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Mißbrauch in der US-Armee

Jürgen Heiser berichtete in der Tageszeitung junge welt vom 17.07.2006

Kein Einzelfall: Die US-Soldatin Suzanne Swift ist in einem Militärgefängnis inhaftiert, weil sie vor ihren Vergewaltigern floh



Die US-Soldatin Suzanne Swift hat am vergangenen Samstag ihren 22. Geburtstag gefeiert - in der Arrestzelle der Fort-Lewis- Militärbasis im US-Bundesstaat Wa­shington. Der jungen Soldatin wird »unerlaubtes Entfernen von ihrer Einheit« vorgeworfen. Doch das hat einen Grund.

Swift war im aktiven Dienst in Irak von drei Mitgliedern ihrer Einheit vergewaltigt worden. Nach ihrer Rückkehr im Februar 2005 zeigte sie ihre Vergewaltiger zwar an, doch die Militärführung ignorierte die Meldung. Als Swift im Januar dieses Jahres wieder nach Bagdad verlegt werden sollte, leistete sie dem Einsatzbefehl daher nicht Folge und blieb bei ihrer Mutter im Bundesstaat Oregon. Am 11. Juni wurde sie dort festgenommen und nach Fort Lewis überstellt. Bis zur Untersuchung ihres Falles soll sie im Arrest bleiben. An ihrem 22. Geburtstag nun demonstrierten Unterstützer für ihre Freilassung.

Swift erklärte gegenüber der Presse, die drei Sergeants hätten sie vom Beginn ihres aktiven Dienstes an im Visier gehabt. »Wenn du als Soldat dort drüben bist, dann bist du weniger wert als Dreck«, erklärte Swift, »aber als Soldatin, als Frau, ist es noch schlimmer.« Sara Rich, die Mutter der Inhaftierten, beklagt indes eine Informationssperre der Armee. Sie bekommt keinerlei Informationen über den Stand der Ermittlungen.

Obwohl der Fall auch über die Landesgrenzen der USA hinaus Aufmerksamkeit erregt hat, werden sexuelle Übergriffe in der Besatzungsarmee meist verheimlicht. »Was Swift geschehen ist, ist kein Einzelfall«, bestätigt Anita Sánchez von der Miles Foundation, einer Nichtregierungsorganisation, die Opfern von Gewalt im Militärdienst zur Seite steht. »Es gibt eine ganze Reihe von jungen Frauen, die wegen >unerlaubten Entfernens< gesucht werden, sich in Wahrheit aber wegen der sexuellen Übergriffe in Behandlung begeben haben. Aber die meisten haben Angst, darüber zu sprechen«, sagt Sánchez.

Seit Herbst 2003 hat die die Miles Foundation 518 Fälle von sexueller Gewalt gegen Soldatinnen dokumentiert, die in Irak, Afghanistan, Bahrain oder Katar stationiert waren. Rund um die Uhr sind Nottelefone der Organisation besetzt, die oft von Gewaltopfern oder ihren Angehörigen genutzt werden. Anwälte und Begleiterinnen helfen den Frauen dabei, medizinische Erstversorgung zu bekommen, beraten sie über den offiziellen Beschwerdeweg und versuchen sie in der Regel, an sichere Orte zu bringen, wo sie weitere Unterstützung und medizinische und psychologische Behandlung erhalten.

Sánchez berichtet, eine Beraterin habe erst kürzlich den Anruf einer jungen Frau erhalten, die sich nachts in Panik aus der Grünen Zone von Bagdad meldete: »Ich bin eben vergewaltigt worden, aber ich habe nur noch zehn Minuten auf meiner Telefonkarte! Was soll ich tun?« Sie hatte Glück - durch direkte Intervention der Miles Foundation wurde die Soldatin mit einem Helikopter aus der Grünen Zone geflogen, über Kuwait schließlich nach Deutschland gebracht, von wo aus sie in die USA zurückkehren konnte.

Die Organisation Woman Veterans of America schätzt, daß neun von zehn Frauen in der Armee sexueller Gewalt ausgesetzt sind. Seit 2003 verlangt der US-Kongreß vom Verteidigungsministerium Rechenschaft über die aktenkundigen Fälle. Im Jahr 2005 wurden 2374 Fälle von sexuellen Übergriffen innerhalb der US-Armee weltweit angezeigt und untersucht. »Das ist ein Anstieg um 40 Prozent seit 2004«, erklärt Anita Sánchez. Dabei habe es bereits von 2003 bis 2004 einen Anstieg von 25 Prozent gegeben.

Dorothy Mackey, die während ihres Dienstes vor 1992 in der Luftwaffe selbst Opfer von Vergewaltigungen wurde, spricht die politische Dimension der Fälle an: »Die Regierung ist angeblich auch in diesen Krieg gezogen, um die systematischen Vergewaltigungen in Saddams Gefängnissen zu beenden«. Wenn aber die eigenen Soldaten vergewaltigt würden, bekämen die dafür Verantwortlichen durch die Untätigkeit der Militärführung auch noch einen Freibrief, so Mackey.

www.suzanneswift.org

Suzanne Swift kann in einer Onlinepetition unterstützt werden.

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