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Keine deutschen Truppen in den Libanon!

Interview mit Prof. Abdel-Raouf Sinno von der libanesischen Universität Beirut

Keine deutschen Truppen in den Libanon!



Über den bevorstehenden Bundeswehreinsatz im Libanon sprach german-foreign-policy.com mit Prof. Dr. Abdel-Raouf Sinno. Prof. Sinno ist Historiker und lehrt an der Université Libanaise in Beirut. Seit seiner Promotion (Deutsche Interessen in Syrien und Palästina 1841-1898, Berlin 1982) sind die deutsch-libanesischen Beziehungen ein Schwerpunkt seiner Forschungen. Prof. Sinno ist Mitherausgeber des Bandes "Der Libanon heute" (Trier 2000) und Autor zahlreicher Studien über äußere Einflussnahme in dem nahöstlichen Land, darunter "The Emperor's Visit to the East as Reflected in Contemporary Arabic Journalism" (in: Helene Sader, Thomas Scheffler und Angelika Neuwirth (Hg.): Image and Monument 1898-1998, Beirut 1998), "Der Konflikt der beiden deutschen Staaten während des Kalten Krieges 1953-1972 im Libanon" (in: Beiruter Blätter 6-7, 1998/1999) und "Noch keine Verschmelzung, sondern zerbrechliche Koexistenz. Der Libanon zu Anfang des 21. Jahrhunderts" (in: Libanon - Brüche und Aufbrüche in einer multireligiösen Gesellschaft. Tagung vom 25.-27.10.2002 in der Ev. Akademie Bad Boll)
german-foreign-policy.com: Deutsche Militär- und Polizeieinheiten sollen auf libanesischem Territorium stationiert werden - angeblich zur Friedenssicherung. Hat die deutsche Seite vielleicht sehr eigene Interessen, die sie im Libanon verfolgt?

Prof. Abdel-Raouf Sinno: Während des Ersten und des Zweiten Weltkriegs hatten die Deutschen bei den Arabern und Libanesen ein sehr hohes Prestige. Das hatte seine Ursache in der militärischen Stärke Deutschlands, aber auch in der Bedeutung der deutschen Wissenschaft und Technik. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die meisten Libanesen auf der Seite der BRD - wegen deren Wirtschaftshilfe sowie wegen ihrer ökonomischen Stärke. Im Rahmen des Konflikts zwischen den beiden deutschen Staaten konnte die BRD ihre Handels- und Wirtschaftsinteressen im Libanon ausbauen. Kulturelle Beziehungen waren untrennbarer Teil der deutschen Bestrebungen. So wurden in Beirut etwa ein Goethe-Institut, das Deutsche Orient-Institut und die deutsche Schule gegründet. Seit der EG-Deklaration von Venedig 1980 begann Deutschland eine aktive Politik im Nahost-Konflikt zu spielen. Der Libanon stand dabei leider nur am Rande, das Augenmerk richtete sich vor allem auf Palästina.

gfp.com: Wie beurteilen Sie die gegenwärtige deutsche Außenpolitik gegenüber dem Libanon?

Sinno: Während der aktuellen israelischen Aggression übernahm Deutschland die amerikanische Haltung und beschuldigte die Hizbollah wegen ihrer Politik gegen Israel. Man kann unterscheiden zwischen der Regierung Schröder und der heutigen Regierung Merkel. Bemerkenswert war die Rolle der Regierung Schröder beim Austausch von Gefangenen der Hizbollah mit israelischen Gefangenen. Deutschland spielte die Rolle eines Vermittlers.

gfp.com: Welche Geschäftsfelder sind für die deutschen Firmen im Libanon besonders attraktiv?

Sinno: Die Wirtschaftsinteressen sowie der Handel konzentrieren sich auf deutsche Industrieprodukte wie Autos, elektrische und elektronische Waren, Lebensmittel, Haushalts- und Sportwaren, Bekleidung, Kosmetik, Pharmakologie, Parfümerie usw. Wenn man ein gutes Auto kaufen möchte, dann kauft man einen Mercedes oder einen Golf. Dasselbe trifft auf elektrische und elektronische Waren aus Deutschland zu.

gfp.com: Konkurrieren im Libanon französische und deutsche Interessen? Wer ist stärker?

Sinno: Politisch kann man nicht sagen, dass die Deutschen so stark sind wie die Franzosen. Das hat seinen Grund in der historischen Entwicklung des Libanon und seiner Beziehungen zu Deutschland. Meiner Ansicht nach wertet die deutsche Strategie den Libanon nicht als einen wichtigen Teil des Nahen Ostens. Die Deutschen wollen, dass Syrien in die aktuelle Krise eingeschaltet wird, während die Franzosen dies ablehnen.

gfp.com: Deutsche Polizeieinheiten sollen an der libanesisch-syrischen Grenze zum Einsatz kommen. Gibt es priviligierte deutsch-syrische Beziehungen, die Berlin jetzt aktualisieren will? Spielt der Libanon dabei die Rolle eines Sprungbretts?

Sinno: Während die Amerikaner offiziell jede neue Rolle Syriens im Libanon ablehnen, hat die deutsche Regierung (Merkel und Steinmeier) es offiziell begrüßt, Syrien aktiv in die Lösung der libanesischen Krise einzubeziehen. Es ist aber unklar, welche Rolle Syrien - nach deutscher Ansicht - spielen kann. Die Stationierung deutscher Truppen sowie auch anderer ausländischer Truppen soll auf jeden Fall in Übereinstimmung mit dem Libanon bzw. der Hizbollah, Syrien und Iran geschehen. Deutschland will erneut als Mittler auftreten. Inzwischen lehnt es aber die Hizbollah ab, sich entwaffnen zu lassen. Ich glaube, dass es sich in dieser Situation jeder Staat gut überlegen sollte, ob er seine Truppen in den Libanon schicken will. Auch Deutschland.

gfp.com: Israel befürwortet die deutsche Truppenstationierung. Auch in der arabischen Welt hält man ein deutsches Expeditionskorps für hinnehmbar...

Sinno: Ich selbst befürworte nicht, dass Deutschland seine Truppen in den Libanon schickt. Dies wird den Libanon in einen Bürgerkrieg stürzen - sei es, dass die Hizbollah es ablehnt, sich entwaffen zu lassen, sei es, dass die schwache libanesische Regierung dies mit Gewalt versucht. Die Lage scheint mir vor allem wegen der Entwaffnung der Hizbollah sehr kritisch zu sein, zumal die Syrer sowie die Iraner den Libanon für ihre eigenen Interessen benutzen. Eine deutsche Militärintervention wird dieses explosive Gemisch nicht neutralisieren können. Die europäischen Mächte, die hier zu gewinnen glauben, werden verlieren.


Quelle: german-foreign-policy.com

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