Prominente Todestraktinsassen - und weniger prominente

Zunächst möchte ich an dieser Stelle Thomas einmal „Danke“ sagen dass er es mir ermöglicht hier zu bloggen. Des Weiteren möchte ich anmerken dass dieser Artikel für manche LeserInnen eine Provokation sein könnte – dies ist beabsichtigt, obgleich es im Respekt und der Achtung vor dem Gegenüber geschieht.

Im Herbst 2002 sah ich im Fernsehen den Spielfilm „Dead Man Walking“ – der Film basiert auf der wahren Geschichte von Sr. Helen Prejean, einer amerikanischen Nonne, die sich unversehens mit dem Thema „Todesstrafe“ konfrontiert sieht, als sich ein Todestraktinsasse an sie wendet mit der Bitte um Hilfe. Dieser Film hat mich aus verschiedenen Gründen sehr beeindruckt und ich begann mich näher mit dem Thema zu beschäftigen. Mir war klar, dass ich gegen die Todesstrafe war, aber über die Hintergründe wusste ich nur wenig. Gewiss, irgendwo war im Gedächtnis das Bild von Karla Faye Tucker gespeichert mit ihrem strahlenden Lächeln. Sie und ihr Fall (sie wurde 1998 hingerichtet) hatten also offensichtlich Eindruck hinterlassen – mir war damals nicht bewusst, dass auch nach ihrer Hinrichtung in diversen Bundesstaaten Hinrichtungen stattfanden.

Wie auch immer, ich begann mich also zu engagieren, ich wurde Mitglied bei ai und der Florida Support Group, und wenn mich auch persönliche Umstände mehrfach zwangen zu pausieren, so war ich im Prinzip doch immer irgendwie involviert.

Lange Zeit viel mir nicht auf, dass es Todestraktinsassen gibt, für die sich viele einsetzen, und andere, um die sich niemand kümmert. Dies fiel mir erst nach und nach auf, als Stanley „Tookie“ Williams hingerichtet wurde. Die Bilder sind mir in Erinnerung: Tausende demonstrierten in San Francisco für ihn, über mit Menschen übersäten Straßen fliegen Hubschrauber von Polizei und Fernsehsendern, der Bürgerrechtler Jesse Jackson setzte sich für ihn ein, die Schauspielerin Susan Sarandon, sogar der Rapper Snoop Dogg, der ansonsten sich, seinen Goldschmuck und Frauenkörper demonstriert, demonstrierte diesmal für Stanley Williams. Der Papst, die EU setzten sich ein, und wie wir wissen, verhielt sich Gouverneur Arnold Schwarzenegger entsprechend der allenthalben über ihn verbreiteten Meinung und ließ Williams hinrichten.

Bereits bei der Hinrichtung von Clarence Allen am 19.01.06 – ebenfalls in Kalifornien – gab es zwar internationale Proteste (Man musste den 76 Jahre alten, blinden Allen im Rollstuhl zur Hinrichtung bringen), aber die Zahl protestierenden vor San Quentin war schon beträchtlich kleiner.

Dann die Hinrichtung von Perrie Simpson am 20.01.06 in North Carolina. Er war wegen der Ermordung eines Priesters zum Tode verurteilt worden war. Bei seiner Hinrichtung 50 Demonstranten, von denen einige verhaftet worden waren weil sie versuchten das Gefängnisgelände zu erreichen.

Und dann, bei der Hinrichtung von Marvin Bieghler am 27.01.06 in Indiana demonstrierten die 25 Mitglieder der örtlichen Anti-Todesstrafen-Initiative gegen die Hinrichtung. Sonst niemand, kein Rapper, keine Schauspielerin, kein Papst, keine EU. Die internationale Welt hat davon keine Notiz genommen. Haben Sie die Bilder dieser beiden Männer schon einmal gesehen, damals davon in den Nachrichten gehört? Vermutlich nicht, wenn doch, war es ein Glücksfall. Ich hätte von diesen Hinrichtungen nichts gehört, wäre ich nicht Mitglied in den einschlägigen Mailinglisten zum Thema „Todesstrafe“.

Dass ich hier schreibe hat damit zu tun, dass ich in diesem Blog einen Kommentar auf einen Beitrag über Mumia Abu-Jamal hinterlassen habe. Sein Fall passt ins Klischee – ein Farbiger, politisch aktiv, wird wegen des Mordes an einem weißen Polizisten in einem umstrittenen Verfahren zum Tode verurteilt. Für ihn setzt man sich gerne ein. Gestern fand ich über Workers World einen Link Millions4Mumia. Ich habe aber noch keine Seite gefunden namens Millions4Thomas, die meinem Brieffreund Thomas Overton gewidmet ist – einem Doppelmörder. Oder Millions4Albert – für meinen Brieffreund Albert Holland, der im Kokainrausch versuchte eine Frau zu vergewaltigen und auf der Flucht einen Polizisten erschoss. Dies sind Fälle, da wird es schon schwieriger sich zu engagieren.

Natürlich sind „Gallionsfiguren“ wie Mumia Abu Jamal oder Stanley „Tookie“ Williams wichtig. Aber sie lenken nur für einen Moment den Blick auf das Thema „Todesstrafe“. Man geht dann zur Tagesordnung über. Auch im redblog (wo ich auch mal einen Kommentar hinterlassen hatte) habe ich bisher nur über Mumia Abu-Jamal gelesen, aber nie konkret über das komplette Problem des Systems der Todesstrafe. Warum? Passen die anderen über 3000 TodestraktinassInnen nicht ins politische Bild. Ist es für die Linke (so es denn DIE Linke überhaupt gibt) einfacher sich für diejenigen einzusetzen, die ins politische Bild passen?

Wenn dem so wäre, macht sie es sich zu einfach – sich und im übrigen auch den TodesstrafebefürworterInnen, die sich ohnehin dahingehend mokieren, dass ja eh alle „unschuldig“ im Todestrakt sitzen. Im Kampf gegen die Todesstrafe kann es aber nicht um politische Ansichten gehen oder um Schuld/Unschuld. Entweder man ist gegen die Todesstrafe, oder dafür. Ein „bisschen“ Todesstrafe für die „ganz Schlimmen“ kann und darf es nicht geben.

Alle Bilder: http://www.joachimkuebler.de

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DerGraf on :

es ist schon beeindruckend das es soviele Todeskandidaten gibt... Ich persönlich bin auch gegen die Todesstrafe aber auf die >Idee mich dagegen einzusetzen bin ich noch gar nicht gekommen. Wo ich auch auf jeden fall noch zustimme ist das Linke bei fast allem was sie machen nur die Seite sehen die für sie vorteilhaft ist ohne auch die schattenseiten zu beleuchten die sie in schlechtes licht stellen könnten, aber ich muss sagen Rechte sind auch nicht besser...
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Joachim on :

Hallo Graf,

nun, nur das zu sehen was vorteilhaft ist und das schlechte zu "vergessen" ist meiner Meinung nach weder eine linke noch eine rechte, sondern eine menschliche Eigenschaft. Daher kann ich Dir nicht so ohne weiters zustimmen.

Es fällt mir aber einfach auf, dass eben viel für Mumia Abu Jamal demonstriert wird, für die anderen eben nicht. Dies bedeutet für mich in letzter Konsequenz dass ich mich fragen lassen muß, ob ich - in diesem konkreten Fall - gegen die Todesstrafe und für Mumia Abu Jamal oder eben "nur" für ihn demonstriere.

Joachim
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redblog on :

lieber joachim, einspruch. auf meinem weblog kann man nicht nur etwas zu mumia lesen, sondern auch andere beiträge zur todesstrafe. ebenso konnte man auch solche beiträge schon auf trueten.de lesen. einfach mal die suchfunktion benutzen. wer schon einmal auf einer solidemo für mumia war, der weiss, dass dort nicht nur für mumia selber demonstriert wird, sondern auch für die generelle abschaffung der todesstrafe. daher ist es ein irrglaube, die linke setzte sich nur für mumia ein und andere todeskandidaten spielten keine rolle. zu sehen ist das auch beispielsweise darin, dass es innerhalb der linken auch eine klare ablehnung der todesstrafe in kuba gibt. wichtig ist es jedoch nicht nur, sich gegen die todesstrafe zu wenden. vielmehr muss man sich mit der knastindustrie beschäftigen. dann wird schnell klar, dass hier ein gravierendes politisches und soziales problem liegt. die vorgänge um die hotelerbin paris hilton zeigen, die ganze perversität des systems. das us-amerikanische rechtssystem dient u.a. auch dazu klassenstrukturen zu zementieren und teile der gesellschaft auszuschliessen. so zb. wenn man vorbestraften (egal welche delikte sie begangen haben) in miami verweigert an wahlen teilzunehmen. das war eine kurze und schnelle reaktion. eigentlich müssten die hier angeschnittenen themen noch ausführlicher abgehandelt werden.

zum abschluss noch ein literaturtip:
angela davis: eine gesellschaft ohne gefängnisse?. der gefängnisindustrielle komplex der usa, verlag schwarzerfreitag, berlin, isbn 3-937623-32-9
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Joachim on :

Hallo,

dass natürlich US-Justizsystem so ziemlich alles im argen liegt ist unbestritten - aber wie würdest jetzt DU zum Beispiel jemanden wie meinen Brieffreund Thomas Overton bestrafen: Er hat ein Ehepaar umgebracht, die Frau hat er vorher noch vergewaltigt, sie war im 8. Monat schwanger. Für das ungeborene Kind bekam er 15 Jahre, für die Eltern je einmal die Todesstrafe. (Ich schreibe das einfach auch deswegen so offen, weil man es über die Website des Florida Department of Corrections ohnehin herausfinden würde).

Wie würde jetzt - ich frage einfach aus Neugier - im Sinne deiner politischen Utopie(?) die richtige Strafe dafür aussehen?

Joachim
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karo doernemann on :

Sie haben ja so recht. wuerden Sie mich gerne kontakten? freundliche Grüsse
Karo Doernemann
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Berliner Mumia-Bündnis on :

Hallo, die Gründe, warum sich viele Mneschen z.B. für Mumia Abu-Jamal einsetzen, sind wesentlich zahlreicher. Er ist politischer Gefangener und scharfer Analyst der aktuellen politischen und sozialen Lage in den USA.
Es stimmt schon, dass das Thema Todesstrafe bei den wenigsten in der deutschen "Linken" konsequent zu Ende gedacht wird.
Aber es gibt da neuere Ansätze, dass zu ändern, siehe z.B. den Demoaufruf für die FREE MUMIA Demo am 13.12.08 in Berlin:
"(...) Kein Staat hat das Recht, Gefangene umzubringen (...)" oder auch "Freiheit für Mumia Abu-Jamal! Abschaffung der Todesstrafe weltweit"
Quelle

Insofern sehen wir diesen Blog nicht als "Provokation", sondern eher als Denkanstoss.
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bABYMOON on :

Super Beitrag wo viel Wahrheit durch dringt.
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