Foto: Doaa Albaz/Activestills 19. Juli 2025.
„Waid hat während der Schwangerschaft viele Haare verloren und hatte schreckliche Knochenschmerzen.“
Waid litt auch unter der langen Einwirkung von Holzrauch, der zum Kochen verwendet wurde, und dem allgegenwärtigen Staub und Schutt von den israelischen Bombardements in der Nähe, da sie in ihrem Haus im Stadtteil Al-Daraj im Osten von Gaza-Stadt Zuflucht gesucht hatten. „Sie haben unser Viertel dreimal angegriffen“, erklärte Draimli.
In den ersten Monaten seines Lebens war Zains Gesundheitszustand sehr labil. Waid hatte aufgrund ihrer eigenen schlechten Ernährung Probleme mit dem Stillen, und Säuglingsnahrung war knapp. Der Säugling weinte ununterbrochen: Er hatte Schmerzen und oft hohes Fieber. Draimli erinnert sich, dass er kurz nach seiner Geburt „17 Tage lang im Krankenhaus der [Patient Friend’s Benevolent Society] blieb und über eine Infusion ernährt wurde. Die Ärzte entließen ihn schließlich, aber sein Fieber kam immer wieder zurück.“
Foto: Ahmed Ahmed, 20. Juli 2025
Ende März verschlechterte sich Zains Zustand. Am 17. Juli begannen seine Organe zu versagen. Waid brachte ihn ins Krankenhaus, wo die Ärzte ihn an ein Beatmungsgerät anschlossen.
„Wir dachten, es wäre wie all die anderen Male“, erklärte Draimli.
„Aber nur wenige Minuten später starb er. Waid rief mich an, und ich brach zusammen. Als ich im Krankenhaus ankam, lag sie immer noch auf dem Boden und umklammerte seinen Körper.“
Seit Beginn des Krieges Israels im Oktober 2023 sind laut Angaben des Gesundheitsministeriums von Gaza mindestens 122 Menschen, darunter mehr als 83 Kinder, in Gaza an Hunger gestorben – 54 davon allein seit Montag. Mittlerweile haben mehr als 100 internationale Hilfsorganisationen davor gewarnt, dass Gaza vor einer „Massenhungersnot“ steht. Die UNO berichtet, dass jedes fünfte Kind in Gaza-Stadt unterernährt ist und die Zahl der Fälle täglich steigt.
Trotz der seit Ende Mai nur eingeschränkten Einreise von humanitären Hilfsgüter-Lkw haben die anhaltenden israelischen Angriffe auf Zivilisten, die an den Standorten der Gaza Humanitarian Foundation (GHF) Hilfe suchen, in Verbindung mit der Behinderung humanitärer Organisationen, die versuchen, lebensrettende Hilfe zu leisten, die Zahl der Todesopfer weiter in die Höhe getrieben und die Mehrheit der Bevölkerung ohne Zugang zu Nahrungsmitteln zurückgelassen.
„Die Hungersnot verschärft sich und breitet sich im gesamten Gazastreifen aus, zeitgleich mit der vollständigen Schließung aller Grenzübergänge durch die israelische Besatzungsmacht seit 145 Tagen“, schrieb das Medienbüro der Regierung in Gaza gestern in einer dringenden Erklärung. „Wir rufen alle Länder der Welt ohne Ausnahme dazu auf, die Blockade sofort zu beenden, die Grenzübergänge dauerhaft zu öffnen und die Einfuhr von Babynahrung und Hilfsgütern für mehr als 2,4 Millionen Menschen, die im Gazastreifen festsitzen, zu ermöglichen.“
Wie so viele in Gaza starb Zain an einer Kombination aus vermeidbaren Komplikationen, die alle durch den Mangel an Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung verschlimmert wurden. „Er war alles für mich und meine Frau. Er war das Licht unseres Hauses“, sagte Draimli. „Ich hoffe, dass kein Kind auf dieser Welt so stirbt wie mein Sohn.“
„Alles tut weh vor Hunger“
Ab dem 19. Juli gingen Hunderte Palästinenser auf die Straßen von Gaza – Männer und Frauen, Jung und Alt –, um gegen das Schweigen der Welt angesichts der Massenhungersnot durch Israel zu protestieren.Foto: Ahmed Ahmed, 19. Juli 2025
„Manchmal kann ich mir nur 100 Gramm leisten, gerade genug, um ein einziges Stück Brot für meine 6-jährige Tochter Mira zu backen“, fügte sie hinzu. „Sie weint fast den ganzen Tag und fragt oft, ob ich noch mehr backen kann, ohne zu wissen, dass ihr Vater und ich ihr unseren Anteil abgeben. Es ist einfach nichts mehr da.“
Im Mai, nach einer Reihe von Bombenangriffen auf ihr Viertel in Beit Lahiya, bei denen zehn ihrer Nachbarn ums Leben kamen, erlitt Maroufs Mann Ali auf der Flucht aus einem Zelt, das auf den Trümmern ihres zerstörten Hauses errichtet worden war, eine schwere Beinverletzung. Da er nun nicht mehr laufen kann, lastet die tägliche Last des Überlebens vollständig auf Marouf: Sie muss Feuerholz sammeln, Wasser holen und nach Essen suchen.
Jeden Tag läuft sie stundenlang herum, in der Hoffnung, eine Hilfsorganisation zu finden, aber meistens kommt sie mit leeren Händen zurück. Das bescheidene Gehalt ihres Mannes von 1.200 NIS (360 Dollar) pro Monat ist jetzt völlig wertlos, weil die Lebensmittelpreise in Gaza auf ein unvorstellbares Niveau gestiegen sind.
Ein Kilo Mehl kostet jetzt 200 NIS (60 US-Dollar), Reis 180 NIS (54 US-Dollar), Linsen 100 NIS (30 US-Dollar), lokale Tomaten 80 NIS (23 US-Dollar) und Gurken 70 NIS (21 US-Dollar).
Selbst der Zugang zu ihrem Geld ist eine Herausforderung: Um Bargeld abzuheben, sind sie auf Mittelsmänner angewiesen, die 45 Prozent Provision verlangen, sodass der Familie nach Abhebung von 1.200 NIS nur noch 660 NIS bleiben. Bei den aktuellen Preisen reicht das kaum für eine Woche.
„Wir haben seit dem 17. Juli nichts mehr gegessen. Wir können uns auf den Märkten nichts leisten; einige Verwandte haben mir ein paar Linsen gegeben, die ich auf mehrere Tage aufgeteilt und meiner Tochter gegeben habe“, sagte Marouf. „Mira bittet mich ständig um eine Gurke oder eine Tomate. Aber selbst wenn ich eine kaufen könnte, wie könnte ich sie vor den anderen Kindern im Zelt essen lassen?“
Die Unterernährung hat auch Marouf schwer zugesetzt. „Mein Rücken, meine Knochen, meine Arme – alles tut mir weh vor Hunger“, sagte sie. „Ich gehe hungrig und erschöpft ins Bett.“ Am 12. Juli brach sie auf der Straße zusammen. Kaum noch in der Lage zu gehen, schleppte sie sich zum nahe gelegenen Red Crescent Hospital in der Nähe von Al-Saraya.
„Ich habe geweint und mich an die Wände gelehnt, um weitergehen zu können“, erinnert sie sich. Die Ärzte gaben ihr eine Infusion und diagnostizierten schwere Unterernährung sowie eine wahrscheinlich durch übermäßigen Verzehr von Linsen verursachte Darmerkrankung und eine bakterielle Mageninfektion.
Das Leben im Zelt, sagt sie, bringe ein ständiges Gefühl der Angst und Hilflosigkeit mit sich – sowohl wegen der ständigen Luftangriffe als auch wegen des Hungers. „Ich streite mich jeden Tag mit meinem Mann.
Wir stehen kurz vor der Scheidung; wir brechen unter der Last dieses Leidens zusammen.“
Marouf ist verzweifelt, ihre Tochter ernähren zu können, und erwägt, sich zu einem der sogenannten „Hilfsverteilungszentren“ der GHF zu begeben. Seit der Eröffnung von vier solchen Zentren im Süden und Zentrum Gazas Ende Mai wurden mindestens 1.026 Palästinenser bei dem Versuch, an Lebensmittel zu gelangen, getötet. Die meisten von ihnen wurden von israelischen Soldaten oder ausländischen Sicherheitskräften erschossen, die in der Nähe der Zentren stationiert waren.
„Ich wünschte, die Menschen außerhalb Gazas könnten unsere Hungersnot wirklich spüren. Vielleicht würden sie dann alles tun, um zu helfen. Wenn wir keine Lebensmittel bekommen und diese in den nächsten Tagen nicht an alle Familien verteilt werden, werden wir alle verhungern.“
„Der Tod ist würdiger als dieses Leben“
In Gaza bleibt fast niemand von den direkten oder indirekten Folgen des Hungers verschont. Doch es sind die Schwächsten – Kinder und ältere Menschen, deren Körper lange Zeit ohne Nahrung am wenigsten aushalten können –, die am stärksten gefährdet sind.Abdullah Abu Jalilah, 82, ein Nakba-Flüchtling aus dem Dorf Huj auf der anderen Seite des heutigen Zauns zwischen Gaza und Israel, lebt jetzt in einem provisorischen Zelt im Stadtteil Al-Saraya im Zentrum von Gaza-Stadt. Er teilt die beengte Unterkunft mit seiner Frau und zwölf seiner Kinder und Enkelkinder; seine beiden Häuser im Flüchtlingslager Jabalia wurden im Oktober 2024 durch israelische Luftangriffe zerstört.
Foto: Ahmed Ahmed, 18. Juli 2025
„Am Dienstag gab es eine Lebensmittelverteilung im Lager“, erinnert sich Abu Jalilah.
„Die Suppe schwappte wegen des Gedränges und Geschubses über die Leute. Ich bekam nur eine einzige Portion – nur etwas wässrige Brühe. Aber ich gab sie einem 10-jährigen Jungen, der weinte, weil er nichts bekommen hatte.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich in meinem Leben so hungrig, krank und müde sein würde“, fügte er hinzu. „Worte können diese Demütigung nicht beschreiben.
Der Tod ist würdiger als dieses Leben.“ Abu Jalilah war bis zu seiner Pensionierung vor 20 Jahren Angestellter der Palästinensischen Autonomiebehörde und lebte von seiner monatlichen Rente. Aber angesichts der steigenden Lebensmittelpreise und der hohen Gebühren, die Zwischenhändler allein für den Zugang zu Bargeld verlangen, ist das wenige Einkommen, das ihm noch bleibt, fast wertlos. „Wir brauchen mindestens 100 Dollar pro Tag, um ein halbes Stück Brot und ein paar Linsen zu kaufen“, sagte er. „
Normalerweise gebe ich meinen Anteil ab, damit meine Enkelkinder etwas zu essen haben. Sie weinen den ganzen Tag vor Hunger, bis sie vor Verzweiflung einschlafen.“
Während er sprach, weinten nicht nur seine eigenen Enkelkinder in der Nähe – aus allen Zelten in der Umgebung hallte das Weinen von Kindern. In Gaza sind die Schreie hungriger Kinder heute Teil des Alltags geworden.
Foto: Doaa Albaz/Activestills
„Israel setzt Entbehrung und Hunger als Waffe gegen unschuldige Menschen in Gaza ein“, fuhr er fort. „Was haben wir getan, um das zu verdienen? Wenn sie die Grenzübergänge nicht öffnen und keine Lebensmittel hereinlassen, werden wir alle bald sterben.“
„Israel will uns verhungern lassen“
Sara Marouf, 53, leidet unter extremem Hunger, Erschöpfung und Unterzuckerung. Sie lebt mit ihren vier Söhnen und deren Familien in einem provisorischen Zelt in der Omar Al-Mukhtar Street im Zentrum von Gaza-Stadt, nachdem israelische Luftangriffe im Dezember 2024 ihr Haus in Beit Lahiya im Norden Gazas zerstört haben.Wie viele andere vertriebene Familien mussten sie wegen israelischer Evakuierungsbefehle immer wieder fliehen. Aber während des größten Teils des Krieges, so Marouf, war ihr dringendster und unerbittlichster Kampf, die nächste Mahlzeit zu sichern.
„Mir ist die meiste Zeit schwindelig“, sagte sie gegenüber +972. „Letzte Woche bin ich zweimal ohnmächtig geworden. Meine Kinder haben mich in eine nahe gelegene Gesundheitsklinik getragen.
Die Ärzte sagten, mein Blutzucker sei gefährlich niedrig, weil ich nicht genug gegessen habe.“
Vor dem Krieg arbeiteten ihre Söhne als Bauern und Viehhändler. Aber während des Einmarsches der israelischen Armee in den Norden Gazas wurde ihr Land zerstört, ihre Ernte vernichtet und alle ihre Ziegen getötet oder starben an Hunger.
Foto: Ahmed Ahmed, 18. Juli 2025
Ihr 20-jähriger Sohn Bilal, Vater von drei Kindern, hat sich dreimal mit Freunden in die Nähe des Netzarim-Korridors gewagt, in der Hoffnung, Hilfsgüter aus humanitären Lastwagen abzufangen.
„Einmal hat er es geschafft, einen 25-Kilo-Sack Mehl aus einem Lkw zu klauen“, erinnert sich Sara. „Aber Banditen haben ihn aufgehalten und gedroht, ihn zu erstechen, wenn er ihnen den Sack nicht gibt. Also hat er ihn ihnen gegeben.
Ich habe ihn davon abgehalten, noch mal zurückzugehen. Es ist zu gefährlich – israelische Soldaten schießen auf Menschen, und lokale bewaffnete Banden machen Jagd auf diejenigen, die versuchen zu überleben“, sagt sie.
„Israel will uns in Gaza verhungern lassen“, fügt sie mit fester, aber müder Stimme hinzu. „Wir sind nicht die Hamas. Warum sollten unsere Kinder verhungern?“
Quelle: Ahmed Ahmed 25. Juli 2025 in +972magazine: ‘Death has more dignity than this life’: Israel’s starvation campaign ravages Gaza
Ahmed Ahmed ist ein Pseudonym für einen Journalisten aus Gaza-Stadt, der aus Angst vor Repressalien anonym bleiben möchte.
Übersetzung: Thomas Trueten [Nicht authorisiert]
Fotos: ActiveStills (mit freundlicher Genehmigung), Ahmed Ahmed via +972magazine
+972 Magazine ist ein im August 2010 von einem Kollektiv palästinensischer und israelischer Journalisten und Bloggern gegründetes unabhängiges, gemeinnütziges, linkes Online-Magazin mit Sitz in Israel und mit Mitarbeitern im Westjordanland und im Gazastreifen.






