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»Die ersten Menschen waren nicht die letzten Affen.« Erich Kästner

IGG verurteilt Kontokündigungen bei linken Organisationen

Das SharePic zeigt eine zerbrochene Kreditgarte und den Text: "Debanking stoppen!"
Logo der Kampagne
Im Laufe des Dezembers wurden immer mehr Fälle bekannt, in denen u.a. die GLS, die Ethik-, Umwelt- und Deutsche Bank linken Organisationen aus verschiedenen Spektren und Themenfeldern die Bankkonten gekündigt haben. Betroffen sind u.a. Umweltgruppen und die Organisation Rote Hilfe. Auslöser scheint Druck der rechten Trump-Regierung zu sein. Die Initiative Grüne Gewerke (IGG FAU) verurteilt diesen Angriff auf die humanistische Opposition Deutschlands aufs schärfste.

Binnen weniger Wochen haben verschiedene Banken in Deutschland begonnen, linken Organisationen, aber auch Einzelpersonen, bestehende Bankkonten zu kündigen oder die Eröffnung weiterer Konten zu versagen. Dabei ist unklar, ob das erst der Anfang ist und welche Institutionen es noch treffen kann. Banken und Politik schweigen sich über die Hintergründe bis jetzt beharrlich aus. Journalist:innen der Süddeutschen Zeitung sehen allerdings politische Vorgaben der Trump-Administration als Auslöser. Dieser beispiellose Angriff auf die humanistisch-linke Zivilgesellschaft behindert die Arbeit tausender Menschen, gefährdet die Lebensführung der betroffenen Privatpersonen und ist ein schwerer Angriff auf die politische Meinungs- und Organisationsfreiheit in Deutschland.

Wolf Meyer von der IGG dazu: “Hier zeigt sich, wie stark der Rechtsruck der USA und die Macht von rechtsradikalen Tech-Giganten bereits reicht, der hierzulande mindestens in der AfD willige Vasallen findet. Was hier passiert, ist ein Angriff auf die Gesamtbevölkerung Deutschlands und ihr Recht auf Koalitionsfreiheit. Banken und deutsche Politik müssen sich jetzt entscheiden, ob sie sich für die Organisationsfreiheit oder dagegen positionieren.” Binnen weniger Tage organisieren sich bereits Tausende, darunter viele Gewerkschafter:innen der FAU für Protest- und Widerstandsaktionen.

Die Initiative Grüne Gewerke ist eine basisdemokratische und antikapitalistische Branchengewerkschaft für Land- und Forstwirtschaft, Gartenbau und Umweltberufe. Sie ist im Gewerkschaftsverband FAU und in der internationalen International Confederation of Labour organisiert.

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Presseberichte u.a.:


Broschüre "Deine Rechte im Job" wieder erhältlich

Die Titelseite zeigt neben dam Logo der FAU den Text: "Deine Rechte im Job - eine Einführung ins Arbeitsrecht und erste Schritte des Organizing"
Titelseite der Broschüre
Die Broschüre "Deine Rechte im Job" der Freien Arbeiter*Innen Union (FAU) war einige Zeit vergriffen, ist jetzt aber wieder bei den Syndikaten der FAU erhältlich. In Stuttgart gibt es über die dortige FAU die Möglichkeit, sich sein Exemplar zu den Öffnungszeiten des Stadtteilzentrums Gasparitsch dort abzuholen.

Die Broschüre gibt kurzgefasst die wichtigten Informationen zu allgemeinen Rechten bei der Arbeit wieder und hilft bei der Erstorientierung im komlizierten Geflecht von Arbeitsrecht, Betriebsverfassungsgesetz und Tarifverträgen.
Inhaltsverzeichnis der Broschüre
Inhaltsverzeichnis der Broschüre


Aber auch hier gilt: Allein machen sie Dich ein, letzlich ist jedeR Beschäftigte gefordert, organisiert die erkämpften Rechte durchzusetzen und auch zu erweitern bis hin zu einer solidarischen Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung. An einer Organisierung in einer Gewerkschaft wie der FAU führt letztlich kein Weg vorbei.

Debanking ist kein Zufall

Das Logo zeigt eine zerbrochene Kreditkarte sowie den Text: "Debanking stoppen!"
Logo
🚨 Debanking ist kein Zufall.

Wenn linken Organisationen und Einzelpersonen Bankkonten gekündigt werden, geschieht das nicht im luftleeren Raum.

🏦 Banken handeln unter massivem internationalem Druck, verschärften Compliance-Vorgaben und politischen Machtverschiebungen.

🌍 Autoritäre Regierungen wie das Trump-Regime haben weltweit Maßstäbe gesetzt, die Solidarität, Antifaschismus und menschenrechtsorientierte Arbeit als Risiko markieren.

✊ Die Folgen tragen Initiativen, die sich gegen Krieg, Repression und soziale Ausgrenzung einsetzen.

📉 Debanking ist damit Ausdruck eines globalen Rechtsrucks, der über Finanzsysteme durchgesetzt wird.

🤝 Dagegen haben sich Betroffene und solidarische Unterstützer:innen zusammengeschlossen.

📢 Sier machen diese Zusammenhänge sichtbar und organisieren Widerstand gegen politischen Ausschluss durch ökonomischen Druck.

🔥 Solidarität lässt sich nicht kündigen.

🔗 Mehr Infos & Mitmachen:

Das gute Leben im Punkrock oder: ein ästhetisches Leben führen

Der Beitrag dieser Woche ist ein bisschen länger als sonst, aber ich bin auch stolz darauf. Ich habe ziemlich lange daran gearbeitet. Ich habe beschlossen, dass das Jahresende der richtige Zeitpunkt dafür ist, denn ehrlich gesagt kommt es einer Liste mit Vorsätzen für das neue Jahr am nächsten.

Ich muss euch sagen, dass ihr, wenn ihr eine gedruckte Zine-Version meiner neuesten Danielle-Cain-Geschichte „And the Bones Clean Gone“ haben wollt, bis zum 31. Dezember Zeit habt, euch für das monatliche Zine von Strangers in a Tangled Wilderness auf Patreon anzumelden.

Das gute Leben im Punkrock

Eine Badewanne steht auf der Veranda eines sehr grob gezimmerten Dreieckhauses im Wald.
Grafik: Thomas Trueten
Vielleicht fängt das mit einer alten Freundin von mir an. Nennen wir sie Ember. Ich hab Ember vor zwanzig Jahren in Asheville, North Carolina, kennengelernt, als sie in einer 8 x 8 Fuß großen, unisolierten Hütte lebte, die sie im Hinterhof eines gemieteten Punkhauses gebaut hatte. Im Erdgeschoss der Hütte stand nur ein Schreibtisch mit ihrer Schreibmaschine und ihren Büchern. Darüber befand sich ein Loft mit einer Futonmatratze. Die Bude war sauber, aber vollgestopft, und ich verbrachte viele Nächte mit ihr am Feuer im Hinterhof dieses Hauses und wir quatschten über das Leben.

Sie war ein paar Jahre älter als ich, und ich war total in sie verliebt, oder besser gesagt, in die Vorstellung von ihr, obwohl das überhaupt nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Sie trug ein selbstgenähtes Carhartt-Overallkleid und hatte bessere Grenzen und eine klarere Kommunikation als jeder andere, den ich je getroffen hatte. Sie war so direkt, dass sie streng und abweisend wirkte. Sie trank zwar, aber nicht das Gesöff, das ich gewohnt war – obwohl sie fast kein Geld hatte, trank sie nur gutes Bier. „Lieber ein gutes Bier als sechs billige“, sagte sie mir, vielleicht die einzige Lebensweisheit, die sie mir direkt mitgegeben hat. Ich sah sie und ich sah einen Hinweis darauf, wie man trotz Armut ein schönes Leben führen kann.

Ich schrieb meine erste Kurzgeschichtensammlung, ein Zine, das ich nicht neu auflegen werde, als Gutenachtgeschichten für Ember. Wir sind nicht wirklich zusammen gekommen – sie hatte diese klaren Grenzen und wusste, was sie wollte –, aber Jahre später lebte sie auf der anderen Seite des Landes, studierte Bibliothekswissenschaft und arbeitete im Infoshop, und sie zeichnete und siebdruckte ein Poster für eine Veranstaltung zu meiner ersten Buchtournee.

Das ist keine Geschichte über sie, nicht wirklich. Es ist eine Geschichte über das romantische Ideal des guten Punkrock-Lebens. Es ist eine Geschichte über Zines und DIY, über einfaches Kochen, über Festessen aus dem Müll mit Freunden und Feinden, über Kuchen und Plattenspieler und Tee und Punk-Post und Brieffreunde. Es ist eine Geschichte darüber, öfter mal das Handy auszuschalten, nackt in Flüssen zu baden, Hütten zu bauen oder zusammenzuziehen, Geschichten zu erzählen und Kellerkonzerte zu geben. Es ist eine Geschichte über Sozialzentren und Infoläden. Es ist eine Geschichte über Punkhäuser und Hütten im Wald und Wohnungen in Städten des Rust Belt. Es ist eine Geschichte über die Liebe zu halbwilden Hunden und halbwilden Freunden, eine Geschichte über Food Not Bombs und Community Organizing. Es ist eine Geschichte darüber, Kunst zu machen, in der man schlecht ist, Musik zu machen, in der man schlecht ist. Es ist eine Geschichte darüber, Kunst zu machen, in der man gut ist, Musik zu machen, in der man gut ist. Es ist eine Geschichte über Zimmerpflanzen und Bücher und das Herausholen von Möbeln aus dem Müll und den Besitz von so vielen Strickmützen, dass man nicht mehr weiß, welche von welchem Freund stammen.

Das heißt: Es ist eine Geschichte über das gute Leben. Ein Leben, das du haben kannst. Ein Leben, das ich haben kann. Oder zumindest ein Ideal, das wir verfolgen können. Ich weiß, dass ich es mein ganzes Leben lang verfolgt habe – wie alle guten Träume liegt es gemütlich am Horizont und gibt uns eine Richtung vor, in die wir gehen können. Wir werden es nie wirklich erreichen, aber die Freude liegt im Gehen.

Ich mache keine moralische Aussage über dieses Leben. Es ist objektiv nicht besser als jedes andere. Stattdessen mache ich eine ästhetische Aussage: Das ist eine schöne Art zu leben.


In den ersten zwei Jahren der Pandemie lebte ich in einer 12 x 12 Meter großen Hütte ohne Stromanschluss, die ich auf dem Grundstück von Freunden gebaut hatte. Ich hatte sie mehr oder weniger als Schlafzimmer gebaut, ohne Strom, Wasser, Küche oder Bad. Es gab nur ein Queensize-Bett, ein paar Bücher und eine Propangasheizung – auf dem Grundstück gab es eine Gemeinschaftsküche und eine Dusche, und ich habe meine Arbeit in Cafés in der Stadt erledigt. Als der Lockdown begann, verbrachte ich meine Tage damit, in aller Eile alles zu bauen, was ich brauchte, um im Winter allein in diesem Haus während der Pandemie zu überleben. Ich hatte nur sehr wenig Geld zur Verfügung. Es war verdammt schwer.

Zu Beginn der Pandemie, im Februar und März, wusch ich meine Kleidung mit einem Eimer und einem Waschbrett im nahe gelegenen Bach und trocknete sie dann langsam auf einer Wäscheleine. Ich duschte mit einer Solardusche, 80 Grad warmes Wasser bei 50 Grad Lufttemperatur. Ich benutzte einen Campingkocher, um Chili aus der Dose zu erhitzen, und mischte es mit Wildkräutern aus dem Wald. Ich las Bücher, spielte Musik, starrte in den Himmel und verlor langsam meinen Verstand. Es war mehr oder weniger schrecklich. Ich hatte monatelang kaum menschlichen Kontakt und arbeitete die meiste Zeit an meiner Hütte. Als ich es nach Monaten endlich schaffte, Wasserfässer an eine 12-Volt-Pumpe (mit Solarpanels betrieben) anzuschließen, die mit einer Propangasdusche auf meiner Veranda verbunden war, stand ich unter echtem heißem Wasser und weinte buchstäblich vor Erleichterung. Ich schluchzte einfach, während mein Körper warm und sauber wurde.

War das das einfache Leben, das die Leute romantisierten? All diese Tiny-House-Videos auf YouTube sagten mir, dass man sich ein solches Leben wünschen sollte.

Aber im zweiten Jahr der Pandemie hatte ich einen Propangasherd und genug Strom und eine seltsame, billige, zusammenklappbare Badewanne und einen kleinen Schuppen voller Mäuse, Spinnen und Holzbearbeitungswerkzeuge, und die Dinge liefen so gut, dass ich mein eigenes Leben wieder romantisieren konnte. Die Romantisierung machte es erträglicher. An manchen Tagen lag ich in meiner Hängematte, las Bücher und lauschte den Vögeln und Insekten. Ich lernte, Holzlöffel zu schnitzen, und hörte mir auf meiner Veranda Hörbücher an, während ich schnitzte. Eine Woche lang tauchte jeden Tag, wenn ich auf meiner selbstgebauten Kantele spielte, eine Eule vor meinem Haus auf. Ich hatte Freunde zu Besuch, und wir hatten die Pandemie so gut im Griff, dass wir wussten, was wir riskierten.

Es ist gut, das eigene Leben zu romantisieren. Es ist gut, die Ästhetik des eigenen Lebens anzunehmen und sich darauf einzulassen. Wir sollten versuchen, so viel Schönheit wie möglich aus unserem Leben herauszuholen. Einige der Ästhetiken, die wir romantisieren, sind aus Leiden entstanden. Aber wenn es dein eigenes Leiden ist, das du romantisierst, dann ist das kein so großes Problem. Gefährlich ist es, das Leiden anderer zu romantisieren. Nervig ist es, wenn andere dein Leiden romantisieren.

Es ist sinnvoll, für sich selbst zu entscheiden, was ein gutes Leben ausmacht, und danach zu streben, so zu leben. Ich persönlich möchte ein gutes Leben im Stil des Punkrock. Ich möchte nicht wieder in diese Hütte zurückziehen – ich habe mich nie mit der Feuchtigkeit und dem Schimmel arrangieren können, und mein Hund ist so wild, dass er einen eingezäunten Garten braucht. Aber ich möchte bewusst Bilanz ziehen, wer ich bin und was mir Spaß macht. Welche Gewohnheiten mir gut tun und welche nicht.

Bäder auf meiner Veranda tun mir gut. Doomscrolling nicht. Vor dem Schlafengehen Bücher zu lesen tut mir gut. Doomscrolling nicht. Herzhafte, proteinreiche, einfache Mahlzeiten zu kochen tut mir gut. Doomscrolling nicht. Neue Sachen zu kaufen tut mir selten gut, während es mir im Allgemeinen gut tut, alte Sachen wiederzuverwenden oder meine eigenen Sachen herzustellen.

Vielleicht ist das durch und durch Nostalgie für die frühen 2000er Jahre. Das ist mir eigentlich egal. Die Punks der frühen 2000er Jahre, deren Leben ich nostalgisch betrachte, waren selbst nostalgisch gegenüber dem Punk der 90er Jahre, der wiederum nostalgisch gegenüber dem Punk der 80er Jahre war, und so weiter, über Jahrzehnte und Subkulturen hinweg. Nostalgie ist gefährlich, wenn sie uns davon abhält, die Gegenwart zu schätzen, aber nützlich, wenn sie uns zeigt, wie wir Schönheit in der Gegenwart finden können.

In meinem Freundeskreis gibt es seit einiger Zeit einen Running Gag darüber, wie eine „anarchistische Tradwife”-Kultur aussehen würde. Vielleicht ist dieses „Punkrock-Gute-Leben” meine übertrieben ernsthafte Antwort auf diesen Witz. Es reimt sich sogar auf Tradwife. Tradwife ist Nostalgie für eine imaginäre, einfachere Vergangenheit, und das ist es auch. Das Punkrock-Gute-Leben ist jedoch nicht geschlechtsspezifisch. Es geht nicht darum, sich einem patriarchalischen Beschützer zu unterwerfen. Aber zum Glück geht es immer noch ums Nähen, Basteln und Kuchen backen.

Ich beschreibe hier nicht wirklich das Leben, das ich führe, sondern eher das Leben, das ich anstrebe. Ich schreibe das als Herausforderung an mich selbst, als Herausforderung, die Gewohnheiten anzunehmen, die ich haben möchte, die Ästhetik, der ich mich hingeben möchte. Es ist eine Herausforderung, mein bestes Leben zu leben, ein schönes Leben. Es ist eine Herausforderung, das gute Punkrock-Leben zu leben.


Das gute Punkrock-Leben sieht wohl für jeden anders aus. Aber das hier ist meins. Die meisten dieser Ideen basieren auf einigen Grundprinzipien: Es ist am besten, Dinge mit Absicht zu tun und kleine Rituale in unser Leben einzubauen. Es ist am besten, ästhetisch zu leben und sich selbst und seinen Raum zu dekorieren. Man kann seinen eigenen Raum schaffen und seine eigene Identität und seinen eigenen Körper entwickeln. Wir sollten die physische Welt feiern und die digitale Welt nur nutzen, wenn sie die physische Welt bereichert. Und wir sollten unsere Freunde und unsere Verbindungen zu anderen so gut wie möglich feiern.

Schaffe aus Freude am Schaffen, teile deine Kreationen aus Freude am Teilen. Die meisten Punkbands kommen eher mit ernsthafter Leidenschaft als mit Talent durch, und wir können diese Einstellung auf alles übertragen, was wir tun ... auch auf das Musizieren in Genres, die wir vielleicht mehr mögen als Punk. Die Freude am Punk besteht darin, Menschen zu feiern, die etwas tun, unabhängig davon, ob sie darin großartig sind oder nicht. Wir feiern unsere Freunde, die Musik machen, Essen zubereiten, Kleidung herstellen oder Geschichten schreiben, unabhängig davon, ob diese Menschen in diesem Bereich professionell erfolgreich sein können oder nicht. Klar, manche Punkbands gehen auf Welttournee, aber wir können mindestens genauso viel Spaß bei einem Kellerkonzert haben, bei dem lokale Bands einfach alles geben. Manche Zines werden überall fotokopiert und beeinflussen Hunderttausende von Menschen, während andere vielleicht von zehn Leuten gelesen werden. Das ist egal. Was zählt, ist, Dinge zu machen und sie zu teilen.

Schreibt Briefe. Die Zeit und Absicht, die in einen Brief gesteckt werden, zeigen, dass man sich kümmert, und es ist immer aufregend, etwas mit der Post zu bekommen. Du kannst deinen Freunden Briefe schreiben, egal ob du eine Antwort erwartest oder nicht. Du kannst Punk-Post verschicken – wenn du einen Freund hast, der irgendwohin reist, wo du Leute kennst, lass diesen Freund Briefe, Zines oder Geschenke an Leute am Zielort mitnehmen. Du kannst Gefangenen schreiben, sowohl politischen Gefangenen als auch denen, die einfach nur in einem schrecklichen Gefängnissystem gefangen sind. Wenn du eingesperrt wärst, würdest du dir nicht wünschen, dass die Leute dir zeigen, dass sie an dich denken?

Koche mehr. Ein Teil eines bewussten Lebens ist das Kochen. Du musst kein guter Koch sein, um Spaß am Kochen zu haben oder das Essen zu genießen, das du zubereitest – Potlucks sind wie Punkkonzerte, jeder bringt mit, was er kann, und die großartigen Köche werden genauso gefeiert wie die Leute, die nur ein einziges Gericht zubereiten können. Einige gute Punk-Grundnahrungsmittel sind: die „Forever Soup”, ein großer Topf Suppe auf dem Herd, in den täglich neue Zutaten hinzugefügt werden; das, was deutsche Punks „Reis mit Scheiß'” nennen, also Reis mit allem Gemüse und allen Proteinen, die du hinzufügen möchtest; Tofu-Rührei; Bratkartoffeln. Alles, was du mit Siracha, Nährhefe und/oder Braggs Liquid Aminos würzen kannst, ist gutes Punk-Essen. Alles, was du als „gutes Punk-Essen“ bezeichnen möchtest, ist gutes Punk-Essen. Iss zu den meisten Mahlzeiten Proteine, dann hast du mehr Energie. Vermeide es, zwischen den Mahlzeiten Kohlenhydrate zu naschen, dann hast du mehr Energie. Iss weniger verarbeitete Lebensmittel, dann hast du möglicherweise mehr Energie. Jeder Körper ist anders und braucht andere Dinge. Veganismus funktioniert für mich – mich weiter unten in der Nahrungskette zu ernähren, hat mir sehr gut getan. Anderen Freunden geht es mit tierischen Produkten viel besser. Mach deine Mahlzeiten zu etwas, das du bewusst isst, wenn möglich zusammen mit Freunden. Lerne zu kochen, nicht nur für deine eigenen Ernährungsbeschränkungen, sondern auch für die deiner Freunde.

Baue Lebensmittel an. Gärtnern ist eine der offline-lastigsten Aktivitäten, die du machen kannst, und der Grundstein vieler DIY-Praktiken. Du musst nicht gut darin sein. Bau einfache Lebensmittel an, vielleicht in Eimern, vielleicht auf Fensterbänken, vielleicht in Hochbeeten, vielleicht auf zurückgewonnenem öffentlichem Land, vielleicht bei Freunden, vielleicht in Gemeinschaftsgärten. Bau einfach Lebensmittel an, iss sie und teil sie mit anderen. Kartoffeln, Tomaten, Grünkohl, all die Grundnahrungsmittel. Spar Geld, ernähre dich besser und mach dir die Hände schmutzig.

Lass dich von Ästhetik begeistern. Dekoriere deinen Raum, egal ob du vorhast, lange dort zu wohnen oder nicht. Selbst wenn du in einer besetzten Wohnung lebst und jeden Moment rausgeworfen werden könntest, dekoriere deinen Raum trotzdem. Häng Flyer für Konzerte, Kunstwerke deiner Freunde oder Kunst und Bilder, die du im Müll gefunden hast, auf. Sammle Zimmerpflanzen – es ist immer gut, kleine Dinge zu finden, für die man verantwortlich ist. Häng getrocknete Blumen auf. Sammle Bücher. Häng Instrumente an die Wand. Sammle kleine Kreuzsticharbeiten von deinen Freunden. Kerzen sind auch schön, aber das ist nur was für erfahrene Punks: Lass Kerzen niemals unbeaufsichtigt brennen, zu viele Punks sind schon durch ihre Kerzen ums Leben gekommen. Stell deine mittelalterlichen Waffen zur Schau – vielleicht bin das nur ich. Schreib vielleicht an die Wände, oder nur an einige Wände. Leg Stifte bereit, damit deine Freunde das Gleiche tun können. Hab keine Angst vor maximalistischer Ästhetik, hab keine Angst, jede Oberfläche mit Kunst zu bedecken. Hab keine Angst, deine Dekorationen dann wieder auf etwas weniger Unordnung zu reduzieren; lass deine Dekorationen kommen und gehen. Streich die Wände. Streich sie mit Wandmalereien oder streich sie mit tiefen Farben, dunklen Farben, hellen Farben, kontrastierenden Farben, was immer du willst.

Verändere, repariere und fertige deine eigene Kleidung an. Du musst nicht gut nähen können, um deine Kleidung zu verändern oder zu flicken. Du kannst mit der Zeit besser werden, aber auch schlechte Reparaturen haben ihre eigene Ästhetik. Schneide die Ärmel deiner T-Shirts ab (befolge die zwei Regeln für T-Shirt-Ärmel: „Sun's out, guns out“ und die logische Folge „Sun's gone, sleeves gone“, um zu entscheiden, ob dein T-Shirt Ärmel haben sollte oder nicht). Bauchfreie Shirts sind für jeden Körper geeignet. Mach deine Kleidung zu deiner eigenen. Lass sie von den Elementen beeinflussen. Flick deine Hosen. Wenn du es old school magst, näh schwarze Flicken mit weißer Zahnseide auf schwarzen Stoff. Aus alten Hosen lassen sich ganz einfach Punk-Miniröcke machen. Overalls eignen sich hervorragend als Kleider. Mit T-Shirts kann man alles Mögliche machen. Lern Siebdruck oder unterstütze deine Freunde, die das können, und bedrucke Shirts, Westen, Kleider und Flicken mit Siebdruck.

Dein Körper ist kein Gefängnis, dein Körper ist kein Tempel – dein Körper ist dein Zuhause. Du kannst und solltest dein Zuhause so dekorieren, wie du möchtest, mit Piercings, Tattoos und Schmuck oder auch ohne all diese Dinge. Du solltest deine Haare so stylen, wie es dir gefällt. Du solltest die Form deines Körpers oder das Geschlecht deines Körpers durch Hormone, Operationen, Sport oder was auch immer du möchtest verändern. Du solltest deinen Körper kennenlernen und mit ihm arbeiten. Akzeptiere deine körperliche Form. Bleib so fit, wie es dir passt. Trainiere jeden Morgen. Heb Gewichte. Mach Yoga. Geh joggen. Mach nach dem Abendessen kleine Spaziergänge. Lass dich massieren. Oder auch nicht.

Unterstütze andere DIY-Künstler. Du musst nicht alles selbst machen. Geh auf Handwerksmessen oder Punkrock-Flohmärkte oder finde Künstler online. Kauf Töpferwaren, kauf Kleidung, kauf Aufnäher, kauf Seife, kauf Kerzen, kauf Kunst. Wenn jede Tasse in deiner Küche anders ist, machst du es richtig.

Schreib Dinge auf. Mach dir Notizen in einem physischen Notizbuch. Schreib in ein echtes Tagebuch. Schreib deine Träume auf, schreib Ideen für Geschichten auf, schreib deine Gartenpläne und deine Holzbaupläne auf. Schreib Rezepte auf. Schreib Dinge auf.

Das Physische ist besser als das Digitale. Triff deine Internetfreunde im echten Leben. Knüpfe persönliche Kontakte. Reise und sieh dir Dinge an.

Das Internet ist nicht der Feind. Online geknüpfte Kontakte sind nicht von Natur aus weniger echt als persönliche Kontakte. Soziale Medien sind nicht grundsätzlich schlecht. Freundschaften, Gemeinschaft und Aktivismus können auch online entstehen. Es ist nur ein Raum, der mit mehr Gefahren und Fallstricken behaftet ist.

Veranstalte und besuche DIY-Events aller Art. Kellerkonzerte sind ein perfektes ästhetisches Erlebnis. Es gibt DIY-Theater, Storytelling, Comedy und Tanz. Es gibt Teach-ins und Scheunenbau-Events, Apfelweinpressen und Saatgut-Tauschbörsen. Potlucks und Buchclubs. Vogelbeobachtungsclubs, Astronomieclubs. Was auch immer du magst, es gibt Leute, die das in kleinem und großem Rahmen machen. Unterstütze deine Freunde. Es lohnt sich.

Erzähl deinen Freunden von deinen Träumen. Wenn du von einem Freund träumst, erzähl es ihm. Mach es dir zur Gewohnheit, anderen von deinen Träumen zu erzählen, und hör dir an, was andere dir von ihren Träumen erzählen. Unsere Träume sind wichtig, aber unser Gehirn arbeitet morgens hart daran, sie aus unserem Gedächtnis zu löschen – weil sie sonst mit der Realität verwechselt werden könnten. Deshalb ist es am besten, sie aufzuschreiben oder einander zu erzählen.

Sag deinen Freunden, dass du sie liebst. Jeder, den du kennst, wird sterben. Du wirst sterben. Lass nichts ungesagt.

Halt das Internet aus deinem Bett raus. Schau nicht als Erstes morgens oder als Letztes vor dem Schlafengehen auf dein Handy. Achte im Bett auf deine Gedanken, lies ein Buch oder kuschel mit der Person, den Personen oder Tieren, die vielleicht mit dir im Bett liegen.

Lies Zines und Bücher. Filme, Fernsehen und soziale Medien sind zwar auch Möglichkeiten, etwas über die Welt zu lernen und Kultur zu erleben, und es ist okay, mit ihnen zu interagieren (oder sie selbst zu gestalten!), aber sie dienen einem anderen Zweck als Zines und Bücher. Zines schaffen eine horizontale Kultur, ähnlich wie soziale Medien, aber physisch und im Allgemeinen ehrlicher und weniger darauf ausgerichtet, Einfluss und Klicks zu generieren. Bücher öffnen uns die Welt mit Geschichte, Theorie und Erzählungen. Das geschriebene Wort ist wichtig. Niemand überwacht, was du in gedruckter Form liest, im Gegensatz zu dem, was du in den sozialen Medien liest. Wenn du gedruckte Texte liest, kannst du deine Gedanken dazu auch nicht in Echtzeit teilen, und der ganze Vorgang wird weniger performativ, sodass du dich ernsthafter mit dem beschäftigen kannst, was du liest. Es ist natürlich in Ordnung, ab und zu eine Fernsehserie zu binge-watchen. Es ist in Ordnung, Videospiele zu spielen. Lies einfach auch Bücher und Zines.

Schreib Zines und Bücher. Du musst nicht gut schreiben können, um ein Zine zu schreiben. Durch Übung wirst du besser, aber wahrscheinlich hast du unabhängig davon, wie gut du deine Fähigkeiten entwickelt hast, einzigartige Dinge zu sagen. Mach Zines. Mach Bücher.

Übernimm Verantwortung für andere, egal ob Zimmerpflanzen, Haustiere oder Freunde. Wenn wir uns umeinander oder um andere nicht-menschliche Lebewesen kümmern, hilft uns das, für uns selbst zu sorgen. Wenn du einen Hund hast, gehst du jeden Tag spazieren, ob du willst oder nicht. Wenn du eine Katze hast, räumst du hinter ihr auf, auch wenn du kaum hinter dir selbst aufräumen kannst. Du gießt deine Pflanzen, egal ob du selbst genug trinkst oder nicht. Uns um Dinge zu kümmern hilft uns, unser bestes Selbst zu sein. Uns um Freunde zu kümmern hilft uns, nicht isoliert zu werden, und versetzt uns in ein Netz der Verbundenheit und gegenseitigen Abhängigkeit.

Mach es dir zur Gewohnheit, Dinge zu tun, die dir nicht liegen. Leute, die nur das machen, was sie gut können, sind Feiglinge. Mach Dinge, die dir nicht liegen – aber versuch, besser darin zu werden. Sing falsch, bis du eines Tages richtig singst. Lern Fähigkeiten, die dir nicht von Natur aus liegen. Hab immer etwas, das dir nicht liegt und an dem du arbeitest, dann bleibt dein Gehirn flexibel und du wirst wahrscheinlich nie sterben. Nun, zumindest bin ich noch nicht gestorben, also funktioniert es bisher.

Trink Tee. Ich weiß nicht warum. Es scheint einfach etwas zu sein, was Menschen tun, die ein gutes Leben führen. Vielleicht weil Teetrinken ein kleines Ritual ist. Tee ist eine kleine Belohnung, die man sich gönnt. Darin bin ich schlecht.

Sei ein Anarchist. Ich war mir nicht sicher, ob ich ein ideologisches Gerüst in das Punkrock-Gute-Leben aufnehmen sollte, aber ich denke, es wäre unaufrichtig, es wegzulassen. Der Anarchismus ist ein Gerüst, das uns lehrt, dass wir unsere eigenen Herren sind, aber dass wir auch tief mit allen um uns herum verbunden sind. Der Anarchismus glaubt an dich und an deine Gemeinschaft. Der Anarchismus glaubt, dass wir die Welt verbessern können und dass wir keine Angst haben sollten, ehrlich zu sagen, was wir wirklich wollen: eine Welt, die auf gegenseitiger Hilfe und Solidarität basiert, eine Welt der Gleichberechtigten, in der Unterschiede gefeiert statt ausgelöscht werden. Das Etikett ist hier nicht wichtig, aber es ist ein Etikett, das mir geholfen hat, fokussiert zu bleiben.

Engagiere dich in lokaler gegenseitiger Hilfe oder Aktivismus. Koch mit Food Not Bombs oder verteile Sachen an Leute, die sie brauchen. Such dir Gruppen von Leuten aus deiner Umgebung (egal, ob sie deine Ideologie in allen Punkten teilen oder nicht), die sich für Dinge einsetzen, die dir wichtig sind, und hilf ihnen dann.

Hör dir Kassetten und Schallplatten oder sogar Bandcamp-Downloads an, statt Musik zu streamen. Musik ist kraftvoll und wunderbar. Sie ist Teil eines ästhetischen Lebens. Mach das Musikhören zu einer bewussten Handlung. Physische Medien sind dafür gut geeignet. Das Auflegen einer Schallplatte sollte ein Ereignis sein, ein kleines Ritual für deinen Tag. Manche Musik ohne Text ist dafür gedacht, im Hintergrund zu laufen, aber lass Musik mit Text niemals halb leise im Hintergrund laufen – entweder hörst du Songs oder du hörst sie nicht. Hör Musik beim Kochen, Autofahren und Putzen. Nicht während du dich unterhältst.

Lass soziale Medien weniger Raum in deinem Leben einnehmen. Das ist kein Aufruf zu Absolutem oder Abstinenz in irgendeiner Form, sondern ein Aufruf, zu verstehen, welche Gewohnheiten uns gut tun und welche nicht. Soziale Medien machen süchtig und können zwar viel zu unserem Leben beitragen (sie halten uns über das Weltgeschehen und unsere Freunde auf dem Laufenden, unterhalten uns, lehren uns), aber es ist sehr leicht, den Punkt zu überschreiten, an dem der Nutzen abnimmt, und länger als gut für uns ist in die Leere unserer Bildschirme zu starren.

Sei emotional verantwortlich gegenüber deinen Partnern. Unser Liebesleben sollte, wie alles andere auch, bewusst und überlegt sein. Wir sollten unsere Partner gut behandeln und sie als gleichwertig respektieren. Wir sollten immer versuchen, unsere Versprechen ihnen gegenüber zu halten und ehrlich zu ihnen zu sein, egal ob wir monogam oder polyamorös sind oder welche Bezeichnungen wir auch immer verwenden mögen. Wir sollten auch unseren Freunden gegenüber emotional verantwortlich sein.

Lass Rauschzustände weniger Raum in deinem Leben einnehmen. Vielleicht besteht der Kern dieses gesamten Lebensstils darin, bewusst zu leben und Dinge bewusst zu tun. Rauschzustände, egal in welcher Form, können Teil eines bewussten und schönen Lebens sein. Aber sie können leicht zur Gewohnheit werden und führen bald zu sinkenden Erträgen. Ich habe das gute Leben des Punkrocks von jemandem gelernt, der an den meisten Abenden ein gutes Bier trank, aber fast nie betrunken war. Ich selbst bin im Laufe der Jahre „hexenmäßig nüchtern” geworden und denke nur noch über Alkohol oder Drogen für rituelle Zwecke nach. Diese Rituale können so aufwendig sein wie ein Samhain-Abendessen mit Essen und Wein, das für die Toten auf dem Tisch gedeckt wird, oder so einfach wie „Ich möchte heute Abend unter dem Sternenhimmel trinken, um über meinen Platz im Universum nachzudenken”. Aber es ist immer bewusst, und für mich kommt es nur sehr selten vor.


Vielleicht ist Trunkenheit ein wichtiger Teil deines guten Lebens, und das ist in Ordnung – lass es nur immer bewusst sein, auch wenn es üblich ist. Das gute Leben im Punkrock kann auf so viele verschiedene Arten gelebt werden. Es kann von einem Gummitramp gelebt werden, der in einem Van oder einem Schulbus lebt und von Stadt zu Stadt zieht.

Es kann von Menschen gelebt werden, die in Punk-Häusern in der Stadt leben, die mit Menschen überfüllt sind, Häuser, in denen jemand in einem Zelt im Garten lebt und jemand einen Platz unter dem Küchentisch mietet, um dort zu schlafen. Es kann von Menschen gelebt werden, die in Hütten im Wald oder im Garten ihrer Freunde leben.

Es kann von Leuten gelebt werden, die alleine in Wohnungen oder Häusern wohnen, oder von Paaren, Dreierbeziehungen, Kernfamilien in Vororten oder Haushalten mit drei oder vier Generationen. Wahrscheinlich kann man das gute Punkrock-Leben aber nicht in einer Villa leben, es sei denn, man hat diese Villa bis zum Rand mit Menschen gefüllt. Ironischerweise ist das gute Punkrock-Leben von Natur aus nicht performativ.

Es ist nicht kompetitiv. Sich damit zu beschäftigen, wer das authentischste Punkrock-Leben führt, oder sich ständig mit anderen zu vergleichen, trennt einen vom authentischen Punkrock-Leben. Jeder Influencer im Bereich des Punkrock-Lebens (wie wir es uns vorstellen können) muss ständig mit dieser Spannung kämpfen, ähnlich wie eine Content-Erstellerin, die als traditionelle Ehefrau lebt, ihr authentisches Leben als traditionelle Ehefrau nicht lebt, während sie an der Erstellung von Inhalten arbeitet.

Beim guten Punkrock-Leben geht es darum, bewusst und ästhetisch zu leben, ganz wie es einem passt. Niemand lebt dieses Leben wirklich perfekt. Wir werden nie alle Gewohnheiten meistern, die wir uns vorgenommen haben. Wir werden immer wieder auf einfachere Routinen zurückfallen. Aber im Leben geht es nicht um das Ziel, sondern um den Weg dorthin. Mein Ziel ist es, den Prozess des Versuchs, ein ästhetisches Leben zu führen, anzunehmen und mich nicht für all die Dinge zu geißeln, bei denen ich regelmäßig scheitere. Denn ich werde scheitern. Aber wie die großen anarchistischen Barden der Band Chumbawamba einst prophezeiten: „Ich werde niedergeschlagen, aber ich stehe wieder auf. Ihr werdet mich niemals unterkriegen.“

Also werde ich vorerst mein Haus mit Blumen füllen, jeden Morgen mit meinem Hund spazieren gehen und versuchen, mehr Zeit mit Klavierspielen zu verbringen und weniger Zeit mit Doomscrolling. Ich werde kochen und Gäste beherbergen, ich werde das Haus putzen, während Godspeed auf dem Plattenspieler läuft, und ich werde versuchen, daran zu denken, den Sonnenuntergang oder die Morgendämmerung zu beobachten oder die Mondphase zu beachten. Und ich werde Erfolg haben, und ich werde scheitern, und ich werde Erfolg haben, und ich werde scheitern, und eines Tages werde ich sterben, und das ist auch in Ordnung. Meine Freunde werden wissen, dass ich sie geliebt habe.

Quelle: Margaret Killjoy, The Punk Rock Good Life or: living an aesthetic life, 26. Dezember 2025

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Übersetzung: Thomas Trueten [authorisiert]


Kontokündigung wegen Antifa: Banken vollstrecken US-Politik in Deutschland

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Wenn Washington entscheidet, wer in Deutschland ein Konto bekommt: GLS-Bank und Sparkasse Göttingen kündigen der Roten Hilfe die Bankkonten, ohne sachlichen Grund. Die Kündigungen erfolgten kurz nach der US-Terrorlistung von „Antifa Ost“. Auch andere linke Organisationen sind von autoritären Durchgriffe per SWIFT mitten in Europa betroffen.

Innerhalb weniger Tage haben zwei Banken die Zusammenarbeit mit dem Verein Rote Hilfe e. V. beendet. Zunächst kündigte die Sparkasse Göttingen sämtliche Konten des Vereins, kurz darauf folgte die GLS Gemeinschaftsbank mit dem gleichen Schritt. Beide Institute – obwohl sie besondere gesellschaftliche Aufträge haben – wollen alle Konten der Roten Hilfe innerhalb von zwei Monaten auflösen. Die Sparkassen sind per Gesetz einem öffentlichen Versorgungsauftrag verpflichtet. Die GLS-Bank ist nicht nur ein sozial-ökologisch ausgerichtetes Bankinstitut, sie steht als Genossenschaftsbank in direkter Verantwortung gegenüber ihren Mitgliedern. Umso gravierender ist es in diesem Fall eine über viele Jahre bestehende Kundenbeziehung mit einem Genossenschaftsmitglied abrupt zu beenden.

Die Rote Hilfe ist eine seit über 100 Jahren bestehende bundesweit tätige, strömungsübergreifende linke Solidaritätsorganisation mit etwa 19.000 Mitgliedern. Sie unterstützt Menschen, die wegen ihres politischen Engagements von staatlicher Repression betroffen sind – durch Prozessbegleitung, Öffentlichkeitsarbeit und finanzielle Hilfe bei Repressionskosten.

Nach Einschätzung der Roten Hilfe stehen die zeitlich eng aufeinander folgenden Kündigungen in direktem Zusammenhang mit der Entscheidung der US-Regierung unter Donald Trump, die sogenannte „Antifa Ost“ als ausländische Terrororganisation zu listen. Diese Maßnahme hat keine Entsprechung im deutschen Recht und basiert auf einem einzelnen Strafverfahren mit äußerst fragwürdiger Beweislage. Die Bundesregierung hat die Einstufung nicht übernommen und mehrfach betont, dass von dem allein juristischen Konstrukt »Antifa Ost« keine erhebliche Gefährdung ausgehe. Dennoch entfaltet die US-Entscheidung faktisch globale Wirkung.

Banken, die mit Personen oder Organisationen aus US-Terrorlisten in Verbindung stehen, drohen Sanktionen bis hin zum Ausschluss aus dem internationalen Zahlungsnetzwerk SWIFT. Diese Infrastruktur gilt als technisch neutral und unterliegt EU-Recht, folgt aber aufgrund der Dominanz des US-Dollars in der Praxis außenpolitischen Vorgaben der USA. Dieser Druck trifft auch die deutsche Gesellschaft. Jetzt ist es eine deutsche linke Solidaritätsorganisation – und zwei Banken beugen sich ohne erkennbare rechtliche Notwendigkeit. Die Rote Hilfe prüft juristische Schritte, um gegen die Kündigungen vorzugehen.

Die Rote Hilfe bewertet diese Entwicklung als besorgniserregendes Zeichen dafür, dass autoritäre Politik zunehmend über technische und wirtschaftliche Infrastrukturen durchgesetzt wird. Dass sich eine genossenschaftlich organisierte Bank wie die GLS, die sich selbst soziale Verantwortung auf die Fahnen schreibt, diesem Mechanismus anschließt, linken Organisationen kündigt und die Opposition schwächt, wirft grundlegende Fragen zur Glaubwürdigkeit solcher Selbstverpflichtungen auf.

Obwohl keine juristische Grundlage für eine Gleichsetzung mit terroristischen Vereinigungen besteht, werden zivilgesellschaftliche Organisationen nicht vor den Folgen geschützt und können sich nur schwer wehren. Es entsteht ein rechtsfreier Raum, in dem politische Deutungen einer US-Regierung faktisch die deutsche Zivilgesellschaft treffen können. Die Rote Hilfe weist darauf hin, dass sich dieser Mechanismus nicht auf den eigenen Fall beschränkt. Bereits in der vergangenen Woche wurde die Kündigung der Konten der DKP sowie von Anarchist Black Cross durch die GLS-Bank öffentlich. Auch Gruppen der Klimagerechtigkeitsbewegung wurden die Bankkonten gekündigt.
Hartmut Brückner vom Bundesvorstand der Roten Hilfe sagt dazu: »Heute trifft es unseren Verein – doch wer steht morgen im Visier, wenn dieser Trend ungebremst weitergeht? Wenn die ultrarechte Agenda in den USA weiter an Einfluss gewinnt, könnten auch andere progressive Initiativen und marginalisierte Gruppen ins Fadenkreuz geraten. Man stelle sich vor, konservative Kräfte in den USA erklären etwa Schwangerenberatungsstellen oder queere Organisationen zu ›terroristischen‹ Feindbildern – würden unsere Banken dann ebenso bereitwillig deren Konten kündigen? Was absurd klingt, rückt leider in den Bereich des Möglichen, wenn wir diese Entwicklung nicht gemeinsam stoppen.«

Brückner weiter: »Wir rufen die progressiven Kräfte in diesem Land dazu auf, an unserer Seite zu stehen, um auch weiterhin für eine bessere Gesellschaft zu kämpfen, unabhängig von US-amerikanischer Einmischung und gegen die global agierende Rechte.«

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Quelle: Pressemitteilung Rote Hilfe, 23.12.2025

Überall Bundeswehr

Das Foto zeigt einen Stapel des besprochenen Buches, der auf einem Stuhlpolster liegt.
Überall Bundeswehr! – doch dieser neue Sammelband setzt dem bellizistischen Zeitgeist antimilitaristische Analysen und Argumente entgegen.
Es ist den Herrschenden und ihren parlamentarischen Mehrheiten ernst mit der Militarisierung der Gesellschaft. Wehrpflicht und Werbung – das ist der für alle sichtbare Teil der großen Mobilisierung. Ein neuer Sammelband setzt dem bellizistischen Zeitgeist antimilitaristische Analysen und Argumente entgegen.

Überall Bundeswehr: Das ganze Land ist mit einer beispiellosen Plakatkampagne überzogen; am Tag, als CDU und SPD die verpflichtende Musterung der jungen Männer des Jahrgangs 2009 wieder eingeführt haben, werden im TV Bundeswehrspots gesendet, und auch in der Provinzpresse ist viel Platz für „unsere Armee“ und ihre Bedürfnisse. Zum Beispiel bringt die Westdeutsche Zeitung vom 29. November in der Rubrik „Jobmagazin“ den ausführlichen Artikel „Als Frau zur Bundeswehr“. Die Botschaft lautet: Soldatin ist ein ganz normaler Beruf mit vielen Möglichkeiten und Karrierechancen, ohne geschlechtsspezifische Diskriminierung – kein Wort von Töten und Sterben, von Gewalt und physischer Dominanz, von irreversiblen Verletzungen, Verstümmelungen, Traumatisierungen, Schuld …

2025 gibt es 24.800 Soldatinnen. Die Rollenverteilung ist traditionell, in der Westdeutschen Zeitung wird diese Tatsache einfach unter der Überschrift „ziviler Bereich“ versteckt. Denn fast die Hälfte des Personals im Sanitätsdienst besteht aus Frauen; in allen anderen Bereichen sind es dagegen nur um zehn Prozent. Das schreibt Annuschka Zak in einem gerade erschienenen Sammelband „Die große Mobilisierung“. Sie ist eine der 18 Autor*innen des Buches. Herausgegeben wurde es vom AK Antimilitarismus, einem neu gegründeten militärkritischen Zusammenschluss von Journalist*innen und Aktivist*innen. „Um für die kommenden Auseinandersetzungen gewappnet zu sein, wollen wir zur Unterstützung und Mobilisierung antimilitaristischer Bewegungen beitragen“, schreibt der AK Antimilitarismus in der Einleitung des Buches (S. 12). „Unser Fokus liegt dabei auf den aktuellen Entwicklungen, die darauf zielen, die Akzeptanz eines zunehmend aggressiven Militarismus wieder mehrheitsfähig zu machen.“



Das Buch erzählt die Geschichte der deutschen Armee und legt den Schwerpunkt auf die Zeit seit der sogenannten Wiedervereinigung. Auf die wichtigsten Beiträge möchte ich kurz eingehen, denn sie zeigen die finanzielle, technische, rechtliche und institutionelle Formierung der Bundeswehr.

Hochrüstung als Staatsprojekt

Dramatisch und beängstigend ist die Weiterführung des 100 Milliarden Euro umfassenden „Sondervermögens“ von 2022, dessen Umfang damals schockiert hat. Jürgen Wagner hat schon damals in seinem Buch „Im Rüstungswahn“ vorausgesagt, dass „die Entscheidungen, ob es zu einer Verstetigung der Zeitenwende kommen wird[,] spätestens 2026 getroffen werden [dürften]“ (S. 211). Wagners Buch legt die Grundlagen für das Verständnis der ersten Welle der massiven Aufrüstung.

Allerdings war diese Radikalisierung durch die Merz-Regierung 2025 nicht vorherzusehen. Jürgen Wagner schreibt nun in „Die große Mobilisierung“: „Die im März 2025 in einem völlig undemokratischen Hauruckverfahren von Union, SPD und Grünen zusammengeleimte weitgehende Aussetzung der Schuldenbremse für Militärausgaben soll vor diesem Hintergrund eine neue Runde beispielloser Hochrüstung einläuten. Dies ebnete den Weg, um im Juni 2025 dem neuen NATO-Ausgabenziel von 5 % des Bruttoinlandproduktes (3,5 % im engeren und 1,5 % im weiteren Sinn) zuzustimmen. Dadurch sollen die deutschen Militärausgaben von rund 90 Mrd. (2024) bis 2029 auf 167,8 Mrd. Euro (3,5 % des BIP) bzw. ca. 240 Mrd. Euro (5 % des BIP) steigen“ (S. 169).

240 Milliarden Euro pro Jahr! Der gesamte Bundeshaushalt 2026 (im Haushaltsentwurf) umfasst „nur“ rund 520 Milliarden Euro! Und es sollen nur die Teile der Infrastruktur saniert, modernisiert oder neu gebaut werden, die für das Militär notwendig sind, also vor allem Verkehrswege und Strukturen zur Versorgung der Armee.

Dass die Militarisierung, besonders seit dem Beginn des Ukrainekriegs, fast überall unwidersprochen bleibt, betont Pablo Flock: „Selbst Teile der Linken übernehmen inzwischen das Ziel, vermeidliche Autokratien durch Aufrüstung und Krieg in die Knie zu zwingen“ (S. 25). Dieses offen aggressive Motiv löst den scheinheiligen Bezug auf die Menschenrechte ab, mit dem die Kriege des Westens seit 1990 geführt wurden. Im April 2024 präsentierte Bundeswehrminister Pistorius den sogenannten Osnabrücker Erlass, mit dem das Operative Führungskommando zur Realität wird: „Somit erhält ein Drei-Sterne-General an der Spitze dieser Führungszentrale eine Fülle an Macht, die seit dem knapp 70-jährigen Bestehen der Bundeswehr nie ein General außerhalb des Verteidigungsministeriums innehatte.“ (S. 30).

Martin Kirsch zeichnet den Weg bis dahin nach, angefangen vor einem Vierteljahrhundert unter Rot-Grün (2001) mit der Schaffung des Einsatzführungskommandos, 2012 gefolgt von der „Herauslösung der Teilstreitkräfte und der Einsatzführung aus dem Ministerium“ (S. 28), das nun unter dem Befehl des Generalinspekteurs liegt, bis 2024 zum Operativen Führungskommando. Das Operative Führungskommando setzt die Vorgaben für die militärische Formierung der zivilen Behörden und die Erweiterung der Armeeverwaltung (Wehrüberwachung, Musterung, Bauvorhaben). Die zivile Verwaltung beginnt, „Embedded Support Organisations“ aufzubauen, die den Soldat*innen in den Krieg folgen sollen, um sie von Verwaltungsaufgaben zu entlasten (S. 31).

Ulrich Sander hatte schon 2003 den damaligen Generalinspekteur Harald Kujat zitiert: „Erstmalig in der Geschichte der Bundeswehr besitzen wir mit dem Einsatzführungskommando eine nationale teilstreitkraft-gemeinsame Führungsfähigkeit.“ Und Sander weiter: „Erstmalig in der Geschichte der Bundeswehr heißt nicht erstmalig in der Geschichte überhaupt. Das Einsatzführungskommando gab es schon früher, es hieß damals Generalstab. 1945 wurde den Deutschen ein Generalstab verboten.“

Ava Matheis zeigt im neuen Sammelband die großen Projekte der konkreten Aufrüstung. Diese verfolgen drei Ziele: erstens, den großen Krieg gegen Russland führ- und gewinnbar zu machen, zweitens, die Vormachtstellung Deutschlands in Europa zu stärken, und drittens, eigene Rüstungskapazitäten aufzubauen. Der größte Anteil des Sondervermögens „Bundeswehr“ fließt in die Aufrüstung und Modernisierung der Luftwaffe, gefolgt von der Querschnittsaufgabe Digitalisierung. Die Vergrößerung des Heeres wird vor allem mit massivem Zukauf von gepanzerten Fahrzeugen vorangetrieben. Entscheidend sind die ernsthaften Versuche, alle Elemente der eigenen Armee in Echtzeit miteinander zu vernetzen, um letztlich einen gigantischen teilautomatischen und teilautonomen Kampforganismus zu schaffen, der der gegnerischen Armee haushoch überlegen wäre. Das klingt wie SciFi, aber sie versuchen es wirklich!

Militärische Machtkonzentration

Mit der Zurichtung des Rechts für die Militarisierung beschäftigt sich Ulrike Eifler. So wird die Freizügigkeit, also die freie Wahl des Arbeitsplatzes, durch eine neue Form des „Arbeitssicherstellungsgesetzes“ – das ist die berüchtigte Notstandsgesetzgebung von 1968 – eingeschränkt. Der Arbeitszwang betrifft alle Arbeitsplätze, die direkt oder indirekt als militärisch notwendig deklariert werden: „In den regionalen Verwaltungsausschüssen der Agentur für Arbeit entstehen bereits auf der Grundlage des Arbeitssicherstellungsgesetzes regionale Ausschüsse unter Beteiligung der Bundeswehr, die die Sicherstellung bestimmter Arbeitsleistungen im Spannungsfall gewährleisten sollen.“ (S. 106) Auch die Arbeitszeiten können nun verlängert (Soldatenarbeitszeitverordnung) und das Streikrecht für die Bereiche Post, Zustellung und Logistik eingeschränkt werden (Postrechtsmodernisierungsgesetz). Die Autorin macht darauf aufmerksam, dass der Bundesgerichtshof 2025 das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung zwar nicht für Deutschland, aber im Fall der Ukraine für ungültig erklärt hat; dies wäre mit der gleichen Begründung auch in Deutschland möglich.

Jacqueline Andres skizziert die fortgesetzte Aufweichung des Grundgesetzes (Artikel 87a), um die Bundeswehr im Inneren – ohne Einschränkungen – einsetzen zu können. Die von links kritisierte Notstandsgesetzgebung von 1968 erlaubt den Einsatz der Armee bereits im Verteidigungsfall (bei „innerem Notstand“) und im Katastrophenfall. Die Amtshilfe soll die Bundeswehr öffentlichkeitswirksam sichtbar machen und das „Bild der Bundeswehr als Helferin“ festschreiben (S. 126). Das immer häufiger benutzte Instrument der Amtshilfe wurde 2007 zur Zivil-militärischen Zusammenarbeit (ZMZ) ausgebaut. Seit Anfang der 2000er Jahre können „terroristische Großlagen“ den Bundeswehreinsatz in Deutschland rechtfertigen, dazu dienen seit 2017 die regelmäßigen „Terrorabwehrübungen“ GETEX.

Das 2022 geschaffene Territoriale Führungskommando lenkt verbindlich „Heimatschutz, Amts- und Katastrophenhilfe, ZMZ und Host Nation Support, die logistische Unterstützung für die alliierten Streitkräfte also, die ihre Truppen durch Deutschland hindurch Richtung Russland verlegen und vor Ort beispielsweise Straßen nutzen und tanken müssen“ (S. 130). Das Territoriale Führungskommando wurde 2024 mit dem Einsatzführungskommando zum Operativen Führungskommando vereint (s. Martin Kirsch). Mittlerweile existieren sechs Heimatschutzregimenter der Bundeswehr, denen die Durchführung des Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU) obliegt. Im Spannungsfall schützt der Heimatschutz vermeintlich die Heimatfront, und sie gehen in ihren Manövern und Übungen auch gegen Demonstrierende vor. Genau das sollte die ursprüngliche Fassung des Grundgesetzes ausschließen.

Kriegseinsätze als neue Normalität

Die Einsätze der Bundeswehr werden von vier der Autoren ausführlich geschildert. Beginnend mit Somalia 1993 (hier der erste getötete Zivilist), war dann in den 1990er Jahren der Balkan das Ziel deutscher Armeeeinsätze. Beim Angriff der NATO auf Serbien 1995 und bei der Besatzung Bosniens war die Bundeswehr involviert, und eine Kommandoaktion 1997 in Albanien brachte den ersten Schusswechsel deutscher Soldaten.
Nachdem die erste Phase […] nicht zum Nachgeben der jugoslawischen Regierung führte, wurden schließlich in ganz Jugoslawien Ziele angegriffen. Die Zahl von Angriffsflügen steigerte sich von anfangs 30 bis 50 auf zuletzt 300, die Anzahl der Flugzeuge wurde im Verlauf des Krieges von 350 auf 900 erhöht. Bombardiert wurde bald alles, was in den Augen der NATO eine militärische Funktion hatte. Dazu gehörten etwa Bahnanlagen und Telekommunikationseinrichtungen. Immer wieder wurden dabei Zivilisten getötet, die NATO prägte damals den Begriff ‚Kollateralschaden‘. Als solche galten zum Beispiel 20 Passagiere eines Schnellzuges, der von einer Eisenbahnbrücke geschossen wurde, oder 73 Flüchtlinge, die mit einem Militärkonvoi ‚verwechselt‘ wurden. Das jugoslawische Fernsehen berichtete ausführlich über solche Vorfälle […] – bis seine Zentrale in Belgrad ebenfalls bombardiert wurde, mit 16 Toten.“ (S. 83)

Zur Rechtfertigung ihres Krieges wurden von den Rot-Grünen Regierungsmitgliedern und Funktionär*innen massenhaft Lügen verbreitet, etwa der von Scharping erfundene „Hufeisen-Plan“. Die NATO-Vorbereitung des Krieges umfasste – neben der systematischen Dämonisierung der serbischen Konfliktpartei – die Inszenierung eines Kriegsgrundes mit dem „Massaker von Račak“ sowie das kalkulierte Scheitern der Verhandlungen in Rambouillet: „Tatsächlich hatten die westlichen Verhandlungsführer maximale Zugeständnisse eingefordert: Ein erst nach Kriegsbeginn öffentlich gewordener Teil des Vertragsentwurfs (‚Annex B‘) sollte NATO-Truppen ungehinderte Bewegungs- und Straffreiheit in ganz Jugoslawien verleihen, also faktisch ein Besatzungsregime ermöglichen. Ein Ansinnen, das jeder souveräne Staat abgelehnt hätte“ (S. 81). Und so lief im Radio „Sex Bomb“ von Tom Jones als Soundtrack der NATO-Aggression, und im „Morgenmagazin“ von ARD/ZDF wurde bei Sonnenschein wieder vom „Bombenwetter“ gesprochen. Dieser völkerrechtswidrige Angriffskrieg ist der Präzedenzfall, der das Verhältnis zwischen der NATO und Russland, und damit die Weltpolitik, bis heute bestimmt: „Als der russische Präsident Wladimir Putin der russischen Bevölkerung den völkerrechtswidrigen Angriff auf die Ukraine verkündete, kopierte er gleichermaßen die Argumentation der NATO von 1999“ (S. 85 f.). Tja …

Fast 20 Jahre dauerte der Kriegseinsatz und die Besatzung von Afghanistan: Emran Feroz nennt im Sammelband die Schlüsselereignisse der „Operation Enduring Freedom“: die fast ausnahmslose Zusammenarbeit des Westens mit Warlords, deren Kriegsverbrechen bekannt waren, und die – neben der Unterdrückung im Auftrag der westlichen Armeen – von Korruption und Drogenhandel lebten. Der schreckliche Höhepunkt deutscher Präsenz war die Affäre um Oberst Klein, der 2009 regelwidrig die Bombardierung von zwei Tanklastern in Kunduz befahl. Dabei wurden über 150 Menschen getötet, und es war für die Angehörigen der Opfer nicht möglich, angemessene Entschädigungen durch Deutschland zu erreichen: „Deutlich besser davon kam Georg Klein. Ein Disziplinarverfahren in Deutschland fand nicht statt. 2012 wurde er sogar zum General befördert: ein Schlag ins Gesicht der Opfer von Kunduz“ (S. 90). Das Zurücklassen der Ortskräfte beendete den verlorenen Krieg der Bundeswehr. „Weder die NATO noch die Bundeswehr geschweige denn das US-Militär sind an einer ernsthaften Aufarbeitung des Krieges interessiert. Viele Kriegsverbrechen von NATO-Truppen werden wohl wahrscheinlich erst in den kommenden Jahren oder gar Jahrzehnten ans Licht der Öffentlichkeit kommen“ (S. 92).

Vor Kurzem wurde nach über zehn Jahren auch der seltsame Bundeswehreinsatz in Mali und der erweiterten Sahelregion beendet – auch er ist gescheitert, wie Daniel Frede und Jakob Reimann feststellen (S. 94 ff.).

Nicht alle Artikel des Bandes enthalten das, was sie ankündigen. Renate Dillmanns Beitrag über die PR-Kampagnen der Bundeswehr endet mit der Worthülse „Amerikanisierung der Verhältnisse“, was den Lesenden nicht weiterhilft. Und Thomas Winklmeier verirrt sich beim Versuch, die Gründe für Aufrüstung und Kriegstreiberei in der BRD darzulegen, leider in der oberflächlichen Anwendung politökonomischer Kategorien („die tarngefleckte Hand des Marktes“ und ähnliche).

Jörg Kronauer möchte in seinem Artikel „Die Bundeswehr als Mittel deutscher Machtprojektion“ den aggressiven Charakter deutscher Auslandseinsätze aufzeigen. Seltsamerweise schreibt er in diesem Zusammenhang: „Im November 2023 erklärte der damalige EU-Außenbeauftragte Josep Borrell mit Blick auf den Gaza-Krieg, ‚wir Europäer‘ müssten schon ‚aus Eigeninteresse‘ stärkere Aktivitäten in Nahost entfalten; denn davon werde ‚ein bedeutender Teil der künftigen globalen Rolle der EU‘ abhängen“ (S. 177). Hier liegt ein – absichtliches? – Missverstehen seitens des Kollegen Kronauer vor. Denn der Kontext von Borrells Äußerungen ist ein vollkommen anderer, war Borrell doch der einzige hochrangige EU-Vertreter, der sich schon im November 2023 klar gegen den Genozid in Gaza gestellt hatte. Seine Position als Beweis einer aggressiven und expansiven EU-Außenpolitik anzuführen ist einfach falsch.

Ein tatsachenbasiertes Bild der deutschen Israel-Palästina-Politik ergibt sich nur, wenn man die reale Rolle der Bundesregierung in den Blick nimmt: Deutschland steht unbedingt und (nahezu) bedingungslos hinter der offen faschistischen israelischen Regierung – schöngeredet als sogenannte Staatsräson. Die politische Rückendeckung für Israel innerhalb der EU und auf globaler Ebene, die Hofierung von Kriegsverbrechern sowie kontinuierliche Waffenlieferungen haben den Völkermord politisch ermöglicht. Diese Strategie hat die EU faktisch gelähmt. Zu ihr gehören seit Jahrzehnten auch zahlreiche militärische Kooperationen der Bundeswehr mit der israelischen Armee. Bundeswehr und IDF sind Verbündete – genau diese Form der Machtprojektion bleibt bei Kronauer ausgeblendet.

Mit Ulrike Eifler und Jakob Reimann finden sich im Buch zwei Autorinnen, die sich faktenbasierten Analysen verpflichtet fühlen und die ihre Ressourcen beständig an prominenter Stelle in die Palästina-Solidarität einbringen.

Andrea Röpke berichtet über die Verbindungen zwischen Bundeswehrsoldaten und der politischen Rechten, vor allem in Gestalt der Partei AfD. Viele skandalöse Vorfälle und personelle Verflechtungen werden von der Autorin aufgedeckt – aus der Zeit nach und auch vor der AfD-Gründung. Dabei konstatiert sie: „Strukturelle Ähnlichkeiten zwischen rechtsextremer Partei und Armee bieten straffe Hierarchien, wenig innere Demokratie, unbedingten Nationalismus verbunden mit Geschichtsverklärung“ (S. 138). Allerdings diskutiert sie weder die von ihr selbst genannte strukturelle noch die historische Frage nach der Bedeutung der gefährlichen deutschen Militärtradition. Das Eiserne Kreuz als Hoheitszeichen der Bundeswehr? Das Wachbataillon, die Repräsentationstruppe der BRD, mit „Helm ab zum Gebet!“? Das Wachbataillon stammt in Auftreten und Herkunft ausschließlich aus Kaiserreich und Wehrmacht ab. Es stellt sich die Frage, ob dies nur Folklore ist oder diese reaktionären Traditionen handlungsleitend für die Bundeswehr sind. Und: „Der AfD geht es bei der Forderung nach einer starken Bundeswehr nicht um Friedenspolitik, sondern vielmehr um bewaffnete Stärke und die Aufwertung eines elitären Soldatentums“ (S. 138). Spricht sie sich hier für Militarisierung ohne Militarismus aus? Und welche „Friedenspolitik“ kann die Bundeswehr vertreten?

Trotz der oben genannten Kritik an einzelnen Autor*innen: Das Buch ist Teil der lebendigen Friedensbewegung der BRD und unbedingt zu empfehlen.

AK Militarismus (Hrsg.): Die große Mobilisierung – Die Bundeswehr von der Wiederbewaffnung bis zur Kriegstüchtigkeit, Köln, 2025, Papyrossa.

Das Buch kann für 16,90 Euro hier bei PapyRossa erworben werden.

Erstveröffentlichung bei etos.media

Anatole France zum neuen Grundsicherungsgeld

Die Zeichnung zeigt zwei Menschen und einen Hund, die im Schnee um eine Feuertonne stehen und sich die Hände wärmen. Im Hintergrund links eine Hütte, rechts davon ein größeres Haus mit einem beleuchteten Fenster, einem rauchenden Kamin und einer Zisterne auf dem Dach und die Brooklyn Bridge, die sich über die Szene spannt.
"Under Bridges" von Eric Drooker
„Das Gesetz
in seiner erhabenen Gleichheit
verbietet es
Reichen wie Armen,
unter den Brücken
zu schlafen,
auf den Straßen
zu betteln
und Brot
zu stehlen.“


(Anatole France)

Buchtipp: Gustav Landauer: Abschaffung des Kriegs durch Selbstbestimmung

Das Buchcover zeigt ein Foto von Gustav Landauer sowie Titel und weitere Angaben
Buchcover
"Die Lungenentzündung beizubehalten, das Fieber aber abzuschaffen geht nicht; die Staaten existieren zu lassen, mit dem Krieg aber aufzuhören, ist unmöglich." (Gustav Landauer: Vom Krieg, 1913)

Im Zentrum der hier vorgelegten Auswahl steht der Band "Rechenschaft". Unter diesem Titel hat Gustav Landauer im März 1918 seine seit 1909 gegen den Krieg geschriebenen Aufsätze zusammengefasst, um sie gleich nach dessen Ende erscheinen zu lassen.

Zwei kleinere Abteilungen gehen voran. Zum einen vier 'Wegtexte' aus den Jahren 1901 bis 1915, in denen Landauer Fragen von Gewalt und Gewaltlosigkeit diskutiert, sich mit seinem Judentum auseinandersetzt oder in gedrängter Form sein antipolitisches Projekt umreißt; zum anderen einige Texte, welche die Themen Gewaltlosigkeit, Militarismus und Militärdienst behandeln, aber außerhalb der Sammlung "Rechenschaft" stehen und zudem durch einen direkten oder indirekten Bezug auf Tolstoi zusammengehalten werden. In einem weiteren Abschnitt werden exemplarische Wortmeldungen und Briefe Landauers aus den Zeiten von Krieg und Revolution dargeboten.

Ein Anhang enthält u.a. Gedichte von Landauers Lebensgefährtin Hedwig Lachmann (1865-1918), Texte von Erich Mühsam (1920) und Emil Julius Gumbel (1924) sowie eine "Chronologie zu Leben und Werk Gustav Landauers" von Dr. Siegbert Wolf. Die Einleitung hat Jan Rolletschek verfasst.

edition pace.
Gustav Landauer: Abschaffung des Kriegs durch Selbstbestimmung.
Ausgewählte Texte 1895-1919. Bearbeitet von Peter Bürger und Jan Rolletschek.
(= edition pace 41 ǀ Regal: Pazifisten & Antimilitaristen aus jüdischen Familien 14).
Hamburg: BoD 2025. (ISBN: 978-3-8192-4282-3; Paperback; 376 Seiten; 15,99 €).

152.000 Abgeschobene seit Trumps Amtsbeginn

Grenzabschnitt zwischen USA und Mexiko. Foto: BBC World Service via flickr, CC BY-NC 2.0.
Grenzabschnitt zwischen USA und Mexiko. Foto: BBC World Service via flickr, CC BY-NC 2.0.
(Mexiko-Stadt, 10. Dezember 2025, Prensa Latina).- Mexiko hat seit Beginn der Amtszeit des US-Präsidenten Donald Trump 152.592 aus den USA abgeschobene Personen aufgenommen, teilte die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum mit.

„Seit dem 20. Januar [wurden] 152.592 Personen [abgeschoben], darunter 140.706 Mexikaner*innen und 11.886 Ausländer*innen“, erklärte die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum während ihrer üblichen Pressekonferenz im Nationalpalast.

Die Regierungschefin bekräftigte ihre Ablehnung der Razzien gegen Migrant*innen im nördlichen Nachbarland und betonte, sie habe diese Ablehnung persönlich gegenüber ihrem Amtskollegen in den Vereinigten Staaten und Außenminister Marco Rubio zum Ausdruck gebracht.

„Wir haben zahlreiche diplomatische Stellungnahmen zu konkreten Fällen und allgemein über die Behandlung verfasst, die Migrant*innen, insbesondere Mexikaner*innen, erleben. Auf allen diplomatischen Kanälen haben wir unsere Missbilligung gegenüber dieser Art der Festnahme von Migrant*innen zum Ausdruck gebracht”, erklärte sie.

Die Präsidentin betonte, dass ihre Landsleute im nördlichen Nachbarland keine Kriminellen seien, sondern ehrliche Menschen, deren Ziel es sei, ihren Familien in Mexiko zu helfen und dabei gleichzeitig einen Beitrag zur Wirtschaft und Gesellschaft der USA leisten.

Sie erinnerte an die Verstärkung der Maßnahmen zur Unterstützung von Migrant*innen im Falle einer Festnahme, darunter Rechtsberatung und die Anweisung der Konsulate, eine kontinuierliche Begleitung zu gewährleisten, um die Achtung ihrer Menschenrechte zu garantieren.

Darüber hinaus erwähnte sie die Rückführungsstrategie „México te abraza” (Mexiko umarmt dich), mit der die Regierung umfassende Unterstützung für diejenigen bietet, die in Mexiko ankommen. Dazu gehören medizinische Versorgung, Transport in ihre Herkunftsorte, Stellenangebote und Zugang zu Sozialprogrammen.

Übersetzung: Antonia Mitko
Quelle: NPLA
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