trueten.de

»Wenn jemand auf meinem Begräbnis weint, spreche ich nie wieder ein Wort mit ihm.« Stan Laurel

Schorndorf - Weiler: Die Mörder sind unter uns...

Das bei der Mahnwache gegen die rechtsradikalen Umtriebe in der „Linde“ in Schorndorf - Weiler gehaltene Referat von Rolf Steiner über den Nazi-Mörder Widmann aus Stuttgart wurde uns vom Autoren freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Wir dokumentieren es hier leicht gekürzt, ergänzt um Fotos von der Mahnwache von Roland Hägele, bei dem wir uns ebenfalls bedanken:

„Die Mörder sind unter uns“ war der erste deutsche Spielfilm der Nachkriegsgeschichte. Regie und Buch stammten von Wolfgang Staudte, der sich sofort nach dem Krieg 1945 mit den verbrecherischen Ereignissen während der Nazizeit auseinandersetzte. Bezeichnenderweise durfte dieser Film erst 1971 in der Bundesrepublik gezeigt werden. Denn er war ja in der damaligen Sowjetzone, in Babelsberg gedreht worden. Zum Ausgleich dafür gab es in der Filmkomödie „Almenrausch und Edelweiß“ 1957 einen aufschreienden Harald Juhnke, der eine Ente vor einem Metzger in Sicherheit bringen will: „Die Mörder sind unter uns!“ rief Juhnke. - Zynisch ist noch ein gelinder Ausdruck, wenn man genau diese Wortwahl in einer Film-Schnulze nachträglich betrachtet.

Die Auseinandersetzung mit dem sog. 3. Reich kam bei uns im Westen nur sehr langsam in Gang. Dabei wäre es das Naheliegendste gewesen, auf die in der Nazizeit auch hier verschwundenen Verwandten, Kinder, Väter und Mütter zu verweisen. Sie wurden im Rahmen der Euthanasie vergast, zu Tode gespritzt oder einfach dem Hungertod ausgesetzt.

Bis Dezember 1940 wurden mindestens 10.654 Kinder, Frauen und Männer aus Württemberg und Hohenzollern, Baden, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen nach Grafeneck bei Reutlingen deportiert und dort gnadenlos ermordet. Ihre Leichen wurden verbrannt, die Asche verstreut, die Spuren ihres Lebens verwischt, die Verbrechen vertuscht. Nichts sollte mehr an die Opfer und an die gewissenlosenTäter erinnern. Doch heute wird -“ gottseidank -“ erinnert. Gestern wurde in Kehl bei Strasbourg eine neue Ausstellung der Diakonie eröffnet. Sie erinnert mit dem Titel „Wohin bringt ihr uns“ an die 113 getöteten psychisch Kranken allein in dieser Stadt -“ verschleppt und umgebracht in Grafeneck.

Die in die USA emigrierte Philosophin und Publizistin Hannah Arendt schrieb 1951: "In der Ideologie des Totalitarismus geschieht folgendes: „Unerwünschte und Lebensuntaugliche lässt man von der Erdoberfläche verschwinden, als hätte es sie nicht gegeben; mit ihnen (im Gegensatz zu Verbrechern!) will man noch nicht einmal ein Exempel statuieren. Die einzige Spur die sie hinterlassen, ist die Erinnerung derer, die sie kannten, liebten und zu deren Welt sie gehörten. Daher gehört es zu den wichtigsten und schwierigsten Aufgaben der totalitären Polizei, auch diese Spur mit den Toten auszulöschen."
Hannah Arendt, "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft", München 1986, S. 898

Diese sogenannte Aktion T4 als Maßnahme der sog. Rassen-Hygiene war die Generalprobe dafür, unerwünschte Menschen zu vernichten", sagt auch der Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, Prof. Wolfgang Benz. Zitat:

"Von dem württembergischen Grafeneck auf der Reutlinger Alb, ich zitiere
„führte eine direkte Verbindungslinie zum Mord an über 6 Millionen Juden: Das Personal der sogenannten "Aktion T4" baute später die Vernichtungslager in Polen auf." In Auschwitz-Birkenau, in Sobibor, Majdanek, Belzek und Treblinka arbeiteten dieselben Personen, dieselben Verbrecher an führender Stelle."

Einer dieser Verbindungslinien von Stuttgart bis zu den Gaskammern von Auschwitz wollen wir heute folgen:
Machen wir vorab einen Exkurs und sehen wir auf das damals von der deutschen Wehrmacht besetzte Weißrussland. Und hören wir dazu die  Aussage des angeklagten Chemikers Dr. Albert Widmann aus Stuttgart beim letzten seiner Prozesse im Jahr 1967. Er war nach dem Krieg Chefchemiker bei der Lackfabrik Votteler in Korntal-Münchingen. Ein lokal bekannter Ehrenmann, fleißiger Kirchgänger, verheiratet, Vater von 2 damals noch nicht volljährigen Töchtern, die entsetzt sein mussten über die Untaten ihres Vaters während der Nazizeit.

Zitat Aussage Widmann: "Als wir kamen, waren die Unterstände noch leer. Wir haben dann die Sprengladungen, die sich in Kisten befanden, und die Leitungen angebracht. Die Kisten mit den Sprengladungen befanden sich in den Unterständen selbst.

Dabei haben mitgewirkt Nebe, ich selbst –also der Stuttgarter Widmann, Schmidt, die Fahrer und einige Leute, die Nebe mitgebracht hatte. Ich selbst habe auf Anordnung von Nebe aufgepasst, dass alles gewissenhaft erledigt wurde, dass insbesondere die Leitungen und Zünder in Ordnung waren.

An den Antransport der Geisteskranken habe ich keine Erinnerung mehr. Ich bemerkte, dass wir nur in einem der beiden Unterstände Sprengladungen angebracht haben. Ob sich zu diesem Zeitpunkt die Kranken schon in dem anderen Bunker befunden haben, das weiß ich nicht.

Als die Sprengladungen angebracht und die Leitungen gelegt waren, bin ich mit Schmidt zusammen etwas abseits Richtung Wald gegangen. Nebe hat uns fortgeschickt. Ich nehme an, dass Nebe dann veranlasst hat, die Kranken in den mit Sprengladungen versehenen Unterstand zu bringen.

Ich selbst habe nicht gesehen, wie das geschah.
Ich kann deshalb auch nicht sagen, wie viele  Kranke es gewesen sind.
Ich glaube nicht, dass es über zehn gewesen sein können, das ist aber eine reine Vermutung.

Als alles fertig war zur Sprengung, hat Nebe seine Leute absperren lassen und dann befohlen, die Zündmaschine anzuschließen.

Wer das getan hat, weiß ich nicht mehr.

Ich habe keine Erinnerung mehr daran, ob ich den ordnungsgemäßen Anschluß der Zündmaschine nachgeprüft habe.
Ich kann nicht sagen, wer die Zündmaschine dann bedient hat. Ich selbst habe sie nicht bedient.
 
Leichen oder Leichenteile habe ich nicht gesehen.
"

Soweit Widmanns hier verkürzt dargestellte Aussage, die natürlich zur seiner eigenen Entlastung bewusst geschönt war. Er musste sich ja schließlich aus der Schlinge ziehen. Deshalb nun der korrekte Sachverhalt:

Im Herbst 1941 wurde Albert Widmann aus Stuttgart, dieser SS-Experte in Sachen Menschenvergasung, zum Einsatz in das von den Nazis besetzte Weißrussland befohlen. Er war vorher schon zum Leiter der chemischen Abteilung des Kriminaltechnischen Instituts der Sicherheitspolizei (KTI) im Reichssicherheitshauptamt in Berlin aufgestiegen.
Widmann sollte zur „Entlastung“ der SS-Erschießungskommandos, der sog. Einsatzgruppen  "eine andere Tötungsart" entwickeln. Widmann reiste mit fünt Zentnern Sprengstoff, zwei Metallschläuchen und zwei Autos in den Raum Minsk (heute Weißrussland)  und experimentierte in Sachen Massenmord.

25 Geisteskranke wurden in einen mit Explosivstoff präparierten Unterstand gesperrt; Widmann gab das Zeichen für die Sprengungen und bediente dann auch selbst den Zündapparat.  Leichenteile wirbelten durch die Luft und blieben in den Bäumen hängen.

Es zeigte sich, dass dieses Verfahren für industrielle Massenmorde nicht brauchbar war.

Das Stuttgarter Schwurgericht unter Vorsitz von Landgerichtsdirektor Wolfgang Fischer verurteilte diesen Stammheimer „Ehrenmann“ Albert Widmann am 15. September 1967 wegen
  • Beihilfe zum Mord in 24 nachgewiesenen Fällen in Minsk, in fünf Fällen in Mogilew
  • und in 4000 Fällen wegen der Mithilfe bei der Erstellung eines Gaswagens
zu sechs Jahren und sechs Monaten Zuchthaus. Die Richter rechneten darauf eine schon vorhergehende Strafe eines Düsseldorfer Gerichts und die verbüßte Untersuchungshaft an.[

Für die  Richter hat Widmann 1967 „offensichtlich reinen Tisch gemacht und sich von seiner schuldbeladenen Vergangenheit distanziert“. Gegen die Zahlung von 4000 Mark an eine Behinderteneinrichtung musste Albert Gottlob Widmann nach dem Urteil nicht mehr ins Zuchthaus. Er war seit 1963 wieder auf freiem Fuß und ist am 24. Dezember 1986 in seiner Villa in Stuttgart-Stammheim gestorben.
In der Urteilbegründung gibt das Stuttgarter Gericht zu, dass Widmanns Taten in Weißrussland „in unmittelbarer Nähe zur Mittäterschaft“ gestanden hätten. Als Täter betrachtet es aber Widmanns Vorgesetzten Arthur Nebe.
Doch: „Nach der Ansicht mancher namhafter Kommentatoren wäre der Angeklagte in diesen beiden Fällen als Täter abzuurteilen“, heißt es im Urteil.

Meine persönliche Meinung teile ich mit vielen kritischen Beobachtern: Dieser Verbrecher Albert Widmann hat niemals reinen Tisch gemacht – das wird deutlich sichtbar an den protokollierten Aussagen in diesem Prozess. Heute müsste ein Massenmörder wie er eine lebenslange Freiheitsstrafe verbüßen. Wenn dieser Widmann trotz der Schwere seiner Taten unverzüglich auf freien Fuß gesetzt wurde und noch 20 Jahre unbehelligt in Stammheim lebte, dann hat er dies ganz besonders gnädigen Richtern zu verdanken.

Im Gegensatz zu den „furchtbaren Juristen der NAZIZEIT“ – (Stichwort Filbinger) haben die Stuttgarter Juristen diesen Überzeugungstäter viel zu milde behandelt. Die Urteilsbegründung „er habe reinen Tisch gemacht“ ist für mich unwahr. Albert Widmann hat sich niemals zu seiner Schuld bekannt.  In meinen Augen war dieser vor Gericht so bieder erscheinende „Ehrenmann“ ein gewissenloser Mörder und führender Mittäter bei den schlimmsten Verbrechen der Nazi-Zeit.

Erst kürzlich stellte das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Wien einen »bedeutenden Wandel« bei der Justiz der BRD fest.  Denn bis vor wenigen  Jahren hätten die deutschen Strafverfolgungsbehörden an einem »deutlichen Mangel an Enthusiasmus« gelitten. Liebenswürdiger kann man eine notorische Strafvereitelung nicht umschreiben. Das alles passt auch zu diesem Albert Widmann und seinen allzu gnädigen Richtern.

Doch das In-die-Luft-Sprengen von Geisteskranken war nur eine von verschiedenen Greueltaten, die dieser Widmann während der Nazi-Schreckensherrschaft begangen hat.
Die tödliche Explosion im Bunker, in den geisteskranke Menschen eingesperrt wurden, hatte in den Augen der Nazis nicht den gewünschten Erfolg.  Nun wurde in der Irrenanstalt der nahegelegenen Stadt Mogilew ein Menschen-Vergasungsversuch unternommen.
Widmann hat also nicht nur mehr als eine halbe Tonne Sprengstoff, sondern extra auch besonders für Gasleitungen geeignete Metallschläuche mitgebracht. Er war schließlich als Chemiker auch ein bewährter Fachmann für Vergasungen.

Darüber sagte Widmann in einem früheren Prozess in Düsseldorf am 11.Januar 1960 aus:

„Nebe (also sein Vorgesetzter, so behauptet Widmann)  hat dann am Nachmittag dieses Tages das Fenster eines Raumes zumauern lassen und zwei Öffnungen für die Gasleitungen aussparen lassen. Als wir kamen, wurde zunächst einer der Schläuche, der sich bei mir im Wagen befunden hatte, angeschlossen. Der Anschluss erfolgte an einen Pkw (Auspuff) In den in der Mauer befindlichen Löchern befanden sich Rohrstücke, auf die man die Schläuche bequem aufstecken konnte." Soweit Widmann.

(Nun wurden die Menschen in den Raum verfrachtet und Gas eingeleitet.)

Und jetzt wieder Widmann:

"Nach fünf Minuten ist Nebe herausgekommen und hat gesagt, es sei noch keine Wirkung festzustellen. Auch nach acht Minuten hatte er noch keine Wirkung feststellen können und fragte, was nun geschehen solle. Nebe und ich kamen zu der Überzeugung, dass der Wagen zu schwach sei. Daraufhin hat Nebe den zweiten Schlauch an einen Mannschafts-Lkw der Ordnungspolizei anschließen
lassen. Dann hat es nur noch wenige Minuten gedauert, bis die Leute bewusstlos waren. Man ließ dann vielleicht noch zehn Minuten beide Wagen laufen.“

Dies war also ein weiteres Massentötungs-Experiment dieser Verbrecher.  Ausgeführt an fünf unschuldigen Patienten des Psychiatrischen Krankenhauses in der weißrussischen Stadt Mogilew. Man kann sich die Situation der Menschen in dieser Versuchsgaskammer nicht vorstellen, deren Todesqualen über eine halbe Stunde andauerten.

Widmann wollte die geräuschlose Tötung mit Gas testen, wie sie seit 1940 im Deutschen Reich bei der Tötung von geistig und körperlich Behinderten „erfolgreich“ praktiziert wurde. Doch weil sich das in Stahlflaschen abgefüllte Kohlenmonoxid nur mit großem Aufwand über weite Entfernungen transportieren ließ, wollte man die Wirkung von Motorabgasen ausprobieren.
Die SS-Schergen ließen deshalb das Fenster eines kleinen Raums im Erdgeschoss eines Klinikgebäudes zumauern. Widmann ließ in die Mauer zwei Rohrstücke einsetzen, dann zwei mitgebrachte Metallschläuche darauf stecken. Widmann überprüfte die Luftdichtigkeit dieser improvisierten Gaskammer. Er überwachte die Verbindung eines der beiden Metallschläuche mit dem Motor seines mitgebrachten Dienstfahrzeuges, einer Adler-Limousine. Dann startete Widmanns Fahrer Schmidt befehlsgemäß den Motor des Autos. 

Die deutschen Täter konnten „durch ein in der Tür befindliches Glasfenster in das Labor hineinsehen“, berichtete Widmann später. Doch weder nach fünf noch nach acht Minuten war  eine Wirkung erkennbar. Daraufhin habe man, so Widmann, „den zweiten Schlauch an einen Mannschafts-Lkw der Ordnungspolizei anschließen lassen. Dann hat es nur noch wenige Minuten gedauert, bis die Leute bewusstlos waren.“ 

Das Ergebnis des Versuchs: Diese Methode hatte sich nun bewährt.  Es kam nur auf die Dosis an. Über 800 Menschen wurden danach allein in dieser Todesstation auf dieselbe Weise ermordet.
Aber die deutschen Einsatzgruppen benötigen für ihre Massenvernichtungen eine bewegliche Tötungseinrichtung. So entwickelt man einen speziellen Kastenaufbau für Fahrzeuge, in dem 30 bis 50 Menschen mit Autoabgasen getötet werden konnten. Schon innerhalb weniger Monate wurden damit Zehntausende von Menschen vernichtet.

Allerdings: Für die „Endlösung“ genügte den Mördern die „Kapazität“ der mobilen Einrichtungen nicht. In Auschwitz und den anderen Vernichtungslagern setzte die SS dann das hochwirksame Giftgas Zyklon B ein.

In einem seiner Prozesse sagte Widmann, er habe nicht gewusst, dass Juden in Gaswagen hingerichtet wurden. Doch insgesamt starben 70.000 Juden in Gaswagen, später dann viel mehr in den Gaskammern der Vernichtungslager.  Als Widmann anscheinend von der Tötung "geistig normaler Menschen" hörte, hätte er dagegen protestiert. Doch wer nimmt ihm dies ab?

Vor meinem Schluss einige Daten aus seinem Lebenslauf:  Widmann,  geb. am 8. Juni 1912 als Sohn eines Lokomotivführers studierte Chemie an der Technischen Hochschule Stuttgart. Er arbeitete anschließend dort als wissenschaftlicher Assistent im Organisch-Pharmazeutischen Institut. Im September 1938 promovierte Widmann zum Dr.-Ing. Schon als Student und vor 1933 war Widmann dem Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps NSKK beigetreten. Im Mai 1937 wurde er Mitglied der NSDAP.

Am 1. September 1938 trat Widmann als wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Fachgebiet Chemie in das Kriminaltechnische Institut der Sicherheitspolizei in Berlin ein.  Nach seinem Dienstantritt wurde Widmann im Rang eines SS-Untersturmführers (Leutnant) in die SS aufgenommen. Zuletzt war Widmann Leiter des Referates Chemie und Biologie in diesem Kriminaltechnischen Institut, das seit September 1939 zum  Reichssicherheitshauptamt der Nazis gehörte. Sein letzter Rang war der eines Sturmbannführers – also Major.

Die kriminelle Karriere des schwäbischen Chemikers hat in der Kanzlei des Führers in Berlin im Juli 1939 begonnen. Dort sollte er als Fachmann erklären, welche Methode er für die geplante Tötung von Geisteskranken empfehlen würde. Widmann schlug Kohlenmonoxidgas vor. Zur Tarnung bestellte er die damit gefüllten Stahlflaschen über sein Institut bei der Firma BASF in Ludwigshafen, die damals zum IG-Farben-Konzern gehörte.

Dieses von Widmann bestellte Gas wurde dann weitergeleitet an die sechs Tötungsanstalten Grafeneck auf der Schwäbischen Alb, Brandenburg bei Berlin, Hartheim bei Linz, Sonnenstein bei Pirna, Hadamar und Bernburg. Später beschaffte Widmann für Heil- und Pflegeanstalten und für sogenannte Kinderfachabteilungen auch Medikamente wie Luminal, Morphium, Skopolamin und Blausäure. Mit diesen Mitteln wurden die Psychiatrie-Patienten und behinderten Kinder „abgespritzt“. So schöngeredet wurde in diesem Bereich damals also das Ermorden von hilflosen Menschen. 

Die Tötungsaktion T 4  – also die Ermordung von Geisteskranken, die Euthanasie. Widmann war von Anfang an dabei.


„Bereits im Planungsstadium informierte (sein Vorgesetzter Nebe) […] den Angeklagten Widmann darüber, dass die Euthanasie beschlossene Sache sei, und dass das KTI hierbei eine beratende Funktion zu übernehmen habe. Die Fragen des Angeklagten, ob Menschen oder Tiere getötet werden sollten, tat Nebe mit dem Hinweis ab, dass weder Menschen noch Tiere, sondern ‚Tiere in Menschengestalt‘" getötet würden.

Widmann war schon bei einer ersten „Probevergasung“ von Kranken im Januar 1940 im ehemaligen Zuchthaus Brandenburg beteiligt.

Eine Prozess-Aussage:
"Bei dieser ersten Vergasung wurden etwa 18 - 20 Personen in diesen 'Duschraum' geführt vom Pflegepersonal. Diese Männer mussten sich in einem Vorraum ausziehen, so dass sie vollkommen nackt waren. Die Türe wurde hinter ihnen verschlossen. Diese Menschen gingen ruhig in den Raum und zeigten keinerlei Anzeichen von Erregung. Dr. Widmann bediente die Gasanlage, durch das Guckloch konnte ich beobachten, dass nach etwa einer Minute die Menschen umkippten und auf Bänken lagen. Es haben sich keinerlei Szenen oder Tumulte abgespielt."


Albert Widmann war auch als Fachmann für den technischen Betrieb der Tötungsanstalten gefragt. Als aus dem Schornstein der T4-Anstalt Sonnenstein in Pirna 5 m hohe Flammen herausschlugen, konstatierte er: „Was den Schornstein des Krematoriums anging, so habe ich gesagt, dass die hohen Flammen daher rührten, dass zu viele Leichen auf einmal verbrannt worden sein müssten“. 

Mit der Verwertung des ausgebrochenen Zahngoldes der Opfer in den T4-Tötungsanstalten war ebenfalls Widmann befasst: Er ließ dieses einschmelzen, an die DEGUSSA – einliefern und führte den Gegenwert der T4-Organisation zu.

Im Frühjahr 1944 begann Widmann mit der Entwicklung von Giftgeschossen.


"Hieran zeigte besonders die 1943 neu gebildete Amtsgruppe VI S (Sabotage- und Kommandoaktionen) von Otto Skorzeny großes Interesse. In einem Vermerk vom 11. April 1944 über ein Gespräch mit SS-Hauptsturmführer Faulhaber und der Übergabe von 30, der nach Art. 23 der Haager Landkriegsordnung verbotenen Geschosse, beschrieb Widmann die Wirkung so: „Beim Auftreffen des Geschosses auf das Ziel zerplatzt es, reißt große Wunden und verletzt sehr wahrscheinlich eine große Anzahl von Blutgefäßen.“[7]Das KTI besaß eine Außenstelle im KZ Sachsenhausen, um dort Menschenversuche an Häftlingen vorzunehmen. Zusammen mit Joachim Mrugowsky, dem Obersten Hygieniker beim Reichsarzt-SS, war Widmann an einem Menschenversuch im KZ Sachsenhausen führend beteiligt. Mit den vergifteten Geschossen wurden fünf Männer bewusst nicht tödlich verwundet.  Durch die kontaminierten Kugeln starben drei der Opfer erst nach zweistündigen Qualen."

Die Wirksamkeit von Widmanns neu entwickelter Munition konnte der neue Chef des RSHA, Ernst Kaltenbrunner, Himmler am 18. Mai 1944 mit dem Bemerken melden: „Versuche mit dem Geschoß haben ergeben, dass ein Mensch auch bei leichter Verwundung eingeht“.

Lassen Sie uns zusammenfassen: Wir haben mit Widmann einen gewissenlosen Wissenschaftler, einen willigen, dem totalitären Regime der Nazis ergebenen Intellektuellen vor uns. Keinen der primitiven Schlägertypen wie sie in der SA und der SS in Massen vorkamen. Die gerne auf Befehl mordeten. 

Dieser „Ehrenmann“ Widmann war aus heutiger Sicht voll für seine Taten verantwortlich. Beginnend bei der „Probe-Vergasung“ Behinderter in Brandenburg, über die Beschaffung von Gas und Gift für die Psychiatrischen Anstalten und für die Vernichtungslager wie Auschwitz. Widmann war Mittäter bei der Vernichtung von psychisch Kranken durch die erwähnte Sprengstoff-Explosion, Mittäter bei der  Tötung von Hilflosen durch Auto-Abgase und die industrielle Umsetzung dieser heillosen Ergebnisse in alle Vergasungs-Lkws. Und schließlich für die kriminellen Menschenversuche mit vergifteter Munition, die zu qualvollstem Tod von KZ-Häftlingen führten.

In Anbetracht der vielen Opfer wurde er viel zu milde bestraft. Kein Wunder, denn in der deutschen Nachkriegsjustiz saßen meistens die gleichen Juristen, die vorher gegen Nazi-Gegner gnadenlos Urteile sprachen und vollstrecken ließen. Oft waren sie Partei-Mitglieder.

Diese täterorientierte Rechtssprechung änderte sich dann doch etwas nach dem Ulmer Einsatzgruppen-Prozess und der offiziellen Einrichtung einer zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg. 

Der Ulmer Einsatzgruppenprozess ab 1958 wird als ein Wendepunkt in der öffentlichen Wahrnehmung der Bestrafung nationalsozialistischer Verbrechen gesehen. Die deutsche Nachkriegsgesellschaft hatte versucht, sich mit einer Schluss-Strich-Mentalität einer ehrlichen Vergangenheitsbewältigung zu entziehen. Doch sie wurde im Ulmer Prozess1, später mit dem Eichmann-Prozess und dann ab 1963 durch die Frankfurter Auschwitz-Prozesse mit grauenerregenden Tatsachen konfrontiert.

Doch vorher war es leider nicht so. Der ehemals in Ludwisburg tätige Staatsanwalt Riedel sagte in einem Interview der Stgt.Ztg., dass die deutsche Justiz zwar nicht blind aber blinder gewesen sei bei der Aufarbeitung der Verbrechen des Nazi-Regimes. 
Und er sagt weiter: Während zum Beispiel jeder DDR-Grenzsoldat für die Tötung von Flüchtlingen auch persönlich zur Rechenschaft gezogen wurde, galten alle SS-Männer oder Wehrmachtsoldaten, die an Massentötungen beteiligt waren, von vornherein (nur) als Gehilfen. "Der Mordvorwurf richtete sich nur gegen Hitler, Göring, Heydrich und Himmler, die die Befehle gegeben hatten".

Gerechtigkeit gegenüber Opfern und Tätern sieht anders aus. Dieser Albert Widmann war aber nur einer von vielen uneinsichtigen Tätern der Nazizeit, die sich stets hinter Befehlen versteckten. Eine Entschuldigung war von ihm und den anderen Verbrechern nicht zu erwarten. Diesen Nazi-Intellektuellen fehlte jede Art von Empathie für die von ihnen zum Ungeziefer herabgewürdigten Menschen, für diese „Tiere in Menschengestalt“.

Die Mörder von damals sind heute nur noch vereinzelt  unter uns. Helfen wir mit, dass in Zukunft ein solches Schreckensregime nicht wieder aufersteht. Wir haben seit 1989 in Deutschland den Tod von insgesamt 142 Menschen zu beklagen. Sie wurden meist aus fremdenfeindlichen, rassistischen Gründen brutal ermordet. Hintergründe liefert die alte und die neue Nazi-Ideologie. Seien wir immer wachsam! Im Sinne einer wehrhaften Demokratie.

Quellen:
1. Stuttgarter NS-Täter
"Vom Mitläufer bis zum Massenmörder"
Hermann G. Abmayr    Albert Widmann Chemiker der Vernichtung
Die Liste der NS-Täter mit Stuttgart-Bezug ist lang. Mit Ausnahme von Ferdinand Porsche sind fast alle in diesem Buch vorgestellten Männer nahezu unbekannt. Es sind Richter, Ärzte, Unternehmer, Gemeinderäte, Gestapo-Leute, KZ-Aufseher oder Denunzianten. Viele von ihnen waren nicht nur lokal bedeutsam, sondern auch reichsweit oder in den von Deutschland besetzten Gebieten.

2. DER SPIEGEL 27.03.1967   PROZESSE / GASWAGEN-MORDE

3. Wikipedia

4. Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten


Fußnote
Kein Wunder, dass bei ihnen die Nazi-Verbrecher immer glimpflich davonkamen. Sie halfen manchmal sogar bei den juristisch gut eingefädelten Vertuschungen mit. Und auch bei der fühzeitigen Haftentlassung. 
Denn z.B. von den 24 im Jahre 1948 verurteilten Einsatzgruppen-Tätern wurden lediglich 4 hingerichtet, die meisten wurden schon 1951 entlassen, nach drei Jahren. Und dies für die Ermordung von 600 000 bis zu einer Million jüdische Männer, Frauen, Kinder und Greise., Kriegsgefangene, „Zigeuner“, Psychiatriepatienten und Geiseln. Unter den Angeklagten befanden sich acht Juristen, ein Universitätsprofessor, ein Zahnarzt, ein Opernsänger sowie ein Kunstsachverständiger. Nachzulesen ist das problemlos auch bei Wikipedia – Stichwort Einsatzgruppenprozess.

Trackbacks

Trackback-URL für diesen EintragTrackback URL

Kommentare

Kommentar schreiben

Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.
Um einen Kommentar hinterlassen zu können, erhalten Sie nach dem Kommentieren eine E-Mail mit Aktivierungslink an ihre angegebene Adresse.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
BBCode-Formatierung erlaubt
cronjob