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»Ein Kind, das an Leib oder Seele darbt, ist ein größerer Vorwurf gegen die Menschheit als alle Feindschaft und alle Niedertracht der Welt!« Erich Mühsam,

Dresden: Polizeilicher vorauseilender Gehorsam

In Dresden hat die Polizei im vorauseilendem Gehorsam den Job von Nazis und PEGIDA erledigt. Ohne Gerichtsbeschluss bzw. auf diesen zu warten, wurde nun das Camp auf dem Theaterplatz abgebaut:

"Gegen 8:30 kamen Polizei und Ordnungsamt am Camp an und erklärten, nicht auf die Entscheidung des Gerichtes zum Verbleib der Zelte und Toiletten im Camp warten zu wollen. Wir wurden angewiesen, alle Aufbauten vom Theaterplatz zu entfernen, andernfalls würde dies von der Polizei durchgeführt.

Nach den gestrigen Angriffen von Neonazis und PEGIDA Anhängern auf das Camp ist es symbolträchtig, dass die Polizei heute morgen nun deren Arbeit vollendet. Monatelange wurde PEGIDA auf dem Theaterplatz Raum gegeben ihr rassistisches Gedankengut in der Gesellschaft zu verbreiten. Für Menschen die Rassismus und Diskriminierung seitens des Staates und konservativer Teile der Gesellschaft benennen scheint hingegen kein Platz zu sein." (Pressemitteilung Refugee Struggle Camp Dresden vom 3. März 2015)

Statement der Gefluechteten des Refugee Struggle Dresden nach den Angriffen von Pegida-Unterstuetzer_innen und Neonazis

Heute Abend versuchten ueber 300 Pegida Unterstuetzer_innen und Neonazis in Dresden das Refugee Struggle Camp im Stadtzentrum von verschiedenen Seiten anzugreifen. Nach dem Ende der Pegida Demonstration am Neumarkt gegen 20.45 Uhr bewegte sich ein grosser Mob Richtung Theaterplatz.

Mit rassistischen und nationalistischen Rufen wie "Deutschland den Deutschen" und "Geht doch zurueck in euer Land" kamen die feindlich gesinnten Gruppen mit der klaren Absicht zur Konfrontation Richtung Camp. Zu diesem Zeitpunkt waren immer noch mehrere hundert Menschen nach dem auf den Theaterplatz verlegten Postplatzkonzert zur Unterstuetzung des Refugee Struggle um das Camp versammelt.

Wir moechten darauf hinweisen, dass dieser Angriff eine klare Aussage ueber das Wesen der Pegida Bewegung ist. Sie versuchen eine Atmosphaere der Angst in der Gesellschaft zu verbreiten, die dafuer sorgt, dass Angriffe und Belaestigungen begruesst werden. Davon betroffen sind alle, die anders sind als sie, vor allem Refugees. Es ist klar, dass es keinen Dialog mit einer Bewegung geben kann, die diesen Hass auf unseren Strassen verbreitet.

Aus der Situation heute wird ersichtlich, dass weder Polizei noch staatliche Autoritaeten Kontrolle ueber den rassistischen Mob auf Sachsens Strassens haben. Sie müssen sich des Sicherheitsrisikos bewusst werden, das von den Pegida- Anhänger_innen ausgeht und angemessen reagieren.

Unser Anwalt versucht derzeit mit der Polizei zu verhandeln und fordert diese auf das Protestcamp die kommende Nacht zu schuetzen. Besonders angesichts der Moeglichkeit von Angriffen durch Holigans nach dem Fussballspiel von Dynamo Dresden gegen Borussia Dortmund ist dies von Noeten.

Wir sind hier um gegen die Probleme und die Situation der Non-Citizens zu protestieren und fordern die einzige uns ersichtliche Loesung: gleiche Buerger_innenrechte! Jedoch werden unsere friedlichen Proteste jeden Tag gefaehrdet. Die bedrohliche und aggressive Stimmung nach diesen 3 Tagen und insbesondere nach den Angriffen von Montag machen einen demokratischen Protest so gut wie unmoeglich.

Deshalb denken wir, dass nun der Zeitpunkt fuer Parteien, Politiker_innen, den Stadtrat, den Landtag und die Gewerkschaften gekommen ist, sich fuer eine Seite zu entscheiden und fuer ihre Position einzustehen.

"Hört ihr von Fürsten, fragt nach den Untertanen ..." Zur Neuinszenierung der "Bauernoper"

Guerre des Paysans Freyheit 1525
Man kann es dem Ensemble der Württembergischen Landesbühne Esslingen unter der Leitung von Pavel Mikulastik gar nicht hoch genug anrechnen, dass es dieses Stück nach 40 Jahren in neuer Inszenierung wieder auf die Bühne gebracht hat, gegen den Zeitgeist der angeblichen Alternativlosigkeit, die Zeitlosigkeit der Rebellion, des großen Aufbegehrens der Bauern in der ersten deutschen Revolution gesetzt hat.

Besonders die Songs bzw. Lieder, engagiert von den Schauspielern vorgetragen, entfalten immer noch den Geist der Revolte.

Auch mit großem Körpereinsatz wird der deutsche Bauernkrieg ins Szene gesetzt, in der Ausstattung mit teils opulenten Kostümen ist das Stück vielleicht ein bisschen zu gefällig.

Diese Tendenz zu einer gefälligen Unverbindlichkeit hat aber tiefere Ursachen:

Tatsächlich ist die "Bauernoper" ja nicht "zeitlos", sondern wirkt im Kontext der gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der sie aufgeführt wird. Zu dieser Wirklichkeit müssen sich Stück und Ensemble aber positionieren, soll das Stück nicht zum historischen Bilderbogen erstarren.

Yaak Karsunke hat das für die 1973iger Aufführung in der Inszenierung von Roland Gall konzentriert im Prolog und im "Nachspiel" versucht.

Aus dem Prolog der Tübinger Aufführung (der nicht identisch ist mit der im Rotbuch 158, 1976 veröffentlichten Version) wurde in Esslingen folgende Passage gestrichen:

"Wir glauben, dass ihr Bürger seid
drum stoßen wir euch heute Bescheid
und wollen euch vor allem mahnen:
Hört ihr von Fürsten, fragt nach den Untertanen!
Über die steht in Büchern meist wenig drin
und das wenige ist noch im Obrigkeitssinn,
geschrieben, um euch ruhig zu halten.
Denn kriegt ihr auf der Stirn erst mal Falten
vom Grübeln über den Lauf der Welt
kann sein, das da mancher drüber stolpert und fällt,
der jetzt noch ruhig oben sitzt,
während ihr unten schuftet und schwitzt
- wie damals!"

Das Problem ist nicht diese Streichung, das Problem ist die Leerstelle, die dadurch entsteht und die nicht gefüllt wird, indem versucht wird, das Stück in die heutige gesellschaftliche Realität einzuordnen und dem Zuschauer so den Zugang zu erleichtern.

Das Nachspiel der Tübinger Aufführung wurde komplett gestrichen, so endet das Stück abrupt mit einer angedeuteten "Spiel-mir-das-Lied-vom-Tod"- Version des 1525-Lieds über einem Berg hingemetzelter Bauern.
Abgesehen davon, dass diese "Regieidee" peinlich ist, wird der Zuschauer ratlos zurückgelassen, was er mit diesem Theaterabend denn nun anfangen soll.

Das Nachspiel der Tübinger Aufführung besteht aus einer kurzen Spielszene, in der der Truchsess in die Gestalt seines aktuellen Nachfahren wechselt (er zieht sich die Rüstung aus und streift einen Trachtenjanker über), der nach dem Motto "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute" sich in jovialem Ton darüber auslässt, dass auch nach 800 Jahren das Geschlecht derer von Waldburg-Zeil immer noch zu den größten Grundbesitzern Deutschlands gehört etc.

Darauf folgt der letzte Song:

"Die Herren sind nur oben,
weil es die unten gibt,
die immer nur drauf warten,
was den Herrn zu tun beliebt.
Da können sie lange warten: 450 Jahr
wenn sie sich einig wären,
wär das Problem längst klar:
Man muss sein Recht erkämpfen
einig gegen die Herrn,
dann dient der Reichtum uns allen
der Tag ist nicht mehr fern."

Um nicht missverstanden zu werden: Auch hier ist das Problem nicht die Streichung, sondern die ersatzlose Streichung.

Allerdings sollte bei der Suche nach einem "Ersatz" berücksichtigt werden, dass die Bauernoper der Tradition des Agitprop-Theaters folgt. Und zu einem Agitprop-Stück gehört nun mal die Botschaft und die Handlungsaufforderung an den Zuschauer am Schluss, wie das sprichwörtliche Amen in der Kirche.

Das mag man mögen oder nicht: Streichungen in der gezeigten Art, die den Agitprop-Charakter des Stückes quasi "entschärfen" wollen, laufen Gefahr, das Stück als Torso zurück zulassen oder als etwas, das weder Fleisch noch Fisch ist.

Es steht zu hoffen, dass die ausstehenden Aufführungen noch genügend Raum für das Ensemble zum Experimentieren lassen, um diesen Mangel zu beheben.

Ansonsten gilt: Unbedingt ansehen!
Die nächsten Vorstellungen in Esslingen:
6.,26. + 27.3.2015
11. + 24.4. 2015

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