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»Es ist besser stehend zu sterben als auf Knien zu leben.« Emiliano Zapata Salazar

Morgen kann ich wieder zynisch sein Oder: Dies ist der Anfang, nicht das Ende

Ich glaube, morgen werde ich das Ganze zynisch sehen. Ich glaube, morgen werde ich mir vor Augen halten, dass die Demokraten historisch gesehen eher vom Status quo begeistert waren als von progressiven Veränderungen, dass sie es lieben, aus einer sicheren Siegessituation noch eine Niederlage zu machen.

Ich glaube, morgen werde ich mich daran erinnern, dass die Welt nicht besser wird, wenn die Menschen sie nicht direkt verbessern. Ich glaube, morgen werde ich mich daran erinnern, dass es vielen Wählern der „blauen Welle“ mehr um sinkende Benzinpreise ging als darum, Rassismus und Transphobie zu bekämpfen. Ich glaube, morgen werde ich mich daran erinnern, dass einige der Demokraten, die gewonnen haben, Transfrauen dabei einfach fallen gelassen haben.

Heute werde ich aber den leichten Regen vor dem Fenster beobachten, den Vögeln lauschen und glücklich sein. Wir brauchen den Regen. Ich werde nie verstehen, warum Menschen Regen mit Traurigkeit verbinden. Regen ist Hoffnung. Durch Regen und Feuer erneuert sich die Welt immer wieder aufs Neue.

Die Republikanische Partei ist ein gewagtes Risiko eingegangen: Sie dachten, die Amerikaner würden Transmenschen und Migranten mehr hassen als den Faschismus. Gestern haben die Amerikaner ihnen eine Absage erteilt – in der größten Wahlüberraschung meines Lebens. Eine Mehrheit der Amerikaner hat deutlich gemacht, dass sie Migranten und Transmenschen nicht so sehr hassen, dass sie dafür die Wirtschaft ruinieren würden, und dass sie Trump mehr hassen als mich und meine Liebsten. Gestern Abend habe ich eine Party veranstaltet, was ich in meinem Leben bisher nicht oft gemacht habe. Ich bin introvertiert und habe noch nie besonders lange an einem Ort gelebt. Aber gestern Abend habe ich eine Party geschmissen, damit viele von uns zusammen sein könnten, falls das Schlimmste eintreten sollte. Ich habe aus Versehen alkoholfreies Bier getrunken und war von netten Menschen umgeben. Mein Hund, der in Menschenmengen manchmal ängstlich ist, war der Star des Abends und streifte von Person zu Person, um sich kraulen und streicheln zu lassen. Ich vermute, er wird tagelang schlafen.

Vielleicht waren mehr als die Hälfte der Gäste Transfrauen. Man lädt eine Transfrau ein, und plötzlich ist eine ganze Schar von ihnen da, und sie bringen Segen und Freude mit. Mindestens zwei der Gäste waren Binnenflüchtlinge – Frauen, die aus Texas in kältere Gefilde und zu etwas weniger transfeindlichen Politikern geflohen waren.

Etwa einmal pro Stunde schaute jemand auf sein Handy und erzählte uns, dass die Hochrechnungen immer besser aussähen. Wahrscheinlich gab es in diesem Raum niemanden, der sich als „Demokrat“ bezeichnen würde, aber wir alle hatten seit Monaten Anti-Trans-Wahlkampfpost in unseren Briefkästen gefunden, und selbst eingefleischte Wahlenthalter gingen dieses Mal zur Wahl. Es fühlte sich gut an, unseren Feinden beim Verlieren zuzusehen.

Die Rechte trommelte so laut sie konnte gegen  DEI (Diversity, Equity and Inclusion auf Deutsch: Vielfalt, Chancengerechtigkeit und Inklusion),doch die Menschen wählten die erste schwarze Gouverneurin des Landes und die erste indigene Gouverneurin des Landes. In einer Zeit, in der die Rechte Transfrauen als Pädophile darstellen will, wurde eine Transfrau ins Repräsentantenhaus von Alabama gewählt – und ihr Wahlkampf lief im Grunde darauf hinaus: „Die Republikaner sind pädophile Ungeheuer, denen ihr egal seid.“ Sie hatte ein 20:1-Nachteil bei den Wahlkampfausgaben und hat trotzdem gewonnen.

Es gibt eine riesige Kluft zwischen Repräsentation im politischen System und der Befreiung von Rassismus und Geschlechterungleichheit, aber es sagt auf jeden Fall etwas aus, dass die Leute keine Angst hatten (oder sogar begeistert waren), für diese Kandidatinnen zu stimmen.

Heute Morgen bin ich hoffnungsvoller aufgewacht als seit Jahren. Wir haben eine echte Chance, den Faschismus aus der Macht zu vertreiben, wenn wir uns daran erinnern, dass dies nur ein erster Sieg in diesem Kampf ist. Wir haben eine Chance, wenn wir uns daran erinnern, dass dies der Anfang ist, nicht das Ende. Heute Morgen hat das anarchistische Kollektiv CrimethInc es so formuliert:

Wir argumentieren schon seit 2014, dass Staatsmacht eine heiße Kartoffel ist. In einer globalisierten Welt können Regierungen die Auswirkungen des Kapitalismus auf normale Wähler nicht mehr abfedern – wer also an der Macht ist, verliert an Popularität.

Es ist gut zu sehen, dass Trump die Kontrolle verliert. Aber wir werden weiterhin in immer wilderen Schwankungen zwischen den politischen Parteien hin und her pendeln, bis wir echte Veränderungen am System selbst herbeiführen.

Die Metapher mit der heißen Kartoffel trifft es genau. Die Zustände in der Welt werden in diesem Jahrhundert selbst im besten Fall noch schlimmer werden, und wer auch immer an der Macht ist, wird für den Anstieg des Meeresspiegels verantwortlich gemacht werden. Infolgedessen werden wir viele intensive politische Verschiebungen in alle Richtungen erleben.

Aber lass mich dir meine kühnste Hoffnung schildern.

Stell dir den politischen Kompass vor, die Karte mit den vier Quadranten. Stell dir vor, dass unsere aktuelle politische Position die meiste Zeit wie eine Stecknadel in einer Pinnwand dieser Karte feststeckt. Meistens ist es schwer, diese Stecknadel sehr weit oder schnell zu bewegen. In seiner ersten Amtszeit versuchte Trump, die Stecknadel nach oben und nach rechts zu ziehen (in Richtung Autoritarismus und wirtschaftliche Ungleichheit). Er und seine Freunde packten diese Stecknadel und zogen mit aller Kraft daran – und schafften es sogar, sie ein kleines Stückchen zu verschieben. (An dieser Stelle hinkt die Metapher, denn in dieser Metapher kann man eine feststeckende Stecknadel bewegen, im echten Leben jedoch nicht.)

In seiner zweiten Amtszeit löste Trump die Stecknadel einfach aus ihrer Verankerung, was ihm die Möglichkeit gab, sie drastisch zu verschieben. „Politik wie immer“ war passé, und wir alle lernten, dass dramatische politische Kurswechsel möglich sind.

Die Stecknadel ist also gelöst, aber sie liegt nicht mehr allein in seinen Händen. Er verliert die Kontrolle, denn wir sind mehr als sie.

Hier ist also meine kühnste Hoffnung: Wir können die Stecknadel verschieben, solange sie gelöst ist. Die etablierten Demokraten werden wahrscheinlich versuchen, diese Stecknadel gleich wieder in die Pinnwand zu stecken, und das müssen wir nicht zulassen.

Es gibt eine Welt zu gewinnen, und wir werden sie nicht gewinnen, indem wir so tun, als könne alles wieder zum Normalzustand zurückkehren.

Und ja, die „blaue Welle“ kam zustande, weil die Menschen hingegangen sind und gewählt haben, aber sie kam auch zustande, weil Los Angeles, Chicago, Minneapolis und St. Paul lieber unregierbar wurden, als der ICE freie Hand auf ihren Straßen zu lassen. Sie kam zustande, weil wir klargemacht haben, dass wir Faschismus nicht akzeptieren. Sie kam zustande, weil wir die Politiker daran erinnert haben, dass sie nicht das Sagen haben. Selbst wenn ich an die repräsentative Demokratie glauben würde, würde ich an Folgendes glauben: Politiker haben nicht das Sagen. Politiker werden angeblich von den Wählern ermächtigt, in deren Namen zu sprechen. Es ist gut, wenn sie daran erinnert werden.

Wenn du mich fragen würdest, wie wir gewinnen können, würde ich sagen: Wir bauen Macht außerhalb des Wahlsystems auf, wir bauen Netzwerke der Fürsorge und der gegenseitigen Hilfe auf. Dass wir uns organisieren und direkte Aktionen durchführen, um uns selbst und unsere Nachbarn zu schützen. Erst wenn wir die Macht selbst in die Hand nehmen, beeilen sich die Politiker, mitzuhalten.

Aber ich habe nicht das Sagen, und das ist gut so. Mein Weg zum Sieg ist nicht der einzige Weg.

Ich weiß allerdings, dass man nicht einfach seine Laufschuhe anziehen und beschließen kann, dass das dasselbe ist wie einen Marathon zu laufen. Ich weiß, dass man nicht einfach ein Fitnessstudio im Keller einrichten und beschließen kann, dass man damit jetzt in Form ist.

Diese Wahl war nur ein Schritt auf dem Weg zur Zerschlagung des Faschismus, und sie war kaum der Anfang der größeren Aufgabe, die Ausbeutung zu beenden, die unser Wirtschaftssystem prägt – der Aufgabe, den Autoritarismus zu zerschlagen, der Aufgabe, die Welt zu dekolonisieren.

Aber auch der längste Weg wird Schritt für Schritt zurückgelegt. Und es fühlt sich gut an, gemeinsam irgendwohin zu gehen.

Quelle: "I’ll Let Myself Be Cynical Tomorrow or: this is the beginning, not the end" von Margaret Killjoy, 04. November 2026

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, solltest du ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung, Bearbeitung: Thomas Trueten [Autorisiert]

Regierungen rufen zur Katastrophenvorsorge auf – wie besorgt sollten wir sein?

Ein Freund von mir hat mir neulich eine SMS mit einer Frage zum Thema „Prepping“ geschickt. Ich liebe es, wenn Freunde mir Fragen zum Thema „Prepping“ stellen. Er fragte mich im Grunde: „Sollte ich mich jetzt mit Kreditkartenschulden belasten, um Lebensmittel und Wasser zu horten? Ich habe nicht viel Geld, aber die Lage sieht echt düster aus.“ Dieser Freund hat mehrere Kinder, die noch zu Hause wohnen und um die er sich kümmern muss, und lebt tief im roten Bereich der Karte.

Ich hab ihm gesagt: „Nein.“ Ich hab ihm erklärt, dass es ein guter Zeitpunkt ist, sich vorzubereiten, aber dass man dafür nicht seine Zukunft verpfänden sollte. Ich hab ihm geraten, wenn möglich, bei jedem Einkauf im Laden 5 bis 10 Dollar extra für haltbare Lebensmittel auszugeben.

Aber es gibt definitiv einen Anstieg bei der Vorsorge, was gut ist, und einen Anstieg der Angst, was nicht gut ist.

In den letzten Wochen haben Regierungen weltweit neue Leitlinien für ihre Bürger veröffentlicht, wie sie sich auf Katastrophen vorbereiten sollen. Das Vereinigte Königreich riet seinen Bürgern, Vorräte für drei Tage zu Hause zu haben. Japan bereitet die Gründung einer neuen Nationalen Katastrophenschutzbehörde vor. Die EU beschäftigt sich dank der russischen Invasion schon seit Jahren damit. Ein ehemaliger FBI-Mitarbeiter ist in den Nachrichten, weil er davon spricht, dass alle ausflippen und zu „Preppern“ werden sollten (auf eine sehr altmodische und wenig hilfreiche Art und Weise: „Leg dir deinen eigenen Vorrat an und misstraue allen anderen“). Und natürlich haben die USA kürzlich „FORTRESS“ angekündigt, einen Plan, um Militärstützpunkte so vorzubereiten, dass sie 90 Tage lang ohne externe Stromversorgung auskommen. Und Großbritannien hat drei seiner vier Atom-Abschreckungs-U-Boote auf See, was sonst selten vorkommt.

Und natürlich stehen Wahlen bevor. Es stehen immer Wahlen bevor.

All das zusammen bringt bestimmte Teile des Internets in Aufruhr: Wissen die Regierungen etwas, was wir nicht wissen? Steht etwas Schreckliches bevor? Aber die Sache ist die … das ist verschwörungstheoretisches Denken, und verschwörungstheoretisches Denken hat selten recht (ist aber meistens rechtsgerichtet). Die Sache mit den Atom-U-Booten? Das kommt manchmal vor. Das letzte Mal war vor sieben Jahren. Es ist wahrscheinlich kein Omen.

Mit ziemlicher Sicherheit steckt nichts Unheilvolles dahinter. Wahrscheinlich reagieren die Regierungen schlicht – und aus gutem Grund – auf die allgegenwärtige Mehrfachkrise: die Kriege im Iran und in der Ukraine, die sich auf die weltweite Energie- und Nahrungsmittelversorgung auswirken; die ständigen Katastrophen infolge von El Niño und der globalen Erwärmung; den „Schwarzen Oktober“ und die Erkenntnis, dass künstliche Intelligenz die Cyberkriegsführung möglicherweise ebenso grundlegend verändern könnte wie die Atombombe die konventionelle Kriegsführung.

Das heißt: Es sind eine Menge bedrohlicher Dinge. Es sind nur bedrohliche Dinge, von denen wir bereits wussten.

Es ist ein wirklich guter Zeitpunkt, sich vorzubereiten. Die Lage wird sich wahrscheinlich noch eine Weile weiter verschlechtern. Unser El-Niño-Winter wird ein seltsamer werden, und aktuelle Vorhersagen sagen viel Schnee im Westen voraus, weniger als üblich im Norden und im Mittleren Westen, wobei die Stürme insgesamt weiter nach Süden ziehen als gewöhnlich. Die Dieselkrise ist real und verschärft sich, und die Folgewirkungen von Trumps Krieg gegen den Iran werden noch jahrelang zu spüren sein.

Dann ist da noch die Bedrohung durch KI-Hacker. Ich halte die Ängste vor einer „außer Kontrolle geratenen KI, die die Welt zerstört“ für übertrieben, aber soweit ich das beurteilen kann, hat KI als Werkzeug die Funktionsweise der Computersicherheit grundlegend verändert. Leute aus dem Bereich Computersicherheit scheinen ziemlich ernsthaft erschüttert zu sein von der Fähigkeit der KI, Schwachstellen in Netzwerken aufzudecken, und ich höre von Freunden immer wieder Anekdoten über Cyberangriffe überall. Und natürlich wurden bei dem gestrigen Hack von Binance 6,3 Milliarden Dollar gestohlen – der größte Krypto-Diebstahl der Geschichte. Was wird passieren, wenn als Nächstes das normale Bankwesen ins Visier gerät?

Was ich damit sagen will, ist wohl Folgendes: Macht euch keine Sorgen darüber, dass im Verborgenen irgendwelche dunklen Machenschaften im Gange sein könnten. Macht euch lieber Gedanken über all die schlimmen Dinge, die ganz offen vor unseren Augen geschehen. Es ist gut, dass Regierungen ihre Bürgerinnen und Bürger dazu ermutigen, sich auf Krisen und Katastrophen vorzubereiten. Denn je selbstverständlicher und verbreiteter eine solche Vorsorge ist, desto besser sind wir alle in der Lage, in Krisenzeiten zusammenzuarbeiten und einander zu unterstützen.

Die Leute werden dir sagen, du sollst Angst haben, dass „die Gesellschaft nur neun Mahlzeiten von der Anarchie entfernt ist“. Aber ich biete dir die hoffnungsvolle Kehrseite an: „Die Gesellschaft ist nur neun Mahlzeiten von der Anarchie entfernt.“ Als der Westen von North Carolina von einem Hurrikan heimgesucht wurde, kamen alle zusammen und halfen sich gegenseitig – Anarchisten, soziale Bewegungen, Kirchen und, nun ja, einfach alle. Ich fuhr hin und brachte meinen kaputten Generator zu einer spontanen Gruppe von Kleinmotoren-Mechanikern, die sich hinter der anarchistischen Buchhandlung niedergelassen hatten, um Generatoren zu reparieren und zu verteilen.

Und ich bin im Herzen ein Mädchen vom Land, daher sage ich es nur ungern, aber: Die Stadt war während dieser speziellen Katastrophe besser dran als das Land. Es gibt jede Menge Klischees darüber, dass Stadtmenschen nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, und dass Landleute selbstständiger sind, aber die Sache ist die: Menschen sind die wichtigste Ressource, auf die man in einer Krise zurückgreifen kann.

Ich stand in einer Reihe von Freiwilligen vor dem Lebensmittelladen, während die Angestellten die Tiefkühltruhe öffneten und die Lebensmittel verteilten, und es waren die Leute, die mit mir absprachen, wohin das alles gebracht werden sollte. Es waren die Leute, die sich selbst organisiert (aber organisiert) hatten und aus den Bergen zu den nächsten Tankstellen fuhren, um Benzinkanister zu füllen, damit all die Pick-ups, die Wasser auslieferten, betankt blieben.

Obwohl Asheville vielleicht ein seltsames Beispiel ist, weil es eine Stadt ist, die in eine ländliche Kultur eingebettet ist. Vielleicht zeigt das, was dort passiert ist, die Stärke der Zusammenarbeit zwischen Stadt- und Landbewohnern, die ihre Ideen, Fähigkeiten und Lösungsansätze zusammenbringen, um etwas Schönes zu schaffen.

Vielleicht ist das die eigentliche Lektion hier.

Vielleicht lautet die Lektion: Was auch immer auf uns zukommt, wir sitzen alle im selben Boot.

 

Quelle: "Governments Are Telling Their Citizens to Get Ready for Disaster or: how much should we worry?" von Margaret Killjoy, 30. Oktober 2026

Birds Before the Storm ist eine von den Lesern unterstützte Publikation. Normalerweise ist die Hälfte der Beiträge kostenlos, die andere Hälfte ist persönlicher und steht bezahlten Abonnenten zur Verfügung, aber angesichts der aktuellen Krise sind mehr meiner Beiträge für alle Leser kostenlos. Um neue Beiträge zu erhalten und meine Arbeit zu unterstützen, solltest du ein kostenloses oder bezahltes Abonnement erwerben.

Übersetzung, Bearbeitung: Thomas Trueten [Autorisiert]


 

Geht hin und vermehrt euch! Mögen 10 – 100 – 1000 Server aus dem Boden sprießen

Zentral steht ein großer Textblock mit der Überschrift 'GOODBYE A/I'. Darunter folgt in schwarzer Schrift auf beigem Hintergrund die Mitteilung, dass Autistici/Inventati neunzehn Tage vor der Frist eingestellt wird. Rechts daneben befindet sich eine stilisierte Kalendergrafik. Im oberen rechten Bereich steht ein rot unterlegtes Logo mit dem Schriftzug 'NOBLOGS' und dem Zusatz 'Welcome to A/I'. Am unteren Rand sind weitere Informationen und Logos abgebildet, darunter 'sabot.media', der Hinweis auf einen vollständigen Artikel sowie auf ein kostenloses Buch.

In diesen Zeiten fanatischer, ideologischer und grundloser Unterdrückung habt ihr uns oft gefragt: „Wie können wir euch unterstützen?“

Die erste Antwort, die uns in den Sinn gekommen ist, lautet: Wenn ihr helfen wollt, schafft neue Räume im Netz. Es gibt viel zu wenige autonome Server da draußen, sei es für E-Mail und Webhosting oder für andere nützliche Kommunikationsmittel.

Diese Idee ist keineswegs neu. Wir wiederholen sie schon seit März 2001, als A/I sein Abenteuer begann. Schon damals hatten wir begonnen, zur Einrichtung unzähliger selbstverwalteter Server aufzurufen, und mit dieser Hoffnung im Hinterkopf prägten wir den pseudobiblischen Satz: „Geht hin und vermehrt euch, sagten die Heuschrecken!“

So sehr diese Worte damals auch wie eine paranoide Cyberpunk-Prophezeiung geklungen haben mögen, heute erweisen sie sich als dringende Notwendigkeit.

Geht also hin und vermehrt euch. Macht es uns nach. Kopiert, was wir getan haben. Kopiert den Code, den wir verwendet haben. Kopiert die Idee, der wir Gestalt zu geben versucht haben. Oder nehmt einfach, was ihr von uns braucht, und remixt es. Wenn es etwas gibt, das unsere Gegner fürchten und verabscheuen – jetzt, in der Vergangenheit und für immer –, dann ist es unsere Fähigkeit, den Virus der Selbstverwaltung und Selbstbestimmung zu verbreiten und Infrastrukturen des Widerstands fraktal zu vervielfältigen.

Autistici/Inventati, das sind nicht nur wir. Autistici/Inventati mag sterben, aber Tausende sind bereits entstanden und Tausende weitere werden folgen.

Und das ist noch nicht alles. Was sich überall um uns herum abspielt, ist eine koordinierte Strategie zur Eskalation der Repression mit dem Ziel, nicht nur die Spielregeln, sondern das Spielfeld selbst grundlegend zu verändern. Das bedeutet, dass das, was gerade geschieht, nicht nur eine Handvoll Menschen betrifft, sondern gemeinsam und so breit wie möglich angegangen werden muss – von Einzelpersonen, autonomen Projekten, Organisationen und der gesamten Gesellschaft.

Auf dem Spiel stehen die Meinungs-, Informations- und Vereinigungsfreiheit sowie die bloße Existenz einer Infrastruktur, die in der Lage ist, dem Autoritarismus Widerstand zu leisten (nicht nur in den Vereinigten Staaten). Auf dem Spiel steht die Möglichkeit, überall weiterzukämpfen, um grundlegende Gemeingüter – wie Kommunikationsinfrastrukturen – vor dem Imperialismus bestimmter Akteure zu verteidigen.

Das geht weit über uns selbst hinaus. Es betrifft jeden, der leben will, ohne sich als Ware zu fühlen, und danach strebt, sein Leben und seine Beziehungen selbst zu bestimmen. Wenn wir diesem voranschreitenden Techno-Faschismus Widerstand leisten wollen, brauchen wir eine breite internationale Solidaritätsbewegung, um Rahmenbedingungen zum Schutz autonomer Infrastrukturen und Räume zu schaffen, die frei von jeglicher autoritärer Absicht sind.

Kommen wir also zurück zu der Frage, mit der wir begonnen haben: Wir sind euch allen dankbar, die ihr die Geschichte dessen erzählt habt, was uns widerfahren ist. Wir sind dankbar für die breite Solidarität, die ihr uns entgegengebracht habt, und für euer Verständnis dafür, dass das, was uns widerfahren ist, nur ein kleiner Schritt in der Kette von Ereignissen ist, die sich wahrscheinlich entfalten werden – sicherlich zum Schlechten, aber vielleicht auch zum Guten.

Diese Vision erfüllt unsere Herzen. Doch nun ist es an der Zeit, einen Schritt weiter zu gehen und unsere Vorstellungskraft über die schrumpfenden Horizonte des Möglichen hinauszuschieben, die uns diese dunklen Zeiten aufzwingen. Unsere Hoffnung ist, dass dieser Angriff auf die Freiheit der Netzwerke einen kraftvollen und kreativen kollektiven Widerstand entfesselt. Mögen tausend Plattformen erblühen, mögen tausend Hacktivisten-Kollektive entstehen, mögen tausend Server in Betrieb gehen! Möge das Ende von A/I eine Unzahl von Infrastrukturen des Widerstands hervorbringen, wie wir sie uns zuvor nie hätten vorstellen können.

Geht hinaus und vermehrt euch, sagten die Heuschrecken! Und wenn ihr schon dabei seid, versucht euch eine Welt des Kampfes, des Widerstands und der Selbstverwaltung vorzustellen, wie ihr sie noch nie gesehen habt.

KOLLEKTIV AUTISTICI/INVENTATI

Quelle / Eigene  Übersetzung, 12. September 2026


 

A/I shuts down - Stay human

Zentral steht ein großer Textblock mit der Überschrift 'GOODBYE A/I'. Darunter folgt in schwarzer Schrift auf beigem Hintergrund die Mitteilung, dass Autistici/Inventati neunzehn Tage vor der Frist eingestellt wird. Rechts daneben befindet sich eine stilisierte Kalendergrafik. Im oberen rechten Bereich steht ein rot unterlegtes Logo mit dem Schriftzug 'NOBLOGS' und dem Zusatz 'Welcome to A/I'. Am unteren Rand sind weitere Informationen und Logos abgebildet, darunter 'sabot.media', der Hinweis auf einen vollständigen Artikel sowie auf ein kostenloses Buch.

An dem Tag, als wir erfuhren, dass wir als globale Terrororganisation eingestuft worden waren, haben wir versprochen, dass wir versuchen würden, so lange wie möglich Widerstand zu leisten, dass wir nicht nachgeben würden, solange wir noch Möglichkeiten sähen, unsere Position zu verteidigen. Seit Jahren pflegen und verteidigen wir stolz eine freie, datenschutzfreundliche, autonome und politisch engagierte Infrastruktur.

„Bleibt menschlich“ ist für uns keine leere Floskel.

Es bedeutet vor allem, dass wir eine Verantwortung haben, unsere Nutzer*innen zu schützen – jene, die die menschlichen Netzwerke aufbauen, auf die wir uns verlassen, und die Gemeinschaften, die uns mit Botschaften der Unterstützung und Solidarität überschüttet haben.

Wir können uns nicht auf einen Kampf einlassen oder uns Manipulationen aussetzen, die das Leben dieser Menschen und ihrer Angehörigen bedrohen und sie der Gnade von Autokraten, Faschisten und Behörden ausliefern, die extralegale Maßnahmen ergreifen. Die Möglichkeit, dass unsere Arbeit rechtliche und finanzielle Konsequenzen für diejenigen nach sich ziehen könnte, die uns nahestehen – oder auch nur irgendetwas mit uns zu tun haben –, lässt uns keine andere Wahl.

A/I wird geschlossen. Das Kollektiv Autistici/Inventati löst sich auf und wird in Kürze alle von uns angebotenen Dienste einstellen.

Es gibt keinen einfachen Weg, dies anzukündigen oder zu erklären

Jeder Tag, an dem wir nach dem 26. August 2026 online geblieben sind, war ein Sieg, doch nun sind wir gezwungen, aufzuhören.

Keiner von uns hält heldenhafte Gesten und Märtyrer für besonders bewundernswert, daher werden wir keine Opfer verlangen. Weder von uns noch von irgendjemand anderem. In diesem politischen Klima gefährdet die Fortsetzung unserer Dienste unsere Nutzer und alle, die Teil unserer Gemeinschaften sind. In einer Welt, in der Anschuldigungen jeglichen Bezug zur Realität verloren haben, können wir nur damit rechnen, dass die Repressionen zunehmend unverhältnismäßig ausfallen werden. Unter diesen Umständen sind wir nicht mehr in der Lage, unsere ursprüngliche Mission aufrechtzuerhalten – nämlich sichere und nichtkommerzielle digitale Tools anzubieten.

Diese 25 Jahre waren fantastisch. Es war eine „unglaubliche Reise“.

Schaltet jetzt eure PCs aus, geht raus aus euren Wohnungen, kämpft, umarmt euch und hört nicht auf zu lächeln. Wir hören auf, aber der Widerstand und die Ideen hören nicht auf. Bleibt menschlich.

Wir werden euch bald Anleitungen schicken, wie ihr den Inhalt eurer Blogs, E-Mail-Postfächer und Websites sichern könnt, zusammen mit weiteren technischen Empfehlungen. Aber denkt daran: Genauso wie die Domain autistici.org ohne Vorwarnung unerreichbar gemacht wurde, könnten wir in den nächsten Tagen ähnliche Probleme erleben, die wir vielleicht nicht vorhersehen können.

 

Autistici/Inventati-Kollektiv

Quelle: keepitfree.ai, 6. September 2026

Wikipedia zu Autistici/Inventati
Listung in den USA

Eigene Übersetzung, Danke an Thomas für die Links


 

Abgesagte Stationierung von US-Raketen: Kampagne sieht große Chance für Rüstungskontrolle

Das Logo der Kampagne zeigt eine weiße Friedenstaube, die vor einer zerbrochenen Rakete fliegt.

Die Kampagne „Friedensfähig statt erstschlagfähig. Für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen!“ begrüßt die Ankündigung von US-Präsident Donald Trump, keine Tomahawk-Marschflugkörper in Deutschland zu stationieren. Nach Einschätzung des Bündnisses bietet sich jetzt die Chance für neue Fortschritte in der Rüstungskontrolle. Die Bundesregierung müsse diese nutzen.

Die Pläne zur Stationierung US-amerikanischer Mittelstreckenwaffen in Deutschland waren vor rund zwei Jahren bekannt geworden und hatten bundesweit Proteste ausgelöst. Mit seiner Ankündigung, einen Teil der US-Truppen aus Deutschland abzuziehen, hat Trump nun am vergangenen Wochenende auch die Stationierung der Waffen in Deutschland abgesagt.

Bestärkt durch diese Entwicklung ruft die Kampagne für den 30. Mai 2026 gemeinsam mit einem breiten Bündnis zu Protesten unter dem Motto „Keine Mittelstreckenwaffen – nirgends!“ in Wiesbaden und Grafenwöhr auf, um Druck für neue Abrüstungsinitiativen zu machen.

Absage der Stationierung ist eine gute Nachricht
„Die Absage der Stationierung neuer US-Mittelstreckenwaffen in Deutschland ist eine gute Nachricht für die Sicherheit in Europa!“, sagt Simon Bödecker, Referent von Ohne Rüstung Leben und Sprecher der Kampagne. „Landgestützte Mittelstreckenwaffen sind darauf ausgelegt, strategische Ziele in sehr kurzer Zeit anzugreifen. Sie wirken destabilisierend, führen zu einem Klima der ständigen Unsicherheit und hätten Deutschland zu einem potenziellen Ziel russischer Präventivschläge gemacht.“

Sehr kritisch bewertet die Kampagne die ersten Reaktionen aus der deutschen Politik. Forderungen nach der Entwicklung oder Beschaffung eigener Mittelstreckenwaffen würden die bestehenden Risiken eher verschärfen als reduzieren.

„In der aktuellen Weltlage ist es wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren und kluge, weitsichtige Entscheidungen zu treffen. Der Verzicht der USA auf die Stationierung weitreichender Angriffswaffen in Deutschland bietet dafür jetzt eine große Chance“, erklärt Simon Bödecker. „Reflexartige Rufe nach dem Kauf eigener Marschflugkörper und der Entwicklung europäischer Mittelstreckenwaffen bringen uns aber nicht weiter. Auch die vielbeschworene ‚Fähigkeitslücke‘ ist längst widerlegt!“

Rüstungskontrolle und Abrüstungsinitiativen jetzt nötig!
„Wir fordern die Bundesregierung auf, neue Initiativen für internationale Rüstungskontrolle auf den Weg zu bringen. Der INF-Vertrag hat in den 1980er-Jahren gezeigt, dass das Verbot von Mittelstreckenwaffen einen wichtigen Beitrag zur Reduktion von Eskalationsrisiken leistet und Grundlage eines weiterführenden Dialogs sein kann. Damals war der Vertrag ein wichtiger Schritt zum Ende des Kalten Krieges. Solche Impulse brauchen wir heute wieder!“ fügt Simon Bödecker hinzu.

Protest gegen Mittelstreckenwaffen in Ost und West am 30. Mai
Die Kampagne „Friedensfähig statt erstschlagfähig“ mobilisiert daher für den 30. Mai 2026 zu Demonstrationen in Grafenwöhr und Wiesbaden. „Mit den großen Demonstrationen wenden wir uns gegen alle Mittelstreckenwaffen in Ost und West. Und wir protestieren gegen die Pläne zum Kauf und zur Entwicklung europäischer Marschflugkörper. Gerade jetzt ist es wichtig, dass tausende Menschen mit uns Verhandlungen über Rüstungskontrolle fordern,“ erläutert Marvin Mendyka, Mitglied im Kampagnenrat und im Vorbereitungskreis der Demo. „Daher rufen wir bundesweit zur Teilnahme an den beiden großen Demonstrationen am 30. Mai auf. Unsere Botschaft ist klar: Keine Mittelstreckenwaffen – nirgends!“

Über die Kampagne
Die Kampagne „Friedensfähig statt erstschlagfähig. Für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen!“ ist ein Zusammenschluss von mehr als 55 Organisationen aus der Zivilgesellschaft. Die Kampagne protestiert gegen die Rückkehr der Raketen und Marschflugkörper nach Europa, klärt über ihre Risiken und Gefahren auf und fordert ein internationales Abkommen zur Begrenzung landgestützter Mittelstreckenwaffen.

Quelle: Pressemitteilung, 4. Mai 2026. Weitere Informationen zur Kampagne „Friedensfähig statt erstschlagfähig. Für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen!“ finden sich unter: friedensfaehig.de.

Vergiss die Verschwörungstheorien oder: Der Reichstagsbrand war kein Insider-Job

Jemand hat vielleicht gestern Abend versucht, den Präsidenten zu töten.

Gestern Abend beim Dinner der White-House-Korrespondenten hat jemand versucht, mit Schusswaffen die Sicherheitsvorkehrungen zu durchbrechen, und wahrscheinlich einen Polizisten in die Schutzweste geschossen. Heute früh nannten die Medien einen 31-jährigen Verdächtigen, der sich in Gewahrsam befindet: Cole Tomas Allen. Cole ist ein schwarzer Lehrer aus Kalifornien mit einem Master-Abschluss in Informatik.

Ich bin nicht hier, um dir von ihm zu erzählen. Ich bin kein investigativer Reporter.

Die Grafik zeigt die Silhouette eines Aluhutträgers
Eine Verschwörung zur Umsetzung eines üblen Plans vermuten, wie das Verbergen der Wahrheit oder das Weitergeben von Falschinformationen. Die verlinkte Grafik zeigt, wo die Technik in der Taxonomie eingeordnet ist.

Grafik: SkepticalScience - Eigenes Werk
Lizenz: CC BY-SA 4.0
Ich bin heute Morgen aufgewacht, um auf Bluesky nachzuschauen (das ist wohl mein erstes Problem), und sah einen Verschwörungsbeitrag nach dem anderen. „Da stimmt etwas nicht“, behaupten sie. „Die Sicherheitsvorkehrungen können unmöglich so lax gewesen sein“, behaupten sie.

Vielleicht lebst du in einem anderen Informationsökosystem / einer anderen Echokammer als ich, und wenn ja, bin ich ein bisschen neidisch. Denn sich vorschnell auf eine Verschwörungstheorie zu stürzen, ist peinlich, und diejenigen, die das öffentlich auf großen Plattformen tun, sollten sich schämen. Es ist bei weitem wahrscheinlicher, dass jemand Menschen (oder einen bestimmten Mann) erschießen wollte, als dass das Ganze einer dieser gefürchteten und in Anführungszeichen zu setzenden „False-Flag-Angriffe“ war.

In den 1970er Jahren führte das FBI eine Art Krieg gegen Linke in den Vereinigten Staaten. Der Name ihres verdeckten Programms lautete COINTELPRO, und wir wissen davon, weil einige Aktivisten, die mit der katholischen Antikriegsbewegung in Verbindung standen (obwohl sie selbst größtenteils jüdisch waren – ich liebe einen guten multikulturellen Widerstand), in ein FBI-Büro einbrachen und die Beweise stahlen. (Ja, ich habe darüber in meiner Sendung berichtet, Teil eins und Teil zwei.)

COINTELPRO war ein meisterhaftes Werk der Bewegungszerstörung, und ein Teil ihres Spielbuchs war die Infiltration. Aber ein expliziter Teil des Sinns dieser Infiltration bestand darin, unter den Aktivisten Paranoia zu schüren. Die Angst vor der Infiltration war bei der Zerschlagung unserer Bewegungen wirksamer als die Infiltration selbst. Die Angst brachte uns dazu, ihre Arbeit für sie zu erledigen: Wir säten unser eigenes Misstrauen und wandten uns gegeneinander.

So ist es auch mit Verschwörungstheorien. Wenn jede Aktion als „False Flag“ angesehen wird (ich werde nicht aufhören, Anführungszeichen zu setzen, tut mir leid), dann macht es überhaupt keinen Sinn, irgendetwas zu unternehmen. Verschwörungstheorien lehren die Menschen, dass Menschen keine Handlungsmacht haben, sondern nur der Staat.

Gibt es echte Verschwörungen? Auf jeden Fall. Die meisten Verschwörungen kommen irgendwann ans Licht. Wie der riesige Ring von Pädophilen, der einen Großteil der Welt beherrscht.

Der brennende Reichstag am 27./28. Februar 1933
Der brennende Reichstag am 27./28. Februar 1933
Lizenz: Public domain, via Wikimedia Commons

Ist es möglich, dass diese oder jene bestimmte Aktion eine Verschwörung oder ein False-Flag-Angriff war? Auf jeden Fall. Das ist schon früher passiert. Es wird wieder passieren. In den meisten Situationen ist das bei weitem das Unwahrscheinlichere, und wir müssen den Impuls verstehen, voreilig Verschwörungsannahmen anzunehmen. Ich habe schon früher darüber geschrieben, aber die meisten Aktionen, denen vorgeworfen wird, False-Flag-Angriffe zu sein, sind es nicht. Der berühmteste „False-Flag-Angriff“ der Geschichte war der Reichstagsbrand, der Brand des deutschen Parlamentsgebäudes, im Jahr 1933. Diese Aktion wurde von den Nazis als Vorwand genutzt, um ihre Macht zu festigen, aber sie wurde nicht von ihnen geplant oder ausgeführt. Ein junger niederländischer Rätkommunist namens Marinus van der Lubbe legte das Feuer, in der Hoffnung, die deutschen Arbeiter zum Aufstand gegen die Faschisten anzustacheln. (Podcast Teil eins und Teil zwei)

Die Geschichte hat ihn schlecht behandelt und ihn als alles Mögliche dargestellt – vom Sündenbock bis zum nützlichen Idioten –, statt als das, was er war: einer der wenigen Menschen in Deutschland, die die Bedrohung durch die Nazis ernst nahmen. Hätte es 1933 noch hunderttausend Menschen wie ihn gegeben, hätte es vielleicht nicht die rund 75 Millionen alliierten Soldaten zehn Jahre später gebraucht.

Marinus wurde von der Geschichte schlecht behandelt, aber die Nazis hätten ihre Macht ohnehin gefestigt. Jeder spielt mit den Karten, die ihm ausgeteilt wurden, also versucht jeder, Angriffe gegen sich zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen. Die Nazis suchten nach einer Rechtfertigung, um das Kriegsrecht zu verhängen, und sie nutzten sie. Sie hätten so oder so irgendeinen Vorwand gefunden.

Wir lieben es, den Menschen die Schuld zu geben, die radikale Taten begehen, denn indem wir sie verurteilen, vergeben wir uns selbst unsere relative Untätigkeit. Verschwörungsdenken ist in diesen Fällen eine Art, sich der moralischen Verantwortung zu entziehen. Verschwörungstheoretiker vergeben sich nicht nur, dass sie nichts unternommen haben, sie vergeben sich auch, dass sie zu feige waren, zu sagen: „Wer kann es dem Kerl verübeln?“, wenn jemand einen verzweifelten Versuch wie Brandstiftung (oder ein Attentat) unternimmt.

Wir müssen Handlungen nur nach zwei Kriterien beurteilen: War es moralisch vertretbar und war es strategisch sinnvoll? Wenn eine Handlung moralisch gerechtfertigt ist, sollten wir sie nicht verurteilen. Wenn sie moralisch gerechtfertigt, aber nicht strategisch war, sollten wir sie weder verurteilen noch feiern. (Und man kann den strategischen Wert einer Sache nicht daran messen, ob sie erfolgreich war oder nicht, sondern daran, ob sie die beste verfügbare Chance war.)

Aber wir können nicht auf andere schauen (und du kannst nicht auf mich schauen), um Fragen der Moral oder Strategie für dich zu beantworten.

Es ist ein schmaler Grat zwischen „Fedposting“ (öffentliches Lob für diejenigen zu posten, die schwere Vergehen begehen, und zwar so, dass du unerwünschte Aufmerksamkeit seitens der Regierung auf dich ziehst) und der Frage: „Nun, was hast du denn erwartet, als sich herausstellte, dass der mächtigste Mann der Welt ein Pädophiler ist, der gerade dabei ist, die Weltwirtschaft zu zerstören, und keine rechtlichen Institutionen effektiv daran arbeiten, ihn aufzuhalten?“ Persönlich sehe ich solche Handlungen so: als Konsequenz. Natürlich musste das passieren. Es wird weiterhin passieren. Ob „gut“ oder „schlecht“ ist dabei eher nebensächlich.

Es ist schwer zu wissen, was man in Momenten wie diesen sagen soll. Es ist schwer zu wissen, was man sicher sagen kann, oder wie sicher im Vergleich zu mutig wir wirklich versuchen sollten zu sein. Angst ist ein wichtiges Gefühl, und wir sollten die Gefahr berücksichtigen, wenn wir unsere Entscheidungen treffen. Angst kann unser Ratgeber sein, aber sie sollte niemals unser Herrscher sein. Nicht persönlich, nicht politisch. Aber ich sage dir: Der Teil von dir, der sich in Verschwörungstheorien stürzt, ist der Teil von dir, der ein Feigling ist.

Wir sollten daran arbeiten, Ruhe statt Angst zu verbreiten. Verschwörungstheorien verbreiten sich in den sozialen Medien, weil Angst ansteckend ist und die Algorithmen ansteckende Gedanken belohnen – deshalb bekommen Verschwörungstheorien die Klicks. Die nützlichsten und erfahrensten Aktivisten in der Menge bei einer Demonstration rufen „Geht!“, wenn die Leute in Panik zu rennen beginnen.

Entthront die Angst. Verbreitet Ruhe. Hört auf, alles als Verschwörung anzusehen.

Quelle: "Forget the Conspiracies or: the Reichstag Fire was not an inside job", 26. April 2026 von Margaret Killjoy.

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Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]

Der Tod der Eigenverantwortung oder: Vielleicht war diese ganze „Präsidenten“- Sache doch eine schlechte Idee

In Asheville, North Carolina, gibt es eine Buchhandlung namens Firestorm Books, die sich im Besitz der Mitarbeiter*innen und der queeren Community befindet. Sie wird von meinen Freunden geführt und liegt mir sehr am Herzen. Ich habe mindestens ein Buch geschrieben, während ich mich mit meinem Laptop auf ihrem Sofa zusammenrollte, und als ich nach Asheville fuhr, um über die Hurrikan-Hilfsmaßnahmen nach Helene zu berichten, war Firestorm ein Zentrum der gegenseitigen Hilfe und Organisation. Die Aufrechterhaltung der Gemeinschaftsinfrastruktur hat einen Wert, und manchmal ist eine Buchhandlung mehr als nur eine Buchhandlung.

Sie haben in letzter Zeit mit finanziellen Problemen zu kämpfen und befürchten, dass sie ihre eigenen Gehälter kürzen müssen. Aber sie bearbeiten Online-Bestellungen. Deshalb habe ich mich bemüht, ihnen Kunden zuzuführen, und ich habe jetzt eine Empfehlungsvereinbarung mit ihnen. Auf die Bücher, die ich auswähle und empfehle, bekommst du 10 % Rabatt (und ich bekomme auch einen Anteil, um ganz transparent zu sein). Also stelle ich Bücher vor, die ich als Quellen für „Cool People“ nutze, Bücher, aus denen ich im „Book Club“ vorlese, und natürlich meine eigenen Bücher.

Einige aktuelle Titel:

Here Where We Live is Our Country, von Molly Crabapple: Ich habe Molly gerade bei „Cool People“ über den Labor Bund interviewt und darüber, wie er eine klare Alternative zum Zionismus für jüdische Menschen darstellt, denen ihr Erbe am Herzen liegt. Das Buch ist erst gestern erschienen und ging bereits in die zweite Auflage, noch bevor es überhaupt veröffentlicht wurde.

A Towering Flame, von Philip Ruff: Die Quelle für meine Episoden über Peter the Painter. Vielleicht die abenteuerlichste Revolutionsgeschichte, die ich je gelesen habe, geschrieben von einem Autor, der Jahrzehnte damit verbracht hat, die Geschichte aufzudecken.

Black Arms to Hold You Up, von Ben Passmore: Du kannst mir auf Cool People zuhören, wie ich mit Ben über seinen Comicroman zur Geschichte der Schwarzen spreche. Vielleicht die beste Darstellung einer komplexen Geschichte, die ich je gelesen habe.

Oder du kannst dir die ganze Liste ansehen.

Der Tod der Handlungsfähigkeit


Diese Woche hat der Präsident der Vereinigten Staaten Völkermord versprochen, und alle (mich eingeschlossen) warten darauf, dass andere sich darum kümmern. „Wo sind die Revolutionäre?“, posten die Leute. „Warum sind die Straßen nicht voller Anti-Kriegs-Demonstranten?“, posten die Leute. „Warum wurde der 25. Verfassungszusatz nicht angewendet, um Trump aus dem Amt zu entfernen?“, posten die Leute.

Hier bin ich und poste. Vor ein paar Jahrzehnten nahm ich die Fähre von Finnland nach Schweden, dank der Freundlichkeit einiger Fremder, die beschlossen hatten, mir in einer Schwulenbar in Helsinki Geld zu geben. Nun ja, eigentlich lag ich draußen bewusstlos in der Gosse, aber diese Geschichte müssen wir nicht erzählen. Wichtig war, dass ich auf einer Nachtfähre war und diejenigen von uns, die kein Geld für Privatzimmer hatten, alle auf Sitzen oder auf dem Teppichboden im Hauptdeck schliefen.

Kurz bevor wir Stockholm erreichten, fing ein Mann an, seine Frau auf Schwedisch anzuschreien, und wir alle, etwa dreißig Leute, starrten entsetzt hin, und lange Zeit tat keiner von uns etwas. Ich dachte mir: „Alle anderen um mich herum wissen, was gesagt wird, also liegt es an ihnen, etwas zu tun.“ Ich weiß nicht, welche Ausrede sich alle anderen um mich herum ausgedacht haben, aber sie haben sich jedenfalls aus dem Staub gemacht. Vielleicht dachten sie, das sei eine Sache für die Polizei.

Schließlich hob der Mann die Faust. Ich und ein junger Mann standen auf und gingen auf den Angreifer zu. Ich glaube, ich habe „Was zum Teufel!“ geschrien, aber ich bin mir nicht sicher. Der Mann senkte die Faust, eingeschüchtert und verstummt.

Ich bezweifle, dass ich viel dazu beigetragen habe, das Problem langfristig zu lösen, aber ich bin gleichermaßen stolz auf mich, dass ich mich gewehrt habe, und beschämt, dass es so lange gedauert hat.

Seitdem habe ich über den Bystander-Effekt nachgedacht. Wie es in einer Menschenmenge leicht ist zu glauben, dass die Lösung eines Problems in der Verantwortung von jemand anderem liegt.

Anfang 2025, nach Beginn von Trumps zweiter Amtszeit, veröffentlichte das Weiße Haus dieses Bild, auf dem Trump als König dargestellt war, nutzte außerdem monarchistische Begriffe für Trump und schrieb ihm göttliche Legitimität zu.
Anfang 2025, nach Beginn von Trumps zweiter Amtszeit, veröffentlichte das Weiße Haus dieses Bild, auf dem Trump als König dargestellt war, nutzte außerdem monarchistische Begriffe für Trump und schrieb ihm göttliche Legitimität zu.
Hier sind wir nun, im Jahr 2026. Die USA werden von einem verrückten König regiert, und keiner von uns weiß, was zu tun ist.

Wir befinden uns gerade in einer seltsamen Zwickmühle, in der niemand das Gefühl hat, viel Einfluss zu haben.

Die demokratischen Politiker im Kongress (diejenigen, die tatsächlich versuchen, die Welt zu verbessern) fühlen sich machtlos, weil sie nicht die Mehrheit haben und auf die Wahlen warten. Es mag stimmen, dass sie machtlos sind, aber es wirkt wie Karrierismus, wenn sie zahnlose Erklärungen über eine Abstimmung zum Amtsenthebungsverfahren veröffentlichen.

Unterdessen wirken die blauen Staaten machtlos, weil sie nicht diejenigen sein wollen, die einen Streit mit der Bundesregierung anzetteln und einen Bürgerkrieg auslösen. Das ist eine berechtigte Sorge: Es gibt keinen konkreten Grund zu der Annahme, dass die antifaschistische Seite einen offenen Krieg zwischen Blau und Rot gewinnen würde. Doch jeder Bürgermeister und Gouverneur, der seine Polizei nicht damit beauftragt, ICE-Beamte festzunehmen, gibt zu, dass das Gesetz (und die Moral) für ihn weniger wichtig sind als die Machtstrukturen. Sie geben zu, dass Gesetze nur existieren, um die Handlungen der Machtlosen zu kontrollieren.

Die Angst vor einem Bürgerkrieg erklärt nicht, warum die blauen Staaten ihr politisches Kapital darauf verwenden, ihre eigene Bevölkerung durch Gesetze gegen den zweiten Verfassungszusatz zu entwaffnen. Wenn es jemals einen Moment gab, in dem wir wollen, dass Liberale und Progressive Zugang zu Schusswaffen haben, dann ist es genau jetzt, am Rande eines groß angelegten Konflikts. Es erklärt auch nicht, warum die blauen Staaten sich beeilen, Gesetze zu verabschieden, die in die Privatsphäre eingreifen, wie die Altersüberprüfungssysteme, die versprechen, die Anonymität im Internet zu zerstören, oder Gesetze gegen 3D-Druck, die den Menschen das Recht nehmen, zu forschen und zu erschaffen.

(Ich bin nicht beeindruckt von der angeblichen Alternative zum Faschismus, die die Demokratische Partei anbietet.)

Was die Aktivisten angeht: Die Antikriegsbewegung sieht heute ganz anders aus als vor zwanzig Jahren, denn vor zwanzig Jahren tat die Regierung so, als würde sie sich um die Meinung der Bevölkerung kümmern. Bush Jr. und seine Freunde verbrachten ein ganzes Jahr damit, Unterstützung für unseren Einmarsch im Irak zu gewinnen, aber Trump macht einfach, worauf er gerade Lust hat. Wir haben nicht das Gefühl, dass wir irgendetwas bewirken können.

Die Aktivisten von heute können auch zurückblicken und sehen, dass 2003 die größten Demonstrationen der Weltgeschichte stattfanden, bei denen Millionen von Menschen weltweit auf die Straße gingen, und dass das nichts bewirkt hat. Ich würde sagen: „Es hat uns ein besseres Gefühl über uns selbst gegeben“, aber zumindest für mich stimmt das nicht.

Es gibt die „No Kings“-Kundgebungen, und ich will niemals schlecht über Leute reden, die tun, was sie für möglich halten, aber sehr viele fragen sich, was der Sinn ist, welche Theorie des Wandels hinter Massenprotesten steckt, die weder zivilen Ungehorsam noch Störungen beinhalten.

Was Revolutionen angeht, nun, das war noch nie eine leichte Aufgabe. Wieder einmal sind wir mit dem Wissen um die Geschichte gestraft, und sehr viele Revolutionen waren bestenfalls seitliche Bewegungen. Außerdem ist eine Revolution eine Massenaktion oder sie ist keine Revolution, und in der Überwachungsgesellschaft, in der wir leben (und die die Demokraten eifrig ausweiten wollen), ist es schwer, sich zu organisieren und Vertrauen aufzubauen.

Das soll nicht heißen, dass all das nicht lohnenswert wäre. Es ist einfach mein bester Versuch, die Frage zu beantworten: „Warum tut niemand etwas?“

Ob gut oder schlecht, die meisten Menschen warten darauf, dass sich die Bedingungen ändern. Nur wenige von uns haben das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können, und die meisten von uns haben das Gefühl, dass andere mehr Einfluss haben. Wir warten alle darauf, dass jemand anderes etwas tut. Dass es eine Organisation gibt, der man beitreten kann, eine Demonstration, an der man teilnehmen kann, einen Politiker, den man wählen kann.

Es stellt sich heraus, dass wir die Organisationen selbst aufbauen müssen. Wir müssen zu den Demonstrationen aufrufen (und die Bedingungen festlegen und aufhören, uns hinter einer nicht-konfrontativen Politik zu verstecken, als wäre diese ethischer). Diejenigen, die daran interessiert sind, innerhalb des Wahlsystems zu arbeiten, müssen echte Basis-Kampagnen und Politiker unterstützen.

Wir müssen auch – und vielleicht ist das der wichtigste Teil meines ganzen Arguments… wir müssen Menschen unterstützen, die sich lautstark einmischen. Wenn wir herumsitzen und beklagen, dass niemand etwas tut, ist die Tatsache, dass Menschen tatsächlich etwas tun. (Ein großes Dankeschön an Bumlung auf Bluesky, der uns daran erinnert hat). Es gibt Menschen, die vor Gericht stehen, weil sie ICE-Agenten zu Boden geworfen haben. Es gibt Gefangene im Gefängnis, weil sie Brände in ICE-Einrichtungen gelegt haben. Es gibt die Angeklagten von Prairieland, die kürzlich wegen materieller Unterstützung des Terrorismus verurteilt wurden, weil sie an einer Lärmdemonstration vor einem ICE-Haftzentrum in Texas teilgenommen haben.

Aber die meisten Leute, die heiße Sachen machen, werden nicht geschnappt. Sie prahlen nicht mal im Internet damit, also erfahren wir vielleicht nie, dass es passiert.

Wenn wir unser Gefühl der Handlungsfähigkeit wiederherstellen wollen, müssen wir Dinge erreichen. Gegenseitige Hilfe erreichen. Organisationen aufbauen, die lokale Macht und Entscheidungsfindung stärken (Arbeiterräte, Schnellreaktionsnetzwerke, Untergrundnetzwerke, Nachbarschaftsversammlungen). Schaffe Vorsorge – schau realistisch und nüchtern darauf, was kommen könnte, und bereite dich gemeinsam mit anderen darauf vor. Und schaffe, nun ja, wilde Aktionen. Wir brauchen eine Bewegung mit Biss und wir müssen üben, unsere Handlungsfähigkeit aufzubauen.

Und während wir das tun (und wir tun es tatsächlich. Im ganzen Land tun die Leute diese Dinge), droht der Präsident damit, ganze Zivilisationen auszulöschen, und nimmt dabei genau jene Zivilisten ins Visier, die er vor ein paar Wochen noch vorzugeben, zu befreien. Wenn ein politisches Amt so viel Macht ausübt, dass ein unbeliebter Mann mit Völkermord drohen kann, ohne die Öffentlichkeit oder ihre gewählten Vertreter zu konsultieren, sollte dieses politische Amt nicht existieren. Das scheint mir die mildeste Art zu sein, wie ich das formulieren könnte. Vermutlich sollte kein politisches Amt die Macht haben, Völkermord zu begehen, selbst wenn es beliebt ist, aber irgendwo müssen wir wohl anfangen.

Ich glaube, unsere Nachkommen werden Ämter wie das des „Präsidenten“ mit derselben Verachtung betrachten, die wir für Könige empfinden.

Wer auch immer gewählt wird – vorausgesetzt, unser derzeitiges System hält bis 2028 –, müssen wir uns alle daran erinnern, dass diese Person zu Autoritarismus und Tyrannei fähig ist. Die Schwachstellen im Code, der die Verfassung darstellt, sind offenbart worden, und dieser Code muss gepatcht, neu geschrieben oder verworfen werden.

Wenn du mich fragen würdest, würde ich dir dieselbe Antwort geben, an die ich seit Jahrzehnten glaube: Wir brauchen ein System, das kein „Staat“ ist, der von oben nach unten mit starren Grenzen regiert wird, sondern stattdessen eine Reihe von Gemeinderäten, die sich zu einem Bund zusammenschließen, um das größere Gebiet gemeinsam zu verwalten. Unsere Demokratie muss von unten nach oben funktionieren, sonst ist es keine Demokratie. Ich denke, dass sich die Wahrheit darüber in den letzten Jahren offenbart hat.

Aber ich glaube nicht, dass ich dich davon überzeugen muss, um dir klarzumachen, dass das derzeitige System grundlegend kaputt ist, wenn es zu einem solchen Ergebnis führen kann.

Quelle: "The Death of Agency or: maybe this whole "president" thing was a bad idea", 08. April 2026 von Margaret Killjoy.

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Übersetzung: Thomas Trueten [Autorisiert]

This Saturday: All Out for No Kings Day 3!

Die Grafik zeigt eine durchgestrichene Krone sowie den Text "No Kings - No illegal Wars"
Die Grafik zeigt eine durchgestrichene Krone sowie den Text "No Kings - No illegal Wars"
Masked secret police are terrorizing our communities. An illegal, catastrophic war is putting us in danger and driving up our costs of living. Attacks on our freedom of speech, our civil rights, and our freedom to vote are happening on a daily basis. Costs are pushing families to the brink. #Trump is acting like a tyrant. But this is America, and power belongs to the people - not to wannabe kings or their billionaire cronies.

This Saturday, March 28th, we will show up together to demand, No Kings!


Please plan to join what promises to be the largest democracy, human rights, and peace demonstration in U.S. history. More than 3,000 events are planned.

FIND A NO KINGS EVENT NEAR YOU!

As President Trump escalates his attempts to control us, it is on us, the people, to show that we will fight to protect one another and our country. If he believes we will roll over and allow him to take our freedoms, he is mistaken. We are coming together on March 28 across issues, ages, races, and religions, because we know we can overcome this repression when we unite.



(In #Germany also in #Munich / #München #Nuremberg / #Nürnberg #Frankfurt #Wiesbaden #Düsseldorf #Bremen & #Hamburg)

#NoKings! #NoWars! #NoNukes! #NoICE


Iranische Anarchisten: „Wir machen weiter mit dem Organisieren und Widerstand“

Zweites Interview mit der Anarchist Front über Unterdrückung und Widerstandsfähigkeit, regionalen Krieg und Internet-Sperren

Das Foto zeigt den Text in arabischen Schriftzeichen
Graffiti: „Wir wollen weder König noch (obersten) Führer; weder schlecht noch schlechter“.
Als ihr das letzte Mal mit Freedom gesprochen habt, breiteten sich die Proteste im Iran schnell aus und wurden immer heftiger, aber die Unterdrückung wurde auch immer stärker. Könnt ihr uns sagen, was seitdem passiert ist und was eure Gruppe gemacht hat?

Seit unserem letzten Interview hat sich die Lage im Iran auf gewaltsame und beispiellose Weise verändert. Die weit verbreiteten Proteste in vielen Städten wurden mit harter Repression beantwortet. Sicherheitskräfte haben Demonstranten mit scharfer Munition angegriffen; Tausende wurden getötet oder verletzt, Zehntausende wurden verhaftet. Eine Atmosphäre strenger Sicherheitsvorkehrungen hat sich im ganzen Land ausgebreitet. Es gibt auch Berichte und dokumentierte Beweise dafür, dass unter den aktuellen Kriegsbedingungen einige Gefangene an Orten festgehalten werden, die Luftangriffen ausgesetzt sind, und praktisch als menschliche Schutzschilde benutzt werden.

Inmitten dieser Situation, bevor die Bewegung die Chance hatte, sich neu zu organisieren, kam es zu einer weiteren Entwicklung: Am 28. Februar 2026 begannen groß angelegte Militärangriffe der Vereinigten Staaten und Israels gegen den Iran, bei denen Hunderte von Zielen im ganzen Land getroffen wurden. Mehrere hochrangige Kommandeure und Politiker der Islamischen Republik wurden bei diesen Angriffen getötet, und das Land befindet sich nun im Kriegszustand. Die Machtstruktur der Islamischen Republik steht vor einer schweren Krise, doch die politische Zukunft des Landes bleibt ungewiss und umstritten.

US-amerikanische und israelische Streitkräfte haben zahlreiche Ziele im Iran angegriffen, wobei neben militärischen Zielen auch Zivilisten getötet wurden. Gleichzeitig hat die Islamische Republik ihre Raketenkapazitäten genutzt, um Ziele in der Region anzugreifen. Diese Auseinandersetzungen bedrohen das Leben von Millionen von Menschen in der gesamten Region, und bisher haben Hunderte von Zivilisten ihr Leben verloren. Die historischen Erfahrungen der Region zeigen auch, dass ausländische Interventionen selten zu echter Freiheit geführt haben und oft neue Formen der Herrschaft, Instabilität und geopolitischen Konkurrenz mit sich gebracht haben.



Unter diesen Bedingungen haben wir unsere Aktivitäten als Anarchisten fortgesetzt. Wir haben versucht, zu verhindern, dass diese Stimmen inmitten von Unterdrückung und Krieg zum Schweigen gebracht werden, indem wir Ereignisse dokumentiert, Erklärungen veröffentlicht, Netzwerke internationaler Solidarität aufrechterhalten und die Stimmen von Arbeiter*innen, Frauen und verschiedenen Bereichen der Gesellschaft nach außen getragen haben. Gleichzeitig haben wir einen wichtigen Schwerpunkt darauf gelegt, Diskussionen über Selbstorganisation und horizontale Organisation in Nachbarschaften, Arbeitsstätten und Universitäten auszuweiten und diese Kerne mit breiteren Netzwerken sozialer Solidarität zu verbinden. Wir glauben, dass ohne solche sozialen Grundlagen jede Protestwelle anfällig für staatliche Repression bleiben wird.

Konnten sich die Menschen gegen die Repression, der sie ausgesetzt waren, verteidigen?

In vielen Fällen haben die Menschen versucht, sich auf unterschiedliche Weise zu verteidigen: von der Schaffung solidarischer Netzwerke zur Versorgung der Verletzten und zur Unterstützung der Familien von Inhaftierten bis hin zu verschiedenen Formen des Straßenwiderstands. Wir müssen jedoch realistisch sein: Der Repressionsapparat der Islamischen Republik ist extrem umfangreich und hochgradig organisiert, was eine kollektive Verteidigung erschwert.

Unter solchen Bedingungen haben die Menschen Methoden wie schnelle Zerstreuung auf den Straßen, anonyme Organisation und gegenseitige Unterstützung innerhalb der Nachbarschaften entwickelt. In einigen Regionen wie Kurdistan und Belutschistan, wo es eine längere Geschichte des sozialen Widerstands gibt, konnten sich die lokalen Gemeinschaften in einigen Fällen besser schützen. In den großen Städten war die Unterdrückung jedoch extrem hart.

Die am stärksten gefährdete Gruppe sind nach wie vor politische Gefangene, insbesondere diejenigen, die während der jüngsten Proteste festgenommen wurden. Sie werden unter extrem gefährlichen Bedingungen festgehalten und sind weiterhin von schweren Strafen oder sogar der Hinrichtung bedroht. Die Erfahrungen dieser Zeit zeigen, dass lokale soziale Solidaritätsnetzwerke eine wichtige Rolle bei der sozialen Verteidigung und der Aufrechterhaltung des Widerstands spielen können.

Als wir Anarchist Front das letzte Mal interviewt haben, hatte die iranische Regierung gerade das Internet komplett abgeschaltet. Gab es seitdem wesentliche Veränderungen in eurer Fähigkeit zu kommunizieren und auf das Internet zuzugreifen? Konnten die Menschen diese Einschränkungen umgehen?

Die iranische Regierung nutzt weiterhin Internetabschaltungen oder -beschränkungen als eines ihrer wichtigsten Mittel der Unterdrückung.

In den letzten Jahren fiel eine weitgehende Abschaltung des Internets meist mit gewaltsamen Razzien und direkten Schüssen auf Demonstranten zusammen. Mit dem Ausbruch des Krieges wurden erneut großflächige Internetabschaltungen durchgeführt, wodurch Millionen von Menschen der Online-Kommunikation beraubt wurden. Schon vor dem Krieg, während der jüngsten Proteste, waren die Internetbeschränkungen strenger und länger als zuvor geworden und hatten die Kommunikation zwischen Aktivisten wochenlang unterbrochen.

Das Diagramm zeigt den Einbruch der Internetaktivitäten im Iran zwischen 24.02.2026 und 01.03.2026
Das Diagramm zeigt den Einbruch der Internetaktivitäten im Iran zwischen 24.02.2026 und 01.03.2026
Trotzdem haben die Menschen viel Erfahrung und Geschick darin gesammelt, diese Einschränkungen zu umgehen. Tools wie V2Ray-Protokolle und Anwendungen wie Psiphon und Lantern sind weit verbreitet, und wann immer eine Verbindung verfügbar ist, bleibt Telegram eine der wichtigsten Kommunikationsplattformen. Auch Satelliten-Internet ist für einige Aktivisten wichtig geworden, obwohl der Zugang dazu nach wie vor begrenzt ist.

Gleichzeitig hat die Erfahrung dieser Jahre gezeigt, dass sich keine soziale Bewegung allein auf das Internet verlassen kann. Die eigentliche Grundlage jeder sozialen Bewegung wird durch direkte Beziehungen, gegenseitiges Vertrauen und echte Verbindungen zwischen den Menschen geschaffen.

Sie haben vor der Gefahr gewarnt, dass Royalisten (die bei den Protesten eine kleine Minderheit darstellten) versuchen könnten, diese als Ausgangspunkt für ihre eigene politische Bewegung zu nutzen. Inwieweit sind sie Ihrer Meinung nach damit erfolgreich gewesen?

Monarchistische Strömungen haben versucht, sich mithilfe der von ihnen kontrollierten Medienplattformen und mit Unterstützung bestimmter ausländischer Regierungen als einzige politische Alternative zu präsentieren. Reza Pahlavi und seine Anhänger haben aktiv versucht, sich als Übergangsregierung zu positionieren, und wurden dabei von persischsprachigen Medien und einigen westlichen Regierungen unterstützt.

Die tatsächliche soziale Basis dieser Strömung innerhalb des Iran ist jedoch weitaus begrenzter, als ihre Medienpräsenz vermuten lässt. Viele der Menschen, die an den Protesten teilgenommen haben, sind im Wesentlichen gegen alle Formen des Autoritarismus auf die Straße gegangen und sehen die Rückkehr der Monarchie nicht als Lösung an.

Tatsächlich ist sich ein großer Teil der iranischen Gesellschaft sehr wohl bewusst, dass es keine Lösung ist, eine Form des Autoritarismus durch eine andere zu ersetzen. Aus diesem Grund betonen wir weiterhin, dass die Zukunft der Freiheit im Iran weder in der Wiederherstellung der Monarchie noch in der Fortführung anderer autoritärer Strukturen liegt, sondern in der sozialen Selbstverwaltung und demokratischen Formen der Gesellschaftsorganisation.



Aus unserer Sicht kann die Befreiung des iranischen Volkes nicht das Ergebnis von Projekten sein, die von ausländischen Mächten aufgezwungen werden. Freiheit kann nur aus dem Kampf und dem Willen des Volkes selbst entstehen, und die Umwandlung sozialer Bewegungen in Instrumente staatlicher Rivalitäten wird letztendlich der Gesellschaft schaden.

Gibt es noch etwas, das unsere Leser über die Situation im Iran wissen sollten, und gibt es Möglichkeiten, wie sie Unterstützung leisten können?

Es ist wichtig zu verstehen, dass die Menschen im Iran nicht nur passive Opfer dieses Krieges sind. Innerhalb der iranischen Gesellschaft gibt es viele soziale Bewegungen: Arbeiter, Frauen, Studenten, ethnische Gemeinschaften und anarchistische Aktivisten, die unter extrem schwierigen Bedingungen weiter Widerstand leisten und sich organisieren. Die iranische Gesellschaft ist komplex, multiethnisch und dynamisch, und der Kampf für Freiheit geht in vielen Formen weiter. Am wichtigsten ist die internationale Solidarität zwischen den Volksbewegungen, nicht die Unterstützung von staatlichen Projekten oder Alternativen, die von oben aufgezwungen werden.

Leser außerhalb des Iran können eine wichtige Rolle spielen, indem sie unabhängige Stimmen verstärken und übersetzen, Solidaritätsveranstaltungen organisieren und dazu beitragen, soziale Kämpfe im Iran sichtbarer zu machen. Je mehr diese Stimmen gehört werden, desto schwieriger wird es, sie zum Schweigen zu bringen.

Wir sind hier. Wir organisieren uns weiter und leisten Widerstand.

Weder Mullahs noch Schah!

Frau! – Leben! – Freiheit!

Oberes Foto: „Wir wollen weder König noch (obersten) Führer; weder schlecht noch schlechter“. Radical Graffiti. Andere Medien: Anarchist Front auf Telegram

Quelle: Iranian anarchists: “We continue to organise and resist” von Gabriel Fonten, 10. März 2026

Übersetzung: Thomas Trueten [Nicht authorisiert]

Iranische Anarchisten: Der Aufstand ist „echte Selbstorganisation durch einfache Menschen“

Interview mit Mitgliedern der Anarchist Front, einem Kollektiv, das Informationen über Ereignisse im Iran, in Afghanistan und Tadschikistan verbreitet

Vermummte bei den Riots
Screenshot: freedomnews
Der Aufstand im Iran dauert nun schon über eine Woche an. Es ist nicht nur ein wirtschaftlicher Protest, sondern auch eine praktische Revolte gegen die gesamte Logik der Staatsmacht. Die Menschen haben die Kontrolle über die Straßen gestört, die Symbole der Unterdrückung zerstört und sich den Kugeln entgegen gestellt. Das ist genau Anarchie in Aktion: Lähmung der Regierungsmaschinerie von unten, ohne dass eine sofortige Ablösung durch eine neue Macht nötig ist.

Das Regime reagierte mit direkten Schüssen, Razzien in Krankenhäusern und Massenverhaftungen, doch die Niederschlagung ist bisher gescheitert. Sporadische und flexible Taktiken (Autos anzünden, Kameras zerstören und Einsatzwege blockieren) haben die Macht vom Zentrum an den Rand verlagert und Raum für echte Selbstverwaltung geschaffen: Massenspenden, Verteidigung von Krankenhäusern und direkte Informationsverbreitung ohne Zwischenhändler.

Um mehr zu erfahren, haben wir einige Fragen an die Anarchist Front geschickt, ein Kollektiv, das Informationen über Ereignisse im Iran, in Afghanistan und Tadschikistan verbreitet.

Wie groß ist die Unterstützung für die Streiks in der Bevölkerung?

Die Unterstützung für radikale Streiks und Proteste im Iran ist extrem weit verbreitet. Von den zweiunddreißig Provinzen des Iran haben nur zwei oder drei nicht an diesen Streiks und Protesten teilgenommen.

Wie würdest du den aktuellen Generalstreik im Iran charakterisieren? Was hat den Streik ausgelöst?

Das Foto zeigt eine abendliche Situation mit Menschen, die auf der Straße sitzen oder knien, ihnen gegenüber Sicherheitskräfte auf Motorrädern
Sitzblockade vs. Motorradbullen
Derzeit finden Streiks und Proteste gleichzeitig statt, und die Situation eskaliert rasch. Was als friedliche Schließung des Großen Basars von Teheran durch Ladenbesitzer begann, wurde gewalttätig, nachdem Sicherheitskräfte eingriffen. Von dort aus breiteten sich die Proteste schnell auf Städte im ganzen Land aus.

Im Zentrum dieser Unruhen stehen unerträglicher wirtschaftlicher Druck und eine galoppierende Inflation, die das tägliche Leben für große Teile der Gesellschaft unmöglich gemacht haben. Die ersten Streiks entstanden unter Handyverkäufern, ausgelöst durch das Chaos schwankender Wechselkurse und die explodierenden Kosten für importierte Waren.

Diese Proteste sind vollkommen spontan und selbstorganisiert. Es gibt keine Führung, keine politische Fraktion, die sie lenkt, und kein zentrales Kommando, das Befehle erteilt. Das ist Wut, die direkt von der Basis kommt.

Gleichzeitig versucht der Sohn des ehemaligen iranischen Königs erneut, aus der Situation Kapital zu schlagen. Wann immer im Iran Proteste ausbrechen, beeilt er sich, sie als seine eigenen zu beanspruchen. Zwar hat er einige Anhänger im Land, doch der Großteil seiner Anhängerschaft lebt im Ausland. Abgesehen von den Royalisten haben Jahrzehnte der Unterdrückung durch die Islamische Republik die Möglichkeit, dass andere organisierte Oppositionskräfte im Land entstehen, praktisch zunichte gemacht.

Wie werden die Proteste organisiert und welche Gruppen versuchen, davon zu profitieren?

Diese Welle begann mit der Schließung von Märkten als Reaktion auf den katastrophalen Zusammenbruch des Rial, extreme Inflation, steigende Steuern und die völlige Unfähigkeit des Regimes, die Wirtschaftskrise zu bewältigen. Sie verwandelte sich rasch in aufgestaute Wut gegen die gesamte Machtstruktur. Slogans wie „Tod für Khamenei“ und „Basij, Sepah, ISIS – ihr seid alle gleich“ spiegeln die Tiefe dieser Wut wider.

Die eigentlichen Ursachen sind der totale wirtschaftliche Zusammenbruch des Regimes, der auf systemische Korruption, massive Militärausgaben und ausländische Sanktionen zurückzuführen ist. Sanktionen sind jedoch lediglich ein Vorwand, den das Regime nutzt, um Unterdrückung zu rechtfertigen.



Naziabad

Die Organisation ist weitgehend horizontal und dezentral: über soziale Netzwerke, lokale Aufrufe von Basarhändlern und die organische Ausbreitung der Wut auf der Straße – ohne zentralen Anführer oder leitende Partei. Genau darin liegt ihre Stärke: echte Selbstorganisation von einfachen Menschen gegen die Herrschaft.

Doch genau hier liegt die Gefahr. Exilierte Oppositionsgruppen – insbesondere Royalisten, die mit Reza Pahlavi verbündet sind – sind auf den Plan getreten und versuchen, diesen Volksaufstand zu kapern. Durch Aufrufe aus dem Ausland streuen sie Slogans wie „Lang lebe der Schah“ ein, um die Proteste in Richtung der Wiederherstellung einer weiteren Erbmonarchie zu lenken – einer, die früher das Volk durch die SAVAK und blutige Unterdrückung zermalmte und nun versucht, die Macht durch diplomatisches Lächeln und leere Versprechungen zurückzugewinnen.

Neben diesen Gruppen unterstützen auch Anarchisten, Teile der Kommunisten, Teile der Liberalen und Republikaner diese Bewegung und hoffen, vom Sturz der Islamischen Republik zu profitieren.

Unterdessen versuchen Teile der Islamischen Republik selbst, diesen Aufstand als interne reformistische Bewegung darzustellen, um das Regime in abgewandelter Form zu erhalten.

Könntet ihr euch als Kollektiv vorstellen: Woher kommt ihr, was ist euer Ziel, wie seid ihr organisiert?

Menschen an einer Straße reißen einen Fahnenmast mit der iranischen Fahne um.
Die iranische Fahne wird herunter geholt.
Die Anarchistische Front ist die neueste Form eines Weges, der 2009 begann – ein Weg, der von vielen Höhen und Tiefen geprägt war, von The Voice of Anarchism bis zur Federation of the Era of Anarchism. Heute, mit einer erneuerten Struktur, die erfahrene Genoss*innen und neue Kräfte zusammenbringt, legen wir erneut den Schwerpunkt auf Selbstorganisation und radikalen Kampf – sowohl bei der Schärfung des politischen Bewusstseins als auch bei der aktiven Förderung und Unterstützung von Kämpfen vor Ort.

Die Anarchist Front gründet auf den Prinzipien der Solidarität, des Antiautoritarismus und des unerbittlichen Widerstands gegen alle Formen der Herrschaft. Wir wollen die bestehende Ordnung nicht reformieren; wir wollen sie zerstören – damit keine Macht, keine Klasse und keine Grenzen mehr bestehen. Unser Kampf wurzelt in den historischen Protesten und dem Widerstand der Menschen im Iran und in Afghanistan, bleibt aber gleichzeitig tief mit der globalen anarchistischen Bewegung verbunden.

Während unser Hauptaugenmerk auf dem Iran und Afghanistan liegt, reicht unser Horizont weit über Grenzen hinaus. Wir streben nach einer Welt, in der Freiheit, Gleichheit, Solidarität und echte gegenseitige Hilfe verwirklicht werden – ohne jegliche Form von Herrschaft oder Ausbeutung. Für uns ist Anarchismus nicht nur eine Theorie; er ist eine Lebensweise, eine Handlungsweise und der Prozess des Aufbaus einer Welt, die frei von Macht, Unterdrückung und Lügen ist.

Ein Großteil eurer Berichterstattung konzentriert sich auf Gewalt gegen Frauen. Seht ihr das als Teil des aktuellen Streiks?

Heute sind Frauen, Studierende und Jugendliche aktiv auf den Straßen präsent. Sie bildeten den sozialen Kern der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“. Daher ja – die aktuellen Streiks stehen im Einklang mit den Forderungen der Mahsa-Bewegung und mit den Kämpfen für Frauenrechte.

Wir glauben, dass diese Bewegung, während sie den Geist von „Frau, Leben, Freiheit“ bewahrt, auch eine Gelegenheit für passivere und konservativere Teile der Gesellschaft geschaffen hat, sich dem kollektiven Kampf gegen die Islamische Republik anzuschließen und sich mit anderen zu vereinen.



Trauerzug für den Demonstranten Ismail Qureshindi

Unser Hauptanliegen – abgesehen von der Konfrontation mit der kriminellen Islamischen Republik, die erst letzte Nacht mehr als sieben Menschen in unserer Region getötet hat – ist die Konfrontation mit royalistischen Strömungen, die die Bewegung unterwandert haben und die Situation ausnutzen. Ihre frauenfeindlichen Tendenzen sind sowohl in ihrem Diskurs als auch in ihrer politischen Praxis deutlich sichtbar.

Wie ist die Lage des Anarchismus im Iran und in Afghanistan, und vor welchen Herausforderungen stehen Aktivist*innen?

Drohungen, Vorladungen, Schläge, Morddrohungen, Inhaftierungen und sexuelle Gewalt sind Realitäten, mit denen Anarchist*innen in den letzten zwei Jahren und schon davor konfrontiert waren.

Allein in den letzten fünf Monaten wurden zwei unserer Genoss*innen verhaftet und vier weitere vorgeladen. Die Bedingungen im Iran sind für uns extrem gefährlich. Derzeit sitzt einer unserer direkten Genoss*innen von der Anarchistischen Front, Afshin Heyratian, im Evin-Gefängnis ein. Andere anarchistische Genoss*innen sind in Gefängnissen in der Provinz Yazd inhaftiert.

Wir hoffen, dass wir durch den Kampf unsere Genoss*innen befreien und sichere Bedingungen für uns schaffen können.

Siehst du die Gefahr einer ausländischen Intervention im Iran? Was wäre das Ergebnis?

Zwei Personen knien sich auf der Straße gegenüber und zeigen das Victory Zeichen
Wir werden siegen!
Wie bereits erwähnt, sind Royalisten und Anhänger von Reza Pahlavi stark von westlichen Mächten abhängig. Zusammen mit anderen Teilen der Opposition haben sie Bedingungen geschaffen, unter denen westliche Regierungen – unter dem Deckmantel, dem iranischen Volk zu helfen – offen über Militärschläge oder eine mediale Intervention im Iran diskutieren.

Trump und Netanjahu haben dem Iran wiederholt mit militärischen Maßnahmen gedroht, besonders in Zeiten aktiver Proteste.

Wir nutzen diese Gelegenheit, um unsere absolute und bedingungslose Ablehnung jeglicher militärischer Besetzung oder ausländischer Intervention westlicher Staaten im Iran zu bekräftigen – auf jeder Ebene und in jeder Form.

Genauso wie wir während des zwölftägigen Iran-Israel-Konflikts in den Bereichen Berichterstattung, gegenseitige Hilfe und Widerstand im Iran präsent waren, betonen wir: Sollte es zu einer ausländischen Intervention kommen, haben wir sowohl den Willen als auch die Bereitschaft, uns ihr entgegenzustellen.

Wir sind eine lokale Kraft, bestehend aus horizontalen und vielfältigen Netzwerken anarchistischer Aktivist*innen, die sich zuvor im Rahmen der „Federation of the Era of Anarchism“ organisiert haben. Wir sind in erster Linie keine militaristische Gruppe. Je nach den zukünftigen Entwicklungen können wir jedoch neue Positionen einnehmen und uns entsprechend vorbereiten.

Wir sehen die iranische Gesellschaft insgesamt nicht als begierig auf eine ausländische Intervention an.

Und schließlich: Wie können Menschen im Ausland über die Ereignisse im Iran und in Afghanistan auf dem Laufenden bleiben?

Zwei Vermummte halten das Logo der Anarchist Front, dadrüber der Text "Anarchist News"
SharePic der Anarchist Front
Wir bieten Echtzeit-Berichterstattung und Organisation auf Persisch. Unsere Reporter stehen in direktem Kontakt und sind physisch in den großen iranischen Städten präsent. Am Ende jedes Tages veröffentlicht die Nachrichten- und Journalismusplattform der Anarchistischen Front einen umfassenden Tagesbericht auf Persisch.

Außerdem veröffentlichen wir tägliche Nachrichten auf Italienisch, Spanisch (Argentinien), Arabisch, Englisch und gelegentlich auf Deutsch und Schwedisch. Es gibt auch eine Plattform für Genoss*innen aus nicht-persischsprachigen Ländern, einschließlich einer internationalen Koordinierungsgruppe. Wir erhalten Berichte aus aller Welt und agieren als anarchistische politische Kraft, die während andauernder Krisen Solidarität und Unterstützung bietet.

Was Afghanistan und Tadschikistan betrifft: Unsere Genoss*innen sind in Afghanistan vor Ort, und wir haben auch Genoss*innen in Tadschikistan. Ähnlich wie im Iran betreiben wir in diesen Regionen sowohl Nachrichtenarbeit als auch praktische Aktionen.

Unsere letzte Forderung ist das anhaltende Bewusstsein freier Menschen aller Richtungen auf der ganzen Welt. Wir bitten sie, den Blick nicht von den konkreten Bedingungen im Nahen Osten und in Nordafrika – insbesondere im Iran und in Afghanistan – abzuwenden und sich gegen Falschinformationen, irreführende Darstellungen und große Erzählungen zu wehren, die die Gesellschaft, ihre Dynamik und ihre Forderungen aus der politischen Analyse ausblenden.

Wir rufen außerdem zu Solidarität und gegenseitiger Zusammenarbeit auf.

Quelle: "Iranian anarchists: Uprising is “genuine self-organisation by ordinary people”Iranian anarchists: Uprising is “genuine self-organisation by ordinary people”" von Gabriel Fonten, 05. Januar 2026

Übersetzung: Thomas Trueten [Nicht authorisiert]