiker Richard Boyd Barrett und Barry Ward bezeichneten dies als Schauprozess.

Den Ulm 5 werden Sachbeschädigung und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung nach § 129 StGB vorgeworfen, nachdem sie im September 2025 in das Ulmer Büro von Elbit Systems eingedrungen waren. Ihre Anwälte argumentieren, die Aktion sei ziviler Ungehorsam gewesen, gedeckt durch den Rechtsbegriff der Notwehr – notwendige Verteidigung, um Schaden von anderen abzuwenden –, und verweisen darauf, dass Elbit bis zu 85 Prozent der Drohnen liefert, die Israels Militär in Gaza, im Westjordanland und im Libanon einsetzt, eine Technologie, die Zivilisten getötet hat, viele von ihnen Kinder. Am selben Verhandlungstag beantragte die Verteidigung förmlich, Marian Rachow, den Geschäftsführer von Elbit Systems Deutschland, als Zeugen zu laden – in der Überzeugung, er könne die Beteiligung der deutschen Tochtergesellschaft an Israels Kriegsführung durch Technologietransfer, Ausrüstungslieferungen und finanzielle Verflechtungen bestätigen. Über die Zulassung dieses Beweisantrags hat das Gericht bislang nicht entschieden. Wochen zuvor hatte die Verteidigung bereits die Ablösung des leitenden Staatsanwalts gefordert, weil dieser keinerlei Ermittlungen gegen Elbit Deutschland geführt und die Polizei sogar angewiesen habe, in diese Richtung nicht zu ermitteln.

Zusammengenommen machen diese Anträge aus einem Sachbeschädigungsprozess die Prüfung einer größeren Frage: ob die deutsche Justiz wirklich unabhängig von der Staatsräson sein kann – jener ungeschriebenen Regel, die außerhalb des Rechts selbst wirkt –, um Israels Kriegsmaschinerie und eine mögliche deutsche Mitverantwortung daran losgelöst von Berlins Politik der bedingungslosen Unterstützung Israels zu untersuchen. Dieselbe Frage begleitete Merz, als er auf derselben Pressekonferenz gefragt wurde, warum Deutschland Sanktionen gegen Israel weiterhin ablehnt – trotz der laut UN auf einem historischen Höchststand befindlichen Gewalt im besetzten Westjordanland und eines UN-Untersuchungsausschusses, der im Juni zu dem Schluss kam, dass Israel einen Völkermord an palästinensischen Kindern in Gaza begeht. Genau darin liegt der Widerspruch, der in Stammheim aufeinanderprallt.

Vor dem Ulmer Gefängnis, in dem Daniel einsitzt, steht ein Denkmal für Hans und Sophie Scholl von der Widerstandsgruppe Weiße Rose, die in ihren Flugblättern dazu opferten, Rüstungsfabriken zu sabotieren, und die heute als Helden geehrt werden. Der deutsche Staat liest seine Geschichte als eine Schuld, die vor allem gegenüber Israel besteht. Die Ulm 5 lesen dieselbe Geschichte als Aufforderung, den Waffenfluss hin zu Massentötungen zu stoppen. Sie handelten, um zu stoppen, was ein UN-Ausschuss als Völkermord bezeichnet hat; Deutschland unterstützt Israel unter Berufung auf dieselbe Vergangenheit weiterhin militärisch wie diplomatisch – ungeachtet dessen.

Text: jW


„Dunkelheit, Flammen, Schreie“: Palästinensisches Dorf von israelischen Siedlern terrorisiert

Bei einem nächtlichen Pogrom durch Dutzende Siedler wurden im abgelegenen Dorf Tuba im Westjordanland Bewohner verletzt, Häuser niedergebrannt und Solaranlagen zerstört.

Zwei verbrannte Stofftierchen liegen auf dem Boden

Verbranntes Kinderspielzeug nach einem Pogrom durch israelische Siedler im palästinensischen Dorf Tuba, Masafer Yatta, im besetzten Westjordanland, 6. August 2026. (Mosab Shawer/Activestills)

Die WhatsApp-Nachricht kam am Mittwoch um 21:50 Uhr an. Es war ein verzweifelter Hilferuf von Hamza Abu Jundiya, einem 22-Jährigen aus dem Dorf Tuba in Masafer Yatta: „Die Siedler zünden die Häuser an.“

Um 22:11 Uhr folgte eine weitere Nachricht: „Schickt Krankenwagen und Feuerwehr. Es gibt verletzte Kinder und Häuser brennen.“

Diese wenigen Worte fassten den Schrecken zusammen, der sich in dieser Nacht in dem kleinen Dorf am südlichen Rand des besetzten Westjordanlands abspielte. Es war schon zuvor Ziel von Brandanschlägen durch israelische Siedler gewesen, doch diesmal schien es sich um ein ganz anderes Ausmaß zu handeln.

Nach Tuba zu gelangen ist nie einfach. Die unbefestigte Straße, die zum Dorf führt, ist durch die Winterregenfälle beschädigt und ausgewaschen, weil es den Palästinensern verboten ist, sie zu reparieren; jede solche Maßnahme würde in einem Gebiet, in dem Baugenehmigungen unmöglich zu bekommen sind, als „illegaler Bau“ gelten. Im besten Fall dauert die Fahrt etwa 30 Minuten.

Von meinem eigenen Dorf At-Tuwani aus dauerte es früher nur fünf bis zehn Minuten. Doch die Errichtung des Außenpostens Havat Ma’on und der Siedlung Ma’on hat uns den direkten Zugang zur Straße abgeschnitten, sodass Tuba immer mehr isoliert wird, sobald es zu Gewaltausbrüchen kommt.

Ein Blick auf das palästinensische Dorf Tuba im Vordergrund, im Hintergrund die Siedlung Havat Ma’on, Masafer Yatta, besetztes Westjordanland, 6. August 2026. (Mosab Shawer/Activestills)

Ein Blick auf das palästinensische Dorf Tuba im Vordergrund, im Hintergrund die Siedlung Havat Ma’on, Masafer Yatta, besetztes Westjordanland, 6. August 2026. (Mosab Shawer/Activestills)

Für die Familien, die in dieser Nacht in ihren Häusern gefangen waren, kam jede Minute einem Ewigkeit vor. Rana Maghnam, 37, saß mit ihrer 7-jährigen Stieftochter Razan im Gästezimmer, als der Angriff begann.

„Ich schaute aus dem Fenster und sah eine Gruppe von Siedlern den Hügel hinunterrennen“, erzählte sie. „Ich trat nach draußen, und der erste Siedler, der unser Haus erreichte, kam direkt auf uns zu. Er hatte einen Stock dabei und fing sofort an, auf mich einzuschlagen, während sich die Mädchen hinter mir versteckten.

„Wir rannten in ein anderes Zimmer, um uns zu schützen, aber der Siedler folgte uns“, fuhr Maghnam fort. „Razan wurde von einem Stein getroffen, der von draußen ins Haus geworfen wurde und sie an der Nase und der Oberlippe traf. Dann holte der Siedler uns wieder ein und schlug mir auf den Kopf und den Arm.“

Durch den Angriff erlitt Maghnam gebrochene Finger an ihrer rechten Hand und eine tiefe Kopfwunde, die mit acht Stichen genäht werden musste. Sie wurde in ein Krankenhaus in der nächstgelegenen Stadt Yatta gebracht, wo sie notärztlich versorgt wurde. Doch auch lange nachdem die Wunden genäht worden waren, ließen sich die Erinnerungen an diese Nacht nicht auslöschen.

Es fällt ihr immer noch schwer, die Angst zu beschreiben, die sie empfand, als Dutzende israelischer Siedler in ihr Dorf einfielen. „Es war eine schreckliche Nacht. Überall hallten Schreie, Weinen, das Geräusch von Schlägen und zerbrechendem Glas wider. Flammen schlugen aus dem [Gäste-]Zimmer, in dem wir gesessen hatten, und Rauch drang in den Raum, in dem wir uns versteckt hatten, nachdem sie die Stühle, Sofas und Holzmöbel vor dem Haus in Brand gesteckt hatten.“

Verbrannte Möbel vor einem Haus nach einem Pogrom durch israelische Siedler im palästinensischen Dorf Tuba, Masafer Yatta, im besetzten Westjordanland, 6. August 2026. (Mosab Shawer/Activestills)

Verbrannte Möbel vor einem Haus nach einem Pogrom durch israelische Siedler im palästinensischen Dorf Tuba, Masafer Yatta, im besetzten Westjordanland, 6. August 2026. (Mosab Shawer/Activestills)

Als es endlich hell wurde, zeigte sich das ganze Ausmaß der Zerstörung: Drei Häuser waren bis zur Unkenntlichkeit niedergebrannt. Das Stromnetz des Dorfes wurde durch die Brände schwer beschädigt, und die Siedler hatten etwa zwei Dutzend der Solarmodule des Dorfes zertrümmert. Fünf Bewohner, darunter drei Kinder, wurden verletzt.

Auf ihrem Weg aus dem Dorf hatten die Siedler die Worte „1:0 für die Juden“ auf Hebräisch auf den Schafstall einer Familie gesprüht – eine Botschaft, die die Bewohner nicht nur als Vandalismus, sondern als Jubelfeier über ihr Leid empfanden.

„Sie haben das Haus in Brand gesteckt, während ich noch drinnen war“

Am nächsten Morgen war in einem der ausgebrannten Häuser alles schwarz geworden. Geschmolzene Stromkabel hingen von der Decke. Der Boden war mit Asche bedeckt. Der Kühlschrank war nur noch ein verbogenes Metallgerippe. Selbst 15 Stunden nach dem Brand war der Rauchgeruch so überwältigend, dass das Atmen schwerfiel.

Die 17-jährige Sujood Mahmoud Awad stand in den Überresten des Hauses ihrer Familie und beschrieb, was sie in der Nacht zuvor miterlebt hatte. „Ich saß im Haus, als ich draußen Geräusche hörte. Ich schaute auf und sah, wie Siedler Steine gegen die Fenster warfen. Ich rannte ins Badezimmer und versteckte mich. Ich rief meinen Vater, der im Nebenzimmer schlief.

„Mein Bruder Joud, der 11 Jahre alt ist, schlief in seinem Zimmer. Ein Siedler packte ihn am Hals, würgte ihn und warf ihn nach draußen.

„Sie kamen zurück ins Haus. Ich konnte hören, wie Sachen zerstört wurden. Sie warfen den Kühlschrank und die Waschmaschine auf den Boden und steckten dann das Haus in Brand, während ich noch drinnen war und vor Angst zitterte.“

Anwohner begutachten die Brandschäden an ihren Häusern nach einem Pogrom durch israelische Siedler im palästinensischen Dorf Tuba in Masafer Yatta im besetzten Westjordanland am 6. August 2026. (Mosab Shawer/Activestills)

Ein Mann steht mit seiner kleinen Tochter in einem ausgebrannten Raum und begutachtet die Brandschäden nach einem Pogrom durch israelische Siedler im palästinensischen Dorf Tuba in Masafer Yatta im besetzten Westjordanland am 6. August 2026. (Mosab Shawer/Activestills)

In diesem Moment war sie sich nicht sicher, ob sie das jemals lebend überstehen würde. „Ein Siedler fing an, gegen die Badezimmertür zu schlagen. Die Tür schlug mir ins Gesicht und ich fiel zu Boden. Als die Siedler endlich gingen, füllte dichter Rauch das Haus. Das Feuer breitete sich rasend schnell von Zimmer zu Zimmer aus. Ich rannte voller Angst nach draußen, konnte aber kaum atmen. Wegen des Rauchs brach ich vor dem Haus zusammen.“

Ihr Vater, Mahmoud Awad, erwachte zu dem, was er als den schlimmsten Albtraum aller Eltern beschreibt. „Unser Haus brannte, ebenso wie das Haus meines Bruders Mohammad, zwei Heulager und ein Zelt, das wir als Abstellraum nutzten. Ich eilte los, um meine Kinder zu suchen. Ich hatte drei Feuerlöscher, aber zwei davon funktionierten nicht. Ich habe alles versucht, um das Feuer zu löschen, aber es gelang mir nicht. Wir haben nicht die Feuerlöschausrüstung, die wir brauchen.“

Er sah hilflos zu, wie das Dorf von der Dunkelheit verschlungen wurde. „Der Strom fiel aus, und das Dorf wurde völlig dunkel. Es gab nur Rauch, Flammen, Weinen und Schreien. Wir standen da und konnten das Feuer nicht aufhalten, während wir zusehen mussten, wie es unsere Häuser verschlang und alles darin zerstörte.

„Ich rannte ständig mit Wasserbehältern hin und her und versuchte, die Flammen zu löschen, aber jedes Mal, wenn ich näher kam, würgte mich der Rauch und ich musste mich zurückziehen“, fuhr er fort. „Es blieb nichts übrig außer Steinen und verbogenem Metall.“

Alles, was die Familie besaß, verschwand innerhalb weniger Minuten. „Das Essen, die Möbel, die Matratzen, die Decken – alles war weg.“

„Sie haben Überwachungskameras, Flutlichter und unser Badezimmer zertrümmert“

Hamza, dessen Nachricht mich in jener Nacht erstmals auf den Angriff aufmerksam gemacht hatte, sagte, nachdem die Siedler das Haus seines Cousins Radwan in Brand gesteckt hatten, seien sie auf das Haus seiner Familie zugegangen.

Beschädigte Solarmodule nach einem Pogrom durch israelische Siedler im palästinensischen Dorf Tuba, Masafer Yatta, im besetzten Westjordanland, 6. August 2026. (Mosab Shawer/Activestills)

Beschädigte Solarmodule nach einem Pogrom durch israelische Siedler im palästinensischen Dorf Tuba, Masafer Yatta, im besetzten Westjordanland, 6. August 2026. (Mosab Shawer/Activestills)

„Einer der Siedler trug zwei Flaschen mit brennbarer Flüssigkeit bei sich. Meine Mutter, meine Schwestern und die Kinder rannten ins Haus und versteckten sich. Mein Vater, mein Bruder und ich blieben draußen, um unser Haus zu verteidigen. Wir konnten sie davon abhalten, es in Brand zu setzen, aber sie bewarfen mich mit Steinen in die Hand und in den Rücken.

„Sie haben drei Überwachungskameras, die Flutlichter rund um das Haus und unser Außenbad zerstört“, fuhr er fort. „Außerdem haben sie die Fenster zerschlagen, um ins Haus einzubrechen. Meine Mutter wurde von Glassplittern im Gesicht getroffen.“

Als sich immer mehr Dorfbewohner versammelten und zum Haus eilten, um bei der Verteidigung zu helfen, zogen sich die Siedler schließlich in Richtung des nahegelegenen Außenpostens Havat Ma’on zurück, der nur wenige Minuten von Tuba entfernt liegt. Es ist derselbe Außenposten, von dem aus vor kurzem Dutzende Siedler mein eigenes Dorf At-Tuwani angegriffen haben: Sie steckten die Moschee sowie Häuser und Autos in Brand, zerschlugen Fenster und sprühten „Rache“ an die Wände.

Junge Männer und Freiwillige aus benachbarten Dörfern eilten herbei, um bei der Löschung der Brände zu helfen, noch bevor die Rettungskräfte eintreffen konnten; wegen des Zustands der Straße erreichten die Krankenwagen Tuba erst fast eine Stunde nach Beginn des Angriffs. Dichter Rauch hüllte das Dorf ein, während die Bewohner mit Taschenlampen durch die Dunkelheit eilten, nach Überlebenden suchten, den Verletzten halfen und verzweifelt versuchten, zu retten, was noch übrig war.

Die israelische Polizei traf etwa 40 Minuten nach Beginn des Angriffs ein und näherte sich aus Richtung Havat Ma’on. Israelische Soldaten, die für die Sicherheit in diesem Teil des Westjordanlands zuständig sind, trafen erst mehr als eine Stunde nach Beginn des Angriffs ein.

Das Foto zeigt einen alten Mann in einem ausgebrannten Zimmer

Ein alter Anwohner begutachtet die Brandschäden an seinem Haus nach einem Pogrom durch israelische Siedler im palästinensischen Dorf Tuba in Masafer Yatta im besetzten Westjordanland am 6. August 2026. (Mosab Shawer/Activestills)

Die Bewohner berichten, dass die Polizei von einem abgebrannten Gebäude zum nächsten ging, Fotos machte und Videos aufnahm – Routineverfahren, die ihrer Erfahrung nach selten zur strafrechtlichen Verfolgung der Angreifer führen. Unterdessen verhielten sich die Soldaten den Dorfbewohnern gegenüber offen feindselig. Sie drohten den Bewohnern mit Festnahme und gingen mit auf Zivilisten gerichteten Waffen durch die ausgebrannten Häuser.

Wenn die Polizei wirklich daran interessiert wäre, die Verantwortlichen zu identifizieren, wüsste sie genau, wo sie suchen müsste. Die Siedler kamen aus dem nahegelegenen Außenposten und der Siedlung – Orte, die mit einigen der modernsten Überwachungskameras in der Gegend ausgestattet sind. Doch die Bewohner haben keine Hoffnung, dass ihre Angreifer zur Rechenschaft gezogen werden; stattdessen müssen sie sich auf das nächste Pogrom vorbereiten.

Am Freitagnachmittag waren bereits drei Siedler aus Havat Ma’on wieder im Dorf und belästigten die Bewohner.

Diese Angriffe fügen den betroffenen Gemeinden nicht nur tiefgreifenden physischen und psychischen Schaden zu, sondern verursachen auch eine immense finanzielle Belastung, die selten ausgeglichen wird. Familien, deren Häuser, Fahrzeuge und persönliches Eigentum verbrannt oder zerstört wurden, müssen verheerende Verluste hinnehmen, die oft ihre Ersparnisse und den Besitz eines ganzen Lebens zunichte machen.

Der Wiederaufbau eines Hauses, der Ersatz lebenswichtiger Gegenstände und die Wiederherstellung auch nur eines grundlegenden Gefühls der Normalität erfordern Ressourcen, über die die meisten betroffenen Familien einfach nicht verfügen. Infolgedessen hinterlassen diese Angriffe langanhaltende humanitäre, wirtschaftliche und soziale Folgen, die ganze Gemeinden noch lange nach dem Ende der Gewalt beeinträchtigen.

Eine Erklärung der israelischen Polizei bestätigte, dass „Ermittler der Polizeistation Hebron und kriminaltechnische Ermittler der israelischen Polizei zum Tatort entsandt wurden“ und „mit der Sicherung von Beweismitteln, kriminaltechnischen Befunden und Zeugenaussagen begonnen haben“. Das +972 Magazine fragte, was die Polizei unternimmt, um Angriffe von Siedlern auf palästinensische Dörfer in dieser Gegend zu verhindern, und ein Sprecher antwortete, dass „die Verantwortung für die Verhinderung und die Reaktion auf Vorfälle in den Zonen A und B bei der IDF liegt“ – doch Tuba und die benachbarten palästinensischen Dörfer von Masafer Yatta liegen in Zone C.

+972 hat auch die israelische Armee um eine Stellungnahme gebeten; deren Antwort wird hinzugefügt, sobald sie eingeht.

Basel Adra ist Aktivist, Journalist und Fotograf aus dem Dorf At-Tuwani in den südlichen Hebron-Hügeln.

Quelle:  ‘Darkness, flames, screaming’: Palestinian village terrorized by Israeli settlers von Basel Adra in +972magazine, 7. August 2026

Fotos: Mosab Shawer/Activestills (Verwendung mit freundlicher Genehmigung durch ActiveStills)

Übersetzung: Thomas Trueten [Nicht authorisiert]


 

„Staatsräsonfunk“ – Techniken der Einseitigkeit

Das Buchcover zeigt eine Collage mit Schlagzeilen verschiedener Zeitungen zum Thema sowie Buchtitel, Autor und Vorwortautor sowie Verlagsangaben
»Staatsräsonfunk – Deutsche Medien und der Genozid in Gaza« von Fabian Goldmann erschien im Februar 2026 beim Manifest Verlag
Mit „Staatsräsonfunk“ hat Fabian Goldmann eine empirisch fundierte Studie vorgelegt, eine schonungslose Abrechnung mit der deutschen „Nahost“-Berichterstattung. Goldmann legt die systematischen Verzerrungen, Auslassungen und Rechtfertigungen in tausenden Beiträgen seit dem 7. Oktober offen. Die Diskrepanz zwischen dokumentierten Fakten und medialer Darstellung erscheint dabei nicht als Ausrutscher, sondern als strukturelles Prinzip – mit tiefen politischen und historischen Wurzeln. etos.media-Autor Sebastian Schröder arbeitet heraus, weshalb diese Studie einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der deutschen Medienlandschaft und ihre eingebetteten Rassismen und Befangenheiten leisten kann.

Wer das Buch „Staatsräsonfunk – Deutsche Medien und der Genozid in Gaza“ von Fabian Goldmann in die Hand nimmt, sieht sie schon auf dem Umschlag, die Überschriften der deutschen Presse seit dem 7. Oktober 2023: „Die Barbaren sind unter uns“; „Die Terror-Klinik ist enttarnt“; „Free Palestine ist das neue Heil Hitler“; „Löst endlich das Palästinenserhilfswerk auf“; „Hamas versteckte Waffen in Baby-Brutkästen“; „Die begrenzte Operation Rafah“; „Können Journalisten Terroristen sein?“; „Tote nach Streit um Hilfsgüter“; „Manchmal ist es notwendig zu töten, um das Morden zu verhindern“. Diese Collage zeigt einen Bruchteil der deutschen Schlagzeilen seit dem 7. Oktober 2023 und so sind auf dem Buchumschlag zentrale Techniken der Einseitigkeit sichtbar: Verschleierung, Verharmlosung, Verdrehung, Rechtfertigung, Auslassung und Leugnung. Und unsichtbar daneben natürlich das Schweigen – das sprichwörtliche Totschweigen.

Viele haben sich nach wenigen Wochen entsetzt von den deutschen Medien abgewendet, denn der Widerspruch zwischen der Berichterstattung und den Bildern aus Gaza war zu groß. „Aber vielleicht kann dieses Buch zumindest jenen, die (…) in den letzten zwei Jahren regelmäßig fassungslos vor den Zeitungsseiten, Fernsehbildschirmen und Timelines saßen, vermitteln, dass nicht sie die Verrücktgewordenen sind.“

Goldmann hat deshalb gezählt, was wirklich veröffentlicht worden ist. Seine Studie arbeitet empirisch und kann dadurch die erschreckende Realität in Deutschland sichtbar machen.

Dazu hat er einflussreiche und politisch breit gestreute Medienerzeugnisse (BILD, Spiegel, taz, tagesschau, Zeit) im Zeitraum vom 7. Oktober 2023 bis zum 19. Januar 2025 und zum Teil darüber hinaus analysiert. Es handelt sich um insgesamt 11.125 Beiträge zum Thema „Nahost“. Zusätzlich werden die meinungsbildenden Polit-Talkshows „Anne Will“, „Maischberger“, „Markus Lanz“, „Maybritt Illner“ und „Hart aber fair“ betrachtet.

Goldmann legt die maßgebliche „Analyse des Medien-Bias“ vor, so Ilan Pappe im Vorwort. Eigentlich müsste das Erscheinen von „Staatsräsonfunk“ die deutsche Medienlandschaft durch die Fülle des Sichtbargewordenen erschüttern, und mit jedem Kapitel nimmt das Entsetzen des Lesenden zu. Das zufällig Beobachtete wird nun als Selbstverständnis der überwältigenden Mehrzahl aller Veröffentlichungen nachgewiesen.

Den deutschen Diskurs haben zu Anfang die Lüge von den „40 geköpften Babys“, den in jedem angegriffenen Krankenhaus versteckten 138 (!) „Hamas-Kommandozentralen“ und andere als falsch nachgewiesene Pressemeldungen bestimmt. So wurde der Generalverdacht gegenüber palästinensischen Menschen, arabischen Menschen, Muslimen und Pro-Palästina-Aktivist*innen in Deutschland gesetzt (und verstärkt), und zugleich wurde „jüdisch“ mit Israel amalgamiert. Beide Prozesse weist der Autor empirisch nach.

Ausführlich untersucht er das „Mehl-Massaker“ Ende Februar 2024, den Angriff, die Besetzung und die Zerstörung des Al-Shifa-Krankenhauses, den weltweit einzigartigen Vorgang der systematischen Ermordung mehrerer Hundert Journalisten sowie weitere Marksteine des israelischen Genozids. Der Widerspruch zwischen den Fakten und der Berichterstattung könnte nicht größer sein.

Ein weiterer Bereich ist die Sprache: „In der deutschen Nahost-Berichterstattung haben sich völlig unterschiedliche Begrifflichkeiten etabliert. Entscheidend ist nicht die Tat, sondern wer der Täter und wer das Opfer ist.“ Konkret wird dieses Wording beschrieben im „Glossar des Genozids“ mit den Stichworten von „Anti-Terror-Einsatz“ bis „Ziel“. Goldmann präsentiert das von den Medien tatsächlich Gemeinte, das nichts mehr mit der eigentlichen Bedeutung der Wörter gemein hat.

Eine weitere Bestätigung seiner Hypothese findet der Autor auch bei der Untersuchung der Titelseiten der einflussreichsten Nachrichtenmagazine Spiegel, Stern und Focus: Hier herrscht nahezu Schweigen zum zentralen weltpolitischen Konflikt unserer Zeit.

Im abschließenden Kapitel werden die Gründe für das Verhalten der deutschen Medien durchleuchtet. Der herrschende Rassismus, die Macht der wenigen Medienkonzerne, die fast monopolartige Rolle der dpa, der gigantische öffentlich-rechtliche Rundfunk, das Feigenblatt Presserat, all das produziert den extremen deutschen Medien-Bias.

Und so war es schon immer in der BRD, möchte ich an dieser Stelle ergänzen. Vor 1989 galt die – meist unausgesprochene – Übereinkunft, die die Grenzen des Sagbaren streng innerhalb der Staatsräson festgelegt hat, in Konfrontation zur DDR und zur UdSSR. Vor 1989 waren die westdeutschen Medien entweder rechts oder liberal, aber immer staatstragend.

Im westlichen Siegestaumel der 1990er Jahre haben Genscher und Kohl als wichtigstes außenpolitisches Projekt den Frontalangriff gegen Jugoslawien geführt, und die Medien waren, so wie heute, ausnahmslos parteiisch, einzig Peter Handke hat den breiten anti-serbischen Konsens durchbrochen. Direkt an die mediale Hetze des Kosovokrieges hat sich die Formierung des „Krieges gegen den Terror“ angeschlossen, auch hier galt unangemessene Parteilichkeit mehr als journalistisches Handwerk.

Die herrschende Politik wird immer medial gestützt, nur das Ausmaß variiert und im Fall Gaza-Palästina-Israel legt Goldmann die besonders verfälschende Berichterstattung über ein besonderes Verbrechen dar. Auf 18 Seiten reiht der Autor die Beweise und Indizien auf, dass es sich in Gaza um einen Genozid handelt. Dokumentierte Worte und Taten lassen keinen anderen Schluss zu, doch die deutschen Medien schweigen, verdrehen und diffamieren.
„Wie lange hätten die deutschen Bundesregierungen ihre bedingungslose Unterstützung Israels aufrechterhalten können, wenn Medien der deutschen Öffentlichkeit das wahre Ausmaß von Israels Gewalt in Gaza, Libanon und anderen Orten der Region vermittelt hätten? Wie viele Menschen hätten noch leben können, wenn Redaktionen ihre Berichterstattung an den Erkenntnissen von Menschenrechtlerinnen und Genozid-Forschern statt an Behauptungen von Israels Armee ausgerichtet hätten? Wenn die tagesschau am 28. November 2023 nicht nur Antisemitismus-, sondern auch Genozid-Experten zur Gewalt in Gaza befragt hätte. Wenn die tagesthemen am 10. Mai 2024 mit den Studenten gesprochen hätten, die in Berlin gegen Israels Genozid protestierten, anstatt sie mit der ‚Hitler-Jugend‚ zu vergleichen. Wenn die FAZ am 18. November 2024 die Forderung des Papstes, die Völkermord-Vorwürfe gegen Israel zu prüfen, begrüßt hätte, anstatt ‚seine Barmherzigkeit gilt vor allem der Hamas‘ zu kommentieren. Wenn die Süddeutsche Zeitung am 29. Dezember 2024 in ihrem Beitrag ‚Völkermord? Im Ernst?‘ die Fragezeichen gegen Ausrufezeichen ausgetauscht hätte? Wenn bei der taz jemand interveniert hätte, als selbst noch am 9. März 2025 ein Redakteur mit einem Mix aus Auslassungen, Irreführungen und IDF-Angaben behauptet: ‚Die Völkermord-Anklage gegen Israel erlebt eine Renaissance. Dieser Vorwurf ist haltlos.‘“

Angesichts von Fabian Goldmanns ausführlicher Darlegung des Genozidverbrechens ist es seltsam, wenn Sascha Stanicic im Vorwort des Verlages schreibt: „Man kann (…) in Frage stellen, ob eine Beweisführung in Bezug auf das bisherige Vorgehen Israels unzweideutig möglich ist (…)“. Nein, der Beweis für Völkermord ist erbracht und wird täglich neu erbracht! Was soll das? Zum Nachschlagen und zu Studienzwecken wäre es gut, wenn die Empirie etwas deutlicher vom Text getrennt wäre; dies würde zugleich eine straffere Sortierung der Inhalte ermöglichen.

Der Komplex Gaza, Israel und Deutschland kann nur mithilfe der Studie „Staatsräsonfunk“ verstanden werden. Und die Arbeit weist vielfach über das Thema hinaus, sie ist zwingend für das Verständnis der bürgerlichen Medien in Deutschland.

Fabian Goldmann
Staatsräsonfunk
Deutsche Medien und der Genozid in Gaza. Mit einem Geleitwort von Ilan Pappé.
Manifest Verlag
407 Seiten, 22 Euro
ISBN 978-3-96156-145-2

Erstveröffentlichung am 16. April 2026 auf etos.media

"Wo ist Eure Grenze?“

„Wo ist Eure Grenze?“

Diese Frage stand auf einem Plakat auf der grossen Demonstration am 11. November 2023 in Wuppertal. Zu diesem Zeitpunkt ging die Bombardierung und die Blockade Gazas bereits einen Monat lang, tausende Menschen wurden schon getötet. Trotzdem war das Grauen, das bis heute folgte, im November 2023 unvorstellbar.

Ich möchte heute an diese Demonstration erinnern. Sie war unter dem Motto „Stoppt die israelischen Kriegsverbrechen“ angemeldet. Im Polizeibericht heisst es, dass „die Versammlung insgesamt überwiegend friedlich“ verlaufe.

Ja, die Demonstration war friedlich. Aber die 2000 Menschen, die damals gegen den Genozid auf die Strasse gegangen sind, wurden auf vielfache Weise während der Demonstration bedrängt und verunsichert.

Schon vorher, bei der Genehmigung der Demonstration, hat die Polizei das ursprüngliche Motto „Stoppt den israelischen Vernichtungskrieg in Gaza“ untersagt, so dass es in „Stoppt die israelischen Kriegsverbrechen“ geändert wurde.

Es war am 11. November 2023 in Wuppertal verboten, das Wort Genozid auf einem Plakat zu zeigen! Eine junge Frau wurde gezwungen, das Wort „genocide“ zu übermalen, weil sie sonst von der Polizei angezeigt worden wäre.

Der Wuppertaler Polizeipräsident hat - als oberster Polizist der Stadt - in Begleitung eines Übersetzers persönlich alle arabischsprachigen Plakate kontrolliert. Auch gerufene Parolen wurden überwacht.

Während auf der kleinen pro-israelischen Gegendemonstration viele aus der Wuppertaler Zivilgesellschaft von CDU bis Linke waren, sind auf der Demonstration „Stoppt die israelischen Kriegsverbrechen“ fast überhaupt keine linken Menschen aus unserer Stadt gewesen.

Zwei bekannte Juso-Mitglieder haben die Teilnehmenden unseres Demozuges mit aggressiven Blicken gemustert, einer der beiden hat heute ein hohes politisches Amt in der Kommunalpoltik inne.

Der deutschlandweit bekannte CDU-Politiker Wolfgang Bosbach war zusammen mit einem Team von STERN TV auf der Demonstration und hat die Leute mit provokativen Fragen und Statements bedrängt. Aus dem Filmmaterial wurde ein aggressiv-diffamierender Bericht für RTL gemacht, der die Vorurteile gegenüber pro-palästinensischen Menschen bestätigen soll.

All das, unangemessene Polizeikontrolle, völkermord-leugnende pro-Israel Demonstranten, das Wegducken der fortschrittlichen Zivilgesellschaft, offene Zensur, Krawall TV mit rechtem Polit-Promi, hat bei den friedlich Demonstrierenden ein Gefühl der Bedrohung und des Ausgeschlossenseins hervorgerufen.Wuppertal war im November 2023 exemplarisch für Deutschland, wo Misstrauen, Vorurteile und Ausgrenzung und das Schweigen der Mehrheit alles bestimmt hat.

Und heute, im März 2026? Alles ist seit November 2923 viel schlimmer geworden, und alle sehen es.

Der Genozid in Gaza wird fortgesetzt, die ethnische Säuberung der Westbank wird fortgesetzt, Israel führt eine Invasion im Libanon durch, der völkerrechtswidrige Angriffskrieg von USA und Israel zerstört den sogenannten Nahen Osten und die Weltwirtschaft.
Ob bald Atombomben von den USA und Israel geworfen werden?

„Wo ist Eure Grenze?“

Wir möchten jetzt Refaat Alareer gedenken, dem grossen palästinensischen Schriftsteller und Hochschullehrer, der am 6. Dezember zusammen mit anderen Mitgliedern seiner Familie getötet wurde. Er hinterlässt uns sein Gedicht „Wenn ich sterben muss“

Wenn ich sterben muss

Wenn ich sterben muss,

musst du leben

um meine Geschichte zu erzählen

um meine Besitztümer zu verkaufen

um ein Stück Soff zu kaufen

um einige Fäden

(mache es weiß mit einem langen Ende)

sodass ein Kind, irgendwo in Gaza

während es das Paradies im Auge hat

wartend auf seinen Vater,

der in einem Feuer verschwand

und niemanden verabschiedete

nicht einmal sein eigen Fleisch

nicht einmal sich selbst -

den Drachen sieht, meinen Drachen,

den du nähtest,

über sich fliegend

und für einen Moment denkt,

dort ist ein Engel,

der Liebe zurückgibt

Wenn ich sterben muss

lass es Hoffnung bringen

lass es eine Geschichte sein

(Übersetzung @tarek_bae auf Instagram)

Quelle: Rede von Sebastian Schröder am 21. März 2026 auf der „Demonstration für ein befreites und selbstbestimmtes Palästina“


Die Kriegslogik durchbrechen! Graswurzelrevolutionäre Stimmen zum Gaza-Krieg

Das Buchcover zeigt eine Person, die eine Kerze anzündet. Dahinter ein Transparent mit dem Text "Palestinians and Jews for Peace"
Bernd Drücke (Hg.)
Die Kriegslogik durchbrechen!
Graswurzelrevolutionäre Stimmen zum Gaza-Krieg
14,90 € beim Verlag
Der Sammelband 'Kriegslogik durchbrechen' soll dazu beitragen, dass politische Diskussionen in einem Klima geführt werden können, das nicht von Einschüchterung geprägt ist. Zu Wort kommen Menschen, die sich für Aussöhnung und eine solidarische Gesellschaft jenseits von Nationalismus, Herrschaft und Gewalt einsetzen. Die Aktivist*innen u.a. von New Profile, Combatants for Peace und Palestinians and Jews for Peace weigern sich, Feinde zu sein. Sie solidarisieren sich mit den Geiseln, den Angehörigen der Opfer von Gewalt in Israel und Palästina, den Geflüchteten und Menschen, die sich dem Mord auf Kommando verweigern. Sie stellen sich sowohl gegen den Terror der islamistischen Hamas als auch gegen den der extrem rechten Netanjahu-Regierung.

Das Buch dokumentiert Beiträge, die vom 7. Oktober 2023 bis zum (mittlerweile gebrochenen) Waffenstillstand am 19. Januar 2025 in der Monatszeitschrift Graswurzelrevolution (GWR) erschienen sind, sowie ein aktuelles Geleitwort von Moshe Zuckermann und einen Beitrag aus der GWR 500 vom Sommer 2025 als Nachtrag.

Wann: Freitag 12. Dezember um 20 Uhr
Wo: Buchladen Schwarze Risse, Gneisenaustr. 2a, 2. Hinterhof, Metro-Station Mehringdamm

Eintritt: frei!



77 Jahre und zwei Jahre oder: Über Palästina

Das Foto zeigt eine Frau von hinten, die aus einem zwerbombten Wohnhaus in Richtung der Grenzmauer blickt.
Foto: Global Sumud Flotilla
Ich bin um 3 Uhr morgens aufgewacht und hab mein Handy gecheckt, weil ich nicht immer die Person bin, die ich sein will, und nicht immer die Gewohnheiten hab, die ich haben will. Ich bin aufgewacht, hab mein Handy gecheckt und gesehen, dass ein weiteres Schiff der Hilfsflotte für Palästina in internationalen Gewässern vom israelischen Militär abgefangen wurde. Ich sah, dass Menschen, die ich kenne und die ich kennen könnte, entführt worden waren und dass sie allem Anschein nach derzeit von israelischer Seite gefoltert werden.

Ich konnte nicht mehr einschlafen.

Ich gehe davon aus, dass ihr alle bereits auf die Hilfsflotten aufmerksam geworden seid, Schiffe voller mutiger Menschen aus aller Welt, aber falls nicht, dann tut dies bitte. Jedes Mal, wenn ein Aktivist entführt wird, gibt es konkrete Aufrufe zum Handeln.

Ich schreibe nicht viel über Palästina, obwohl ich in den letzten zwei Jahren fast jeden Tag darüber nachgedacht habe. Ich schreibe nicht darüber, weil ich nicht die Stimme bin, auf die die Leute in dieser Frage hören sollten. Ich mache mir Sorgen, vielleicht mehr als ich sollte, dass ich in der Diskussion zu viel Raum einnehme.

Aber ich weiß ein paar Dinge.

Ich weiß, dass es seit 77 Jahren (und länger) Völkermord und Widerstand in Palästina gibt und dass es jetzt seit zwei Jahren eine dramatische Eskalation in Gaza gibt. Es lohnt sich, diese ganze Geschichte und die Gegenwart zu verstehen, vor allem, wenn du Sympathie für den Zionismus hast oder in deinem Kopf Zionismus mit Judentum verwechselst.

Ich habe einen Teil dieser Geschichte bereits in meinem Podcast behandelt, darunter Diskussionen über die israelische und internationale Solidarität mit den Palästinensern und die lange Geschichte der Hungerstreiks. Der Zionismus war bewusst ein Siedlerkolonialprojekt (denn das waren keine Schimpfwörter für die Europäer zu der Zeit, als der Zionismus Ende des 19. Jahrhunderts seinen Anfang nahm), und die ersten zionistischen Siedlungen in Palästina schufen eine Gesellschaft (und vor allem eine Wirtschaft), die völlig losgelöst von den bestehenden Menschen und der Kultur der Region war. Ich schreibe „die ersten zionistischen Siedlungen” und nicht „die ersten jüdischen Siedlungen”, weil Juden schon immer in Palästina gelebt haben, auch ziemlich aktiv im 19. Jahrhundert vor dem Zionismus.

Das Osmanische Reich hat religiösen Minderheiten zwar keine vollen und gleichen Rechte gewährt, aber es war wesentlich freundlicher zu Juden als Europa. Als die Juden 1492 von der Iberischen Halbinsel vertrieben wurden, waren es die Osmanen, die sie aufnahmen. Auch schwule Männer flohen aus Europa ins Osmanische Reich, weil die muslimische Gesellschaft Homosexualität wesentlich toleranter gegenüberstand als das christliche Europa. (Das Osmanische Reich verdient eine eigene Kritik, auf die ich in meinen Episoden über den Widerstand gegen den Völkermord an den Armeniern ausführlich eingegangen bin.

Ich glaube nicht, dass ich es so gut ausdrücken kann wie die jüdischen Antizionisten, und wahrscheinlich hast du in den letzten Jahren schon oft darüber gelesen, aber wir dürfen niemals, niemals zulassen, dass Judentum oder Jüdischsein mit Zionismus gleichgesetzt werden. Das ist genau das, was sowohl Zionisten als auch Antisemiten (und die gar nicht so seltenen antisemitischen rechten christlichen Zionisten) wollen.

Das beste Buch, das ich persönlich über die Geschichte des zionistischen Projekts gelesen habe, ist „The Hundred Years’ War on Palestine“ von Rashid Khalidi.

Ich nehme an diesem Memoirenkurs von Raechel Anne Jolie teil, weil ich abstrakt gesehen versuche, eine Art Memoiren zu schreiben, und Raechel weiß, was sie tut. Für das Schreiben dieser Memoiren habe ich alte Tagebücher und alte Texte durchgesehen und viel über das halbe Jahr gelesen, das ich in Amsterdam verbracht habe.

Als ich in Amsterdam lebte (2005 und 2006), war ich mit vielen Israelis befreundet, weil viele israelische Anarchisten in Amsterdam lebten, weil sie sich weigerten, in der IDF/IOF zu dienen. Denn die Unterdrückung der Palästinenser hat nicht erst vor zwei Jahren begonnen.

Ich mache mir Gedanken darüber, mich auf die Erfahrungen dieser Israelis zu konzentrieren, weil sie in der Diskussion nicht mehr im Mittelpunkt stehen sollten als weiße Amerikaner in Diskussionen über die Dekolonisierung, die hier in Nordamerika genauso wichtig ist. Aber man kann sich nicht aussuchen, wo man geboren wird, und für mich war es durch die Bekanntschaft mit diesen Israelis in Amsterdam ziemlich einfach zu verstehen, dass Judentum und Zionismus zwei völlig verschiedene Dinge sind.

Ich kann dir von zwei jungen Männern erzählen, die beide Yoni hießen. Der eine Yoni war ein leidenschaftlicher anarchistischer Aktivist, prinzipientreu und organisiert. Als er zum Dienst in der IDF einberufen wurde, marschierte er in das Büro und sagte ihnen, dass er auf keinen Fall ein Gewehr in die Hand nehmen würde, um die Palästinenser zu unterdrücken. Er verbrachte einige Zeit im Gefängnis wegen seiner Dienstverweigerung und verließ dann das Land.

Der andere Yoni war der Typ, der mich auf Blind Guardian gebracht hat. Er liebte Chaos und Magie und erzählte mir, er sei der Schlagzeuger jeder Anarcho-Punk-Band in Israel, obwohl er Metal viel lieber mochte. Als er zum Militärdienst einberufen wurde, ging er zur IDF und sagte: „Klar, gebt mir eine Waffe. Ich will Menschen töten. Ich weiß nicht, wen ich töten werde. Vielleicht mich, vielleicht dich, aber gib mir eine Waffe.“ Die IDF entschied, dass sie den Chaosmagier Yoni nicht haben wollten.

Es wird dich nicht überraschen, dass ich mich mit Chaos Yoni besser angefreundet habe, obwohl die wichtigste Geschichte, die ich über ihn zu erzählen habe, die ist, dass ich ihm versehentlich mit einem Schlagstock auf das Ohr geschlagen habe, als wir mit der Schutzausrüstung herumspielten, die unsere Freunde von der Polizei geklaut hatten. Sein ganzes Ohr war etwa eine Woche lang lila und blau.

Ich kann dir auch von Tal erzählen. Ruhe in Frieden, Tal. Tal war eine israelische Anarchistin, die in Amsterdam lebte und jung an Krebs starb. Sie war ziemlich klein. Sie war mit einem Niederländer namens Sjoerd (ausgesprochen ungefähr „short“) zusammen, der sehr groß war. Ich fand das super witzig. Niemand sonst fand das lustig. Tal lebte in Amsterdam, weil sie nichts mit der israelischen Besetzung Palästinas zu tun haben wollte, aber sie fuhr fast jeden Monat mit Sjoerd zurück, um an den Protesten im Westjordanland teilzunehmen. Dort arbeiteten die beiden solidarisch – und als freiwillige menschliche Schutzschilde – für die Palästinenser im Westjordanland, die an einer der größten zivilen Ungehorsamskampagnen teilnahmen, die die Welt je gesehen hat, und bei jeder Gelegenheit mit Schüssen konfrontiert wurden.

Denn was man auch wissen und nicht vergessen sollte, wenn wir nun zwei Jahre dieses „Krieges“ hinter uns haben, ist, dass die Palästinenser verdammt noch mal alles versucht haben. Sie haben internationale Appelle versucht, sie haben massive gewaltfreie Kampagnen versucht, sie haben Hungerstreiks versucht, sie haben versucht, innerhalb des Systems zu arbeiten. In den 1990er Jahren, nach einem halben Jahrhundert des Kampfes, waren sie bereit, sehr, sehr erhebliche Kompromisse einzugehen, um eine Zwei-Staaten-Lösung zu akzeptieren. Aber das Angebot, das sie erhielten (ausgehandelt von Bill Clinton), war keine Zwei-Staaten-Lösung, sondern reine und unverhüllte Unterdrückung und Unterwerfung, und ihr Kampf ging weiter.

Wie auch immer, freies Palästina.

Quelle: Margaret Killjoy, 77 years and two years or: On Palestine, 08. Oktober 2025

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Übersetzung: Thomas Trueten [authorisiert]


All eyes on Gaza

Das Foto von © Björn Obmann zeigt einen Ausschnitt aus der Demo. Sichtbar sind eine Fahne der "Antikolonialen Aktion" eine Papptafel mit dem Text "Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht" sowie eine Tafel mit "Jüdische Mitbüger:innen wegen Israelkritik unter Extremismusverdacht?!? Wann hört die Freak-Show endlich auf?". Halb verdeckt ist ein Transparent mit dem Text: "Die Würde des Menschen ist antastbar" zu sehen.
Foto © Björn Obmann via Umbruch Bildarchiv
Unter dem Titel „All Eyes on Gaza – Stoppt den Genozid!“ demonstrierten am 27. September 100.000 Menschen in Berlin für ein Ende des Krieges in Gaza, für den Stopp deutscher Waffenlieferungen nach Israel und für einen ungehinderten Zugang humanitärer Hilfe für die Menschen im Gazastreifen. Ein Bündnis aus mehr als 50 Organisationen, Verbänden und Einzelpersonen hatten die Versammlung organisiert, darunter propalästinensische Gruppen, jüdische Aktivist*innen, Medico International, Amnesty International und die Partei Die Linke.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.

„In Gaza werden nach wie vor ganze Familien durch Bomben ausgelöscht und tagtäglich wahllos Zivilist:innen umgebracht, unter ihnen viele Kinder. Hungernde Menschen suchen an den wenigen israelisch kontrollierten Ausgabestellen nach Hilfe und finden dort stattdessen den Tod. Unabhängige humanitäre Hilfe und Versorgung wird durch Israel blockiert und verhindert. Fast die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens befindet sich auf der Flucht.

Das Vorgehen der israelischen Regierung wird von Expert:innen und internationalen Organisationen seit Langem als Genozid beschrieben und vom Internationalen Gerichtshof als solcher untersucht. Während jede:r sehen kann, wie die israelische Armee Massengräuel in Gaza verübt, leugnet die Bundesregierung die systematische Gewalt.

Wir wollen die deutsche Komplizenschaft beenden und gegen die sogenannte Staatsräson auf die Straße gehen! Wir fordern von der Bundesregierung und dem Deutschen Bundestag:
  • Beenden Sie jegliche militärische Kooperation mit Israel. Dazu gehören Import, Export und Transit von Waffen, Munition und anderen Rüstungsgütern.
  • Nutzen Sie alle zur Verfügung stehenden Mittel, um den ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfe nach den anerkannten humanitären Prinzipien sowie einen sofortigen und dauerhaften Waffenstillstand für Gaza zu erreichen.
  • Setzen Sie sich für ein Ende der seit Jahrzehnten andauernden Vertreibung und der illegalen Besatzung des palästinensischen Gebiets ein.
  • Unterstützen Sie die internationale Gerichtsbarkeit ohne Einschränkungen und setzen Sie ihre Entscheidungen vollständig um.
  • Setzen Sie sich für die Freilassung aller Opfer von Kriegsverbrechen ein, die sich als illegal Inhaftierte zu Tausenden in israelischen Gefängnissen und zu Dutzenden in Geiselhaft in Gaza befinden.
  • Setzen sie sich für die Verwirklichung des Rechts auf individuelle und kollektive Selbstbestimmung und Gleichberechtigung der Palästinenser:innen ein.
  • Schützen Sie die Rechte auf Meinungs-, Versammlungs- und Wissenschaftsfreiheit in Deutschland. Beenden Sie die Unterdrückung legitimer Proteste und freier Meinungsäußerung der Palästina-solidarischen Bewegung.

Wir verurteilen alle Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen, unabhängig davon, ob sie von israelischen oder palästinensischen Akteur:innen begangen werden. Für uns gelten das Völkerrecht und die Menschenrechte immer und für alle. Angesichts der Massentötungen in Gaza und der systematischen Zerstörung richten wir unsere Hauptkritik aber an die israelische Regierung und ihre Unterstützer:innen.“
(Aufruf zur Veranstaltung)

Weitere Ereignisse zu diesem Thema

Weitere Fotos im alten Bildarchiv (1980 - 2018)

Links



Wie lange noch?!

Rede von Sebastian Schröder auf der Mahnwache und Kundgebung „Freiheit für Palästina“ am 4. Oktober 2025 in Wuppertal

Hallo

Mein Name ist Sebastian Schröder.

Ich bin in der Palästina-Solidarität aktiv und möchte heute über unsere Wuppertaler Partnerstadt Beʾer Scheva sprechen.

Über einen rassistischen Vorfall wird in der israelischen Zeitung Haaretz vom 25. September 2024 berichtet. Ich zitiere den Originaltext in einer Übersetzung aus dem Englischen:

„Israel flößt seinen Kindern die Werte des Mobs ein
Zilberman High School in Be’er Sheva.

Stellen Sie sich Dutzende von Schülern in einer Schule vor, die ein 12-jähriges arabisches Mädchen aus der 7. Klasse umringen und laut „Dein Dorf soll brennen“ singen. So geschah es letzte Woche in der Zilberman-Schule in Be’er Sheva, nachdem das Mädchen es gewagt hatte, während einer Klassendiskussion Mitgefühl für die Kinder von Gaza auszudrücken (Haaretz, 24. September).
Und was tat die Schule daraufhin? Sie suspendierte das Mädchen. Und das Bildungsministerium? Es stützte die Suspendierung. Und die Eltern der anderen Schüler an der Schule? Sie forderten in einer WhatsApp-Gruppe, dass sie vom Unterricht ferngehalten wird. Und die Gemeinde? Nun, die stellvertretende Bürgermeisterin schlug vor, ihrer gesamten Familie die Staatsbürgerschaft zu entziehen.“

Das Foto zeigt eine Frau die einem Jungen anlächelt, beide spielen während des Protestes auf Trommeln.
Protest von Frauen gegen die Vertreibung der Beduinen, Beʾer Scheva, Israel, 21.3.2012
Fotograf: Keren Manor / Activestills
Der Text lautet im folgenden:
„Das Mädchen erzählte Haaretz, dass sie in der Diskussion im Klassenzimmer sagte, dass Kinder in Gaza an Hunger leiden und sterben. Als der Unterricht zu Ende war, begannen die anderen Schüler in der Klasse, sie anzugreifen, beschuldigten sie, die Hamas zu unterstützen, beschimpften sie und sangen „Dein Dorf sollte brennen“. Diese Mob-Kultur ist gut etabliert: Videos von der Schule wurden in den sozialen Medien gepostet, und die Reaktionen, die zur Gewalt aufriefen, haben ihren Zweck erfüllt.“

Weiter heisst es:
„Der Vater des Mädchens erzählte, dass „sehr schnell die Schüler anfingen, sich um sie zu scharen“ und dass „der Lehrer einfach wegging und das Mädchen sich gegen die Schüler wehren ließ, bis ein anderer Lehrer kam, die Situation sah und sie zur Direktorin brachte.“ Die Direktorin ihrerseits alarmierte den Vater und teilte ihm mit, dass seine Tochter für mehrere Tage suspendiert werde, „um zu verstehen, woher die Winde wehen“ und um seine Tochter vor Angriffen und Belästigungen zu schützen. Der Vater beschloss, auch seine zweite Tochter zu Hause zu behalten, aus Angst, dass sie belästigt werden würde, und er sagte, dass andere arabische Schüler an der Schule das Gleiche taten. Das Bildungsministerium berichtete, dass beschlossen wurde, das Mädchen aufgrund ihres Verhaltens von der Schule fernzuhalten, bis die Angelegenheit vollständig geklärt ist, und um Reibereien zwischen ihr und den anderen Schülern zu vermeiden.“

Die Übersetzung lautet weiter:
„Der Vorfall an der Zilberman-Schule ist ein weiterer Beweis dafür, dass sich in der Gesellschaft und im Land beunruhigende Entwicklungen vollziehen und dass der Krieg nur dazu beigetragen hat, sie zu beschleunigen. Jedes Glied in der Kette der Ereignisse und alle Beteiligten – Erwachsene und Kinder, auch auf privater, institutioneller, bildungsbezogener, kommunaler und nationaler Ebene – sind davon betroffen. Ein 12-jähriges Mädchen äußerte ihre Meinung während einer Diskussion in der Klasse. Sie ist dem Mobbing in der Gruppe überlassen und wenn Erwachsene so freundlich sind, einzugreifen, finden sie es angemessen, sie zu suspendieren.“

Weiter heisst es:
„Die Schule hat kläglich versäumt, das Mädchen zu verteidigen, und mit ihrer Entscheidung, sie zu suspendieren, unterstützt sie tatsächlich das Mobbing-Verhalten der anderen Schüler und vermittelt Werte, die die politische Verfolgung, die jüdische Vorherrschaft (dass jüdische Kinder angeblich alles über Araber sagen dürfen, während Araber sich nicht politisch äußern dürfen), Gruppenmobbing und Mob-Attacken unterstützen.

In einem ordentlich geführten Land wäre die richtige Adresse, um dieses Unrecht zu korrigieren, der Bildungsminister gewesen. In Israel ist das Yoav Kisch, ein erwiesener politischer Gesetzesbrecher und Teil einer rassistischen, nationalistischen Regierung. Man würde hoffen, dass jemand im Bildungsministerium, in der Gemeinde oder in der Schule zur Vernunft kommt und diese Schülerin schützt.“
Zitat Ende

Eine Wuppertalerin hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Wuppertal über diesen schlimmen Vorfall informiert und gebeten, sich dazu zu äußern. Aber die Lehrer*innen-Gewerkschaft GEW schweigt gegenüber diesem Verbrechen, das sich in jeder Schule in Beʾer Scheva wiederholen kann.

In Wuppertal ist dieser pogromartige Angriff auf ein zwölfjähriges palästinensisches Mädchen kein Thema – nein, es ist sogar noch schlimmer: im Lokalteil der Westdeutschen Zeitung vom 9. August 2025 kommen israelische Einwohner*innen von Beʾer Scheva mit Wurzeln in Elberfeld zu Wort. Sie sagen zur beduinischen Minderheit : „in einem Kindergarten werden (.) auch beduinische Kinder betreut (.) und alle gleich behandelt“.

Aber die Wirklichkeit ist eine andere.

Beduinen und Unterstützer protestieren gegen den Prawer-Plan, eine Regierungsmaßnahme, die darauf abzielt, Beduinen aus ihren nicht anerkannten Dörfern weiter zu vertreiben und sie in städtischen Gemeinden zu konzentrieren. Beʾer Scheva, Israel, 6. Oktober 2011.
Protest gegen den Prawer-Plan, Beʾer Scheva, Israel, 6.10.2011
Fotograf: Keren Manor
Die indigene beduinische Bevölkerung wird von der israelischen Mehrheitsbevölkerung separiert, sie haben nicht die gleichen Rechte, und immer wieder wird versucht, sie aus den Dörfern zu vertreiben. Bei Wikipedia heisst es:“Während des Palästinakrieges von 1948 ist ein Großteil der (…) Beduinen geflohen oder wurde vertrieben. Eine weitere Vertreibung von etwa 10.000 Beduinen aus der Region von Beʾer Scheva und Al-Auja (Jericho) in Richtung des Sinai folgte 1950. Ein großer Teil des Negev wurde staatliches bzw. militärisches Gebiet, und die Beduinen wurden auf ein reservat-ähnliches Gebiet im Nordosten des Negev umgesiedelt, das 10 Prozent der der Fläche (..) ausmacht.“

Am 18. September haben tausende Beduin*innen in Beʾer Scheva gegen die Zwangsvertreibungen demonstriert. Unter der aktuellen faschistischen Regierung wurden bereits 4.450 Zwangsräumungen durchgeführt. Ein Tag vor der länger geplanten Demonstration haben die israelischen Polizeikräfte die Bewohner*innen des Dorfes Al Sir gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Die Hausbeitzer*innen mussten ihre eigenen Häuser abreissen -wenn sie dies nicht getan haben, haben sie eine Strafzahlung vom israelischen Staat bekommen. Die brutalen und rassistischen Vorgänge sind auf Instagram bei standing.together.english und negevrcuv dolumentiert.

In Wuppertal wird zu den Vertreibungen der Beduin*innen geschwiegen.

In Wuppertal wird zur strukturellen rassistischen Gewalt an den Schulen in Beʾer Scheva geschwiegen.

In Wuppertal wird zu den Kriegsverbrechen des Shimon Tobol, des ehemaligen stellvertretenden Bürgermeisters von Beʾer Scheva, geschwiegen.

Wie lange noch?!

„Die Negev ist für alle!“.

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Keren Manor / activestills.org

Erstveröffentlichung bei njuuz - News für Wuppertal