BRASILIEN
Zweite Runde der Kommunalwahlen in Brasilien. In Rio de Janeiro ist ein religiöser Ultra Favorit, doch linker Kandidat holt auf.
KOLUMBIEN
Die Verhandlungsdelegationen der Regierung von Kolumbien und den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (Farc) diskutieren seit Samstag in der kubanischen Hauptstadt Havanna die Vorschläge, die von Gegnern des Friedensabkommens eingebracht worden sind. Beide Seiten wollen prüfen, ob und inwieweit einzelne Aspekte der Vereinbarungen geändert werden könnten.
Mehr als tausend Menschen haben vergangene Woche gegen die Lieferung der Fracking-Maschinen und den bevorstehenden Beginn der Erdölförderung im Landkreis San MartÃn en Cesar im Norden von Kolumbien protestiert.
KUBA
Die Europäische Union und Kuba wollen bis zum Jahresende ein Abkommen über den politischen Dialog und die Zusammenarbeit unterzeichnen.
191 Staaten votieren in der UNO für ein Ende der Blockade gegen Kuba. USA und Israel enthalten sich.
Kuba könnte schon bald die lang angekündigte Währungsreform durchführen und zu einer Währung zurückkehren. Nach Angaben von „Cubanet“, die sich auf Informationen aus Regierungskreisen stützen, soll der konvertible Peso (CUC) in einigen Wochen aus der Zirkulation verschwinden. Präsident Raúl Castro habe der Zentralbank eine Frist bis zum Jahresende gesetzt.
Nach Angaben der kubanischen Telekommunikationsgesellschaft ETECSA zählt das Land heute 3,94 Millionen Mobilfunkverträge -“ mit steigender Tendenz.
VENEZUELA
Bei der Sondersitzung des Parlaments in Venezuela am Dienstag haben die Oppositionparteien vom Tisch der demokratischen Einheit (MUD) mit ihrer Mehrheit erneut einen „Bruch der verfassungsmäßigen Ordnung“ festgestellt.
Bei gewaltsamen Ausschreitungen regierungsfeindlicher Demonstranten ist am Mittwoch (Ortszeit) in Venezuela ein Polizist getötet worden, mehrere weitere wurden verletzt.
Ein Gemeinschaftsprojekt von Einfach Übel und redblog, Ausgabe vom 28. Oktober 2016
Revolution an der Tanzbar: Frank Zappa & The Mothers of Invention live at the Roxy, 1973
Heute: Der leider viel zu früh verstorbene Frank Zappa mit den Mothers of Invention live im Roxy. Bei diesen Konzernen entstand das wegeweisende Live Album Roxy & Elsewhere. „Jazz is not dead, it just smells funny“!
FREE THEM ALL! Solidarität mit den kämpfenden Gefangenen in den USA!
In den USA sind derzeit knapp 2,3 Millionen Menschen eingesperrt, weitere ca. 4,2 Millionen unterliegen staatlicher Aufsicht und haben zum Großteil keine Bürgerrechte mehr. Auffällig dabei ist, dass ein überproportional großer Teil der Gefangenen People Of Color sind, darunter viele Afroamerikaner*innen, Hispanics und Indigene. Beinahe allen Gefangenen ist gemeinsam, dass sie über keine eigenen finanziellen Mittel verfügen, um sich vor der Justiz angemessen zu verteidigen, die ca. 97% von ihnen sogar komplett ohne Gerichtsverfahren ins Gefängnis gesteckt hat.
Ein treibender Faktor bei der Masseninhaftierung in dem sog. „Land Of The Free“ ist der ökonomische Anreiz zur beinahe kostenlosen Abschöpfung der Arbeitskraft dieser Gefangenen in der staatlich/privaten Gefängnisindustrie.
Die Masseninhaftierung in den USA ist in ihrem Ausmaß derzeit beispiellos und nichts anderes als Fortsetzung der seit Jahrhunderten praktizierten Sklaverei unter neuem Namen. Innerhalb und außerhalb der Gefängnisse steigt der Widerstand gegen diese Rechtslosigkeit und eine Gesellschaft, in der Menschen ohne materiellen Wohlstand versklavt werden. Seit dem 9. September, dem Jahrestag des Attica-“Aufstandes im Bundesstaat New York, sind zehntausende Gefangene in einem Streik. Sie fordern nicht anderes als die Abschaffung der Sklaverei.
In Berlin hat sich das Bündnis FREE THEM ALL aus Gruppen und Einzelpersonen gebildet, welches die Kämpfe der Gefangenen und ihrer Angehörigen unterstützen möchte. Zu diesem Zweck führt FREE THEM ALL kurz vor den Präsidentschaftswahlen am 29. Oktober eine Kundgebung vor der US Botschaft in Berlin durch.
Einer der Schwerpunkte wird dabei auf dem indigenen Gefangenen Leonard Peltier sowie der generellen Lebenssituation der Native Americans in den USA liegen. Weiter geht es um die Gefängnisindustrie und die gesundheitliche Versorgung von Langzeitgefangenen am Beispiel der Nichtversorgung von an Hepatitis-C Erkrankten im US Bundesstaat Pennsylvania, unter ihnen der Journalist Mumia Abu-Jamal. Das Berliner Bündnis will alle kämpfenden Gefangenen in den USA sichtbar unterstützen, die sich seit dem 9. September im Streik gegen die Sklaverei befinden.
Mumia Abu-Jamal ruft in einer Audio-Botschaft zur Teilnahme an dieser Kundgebung in Berlin auf: Mumia Abu-Jamals calls out to join protest in Berlin on October 29, 2016
Neben Mumia sind weitere Gefangene angefragt, sich mit Grußbotschaften an der Kundgebung zu beteiligen. Live Musik und weitere Beiträge über Frauen im Knast, Solidaritätsarbeit mit Gefangenen und aktuelle europäische Beispiele von Widerstand gegen die Gefängnisindustrie wird es ebenfalls geben.
Free Leonard Peltier -“ Free Them ALL!
Sa. 29. Oktober 2016 / 15:00 Uhr
US Botschaft Pariser Platz 2/Brandenburger Tor
10117 Berlin (S-Brandenburger Tor)
via Free Them All Berlin
nachschLAg: Ein unvollständiger Wochenrückblick
ARGENTINIEN
Unter dem Slogan "Nosotras Paramos" (Wir Frauen streiken) sind am Mittwoch in Buenos Aires nach Angaben der Veranstalter rund 100.000 Menschen gegen die grassierende Gewalt gegen Frauen auf die Straße gegangen.
BRASILIEN
Die drohende Haushaltsbremse hat in Brasilien eine neue Protestwelle ausgelöst. In São Paulo versammelten sich am Montag rund 10.000 Demonstranten, um gegen den Vorschlag des Verfassungszusatzes PEC 241 zu protestieren. Mit diesem will die De-Facto-Regierung von Michel Temer die Staatsausgaben für die nächsten 20 Jahre einfrieren.
Einer der schillerndsten Politiker Brasiliens, der frühere Parlamentspräsident Eduardo Cunha, ist wegen des Verdachts auf Geldwäsche und Korruption festgenommen worden.
KOLUMBIEN
In Kolumbien sollen die Waffen zumindest bis zum Jahresende weiter schweigen. Staatschef Juan Manuel Santos verlängerte am Donnerstag die mit der FARC-Guerilla vereinbarte Feuerpause bis zum 31. Dezember.
Die kolumbianische Politikerin und Friedensaktivistin Piedad Córdoba kann nach mehreren Jahren der Amtsenthebung nun offiziell wieder politische Ämter wahrnehmen.
KUBA
Der Hurrikan "Matthew" hat Anfang Oktober die Menschen in der Karibik und an der Ostküste der Vereinigten Staaten hart getroffen. Nach bisheriger Bilanz fielen ihm Hunderte Menschen zum Opfer, die meisten in Haiti, einige in der Dominikanischen Republik und 24 in den USA. Kuba, über dessen Ostspitze der Wirbelsturm am 4. und 5. Oktober zog und Städte wie MaisÃ, ImÃas, San Antonio del Sur und Baracoa zu großen Teilen zerstörte, hat keine Toten zu beklagen.
MEXIKO
Die Guerilla-Organisation Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) und indigene Verbände wollen sich über Wahlen an dem politisch-parlamentarischen System in Mexiko beteiligen.
VENEZUELA
Venezuelas Präsident Nicolás Maduro hat dem Obersten Gerichtshof des Landes den Staatshaushalt für 2017 vorgelegt. Anders als in den Jahren zuvor wird er nicht von der Nationalversammlung abgesegnet.
In der Washington Post wird erklärt warum der Vergleich von Donald Trump mit Hugo Chávez keinen Sinn ergibt.
Der Oberste Gerichtshof Venezuelas (TSJ) hat bezüglich der Formalitäten des Abwahlreferendums gegen Präsident Nicolás Maduro Klarheit geschaffen.
Ein Gemeinschaftsprojekt von Einfach Übel und redblog, Ausgabe vom 21. Oktober 2016
"Ich habe einen Plan..."
Achttausend Menschen kamen zur George Jacksons Beerdigung am 28. August 1971 in die St. Augustine-™s church in Oakland. Nur 200 Trauergäste konnten an der Zeremonie teilnehmen, der Rest wartete außerhalb des Gebäudes.
George Jackson, via dit und dat
Texte von und über George Jackson
- Soledad Brother: The Prison Letters of George Jackson -“ Onlinetext von Jackson's 1970 veröfffentlichtem Buch
- Remembering the Real Dragon: An Interview with George Jackson -“ Karen Wald, Mai / Juni 1971
- George Jackson: Black Revolutionary -“ Artikel über George Jackson von Walter Rodney, November 1971
- George Jackson: Forty years ago they shot him down Aktueller Text in der San Francisco Bay View anlässlich Jacksons 40. Todestages
Revolution an der Tanzbar: Opeth - The Roundhouse Tapes
Heute lauschen wir der schwedischen Progressive Rock/Progressive Metal-Band Opeth. Zum Einstieg in deren Werk sind die Roundhouse Tapes sehr empfehlenswert:
nachschLAg: Ein unvollständiger Wochenrückblick
LATEINAMERIKA
Fast die Hälfte aller lateinamerikanischen Haushalte verfügt über einen Internetzugang. Dies geht aus dem aktuellen Bericht 2016 der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (Cepal) hervor, der Mitte September bei einer Konferenz für Wissenschaft, Innovation, Informatik- und Kommunikationstechnologien in San José, Costa Rica, vorgestellt wurde. Die Anzahl der Haushalte mit Internetanschluss habe sich im Vergleich zu 2010 nahezu verdoppelt.
BRASILIEN
Kritiker der Verwendung von Biosprit haben Grund zur Freude, betroffene Landwirte verlieren ihre Existenzgrundlage: Im vergangenen Monat kündigte Brasiliens teilprivatisierter staatlicher Erdöl- und Energieriese Petrobras den Ausstieg aus der Produktion des umstrittenen Treibstoffes aus nachwachsenden Rohstoffen an.
HONDURAS
Der Putsch gegen Regierungschef Zelaya im Juni 2009 belastet das Land bis heute. Hillary Clinton trägt eine Mitverantwortung
KOLUMBIEN
Kolumbiens Regierung und die zweitgrößte Guerillaorganisation des südamerikanischen Landes, die Nationale Befreiungsarmee (ELN), haben am Montag abend (Ortszeit) in Caracas den Beginn der "öffentlichen Phase" ihrer Friedensverhandlungen angekündigt.
Nach Meinung des obersten Comandante der FARC ist es noch immer möglich, dass der Friedensprozess gerettet werden kann.
Untersuchungen des Obersten Gerichtshofes in Bogotá zufolge stehen 57 multinationale und regionale Unternehmen unter Verdacht, den mehr als 50 Jahre andauernden bewaffneten Konflikt in Kolumbien mitfinanziert oder wirtschaftlich von ihm profitiert zu haben. Die Unternehmen, die unter anderem aus den Bereichen der Bergbau-, Viehzucht-, Erdöl-, Bananen- und Palmölindustrie kommen, wurden im Rahmen von Gerichtsverhandlungen gegen Paramilitärs mit Massakern, Folter, gewaltsamem Verschwindenlassen und Vertreibungen in Zusammenhang gebracht.
KUBA
Vorabdruck: Seit fast zehn Jahren steht Raúl Castro an der Spitze Kubas. Unter seiner Ägide leitete der Âsozialistische Staat tiefgreifende Reformen ein. Der Journalist Volker Hermsdorf hat eine Biografie geschrieben, die im Verlag Wiljo Heinen erscheint.
In der kubanischen Haupstadt starteten am Sonnabend 38 Angehörige der "Brigade Henry Reeve" zum medizinischen Hilfseinsatz nach Haiti. Im Nachbarland kamen nach Agenturberichten Hunderte Menschen durch den Hurrikan "Matthew" ums Leben, jetzt drohen eine Choleraepidemie und andere Seuchen.
PERU
Der Kongress in Peru hat einem Gesetzgebungsverfahren zur Legalisierung von Abtreibungen zugestimmt. Der Vorschlag war bereits im Jahr 2014 von einer Bürgerinitiative eingebracht worden, scheiterte zu diesem Zeitpunkt jedoch an einer rechtsgerichteten Mehrheit im Verfassungsausschuss.
VENEZUELA
Venezuelas Präsident Nicolas Maduro darf den Staatshaushalt künftig ohne die Zustimmung des Parlaments beschließen. Das Oberste Gericht des südamerikanischen Landes urteilte am Mittwoch, der Präsident dürfe das Parlament umgehen und das Budget stattdessen von dem Gericht als Dekret genehmigen lassen.
Ein Gemeinschaftsprojekt von Einfach Übel und redblog, Ausgabe vom 14. Oktober 2016.
Themenabend zum 100. Geburtstag von Peter Weiss: "Trotz der Schwere ein Optimismus"
Anlässlich des 100. Geburtstags von Peter Weiss erinnert Janka Kluge an Leben und Werk des deutsch-schwedischen Schriftstellers, Malers und Dokumentarfilmers. Sie berichtet über seine Zeit im Ausland in den 1930er Jahren, seine Erfolge als politischer Dramatiker in der Nachkriegszeit und über das vielseitige literarische und künstlerische Schaffen des Antifaschisten, der am 10. Mai 1982 in Stockholm starb.
Janka Kluge erinnert an den Schriftsteller Peter Weiss und sein Werk.
KOMMA Jugend und Kultur
Dienstag, 6. Dezember, 19 Uhr
Maille 5-9, Esslingen
Eine gemeinsame Veranstaltung von:
• KOMMA Jugend und Kultur
• VVN-BdA Kreisvereinigung Esslingen
• Rosa Luxemburg Stiftung
Via VVN-BdA Kreisvereinigung Esslingen
kritisch-lesen.de Nr. 41: Medien und Gegenöffentlichkeit
Die aggressiven Sprechchöre von Pegida und Co. haben sich in den letzten Monaten in das öffentliche Bewusstsein eingegraben. Und sie haben den hiesigen Abendlandverteidiger_innen ein zentrales Schlagwort geliefert, um sich in den Medien und der Politik zu positionieren: „Lügenpresse“. Journalist_innen sind neben Flüchtlingen das wichtigste Feindbild der Rechten in Deutschland. Linke wissen das -“ eigentlich. Sie wissen, dem Vorwurf der Lügenpresse haftet etwas Verschwörungsmythisches an, sie wissen, die Kampfparole von der Lügenpresse ist verkürzt, sie wissen, dass es sich die Gröhlenden auf den Straßen zu einfach machen.
Doch: In der Abwehr der rechten Medienverteufelung finden sich Linke schnell als Verteidiger_innen der bürgerlichen Medien wieder. Dabei ist linke Medienkritik seit jeher ein wichtiger Bestandteil in der Auseinandersetzung mit dieser Gesellschaft. Und sie ist notwendig: Kritische Stimmen in Bezug auf das deutsche Diktat gegen die griechische Bevölkerung kamen in der Mainstream-Presse fast nicht vor; gerade zu Beginn der Ukraine-Krise übertrafen sich öffentlich-rechtliches Fernsehen und die großen Tageszeitungen in der Dämonisierung Russlands; als die GDL streikte, wurde der GDL-Chef Claus Weselsky in bester kalter-Krieg-Rhetorik an den Pranger gestellt.
Aktuellstes Beispiel: Als aus Bautzen im September Berichte über Auseinandersetzungen zwischen Asylsuchenden und organisierten Rechten öffentlich wurden, schien für viele Medien die Sachlage klar: Flugs wurde aus Berichten der Polizei übernommen, dass die Gewalt von den jugendlichen Geflüchteten ausging. 20 von ihnen hätten, ohne Vorgeschichte, eine Gruppe von über 80 Rechten, viele von ihnen organisierte Nazis, angegriffen. In einem kritischen Kommentar zur Berichterstattung heißt es: „Die öffentliche Darstellung der Ereignisse in Bautzen grenzt an unterlassene Hilfeleistung und Anstiftung zum Pogrom. Sie deckt die eigentlichen Täter.“
Aber wie kann eine linke Medienkritik vor dem Hintergrund des aktuellen Medienwandels und unter zunehmend prekären Bedingungen überhaupt funktionieren? Einst verstanden viele Linke mit Lenin die progressive Presse als kollektiven Propagandisten, Agitator und Organisator. Doch die meisten linken Presseorgane sind heute „unabhängig" von konkreten Organisationen -“ und damit losgelöst von konkreten politischen Projekten. Das Internet verändert außerdem die Debatte um eine linke „Gegenöffentlichkeit“. Neue Medienakteure, die als Blogger_innen, Twitternde und Facebook-Aktivist_innen unterwegs sind, mögen kurzzeitig den engen Medienkorridor der bürgerlichen Medienlandschaft verlassen. Jedoch sollte einer Vereinzelung linker Meinungen ein starker, kollektiver Diskussionsprozess entgegengesetzt werden. Wie das funktionieren kann -“ vor allem unter Berücksichtigung prekärer Produktionsbedingungen -“ ist eine wichtige Frage und große Herausforderung für eine wirksame Gegenöffentlichkeit.
Kritisch-lesen. de möchte dazu beitragen, diese Diskussion anzuregen und weiter zu führen. Unsere 41. Ausgabe widmet sich deshalb dem Schwerpunkt „Medien und Gegenöffentlichkeit“ -“ und wartet wie gewohnt mit Interview, Essay und natürlich vielen Rezensionen auf. Viel Spaß beim kritischen Lesen!
Weiter
„Sagen, was ist - und zeigen, was sonst im Verborgenen bliebe“ - Interview mit Macher*innen verschiedener linker Medienprodukte
Wie steht es um die Landschaft alternativer Medien? Stecken wir in einer Krise, ähnlich wie die „Großen“? Und wenn ja, wodurch zeichnet sich diese aus?
Für das Interview zum Schwerpunkt „Medien und Gegenöffentlichkeit“ haben wir uns genau dort umgeguckt: Wer macht Gegenöffentlichkeit? Im Zeitalter neuer Medien hat sich das Medienspektrum erweitert. Zu den „klassischen“ Medien wie Zeitung und Verlag kommen Internetpublikationen, Blogs et cetera hinzu. Doch während die Möglichkeiten, Medien zu produzieren, leichter geworden sind und auch Zugänge zu alternativen Presseerzeugnissen leichter erscheinen, sind linke Meinungen nicht unbedingt populärer geworden. Und die Produktionsbedingungen haben sich -“ auch durch eben diese Zugänglichkeit im Internet -“ verschärft. Zeitungen und Verlage sind einem hohen Druck ausgesetzt. Wie gehen die verschiedenen Bereiche mit diesem Druck um, und wie sehen sie ihre Stellung in der Produktion von Gegenöffentlichkeit? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, haben wir mit Personen gesprochen, deren Medien sich in mehrfacher Hinsicht unterscheiden.
Lea Susemichel hat Philosophie und Gender Studies studiert. Sie ist leitende Redakteurin des feministischen Magazins an.schlaege, welches seit dreißig Jahren (meist monatlich) erscheint. Sie ist auch Mitherausgeberin von „Feministische Medien: Öffentlichkeiten jenseits des Malestream“, erschienen im Ulrike Helmer Verlag.
Stefan Huth ist Chefredakteur der Tageszeitung junge Welt (seit August 2016), seit 2012 Mitglied der Chefredaktion, war zuvor Leiter des Ressorts „Thema“ und zuständig für den Bereich Geschichte. Er hat in Berlin Germanistik und Anglistik studiert.
Thomas Trüten ist Antifaschist, Gewerkschaftler, Metallarbeiter, Blogger, Fotograf und rezensiert ab und zu Bücher. Vor allem bewegt ihn die Frage, wie man es am besten anstellt, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“
Willi Bischof ist Verleger bei edition assemblage aus Münster. Der Verlag versteht sich als undogmatisch links und arbeitet in kollektiver Struktur. Die Publikationen decken ein
kritisch-lesen.de: Wie würdest du die Entwicklungen linker Medien in den vergangenen Jahren beschreiben?
Lea: Alternative Medien sind von der allgemeinen Medienkrise weniger betroffen, sie haben bei Auflage und Umsatz einfach viel weniger zu verlieren. Dennoch haben sich die Produktionsbedingungen durch die zunehmende Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen gerade auch bei kleinen linken Medien weiter verschärft. Zum Beispiel war das Studium früher die typische Phase, um in politische (Medien-)Projekte einzusteigen und sich in endlosen Sitzungen die Nacht um die Ohren zu schlagen. Diese Zeit haben Studierende heute nicht mehr und die Älteren, womöglich mit Kindern, sowieso nicht, das merken wir auch in unserer Redaktion deutlich. Für das Weiterbestehen eines Mediums ist aber irgendwann ein Generationenwechsel nötig, auch deshalb ist es essenziell, neue Leute zu gewinnen. Inhaltlich gibt es -“ und hier spreche ich zunächst für die feministische Medienlandschaft -“ eine zunehmende Ausdifferenzierung. Die Medien bedienen entweder ihre jeweiligen Subszenen (mit akademischen Diskursen, Popkultur, Aktivismus, Queerfeminismus ...) oder teilen sich entlang ideologischer Differenzen auf, wie zum Beispiel die antideutschen linken Medien.
Stefan: Das Angebot hat sich deutlich diversifiziert, es sind auch im Printbereich interessante neue Publikationen hinzugekommen, vor allem solche, die sich mit ökonomischen Entwicklungen im Rahmen der Krise befassen. Insbesondere Internetportale und individualisiertere Plattformen wie Blogs sowie die sogenannten sozialen Medien haben die linke Medienlandschaft dynamisiert -“ auch, indem sie eine schnellere, fast bruchlose Kommunikation mit den Nutzerinnen und Nutzern ermöglichen. Das dialogische Element ist ein potentiell fortschrittliches, es wirkt allerdings selten zum Vorteil von Qualität und Kontinuität in der Berichterstattung. Eher traditionellem Journalismus verpflichtete Organe haben Probleme, auf die veränderten Lesegewohnheiten der jüngeren Leserinnen und Leser angemessen zu reagieren.
Thomas: Mein Eindruck ist der, dass linke Publikationen nicht nur von der Anzahl her, sondern auch bei den dabei abgedeckten Themen deutlich zugenommen haben. Diese erfreuliche Entwicklung spiegelt sich nicht unbedingt in der Wahrnehmung durch die „bürgerlichen“ Medien wider und kann auch nicht Gradmesser für deren Qualität sein.
Willi: Mein Eindruck ist, dass es die größte Entwicklung linker Medien dort gab, wo diese an eine Subkultur, eine Strömung oder eine Community gebunden sind. Sie entstehen vielfach mit ihrem Umfeld und verändern sich mit ihrer Community, richten sich dort ein. Das heißt, diese Medien sind geblieben, haben sich erweitert oder spezialisiert, oder sie haben sich sehr verändert, je nachdem, wie sich ihr (subkulturelles?) Umfeld verändert hat. Das zeigt sich auch in den Programmteilen der edition assemblage. Die vielfältigsten und meisten Publikationen entstehen hier zum Beispiel in den Schwarzen und POC-Communities und in den queerfeministischen Communities. In diesen Bereichen lassen sich ganz verschiedene Tendenzen finden. Es gibt einerseits Spezialisierungen und Radikalisierungen, und gleichzeitig verbreiten sie sich ins offen interessierte Publikum. Dieser Teil der Medien funktioniert zumeist recht gut. In der Regel reicht ihnen der Kreis an Interessierten, die sie tatsächlich erreichen. Auch ökonomisch finden diese Projekte häufig eine Nische, und es gibt häufig ökonomische Überscheidungen zu anderen Tätigkeitsfeldern (Bildung, Workshops, Seminare, (Kultur-)Veranstaltungen). Häufig finden positive und fortschrittliche Entwicklungen gerade in diesen Medien statt. (Ein Beispiel für diese Tendenzen scheint mir das Missy-Magazine im Gegensatz zur Emma zu sein.) Dort, wo Medien sich etabliert haben oder mussten (beispielweise durch ökonomische Bedürfnisse), gab es schon immer die Tendenz zur Entpolitisierung und Endradikalisierung, die sich nicht unbedingt in den Büchern oder einzelnen Beiträgen widerspiegelt, sondern auch in der eigenen Organisierung und im (internen) Selbstverständnis. Linke Projekte scheitern dann nicht an den äußeren Gegebenheiten, sondern zum Beispiel an der Privatisierung vormals kollektiver Strukturen und Dinge. Linkssein ist dann ein Mythos, der als Label wichtig für das „Geschäft“ ist.
kritisch-lesen.de: Was bedeutet Gegenöffentlichkeit heute?
Lea: Ich würde von Gegenöffentlichkeiten im Plural sprechen. So bildeten (und bilden) feministische Zeitungen nicht nur eine Gegenöffentlichkeit zu den etablierten Medien, sondern auch zu anderen linken Medien, sofern diese feministische und frauenpolitische Themen marginalisieren. Auch linke Medien sollten einander entsprechend als Gegenöffentlichkeit, das heißt als kritische Korrektive dienen. Ganz grundsätzlich würde ich Gegenöffentlichkeit als emanzipatorische Medienarbeit definieren, die dem engen Meinungsspektrum des Male- und Mainstreams Alternativen entgegensetzt -“ sowohl auf inhaltlicher Ebene als auch in der Art der Auseinandersetzung. Und die so die Bandbreite dessen, was Nachrichtenwert hat, was als relevante Meldung und ernst zu nehmende Meinung gilt und was nicht, verändert und verschiebt. Hier haben insbesondere feministische Medien in den letzten Jahrzehnten tatsächlich einiges erreichen können, denn zumindest bestimmte feministische Forderungen und Themen werden inzwischen auch in traditionellen Medien diskutiert. Ich denke also nicht, dass linke Medienarbeit nur ein „preaching to the converted“ ist, dass sie wirkungslos nur im eigenen Saft schmort, wie ja oft kritisiert wird. Es findet ein Thementransfer auch in andere Medien statt, nur dauert das leider meist. Aber diese Gegenöffentlichkeiten bringen Diskurse über gesellschaftliche Gegenentwürfe nicht nur nach „außen“, sie sind auch nach „innen“ immens wichtig. Denn soziale Bewegungen sind zur Selbstreflexion und Selbstvergewisserung auf linke Medien unbedingt angewiesen, eine Widerstandsbewegung ohne eigene Medienkultur hat es nie gegeben und ist schlicht nicht vorstellbar.
Stefan: Im Kern nichts anderes als ehedem: Die Interessen benennen, die hinter herrschender Politik stehen. Sagen, was ist -“ und zeigen, was sonst im Verborgenen bliebe. Den Schleier bürgerlicher Heuchelei zerreißen und den von dieser Politik Betroffenen Möglichkeiten ihrer Überwindung aufzeigen. Über linke Kultur linkes Selbstbewusstsein und Internationalismus fördern.
Thomas: Die alte Erkenntnis, dass die herrschende Meinung die der Herrschenden ist, und dass diese angegriffen werden muss, damit die Meinung der Beherrschten zum Ausdruck kommt, bestätigt sich täglich aufs Neue. Gegenöffentlichkeit, die wirken will, muss sich deshalb immer mit den realen gesellschaftlichen Kämpfen verbinden und ist andererseits auch deren Ergebnis. Abstraktes Theoretisieren, womöglich im „Elfenbeinturm“, ist sinnlos.
Willi: Gegenöffentlichkeit kann heute nicht mehr überzeugend über vermeintliche Hauptwidersprüche (der Staat, die Bildzeitung, das Kapital...) geschaffen werden, sondern wird sich mit den vielfältigen (eigenen) Widersprüchen beschäftigen müssen. Tatsächliche und wirkungsvolle „Gegenöffentlichkeit“ deckt auch die blinden Flecken von Herrschaft auf. Das sind dann nicht selten die eigenen Privilegien.
kritisch-lesen.de: Welches sind die Herausforderungen, mit denen linke Medien zu kämpfen haben? Wie hat sich dies in den letzten Jahren gewandelt?
Lea: Als feministische Medienmacherin von „Herausforderungen“ zu sprechen, ist euphemistisch. Innerhalb des linken Medienspektrums mögen Ressourcen insgesamt knapper und die Lage noch prekärer geworden sein, bei uns war es nie anders.
Stefan: Mit dem neoliberalen Umbau der Hochschulen wurde auch fortschrittliche Forschung entsorgt. Dies hat unter anderem zur Folge, dass wenig akademischer Nachwuchs heranwächst, der Kenntnisse in Sachen Sozialismus, Marxismus und Geschichte der Arbeiterbewegung, des Widerstands überhaupt, besitzt. Grundlagenwissen erodiert, es wird -“ auch angesichts des gegenwärtigen Aufschwungs der Rechten -“ schwieriger, linke Traditionen lebendig zu halten und den Kreis der an gesellschaftlicher Veränderung Interessierten zu vergrößern. Allgemein nehmen in der Linken im Zuge ihrer derzeitigen Schwächung Verwirrung und Tendenzen zu sektiererischer Verengung zu; es gibt eine Neigung, in diesem Sinne „unbotmäßige“ Berichterstattung umstandslos zu sanktionieren. Der Vormarsch der Rechten findet auch im Bereich der Justiz statt. Es ist damit zu rechnen, dass linke Medien vor bundesdeutschen Gerichten künftig schlechtere Karten haben werden und dass die Pressefreiheit weiter eingeschränkt wird.
Thomas: Herausforderungen sind die richtige Verarbeitung und Höherentwicklung der gesellschaftlichen Erfahrungen des revolutionären Subjekts, auf das sich bezogen wird, und die Frage einer entsprechenden Perspektive einer befreiten Gesellschaft. Das sind doch im Grunde die Fragen, um die es geht. Kein linkes Medium kann sich da heraushalten, sonst gleitet es ab in Reformismus und bedient nur noch eine Subkultur.
Willi: Mein Eindruck ist, dass es nicht weniger Bücher und Projekte gibt. Auch haben sich die Möglichkeiten, Bücher zu produzieren, auf der technischen und wirtschaftlichen Ebene zum Teil sehr verbessert und sogar vereinfacht. Verschlechtert haben sich allerdings solidarische ökonomische Bedingungen bei der Herstellung und beim Vertrieb der Bücher. Es gibt kaum noch („bezahlbare“) Druckerei-Kollektive oder gar tariflich abgesicherte Druckereien. Linke, politisch gut sortierte und organisierte Buchhandlungen müssen immer häufiger prekär arbeiten oder ihre Projekte einstellen. Besonders bedrohlich und entpolitisierend ist, dass eine ganze Reihe politisch-solidarischer Infrastrukturen wie Infoläden und Büchertische auf Demos und Veranstaltungen fast völlig verschwunden sind. Viele linke Umgangsformen, sich kollektiv und solidarisch Bücher zu organisieren und die notwendigen Strukturen (vom politischen Lesezirkel, über linke Buchhandlungen bis hin zu Vertrieben und Verlagen) zu unterstützen, sind durch ein individuelles unpolitisches und unsolidarisches -“ also neoliberales -“ Konsumverhalten ersetzt worden. Vermeintlich links ist dann nur noch die (unsolidarische) Anforderung, dass alle Bücher (unabhängig von ihren Produktionsbedingungen) möglichst einfach und kostenlos heruntergeladen und kopiert werden können. Wir brauchen wieder mehr solidarische politische Strukturen, von der Herstellung bis hin zum Konsum.
kritisch-lesen.de: Den bürgerlichen Medien schlägt derzeit ein rauer Wind von rechts entgegen. Stecken die etablierten Medien in einer grundsätzlichen Krise?
Lea: Die Krise besteht darin, dass derzeit auch linksliberale Medien aus Angst vor der „Lügenpresse“-Schelte in vorauseilendem Gehorsam zentrale Qualitätsstandards und medienethische Grundregeln verabschieden. So wird beispielsweise die Herkunft von Verdächtigen genannt -“ man will sich schließlich nicht vorwerfen lassen, man verschweige etwas -“ und mediale Vorverurteilungen mit vollständigem Namen und Foto kommen längst nicht mehr nur im Boulevard vor.
Stefan: Das ist ein langfristiger Trend, der sich in jüngster Zeit nur verstärkt hat. Das Grundproblem besteht darin, dass die journalistischen Standards auch in „Qualitätsmedien“ über die Jahre kontinuierlich gesenkt, Redaktionen verkleinert wurden -“ mit der Folge, dass ein medialer Einheitsbrei angeboten wird, für den immer weniger Leute bereit sind, Geld zu zahlen. Die so entstandene „Glaubwürdigkeitslücke“ weiß die Rechte natürlich für sich zu nutzen. Der digitalen Herausforderung wird mit weiterem Abbau von Recherche-Ressourcen begegnet. Da die Ware Information infolge der Online-Konkurrenz nicht mehr ohne Weiteres der Renditesteigerung dient, orientiert man sich auf außerjournalistische Einnahmemöglichkeiten. Mit dem Ergebnis einer weiteren Verflachung des journalistischen Angebots. Ein Teufelskreis, der die grundsätzliche Krise vertieft.
Thomas: Ich würde die bürgerlichen Medien nicht über einen Kamm scheren. Die einen geben rechtem Gedankengut vollkommen kritiklos Raum, andere versuchen auf bürgerlicher Grundlage eine Auseinandersetzung mit ihm. Es gibt einige sehr ambitionierte und mutige Redakteure, die deswegen Angriffen von rechts ausgesetzt sind. Wenn ich mir die Kommentarspalten mancher Zeitungen ansehe, überfällt mich schon ein gruseliges Gefühl. Die darin zum Ausdruck kommende Haltung lässt sich aber auch nicht in den Kommentarspalten bekämpfen -“ auch wenn das nicht unwidersprochen bleiben darf -“, sondern nur organisiert, auf der Straße, in der Uni, in der Schule oder am Arbeitsplatz. Das ist gerade das Aufgabenfeld linker Medien, und darüber hinaus linker Kultur. Und gerade darin besteht meiner Ansicht nach auch die Krise der etablierten Medien. Sie werden niemals in der Lage sein, mehr als Ansätze einer Kapitalismuskritik zu entwickeln oder gar eine Perspektive jenseits dessen zu zeigen, weil sie mit dem herrschenden System untrennbar verbunden sind. Es wird trotz verschiedener guter Analysen immer bei der Kritik an einzelnen Erscheinungen bleiben. Das ist ihr unlösbares Handicap.
Willi: Medien können auf Qualität oder auf Klicks setzten. Medien, die den Journalismus vernachlässigen und auf hohe Klickraten setzten, sind bereits strukturell populistisch, vereinfachend und rechts. Langfristig werden sich die meisten Medien nur durch Qualität etablieren. Nur gute journalistische Arbeit wird auch eine Vielfalt an Medien ermöglichen.



