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"Ich fürchte mich vor dem Tag, an dem die Technologie unsere Menschlichkeit übertrifft. Auf der Welt wird es nur noch eine Generation aus Idioten geben." Albert Einstein

Dämpfer und Trommel


Theodor W. Adorno, Heidelberg 1964

Foto: Jeremy J. Shapiro
Lizenz: CC BY-SA 3.0

Geschmack ist der treueste Seismograph der historischen Erfahrung. Wie kaum ein anderes Vermögen ist er fähig, sogar das eigene Verhalten aufzuzeichnen. Er reagiert gegen sich selber und erkennt sich als geschmacklos.

Künstler, die abstoßen, schockieren, Sprecher der ungemilderten Grausamkeit lassen in ihrer Idiosynkrasie vom Geschmack sich leiten: das Genre Still und Fein jedoch, die Domäne der neuromantisch Nervösen, Sensiblen liegt selbst bei ihren Protagonisten als so derb und ahnungslos zutage wie der Rilkevers »Denn Armut ist ein großer Glanz aus Innen ...« Der zarte Schauder, das Pathos des Verschiedenseins sind nur noch genormte Masken im Kult der Unterdrückung. Gerade den ästhetisch avancierten Nerven ist das selbstgerecht Ästhetische unerträglich geworden. So durch und durch geschichtlich ist das Individuum, daß es mit dem feinen Gefädel seiner spätbürgerlichen Organisation gegen das feine Gefädel spätbürgerlicher Organisation zu rebellieren vermag. Im Widerwillen gegen allen künstlerischen Subjektivismus, gegen Ausdruck und Beseeltheit sträuben sich die Haare gegen den Mangel an historischem Takt, nicht anders als nur je der Subjektivismus selber vor den bürgerlichen Convenus zurückzuckte. Noch die Absage an die Mimesis, das Innerste Anliegen der neuen Sachlichkeit, ist mimetisch. Das Urteil über den subjektiven Ausdruck wird nicht von außen gefällt, in politisch-gesellschaftlicher Reflexion,

sondern in unmittelbaren Regungen, deren jegliche, im Angesicht der Kulturindustrie zur Scham gezwungen, ihr Antlitz abwendet von ihrem Spiegelbild. Obenan steht die Verfemung des erotischen Pathos, von der die Verschiebung der lyrischen Akzente nicht weniger Zeugnis ablegt, als die unter einem kollektiven Bann stehende Sexualität in den Dichtungen Kafkas. In der Kunst seit dem Expressionismus ist die Hure zur Schlüsselfigur geworden, während sie in der Realität ausstirbt, weil einzig an der Schamlosen das Geschlecht ohne ästhetische Beschämung noch gestaltet werden kann. Solche Verschiebungen der tiefsten Reaktionsweise haben es dahin gebracht, daß Kunst in ihrer individualistischen Gestalt verfiel, ohne daß sie als kollektive möglich wäre. Es steht nicht bei der Treue und Unabhängigkeit des einzelnen Künstlers, unbeirrt an der Sphäre des Expressiven festzuhalten und dem brutalen Zwang der Kollektivierung sich entgegenzusetzen, sondern er muß diesen Zwang noch in den geheimsten Zellen seiner Isoliertheit, und wäre es gegen seinen Willen, verspüren, wenn er nicht durch anachronistische Humanität hinterm Inhumanen unwahr und hilflos zurückbleiben will. Selbst der intransigente literarische Expressionismus, die Lyrik Stramms, die Dramen Kokoschkas zeigen als Kehrseite ihres echten Radikalismus einen naiven, liberal-vertrauensvollen Aspekt.

Der Fortschritt über sie hinaus aber ist nicht weniger fragwürdig. Kunstwerke, die wissend die Harmlosigkeit der absoluten Subjektivität beseitigen wollen, erheben damit den Anspruch einer positiven Gemeinsamkeit, die nicht in ihnen selbst gegenwärtig, sondern willkürlich zitiert ist. Das macht sie zum bloßen Sprachrohr des Verhängnisses und zur Beute der letzten Naivetät, die sie aufhebt, der, überhaupt noch Kunst zu sein. Die Aporie der verantwortlichen Arbeit kommt der unverantwortlichen zugute. Gelingt es einmal, die Nerven ganz abzuschaffen, so ist gegen die Renaissance des Liederfrühlings kein Kraut gewachsen, und der Volksfront vom barbarischen Futurismus bis zur Ideologie des Films steht nichts mehr im Wege.

Theodor W. Adorno - Minima Moralia