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»L’autorité , voilà donc quelle a été la première idée sociale du genre humain. Et la seconde a été de travailler immédiatement à l’abolition de l’autorité, [...]« Pierre Joseph Proudhon

Blogkino: Framed (1947)

Heute zeigen wir im Blogkino den Krimi "Framed" von Richard Wallace mit Glenn Ford in der Hauptrolle, der hier unter dem Titel "Abgekartetes Spiel" lief: "Der Bergbauingenieur Mike Lambert arbeitet vorübergehend als Kraftfahrer und verursacht einen Unfall mit dem Minenbesitzer Jeff Cunningham. Vor Gericht wird Mike zu zehn Tagen Gefängnis verurteilt. Die ihm unbekannte Paula Craig hinterlegt für ihn die Kaution, so dass er das Gerichtsgebäude auf freiem Fuße verlassen kann. Im La Paloma Café trifft er wieder auf Paula, die dort arbeitet, und betrinkt sich bis zur Besinnungslosigkeit. Paula hat eine Affäre mit Stephen Price, dem Vizepräsidenten einer Bank. Da Mike ihm sehr ähnlich sieht, planen sie, Stephens Frau um 250.000 Dollar zu betrügen. Mike soll dafür bei einem Unfall sterben und Stephen dafür als Todesopfer gelten, um eine polizeiliche Untersuchung zu verhindern.

Mike erwacht aus seiner Bewusstlosigkeit und bekommt ein Stellenangebot von Cunningham, der auf eine reiche Erzader gestoßen ist. Paula erfährt von dem Angebot. Stephen soll nun Cunninghams Kredit ablehnen, damit er Mike nicht bezahlen kann. Stephen deponiert 250.000 Dollar aus dem Vermögen seiner Frau im Banksafe unter Paulas Namen. Nun gehen beide ihren Plan noch einmal durch. Stephen und Paula wollen Mike zu einer Fahrt einladen und zu einer Klippe fahren. Dort soll Mike niedergeschlagen werden und mit dem Auto die Klippe hinunterstürzen.

Als sich Mike am Tage des geplanten Mordes wieder bewusstlos getrunken hat, ändert Paula kurzerhand den Plan und schlägt Stephen nieder und lässt ihn dann im Auto die Klippe hinunterstürzen. Später kann Paula Mike überzeugen, dass er Stephen in seinem Rausch getötet habe. Mike will die Tat gestehen, doch Paula bittet ihn zu schweigen. Mit der Zeit hegt Mike den Verdacht, dass Paula ein falsches Spiel treibt und vielmehr sie Stephen ermordet hat. Er erfährt, dass Cunningham unter Mordverdacht steht und festgenommen wurde. Als Motiv gibt man den von Stephen verweigerten Kredit an, nachdem der Vizepräsident einen ominösen Anruf erhalten hat. (...)" (Wikipedia)




AfD-Verbotsantrag steht im Bundestag zur Abstimmung | Über 60 zivilgesellschaftliche Organisationen fordern Zustimmung aller demokratischen Parteien | Historischer Fehler dürfe sich nicht wiederholen

Das Logo der Kampagne zeigt zwei gekreuzte Balken, einer in Pink, der darunter liegende in Lindgrün. Darüber die Forderung "AfD Verbot jetzt!"Der Antrag zur Einleitung des Verbotsverfahrens vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Partei „Alternative für Deutschland“ wird in der nächsten Woche im Bundestag behandelt. Die Kampagne Menschenwürde verteidigen - AfD-Verbot Jetzt!, der sich über 60 zivilgesellschaftliche Organisationen angeschlossen haben, fordert die Bundestagsabgeordneten auf, noch vor der Neuwahl für die Einleitung des AfD-Verbotsverfahrens zu stimmen.

„Wir stehen vor einer Schicksalswoche für die Demokratie in Deutschland. Die Bundestagsabgeordneten haben es in der Hand, unsere Demokratie zu schützen und das längst überfällige AfD-Verbotsverfahren einzuleiten. Im letzten Jahr haben 17 renommierte Verfassungsrechtlerinnen dem Verfahren Aussichten auf Erfolg bescheinigt. Kürzlich haben sich zudem über 300 Juristinnen in einem offenen Brief hinter diese juristische Einschätzung gestellt. Für die Einleitung des Verfahrens liegen längst genügend Beweise vor. Das Bundesverfassungsgericht muss endlich die Möglichkeit bekommen, eine Prüfung vorzunehmen“ erklärt Julia Dück, Pressesprecherin der Kampagne. „Es scheint zunehmend unwahrscheinlich, dass wir diese Chance in der nächsten Legislatur noch einmal bekommen. Die Entwicklungen in Österreich zeigen: Wir dürfen nicht zuschauen und abwarten, bis eine rechtsextreme Partei tatsächlich an die Macht gekommen ist.“, ergänzt  Malte Engeler, Pressesprecher der Kampagne.

Um unserer Forderung Nachdruck zu verleihen, machen wir am 26.01. eine Kundgebung vor der Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen. Auch hier werden wir zeigen: Es liegt in der Verantwortung auch der Abgeordneten der Grünen jetzt das Richtige zu tun und für ein AfD-Verbot zu stimmen“, erklärt Julia Dück.

Marie Naaß, Leiterin politische Öffentlichkeit bei Sea-Watch, fügt hinzu: „Eine wehrhafte Demokratie muss dort eingreifen, wo ihre Grundlagen bedroht sind. Sie ist nur so stark wie ihr Wille, sich zu verteidigen. Weimar hat uns gelehrt, dass zu viel Toleranz gegenüber Intoleranz tödlich ist. Die AfD ist eine Bedrohung für alle, die nicht in ihr Weltbild passen und sich für Gerechtigkeit und Menschenrechte einsetzen. Die Abgeordneten dürfen historische Fehler nicht wiederholen und müssen den Weg für ein Verbotsverfahren frei machen.“

Fatma Kar von Polylux erklärt: „Ein AfD-Verbot kann die derzeit unter enorm hohem Druck agierende Zivilgesellschaft in Ostdeutschland ein großes Stück entlasten. Diejenigen, die sich täglich mit ihren Namen und Gesichtern der Menschenfeindlichkeit der Rechtsextremen entgegenstellen, die seit Jahren demokratische Prinzipien verteidigen, ohne dass ihnen dabei von der „großen Politik“ in nennenswerter Weise der Rücken gestärkt wurde, können dadurch dringend benötigten Handlungsspielraum zurückgewinnen. Nicht zuletzt im Netzwerk Polylux wird der „andere Osten“ sichtbar und alle, die dafür eintreten, haben jede Form von Unterstützung verdient.“

Berkan Kaya vom Postmigrantischen Juristinnenbund bekräftigt: „Die freiheitlich-demokratische Grundordnung beginnt bei der Menschenwürde und ist damit aus Sicht des Postmigrantischen Juristinnenbundes im Kern antirassistisch. Gerichtlich ist bestätigt, dass hinreichende Anhaltspunkte dafür bestehen, dass die AfD Bestrebungen gegen die Menschenwürde und das Demokratieprinzip verfolgt, insbesondere durch gezielte verbale Angriffe auf muslimische und rassifizierte Menschen sowie Geflüchtete. Daher muss ein AfD-Verbot unverzüglich geprüft werden, um die Menschenwürde aller Menschen zu schützen.“

Quelle: Pressemitteilung 21.Januar 2025


Majestätsbeleidigung

Eine Toilettenbürste, bestehend aus einer Trump Figur und orangefarbenen Borsten
Jeder Mensch, und sei er noch so schlecht, ist für irgendetwas gut.

k9 » größenwahn » politischer fiimabend: „Der Austausch“- Die Entführung des Peter Lorenz

Der Flyer zum Filmabend zeigt das bekannte Foto von Peter Lorenz als Gefangener der Bewegung 2. Juni sowie die Eckdaten zum Filmabend aus dem Beitragstext
Flyer zum Film
Dies war die erste und einzige Entführung eines Politikers in der BRD, die die Freilassung gefangener Genoss:innen revolutionär durchsetzte.

Am 27. Februar 1975 entführt ein Kommando der Bewegung 2. Juni im Westberliner Wahlkampf den Spitzenkandidaten der CDU Peter Lorenz der 5-einhalb Tage im „Volksgefängnis“ verbringt. Im Austausch mit Lorenz werden die fünf BRD Guerilla-Gefangenen Ina Siepmann, Rolf Heißler, Rolf Pohle, Gabi Kröcher-Tiedemann, Verena Becker, begleitet von Pfarrer Heinrich Albertz in die Volksrepublik Südjemen ausgeflogen, und sie werden dort aufgenommen, sowie zwei nach dem Tod von Holger Meins inhaftierte Demonstranten, befreit.

Die damaligen Aktivisten Ralf Reinders, Klaus Viehmann u.a. sind heute hier, fragt sie.

„Wir begreifen unseren Kampf als Teil des allgemeinen Widerstandes. Stadtguerilla bedeutet Phantasie und Tatkraft; Fähigkeiten, die das Volk besitzt. Auch wir sind listig, das heißt wir schlagen nicht wild um uns, sondern schätzen unsere Möglichkeiten realistisch ein, um dann zu handeln. Wir lernen aus der Praxis. Nur deshalb ist die Lorenzentführung eine „perfekte“ Aktion gewesen. Wir sind keine Phantome u. auch nicht „krankhaft genial“, wie Parteien, Presse und Polizei, sich und der Bevölkerung einreden wollen um ihre eigene Erbärmlichkeit zu bemänteln.

Wir haben erkannt, dass man zusammenhalten, sich organisieren muss, wenn man was erreichen will. Zuerst ist man allein und daher kann man auch nicht viel machen, aber das heißt nicht resignieren, sondern sich umschauen nach Leuten, die auch so denken u. was verändem wollen. Davon gibt es Zigtausende. Und dann zusammen beginnen, aus eigenen Fehlern lernen, sich aber nicht entmutigen lassen, auch wenn es zunächst und oft aussichtslos erscheint...“

Das waren Ausschnitte aus: Die Entführung aus unserer Sicht, März 1975 - Die Zeitung von der Bewegung 2. Juni, die gleich 20 Tage nach der Entführung 30 000 mal in Westberlin verteilt wurde.

Aus dem Schlußwort von Klaus Viehmann - Oktober 1981:

"Ich will mich hier weder als juristischer Kaffeesatzleser betätigen, noch will ich in die Mottenkiste vergangener glorreicher oder auch finsterer Tage greifen.
Schließlich ist es unser Bestreben immer nach vorne zu gehen und nicht der Vergangenheit hinterher zuheulen.

Die grundsätzlichen Fragen sind dabei immer die Gleichen: Wo stehen wir jetzt? Was wollen wir erreichen? Wer ist unser Feind? Wie — und mit wem zusammen - kämpfen wir, um ans Ziel zu kommen?

Wenn die neuen Feuer unter den Sesseln der Herrschenden nicht nur ein Strohfeuer sein sollen, müssen wir sowohl aus dem Vergangenen lernen, als auch einen Blick in das Bevorstehende bekommen. Deshalb müssen alle versuchen über ihre
unmittelbare Umgebung hinauszusehen.

Alle müssen dahin kommen, sich selbst wieder als Teil des Ganzen zu sehen, der gesamten Linken und ihrer Bündnispartner und nicht das Ganze nur als Teile. Eine Frage, die bei den kommenden Kämpfen sicher eine Rolle spielen wird, ist
die nach der Anwendung von Gewalt von unserer Seite aus - die andere Seite diskutiert ja nicht mal über Gewalt.

Die Methoden unseres Kampfes müssen wir moralisch wie politisch selber festlegen, niemand anders.

Linke Politik machen, heißt gegen die Massenloyalität zu kämpfen, u. das falsche Bewusstsein in den Köpfen der Menschen zerstören, wonach ‚alle in einem Boot‘ sitzen würden.

Revolutionäre Praxis ist immer konkret, das heißt, sie bestimmt sich immer an den jeweiligen Gegebenheiten und Bedingungen des Kampfes. Internationalismus ist ein Schnittpunkt vieler Widerstandslinien, aber es ist nicht möglich, aus dieser abstrakten Kategorie die jeweils notwendige Strategie und Taktik abzuleiten.

Die Wege zur Revolution verlaufen je nach Geschichte, Kultur, politischer und ökonomischer Entwicklung eines jeden Landes unterschiedlich. Praxis entsteht vom Konkreten ausgehend hin zum allgemeinen, vom Nationalen hin zum Internationalen: Revolutionen lassen sich zwar von außen unterstützen, aber niemals fernsteuern oder schlicht vereinheitlichen. Ein Versuch in dieser Richtung würde den historischen Prozess von den Füssen auf den Kopf stellen:"

Sonntag 2. März 2025 19:00 Uhr

combatiente zeigt geschichtsbewußt: revolucion muß sein! filme aus aktivem widerstand & revolutionären kämpfen

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Vergesst Trump – Netanjahus Zustimmung zu einem Waffenstillstand war seine eigene Berechnung

In Israel ist der Krieg in Gaza zu einer Belastung für die Regierung, das Militär und die Gesellschaft insgesamt geworden. Trump lieferte Netanjahu nur einen Vorwand, um seine Verluste zu begrenzen.

Fast unmittelbar nach der Bekanntgabe, dass Israel und die Hamas einem Waffenstillstand in Gaza zugestimmt hatten, zeichnete sich in den internationalen und den israelischen Medien ein Konsens ab: Druck und Drohungen des designierten Präsidenten Donald Trump haben den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu dazu gebracht, endlich einem Abkommen zuzustimmen, das bereits seit Mai 2024 auf dem Tisch lag. Die Geschichte über Steven Witkoff, Trumps Gesandten für den Nahen Osten, der am Samstagmorgen in Jerusalem eintraf und Netanjahu mitteilte, dass er nicht bis zum Ende des Sabbats warten wolle, um mit ihm zu sprechen, wird schnell zur Legende.

Präsident Donald Trump und der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu reichen sich während einer gemeinsamen Pressekonferenz am 15. Febrtuar 2017 im East Room des Weißen Hauses die Hand.
Präsident Donald Trump und der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu reichen sich während einer gemeinsamen Pressekonferenz am 15. Febrtuar 2017 im East Room des Weißen Hauses die Hand.
Foto: U.S. Department of State
„Es gäbe kein Abkommen, wenn der große und mächtige Donald Trump nicht Netanyahus Hand genommen, sie hinter seinem Rücken gebeugt, dann noch ein wenig mehr gebeugt, dann noch ein wenig mehr gebeugt, dann seinen Kopf auf den Tisch gedrückt und ihm dann ins Ohr geflüstert hätte, dass er ihm gleich in die Eier treten würde“, twitterte der Haaretz-Journalist Chaim Levinson am Mittwoch und fasste damit die allgemeine Stimmung zusammen. “Es ist eine Schande, dass Biden das nicht schon vor langer Zeit erkannt hat.“

Wir wissen nicht genau, was während des Gesprächs zwischen Witkoff und Netanjahu gesagt wurde. Es ist möglich, dass Trump Netanjahu bedroht hat und dass der israelische Premierminister den Zorn des designierten Präsidenten fürchtete. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass eine andere Dynamik im Spiel ist. In Wirklichkeit scheint die Entscheidung, das Waffenstillstandsabkommen zu akzeptieren, weniger mit Trump zu tun zu haben als mit der sich wandelnden Wahrnehmung des Krieges innerhalb Israels.

Gehen wir zurück: Unmittelbar nach seiner Rückkehr von seinem ersten Besuch in Israel nach dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober warnte Präsident Biden Israel davor, Gaza erneut zu besetzen. Er sagte auch, er sei überzeugt, dass „Israel alles in seiner Macht Stehende tun wird, um die Tötung unschuldiger Zivilisten zu vermeiden“, und dass er zuversichtlich sei, dass die Bevölkerung des Gazastreifens Zugang zu Medikamenten, Nahrungsmitteln und Wasser haben werde. Biden warnte außerdem Israel davor, die Fehler zu wiederholen, die die Vereinigten Staaten nach dem 11. September begangen hatten, und sich nicht vom Wunsch nach „Gerechtigkeit“ leiten zu lassen. Netanjahu hörte sich das alles an und tat dann das Gegenteil.

Während des gesamten Krieges ignorierte Israel kurzerhand die amerikanischen Warnungen, selbst wenn sie mit ausdrücklichen Drohungen verbunden waren, Waffenlieferungen einzustellen – wie vor der israelischen Invasion in Rafah im vergangenen Mai und als Israel in den letzten Monaten den Norden des Gazastreifens aushungerte. Und obwohl es möglich ist, dass Trump Netanjahu mehr Angst einjagt als Biden, müssen wir uns fragen: Wenn Netanjahu sich geweigert hätte, dem Abkommen jetzt zuzustimmen, hätte Trump dann die Waffenlieferungen an Israel gestoppt oder das Veto der USA gegen antiisraelische Resolutionen bei den Vereinten Nationen aufgehoben?

Trumps Kandidat für den Posten des US-Botschafters in Israel, Mike Huckabee, unterstützt den territorialen Maximalismus der israelischen Rechtsextremen und glaubt nicht an das Wort „Besatzung“. Würde die Trump-Regierung wirklich etwas tun, was noch keine amerikanische Regierung zuvor getan hat? Obwohl Trumps Druck zweifellos erheblich ist, sollten wir uns ansehen, was in Israel vor sich geht.

Wie ich vor weniger als zwei Monaten, kurz vor dem Waffenstillstand im Libanon, vorhergesagt habe: „Die Beendigung des Krieges im Norden wird die Aufmerksamkeit der israelischen Öffentlichkeit unweigerlich wieder auf den Krieg im Gazastreifen lenken, und es werden erneut Fragen über die Durchführbarkeit seiner Fortsetzung aufkommen. Selbst wenn Trump grünes Licht für die Fortsetzung der ethnischen Säuberung in Gaza gibt, ist es nicht sicher, dass dies ausreicht, um die israelische Öffentlichkeit zu überzeugen. Unabhängig davon, ob Israel dies beabsichtigt oder nicht, könnte die Beendigung des Krieges im Libanon das Ende des Krieges in Gaza beschleunigen.“ Meiner Meinung nach ist genau das eingetreten.

Einige werden argumentieren, dass die Vereinbarung das Ergebnis einer veränderten Denkweise der Hamas war, nachdem sie nach der Entscheidung der Hisbollah, das Feuer einzustellen, und dem Zusammenbruch des Assad-Regimes in Syrien mit der israelischen Kriegsmaschinerie allein gelassen wurde. Aber wenn die Hamas jemals geglaubt hat (und es ist fraglich, ob sie das wirklich getan hat), dass die Drohung einer Verschärfung der Angriffe der Hisbollah Israel davon abhalten würde, in Gaza zu tun, was immer es wollte, hat die Invasion von Rafah wahrscheinlich das Gegenteil bewiesen. Außerdem stand das Assad-Regime der Hamas feindlich gegenüber, und das neue Regime in Syrien könnte tatsächlich wohlwollender sein – wie der jüngste Besuch des katarischen Premierministers in Damaskus vermuten lässt.

Es gibt keinen Grund, an der Behauptung von National Security Minister Itamar Ben Gvir zu zweifeln, dass der politische Druck, den er auf Netanyahu ausübte, im vergangenen Jahr wiederholt ein Abkommen vereitelt hat. Die Vorstellung, dass das Abkommen zustande kam, weil die Hamas aufgrund von Netanyahus Sturheit alle ihre Forderungen aufgab, ist „eine nette Geschichte, aber sie ist nicht wahr. Tatsächlich ist es das genaue Gegenteil der Realität“, schrieb der israelische Journalist Ronen Bergman in Ynet, der wiederholt aufgezeigt hat, wie Netanjahu selbst das Abkommen sabotierte, nachdem die Vereinigten Staaten und die Hamas vor acht Monaten einer Einigung zugestimmt hatten.

Es war fast peinlich, dem nationalen Sicherheitsberater der USA, John Kirby, auf dem israelischen Sender Channel 12 zuzusehen, wie er erklärte, dass die Hamas nur deshalb nachgegeben und dem Waffenstillstand zugestimmt habe, weil Israel ihren ehemaligen Anführer Yahya Sinwar getötet habe – nur wenige Tage nachdem Außenminister Antony Blinken in einem Interview mit der New York Times erklärt hatte, dass die Ermordung von Sinwar die Verhandlungen tatsächlich erheblich erschwert habe. Washington wäre besser beraten, sich für eine Lüge zu entscheiden und diese dann untereinander abzustimmen.

Ein zunehmend unpopulärer Krieg

In Israel ist der Krieg im Gazastreifen zu einer Belastung für die Regierung, das Militär und die Gesellschaft insgesamt geworden. In allen jüngsten Umfragen spricht sich eine klare Mehrheit – zwischen 60 und 70 Prozent oder sogar mehr – für ein Ende des Krieges aus. Entgegen den Erwartungen hat die Beendigung des Libanonkrieges den Wunsch nach einem Ende des Krieges im Gazastreifen sogar noch verstärkt.

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Die wöchentlichen Demonstrationen, die von den Familien der Geiseln angeführt werden, erreichen vielleicht nicht das Ausmaß der Proteste, die nach der Entdeckung der Leichen von sechs Geiseln, die im September von der Hamas ermordet wurden, ausgebrochen sind, aber die Herausforderung, die sie für die Regierung darstellen, hat nicht abgenommen. Im Gegenteil, noch nie haben so viele Israelis an so großen Protesten teilgenommen und so unverblümt ein Ende des Krieges gefordert, während Israel ihn führt.

In einer Rede, die Einav Zangauker, eine prominente Aktivistin, deren Sohn Matan in Gaza gefangen gehalten wird, kürzlich während einer dieser Proteste hielt, sagte sie voraus, dass eine weitere israelische Delegation, die sich auf den Weg zu Waffenstillstandsverhandlungen in Katar machte, mit der Forderung der Hamas nach einem Ende des Krieges zurückkehren würde und Netanjahu behaupten würde, die Hamas habe ihre Positionen verhärtet. „Glaubt diesen Lügen nicht“, sagte sie der Menge.

Auch beim Militär zeigen sich Ermüdungserscheinungen. Obwohl die Hamas seit Anfang Oktober erhebliche Anstrengungen zur ethnischen Säuberung des nördlichen Gazastreifens unternimmt, ist sie noch lange nicht besiegt und fügt der israelischen Armee immer noch Verluste zu. Erst letzte Woche wurden in Beit Hanoun 15 Soldaten getötet – einem Gebiet, das das Militär zu Beginn der Bodeninvasion vor über 14 Monaten erstmals besetzt hatte.

Die Mission zur Rettung der Geiseln scheint, wie Soldaten ausgesagt haben, unmöglich zu sein. Es bleibt nur noch die Zerstörung des nördlichen Gazastreifens um ihrer selbst willen. Ein Reserveoffizier, der mehr als 200 Tage in Gaza gedient hat, sagte mir, dass die vorherrschende Stimmung unter den Soldaten ist, dass der Krieg nirgendwohin führt – nicht wegen moralischer Ablehnung (62 Prozent der Israelis stimmen der Aussage „Es gibt keine Unschuldigen in Gaza“ zu, laut einer aktuellen Umfrage des aChord Center), sondern weil die Ziele unklar sind.

Noch wichtiger ist, dass Netanjahu selbst wahrscheinlich begonnen hat, die Vorstellung zu überdenken, dass er durch die Beendigung des Krieges nichts zu gewinnen hat und nur verlieren kann. Man hätte annehmen können, dass seine Popularität nach den von praktisch allen israelischen Medien als umfassende Siege Israels im Libanon, in Syrien, im Iran und im Gazastreifen bezeichneten Ereignissen in die Höhe geschossen wäre. In Wirklichkeit ist das Gegenteil eingetreten. Jüngste Umfragen zeigen, dass Netanyahus Koalition auf 49 von 120 Sitzen gefallen ist, was in etwa dem Stand unmittelbar nach dem 7. Oktober entspricht, während der Mitte-Links-Block auch ohne die in der Knesset verbliebenen palästinensischen Parteien eine Mehrheit bilden könnte.

Insgesamt scheint es, dass die Proteste der Familien der Geiseln – die jedes Mal an Fahrt gewinnen, wenn das Militär eine weitere Geisel in einem Leichensack nach Hause bringt – zusammen mit der Erschöpfung und dem Motivationsverlust innerhalb des Militärs, der Unbeliebtheit des Krieges in der Öffentlichkeit und Netanyahus sinkende Umfragewerte den Premierminister zu dem Schluss gebracht haben, dass eine unbegrenzte Fortsetzung des Krieges seine Chancen, die nächste Wahl zu gewinnen – die in einem Jahr und zehn Monaten ansteht – so gering bis nicht existent machen würde.

Daher hat Netanjahu möglicherweise beschlossen, dass es an der Zeit ist, die Verluste zu begrenzen. Selbst wenn Ben Gvir und Finanzminister Bezalel Smotrich beschließen, die Regierung zu stürzen, hat Netanjahu eine gute Chance, bei vorgezogenen Wahlen erfolgreich zu sein, indem er die Skalps von Sinwar und Nasrallah in der einen Hand präsentiert und die zurückkehrenden Geiseln mit der anderen umarmt.

Die perfekte Ausrede

Sollte dies der Fall sein, dient Trumps Druck – ob real oder übertrieben – als perfekte Ausrede für Netanjahu, um seinen Anhängern zu erklären, warum er vom Baum des „totalen Sieges“ heruntergeklettert ist. Wenn Channel 14, Netanjahus Propagandanetzwerk, über das „schwierige Gespräch“ zwischen Netanjahu und Witkoff berichtet, liegt der Verdacht nahe, dass die Quelle der Informationen das Büro des Premierministers ist, nicht die Amerikaner. Netanjahu hat ein klares Interesse daran, diese Erzählung zu verstärken: Auf diese Weise kann er behaupten, er habe tapfer gegen die „Linken“ in der Biden-Regierung gekämpft, sei aber machtlos gegen den unberechenbaren und leicht zu verärgernden Republikaner aus Mar-a-Lago gewesen.

Der Beweis dafür, dass sowohl der Krieg als auch seine Beendigung eine innerisraelische Angelegenheit sind, wird wahrscheinlich in 42 Tagen erbracht, wenn die erste Phase des Abkommens abgeschlossen ist und die zweite Phase beginnt, die den vollständigen Rückzug Israels aus dem Gazastreifen beinhalten soll. Nach der Unterzeichnung des Abkommens in Katar sagte Trump, es sei ein Beweis dafür, dass seine Regierung im Nahen Osten „Frieden suchen und Abkommen aushandeln“ werde, was darauf hindeutet, dass er erwartet, dass dieser Waffenstillstand den Krieg beenden wird. Der Wortlaut des Abkommens – das vorsieht, dass die Verhandlungen für die zweite Phase am 16. Tag der ersten Phase beginnen und dass der Waffenstillstand so lange in Kraft bleibt, wie diese Verhandlungen andauern – deutet in die gleiche Richtung.

Dennoch macht Smotrich seine derzeitige Entscheidung, in der Regierung zu bleiben, davon abhängig, dass Israel den Krieg wieder aufnimmt, Gaza vollständig erobert und die humanitäre Hilfe nach Abschluss der ersten Phase des Abkommens stark einschränkt. Bei der Kabinettssitzung am Freitag, bei der das Abkommen gebilligt wurde, sagte Netanjahu, er habe von Trump die Zusicherung erhalten, den Krieg wieder aufzunehmen, falls die Verhandlungen vor der zweiten Phase scheitern sollten. Dies widerspricht zwar offenbar Trumps Willen, aber unter dem Druck der Rechten könnte Netanjahu einer Wiederaufnahme der Kämpfe durchaus zustimmen – was bedeutet, dass der amerikanische Druck selbst unter dem „großen und mächtigen“ Trump Grenzen hat.

Es ist also nicht die Angst vor Trump, die Netanjahu davon abhält, den Krieg wieder aufzunehmen, zumindest nicht allein. Die Angst vor der Wut der Familien der Geiseln, die in Gaza zurückgelassen wurden, wird ein wichtigerer Faktor sein. Die Bedenken der Armee, Gaza-Stadt wieder zu besetzen, nachdem in der ersten Phase des Abkommens Hunderttausende Palästinenser zurückgekehrt sind, könnten ebenfalls Auswirkungen haben. Die israelische Öffentlichkeit, die mit der Rückkehr der Geiseln Momente der Euphorie erleben wird, wird eine Rückkehr zum Krieg nicht so leicht akzeptieren – ganz zu schweigen von den Reservisten der Armee, die bereits weniger zum Dienst erscheinen, den wirtschaftlichen Kosten und dem allgemeinen Wunsch, zur Normalität zurückzukehren.

Bei allem gebührenden Respekt für den designierten Präsidenten könnte Einav Zangaukers nächster Schritt genauso bedeutsam sein, wenn nicht sogar bedeutender als der von Trump.

Eine Version dieses Artikels wurde erstmals auf Hebräisch in Local Call veröffentlicht. Lest ihn hier.

Quelle: Meron Rapoport via +972 Magazine 17. Januar 2025: "Forget Trump - agreeing to a ceasefire was Netanyahu’s own calculation"
Meron Rapoport ist Redakteur bei Local Call.

Übersetzung [Nicht authorisiert]: Thomas Trueten

Über die „Opfer der Opfer“: Edward Saids ethischen Humanismus im Kontext des Völkermords in Gaza neu betrachtet

Das Foto zeigt ein Schwarzweiss Foto von Edward Said in einen gestickten Bilderrahmen montiert
Edward Said
In den 15 Monaten seit dem 7. Oktober 2023 habe ich mich mit Edward Saids Behauptung befasst, dass Palästinenser die „Opfer der Opfer“ seien. Der renommierte Literaturtheoretiker fasste diese „komplexe Ironie“ in der Ausgabe seines wegweisenden Buches The Question of Palestine aus dem Jahr 1992 prägnant zusammen. Er schrieb, dass „die klassischen Opfer jahrelanger antisemitischer Verfolgung und des Holocaust in ihrer neuen Nation zu Tätern gegenüber einem anderen Volk geworden sind“. Wie er dem Schriftsteller Salman Rushdie 1986 sagte: „Jede Art von Kritik an Israel wird als Deckmantel für Antisemitismus behandelt . . . Besonders in den Vereinigten Staaten wird man als Araber aus einer muslimischen Kultur, wenn man überhaupt etwas sagt, als Anhänger des klassischen europäischen oder westlichen Antisemitismus angesehen.“ Dennoch hatte sich Said als einer der ersten Intellektuellen hervorgetan, der die tiefe Kluft überwand, die die antagonistischen Diskurse über das historische Trauma, das durch die Nakba bzw. den Holocaust geprägt wurde, voneinander trennte; er blieb bei seiner Überzeugung, dass ein mitfühlendes Verständnis der modernen jüdischen Erfahrung antisemitischer Verfolgung in Europa mit einer positiven Anerkennung der palästinensischen Geschichte und der nationalen Rechte verbunden war. Für Said bot das Einfühlen in das „verhängnisvolle Problem des Antisemitismus“, wie er es in seinem 1979 erstmals veröffentlichten Werk The Question of Palestine nannte, einen Ausweg aus dem Sumpf konkurrierender Opferrollen. Diese Verflechtung von Empathie spiegelte seine Überzeugung wider, dass das Schicksal und die Zukunft der Palästinenser und Israelis durch die Palästinafrage unweigerlich miteinander verbunden sind.

Heute, nach 76 Jahren akribischer Grausamkeit, die jeden Aspekt des palästinensischen Lebens im gesamten historischen Palästina betrifft, während Israel eine völkermörderische Kampagne in Gaza durchführt, die zum Zeitpunkt des Schreibens schätzungsweise 64.260 Palästinenser getötet und Zehntausende weitere verwundet hat, bin ich beunruhigt von der Frage: Ist die „Opfer der Opfer“ als ethisch-historische Formulierung noch sinnvoll? Said starb zwei Jahrzehnte vor dem Völkermord in Gaza und konnte sich, wie so viele von uns, nicht vorstellen, wie schrecklich die Gräueltaten in Echtzeit übertragen werden würden. „Es ist, als würden wir Auschwitz auf TikTok sehen“, wie der Holocaust-Überlebende Gabor Maté es ausdrückte. Darüber hinaus hätte Said nicht ahnen können, in welchem Ausmaß westliche Institutionen, Führungspersönlichkeiten und wichtige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens solche Gräueltaten so vehement unterstützen würden. Weder die Verbreitung von Bildern und Videos des Völkermords noch die vom Internationalen Strafgerichtshof ausgestellten Haftbefehle gegen israelische Staats- und Regierungschefs wegen ihrer Vernichtungs- und Massenhungerprogramme (die Offensichtlichkeit der Brutalität hat endlich, wenn auch verspätet, eine Schwelle erreicht, die für dieses Gremium lesbar ist) noch die Anklage Südafrikas nach der Apartheid vor dem Internationalen Gerichtshof, dass der israelische Staat einen Völkermord begeht, haben den demonstrativen Philozionismus der meisten westlichen Regierungen ins Wanken gebracht. Stattdessen haben sie die palästinensische Menschlichkeit im Namen der Trauer und der Verteidigung israelisch-jüdischer Gewaltopfer völlig ignoriert. Im Gegensatz zu der Empathie, die Said forderte, hat sich der liberale Westen kategorisch geweigert, Palästinenser als Opfer von moralischer oder historischer Bedeutung zu betrachten.

Aber sind Israelis wirklich Opfer im kollektiven nationalen Sinne, wenn Palästinenser im Namen der Sicherheit Israels rücksichtslos abgeschlachtet werden? Gibt es nicht einen wesentlichen Unterschied zwischen Jüdischsein und Isrealischsein und damit zwischen einer langen Geschichte jüdischen Leidens durch antisemitische Verfolger im christlichen Westen und dem jüngeren israelischen Leid im Zusammenhang mit der antikolonialen Gewalt, die durch die eigene Kolonisierung Palästinas provoziert wurde? Ist es sinnvoll, den rassistischen israelischen Politiker Itamar Ben-Gvir, der eine anti-arabische Partei namens Otzma Yehudit (Jüdische Macht) anführt, als Opfer zu betrachten? Inwiefern sind israelische Soldaten im Jahr 2025 Opfer? Inwiefern sind sie Opfer, wenn sie bis an die Zähne bewaffnet sind, mit Milliarden Dollar an US-Waffen und scheinbar unbegrenzter diplomatischer Deckung der USA ausgestattet sind, um der internationalen Empörung über den Völkermord im Gazastreifen zu trotzen? Inwiefern sind sie Opfer, wenn sie genüsslich Fotos von sich selbst in der von ihnen zerstörten Landschaft von Gaza verbreiten – Fotos, auf denen sie lächeln, während sie die gestohlenen Dessous staatenloser und erneut enteigneter palästinensischer Frauen tragen, deren Leben sie zerstört, deren Häuser sie abgerissen und deren Kinder sie abgeschlachtet haben? Inwiefern sind sie Opfer, wenn sie Videos von sich selbst verbreiten, in denen sie lachen, während sie palästinensische Universitäten und Bibliotheken zerstören? Inwiefern sind die israelischen jüdischen Siedler Opfer, wenn sie sich versammeln, um zu verhindern, dass Lebensmittel zu Kindern gelangen, die verhungern?

Was ist mit den Israelis, die die Bombardierung des Gazastreifens im Jahr 2014 beobachteten und dabei lässig dasaßen, als würden sie ein Theaterstück und keine menschliche Katastrophe betrachten? Was ist mit denen, die 2006 während der Bombardierung des Libanon durch Israel zusahen, wie ihre Kinder Artilleriegeschosse signierten? Oder diejenigen, die am Tantura-Massaker während der Nakba von 1948 beteiligt waren oder es vertuschten? Irgendwann ist es absurd, diese Israelis weiterhin als Opfer zu betrachten, außer in dem Sinne, dass sie wirklich glauben, sie kämpften, um die „barbarischen“ Monster in ihrem Kopf zu besiegen. Das ist sicherlich nicht das, was Edward Said meinte, als er die Palästinenser als „Opfer der Opfer“ bezeichnete.

Tatsächlich versuchte Said zwar, einen Weg zu finden, auf dem israelische Juden und Palästinenser das kollektive Trauma des jeweils anderen anerkennen könnten, aber er machte deutlich, dass es ihm nicht um eine oberflächliche Gleichsetzung ging, die die außerordentliche Macht der ersteren über die letzteren verschleiert und den epistemischen, politischen, wirtschaftlichen, sozialen und menschlichen Schaden verschleiert, der aus dieser anhaltenden Vorherrschaft resultiert. Während die Juden in Europa Opfer des westlichen Antisemitismus waren, der im Holocaust gipfelte, bleiben die Palästinenser Opfer israelisch-jüdischer Zionisten und ihrer Unterstützer, Befürworter und Verbündeten im Westen, einschließlich christlicher Zionisten. Während die Palästinenser nichts mit dem antijüdischen Rassismus der Nazis zu tun hatten, der für die Charakterisierung des modernen Antisemitismus entscheidend ist, haben israelische Juden von 1948 bis heute eine Schlüsselrolle bei der Entmenschlichung der Palästinenser und der Auslöschung der palästinensischen Gesellschaft, Geschichte und Lebensweise gespielt. Es gibt große Unterschiede in der Chronologie, der Position und in den Beziehungen zwischen Handlungsfähigkeit, Ursache und Wirkung.

Auch wenn seine Formulierung „Opfer der Opfer“ die Brutalisierung, die beide Bevölkerungsgruppen erlitten haben, in einem einzigen Bild zusammenfasst, betont Said, dass sie auch die besondere Schwierigkeit der Palästinenser benennt, die, wie er in The Question of Palestine schreibt, „das außerordentliche Pech hatten, . . . den moralisch komplexesten aller Gegner zu haben, die Juden, mit einer langen Geschichte der Viktimisierung und des Terrors im Rücken. Das absolute Unrecht des Siedlerkolonialismus wird stark verwässert und vielleicht sogar aufgelöst, wenn es ein leidenschaftlich geglaubtes jüdisches Überleben ist, das den Siedlerkolonialismus nutzt, um sein eigenes Schicksal zu bestimmen.“ Israelische Politiker bedienen sich regelmäßig der Geschichte des Holocaust und der jüdischen Erfahrung mit Antisemitismus als Keule, um ihre Kritiker zu schlagen, die Aufmerksamkeit von den Schrecken ihrer Entmenschlichung der Palästinenser abzulenken und die extreme Gewalt des kolonialen Zionismus zu rechtfertigen. Israel verletzt fortlaufend das Völkerrecht, indem es palästinensisches Land enteignet und ein „Regime der jüdischen Vorherrschaft und Apartheid vom Jordan bis zum Mittelmeer“ einführt, wie es die israelische Menschenrechtsorganisation B'Tselem nennt. Aber wenn wir den Mythos des zeitlosen Opferstatus ablehnen, so Said, ergibt sich ein viel klareres Bild: „Die Opfer in Afrika und Palästina sind auf die gleiche Weise verwundet und vernarbt.“

Saids berühmter Ausspruch ist zwar nach wie vor eine scharfe Kritik, die diese Verschleierung der Machtverhältnisse aufzeigt, aber der Versuch, einen Weg nach vorne durch gegenseitiges Mitgefühl zu finden, scheint aus einer anderen Zeit zu stammen. Vielleicht ist es an der Zeit, Saids ethischen Humanismus mit dem des großen palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish zu verbinden. In seinem Gedicht „Murdered and Unknown“ schreibt Darwish in der Übersetzung von Fady Joudah:

„Ich bin das Opfer.“ „Nein, ich allein bin
das Opfer.“
Sie haben dem Autor nicht gesagt: „Kein
Opfer tötet ein anderes. In der
Geschichte gibt es ein Opfer und einen Mörder.“
Darwish bringt auf den Punkt, worauf Said nur anspielte: So sehr sie in der Vergangenheit auch Opfer waren und so sehr sie auch den Stempel dieser Vergangenheit tragen, so sehr haben sich israelische Juden durch ihr eigenes Handeln in eine neue Art von Subjekt verwandelt. Mit wichtigen Ausnahmen wie dem Historiker Ilan Pappé, der uns daran erinnert, dass die säkulare Zugehörigkeit zur Macht eine Wahl ist, die getroffen und wieder verworfen werden kann, sind israelische Juden nun in der Position, Unterdrücker zu sein. Sie sind dabei, Palästinenser zu Opfern zu machen. Sowohl israelische Juden als auch Palästinenser sind offensichtlich Menschen, beide verdienen Gleichheit und Freiheit, und beide sind miteinander verbunden. Aber derzeit ist nur einer der Unterdrücker, der andere ist der Unterdrückte. Wenn wir diese grundlegende, offensichtliche ethische Unterscheidung zwischen Unterdrücker und Unterdrückten, Kolonisator und Kolonisierten nicht aufrechterhalten können, wird die Geschichte zu einem Idol des Anachronismus und nicht zu einem Werkzeug, um den Narzissmus des ewigen Opferdaseins zu durchbrechen. Wie Said in „The Question of Palestine“ schrieb: „Es gibt keine Möglichkeit, ein Leben zufriedenstellend zu führen, dessen Hauptanliegen darin besteht, eine Wiederholung der Vergangenheit zu verhindern. Für den Zionismus sind die Palästinenser nun das Äquivalent einer vergangenen Erfahrung, die in Form einer gegenwärtigen Bedrohung wiedergeboren wurde. Das Ergebnis ist, dass die Zukunft der Palästinenser als Volk an diese Angst gebunden ist, was eine Katastrophe für sie und für die Juden ist.“ Darwish bringt diese Formulierung auf den Punkt und weist uns an, direkt zu betrachten, welche Menschen tatsächlich unter wessen Hand leiden und warum. Gemeinsam erinnern uns Said und Darwish daran, dass wir nicht Gefangene der Vergangenheit sein müssen – sonst sind wir alle Opfer, und im Namen unseres eigenen Opferdaseins können und werden wir anderen die schrecklichen Dinge antun, die uns einst angetan wurden.

Ussama Makdisi, 17. Januar 2025 für Jewish Currents: "On the “Victims of the Victims” Revisiting Edward Said’s ethical humanism in the context of the Gaza genocide"
Übersetzung: [Nicht authorisiert]: Thomas Trueten

Die Pflicht zur Flucht oder: Tolkien und Le Guin über eskapistische Fantasien

Barad-dûr - die Festung Saurons in Mordor und auf einem südlichen Vorsprung des Ered Lithui in der Ebene von Gorgoroth.
Herr der Ringe - Barad-dûr - die Festung Saurons in Mordor und auf einem südlichen Vorsprung des Ered Lithui in der Ebene von Gorgoroth.
Grafik: Thomas Trueten
Neulich Abend unterhielt ich mich mit einem Freund, dessen Leben sich in vielerlei Hinsicht radikal von meinem unterschied – er ist fast zwanzig Jahre jünger als ich und in einem Haushalt aufgewachsen, der meinem überhaupt nicht glich. Wir sprachen darüber, wie wir beide im Unterricht Bücher unter unseren Schreibtischen lasen. Keine Schulbücher, sondern eskapistische Fantasy-Literatur. Während der gesamten Mittelstufe hatte ich eine Linie quer über der Stirn, von der Stelle, an der die Kante des Schreibtisches in meine Haut drückte, während ich unter dem Tisch Bücher las.

Ich hatte keine besonders gute Zeit in der Mittelstufe. Meine beiden besten Freunde waren gerade weggezogen, und unsere Mittelschicht-Nachbarschaft mit gemischten Einkommen war in ein wohlhabenderes Viertel umgesiedelt worden, um den Ort zu diversifizieren. Ich hatte nicht mehr nur einen Mobber, wie in der Grundschule, sondern etwa die Hälfte der Schule beteiligte sich an den Misshandlungen, die ich erlitt. (Ich hasse es wirklich, wie abfällig wir über „Mobbing“ sprechen, als wäre routinemäßiger körperlicher und emotionaler Missbrauch etwas, das keiner weiteren Analyse bedarf.)

Die Mittelschule war die Hölle. Sobald ich sie hinter mir hatte und auf die Highschool ging, erinnere ich mich, dass ich mir dachte: „Warum habe ich nicht viele konkrete Erinnerungen an die letzten Jahre meines Lebens?“

Die Mittelstufe war die Hölle, aber ich habe überlebt, und vielleicht habe ich überlebt, weil ich Tolkien und Heinlein und Dumas und Jacques und Pierce und was auch immer für kitschige Fantasy-Romane ich mir jede Woche aus der Bibliothek holte. Vielleicht habe ich überlebt, weil es das öffentliche Bibliothekssystem gab. Vielleicht habe ich überlebt, weil es den Spieleladen gab, der Bücher über Dungeons & Dragons verkaufte – ich hatte niemanden zum Spielen, aber ich verbrachte viel Zeit damit, Enzyklopädien über Welten zu lesen, die es nie gab.

Daher habe ich die Bedeutung von spekulativer Fiktion und Eskapismus nie wirklich in Frage gestellt. Die Möglichkeit, für eine Weile nicht ich selbst zu sein, hatte schon immer einen sehr hohen Stellenwert. Am Ende der Highschool fühlte ich mich mehr zur „Literatur“ hingezogen, insbesondere zu ängstlichen europäischen Männern wie Camus und Hesse, aber ich habe nie aufgehört, Fantasy zu lesen.

Ich möchte hier nicht einmal Bücher über Fernsehen, Videospiele, Filme und andere Formen der Realitätsflucht stellen, obwohl Bücher immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben werden.

Als ich das College abbrach, um Güterzüge zu fahren und gegen die Regierung zu kämpfen, flüchtete ich, nun ja, vor etwas. Ich befreite mich. Ich zahlte keine Miete mehr, ich arbeitete nicht mehr in einem regulären Job. Ich lebte in verlassenen Gebäuden und unter Brücken. Anstatt Würfel zu werfen, um Schlösser zu knacken, lernte ich, Schlösser zu knacken. Anstelle von Schatztruhen gab es Müllcontainer. Anstelle einer Abenteurergruppe hatte ich Tramper-Kumpels und eine Bezugsgruppe. Ich hatte den schwarzen Block und ich hatte Waldverteidigung.

Aber die ganze Zeit über las ich Bücher. Niemand verschlingt Romane so wie Baumpfleger – was zum Teufel soll man sonst den ganzen Tag machen?

Als Kind habe ich „Der Hobbit“ wieder und wieder gelesen, aber als ich „Der Herr der Ringe“ zum ersten Mal las, war ich erwachsen, vielleicht 20 oder so, in einem Waldschutzlager im pazifischen Nordwesten. Ich hatte Wache. Ich und ein Freund saßen die ganze Nacht hinter einem Baumstamm neben einer Schotterstraße und verfolgten, wer rein- und rauskam, und informierten alle, wenn Polizisten auftauchten, um uns zu verhaften. Mein Begleiter schlief sofort ein, jede Nacht. Ich las „Herr der Ringe“ im Licht einer roten Stirnlampe. Ich entkam nicht einmal meiner Flucht, nicht wirklich, sondern verstärkte sie stattdessen. Hier war ich nun und lebte ein Leben voller Abenteuer, las über Leben voller Abenteuer.

Und doch war ich mir trotz allem nicht sicher, ob es für einen Möchtegern-Revolutionär eine gute Zeitverwendung war, eskapistische Dinge zu schreiben. Klar, ich blieb lange auf, um zu lesen (oder Videospiele zu spielen, wenn ich einen Ort mit ausreichend Strom finden konnte). Aber so etwas tatsächlich zu machen? War es nicht wichtiger, etwas zu organisieren? Ich schrieb hier und da Geschichten, aber ich war zu schüchtern, um sie zu teilen. Was bedeutete das Schreiben schon, wenn im Wald Bäume fielen und im Ausland Bomben fielen?

Ich schrieb Ursula K. Le Guin einen Brief. Sie war eine meiner Heldinnen, eine pazifistische Anarchistin, die so viele Bücher geschrieben hatte, die so vielen Menschen so viel bedeuteten. Ich schrieb ihr einen Brief an ihr Postfach und sagte: „Hallo, ich bin eine junge Autorin von anarchistischer Belletristik und frage mich, welche Rolle Belletristik beim sozialen Wandel spielt. Kann ich dich für ein Zine dazu interviewen?“

Sie antwortete mir per E-Mail und wir schrieben eine Weile miteinander. Ich erweiterte das Projekt von einem Zine zu einem Buch, in dem ich jeden anarchistischen Romanautor interviewte, den ich zu diesem Zeitpunkt finden konnte. So lernte ich die Rolle der Belletristik, insbesondere der spekulativen Belletristik, im sozialen Wandel kennen. Es gibt so viele Dinge: Belletristik stellt Fragen besser als sie Antworten liefert und fordert die Leser so heraus, ihre eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen; Belletristik gibt uns Vorbilder; Belletristik ermöglicht es uns, die Idee zu erforschen, dass die Gesellschaft grundlegend anders sein könnte (zum Besseren oder Schlechteren).

Aber Fiktion ermöglicht uns auch, zu entkommen. Und das ist nicht falsch.

Obwohl ich nicht wirklich so schreibe wie einer von ihnen, sind meine beiden größten Vorbilder als Romanautor Tolkien und Le Guin. Und ich habe das Glück sagen zu können, dass sie beide ausführlich über die Rolle des Eskapismus geschrieben haben.

In On Fairy Stories schrieb Tolkien:

Ich habe behauptet, dass Flucht eine der Hauptfunktionen von Märchen ist, und da ich sie nicht missbillige, ist es klar, dass ich den Ton der Verachtung oder des Mitleids, mit dem „Flucht“ heute so oft verwendet wird, nicht akzeptiere: ein Ton, für den die Verwendung des Wortes außerhalb der Literaturkritik keinerlei Berechtigung bietet. In dem, was die Missbraucher gerne als „Real Life“ bezeichnen, ist Flucht in der Regel sehr praktisch und kann sogar heldenhaft sein. Im wirklichen Leben ist es schwierig, ihr die Schuld zu geben, es sei denn, sie scheitert; in der Kritik scheint sie umso schlimmer zu sein, je besser sie gelingt. Offensichtlich haben wir es mit einem Missbrauch von Worten und auch mit einer Verwirrung der Gedanken zu tun. Warum sollte man einen Mann verachten, der sich im Gefängnis befindet und versucht, herauszukommen und nach Hause zu gehen? Oder wenn er, wenn er das nicht kann, an andere Themen als Gefängniswärter und Gefängnismauern denkt und darüber spricht? Die Welt da draußen ist nicht weniger real geworden, nur weil der Gefangene sie nicht sehen kann. Indem sie Flucht auf diese Weise verwenden, haben die Kritiker das falsche Wort gewählt, und darüber hinaus verwechseln sie, nicht immer aus aufrichtigem Irrtum, die Flucht des Gefangenen mit der Flucht des Deserteurs.

Genauso könnte ein Parteisprecher die Flucht aus dem Elend des Führers oder eines anderen Reiches und sogar die Kritik daran als Verrat bezeichnen. Ebenso kleben diese Kritiker, um die Verwirrung noch zu vergrößern und ihre Gegner zu verachten, ihr verächtliches Etikett nicht nur auf die Desertion, sondern auch auf die echte Flucht und auf die oft damit verbundenen Gefühle wie Ekel, Wut, Verurteilung und Empörung. Sie verwechseln nicht nur die Flucht des Gefangenen mit der Flucht des Deserteurs, sondern scheinen auch die Zustimmung des „Quisling“ dem Widerstand des Patrioten vorzuziehen. Solchen Denkweisen muss man nur sagen: „Das Land, das du geliebt hast, ist dem Untergang geweiht“, um jeglichen Verrat zu entschuldigen, ja, ihn zu verherrlichen.

Das gefällt mir. „Warum sollte ein Mann verachtet werden, wenn er im Gefängnis sitzt und versucht, auszubrechen und nach Hause zu gehen?“ In zahlreichen Ländern der Welt gilt die Flucht aus dem Gefängnis nicht an und für sich als Verbrechen. Alle Verbrechen, die du bei dem Fluchtversuch begehst, können gegen dich verwendet werden, aber der Versuch, auszubrechen, wird einfach als natürlich angesehen, als menschliche Natur.

Natürlich wollte ich als Mittelschüler überall sein, nur nicht in diesem reichen Vorort voller Tyrannen. Natürlich wollte ich mir vorstellen, auf fremden Welten zu sein, oder in der Vergangenheit, oder einfach nur in einer Schule in der realen Welt, die nicht meine eigene Schule war. Dieser „Eskapismus“ hinderte mich nicht daran, meine eigenen sozialen Probleme anzugehen, er ermöglichte es mir, lange genug zu überleben, um diese Situation physisch zu verlassen.

Le Guin nahm das, was Tolkien schrieb, und baute darauf auf, in einer Sammlung von Essays mit dem Titel The Language of the Night:

Das älteste Argument gegen SF ist sowohl das oberflächlichste als auch das tiefgründigste: die Behauptung, dass SF, wie jede Fantastik, eskapistisch ist.

Diese Aussage ist oberflächlich, wenn sie von Oberflächlichen gemacht wird. Wenn ein Versicherungsmakler dir sagt, dass SF nicht mit der realen Welt zu tun hat, wenn ein Chemie-Erstsemester dir mitteilt, dass die Wissenschaft Mythen widerlegt hat, wenn ein Zensor ein Buch verbietet, weil es nicht dem Kanon des sozialistischen Realismus entspricht, und so weiter, dann ist das keine Kritik, sondern Bigotterie. Wenn es sich lohnt, darauf zu antworten, dann gibt Tolkien, Autor, Kritiker und Gelehrter, die beste Antwort. Ja, er sagte, Fantasy sei eskapistisch, und das sei ihr Ruhm. Wenn ein Soldat vom Feind gefangen genommen wird, halten wir es dann nicht für seine Pflicht, zu fliehen? Die Geldverleiher, die Besserwisser, die Autoritären haben uns alle im Gefängnis; wenn wir die Freiheit des Geistes und der Seele schätzen, wenn wir für die Freiheit eintreten, dann ist es unsere klare Pflicht, zu fliehen und so viele Menschen wie möglich mitzunehmen.

Die Welt von Erdsee besteht aus einem riesigen Archipel hunderter kleiner Inseln, die in einem großen Ozean liegen. Im Hintergrund fliegen Drachen.
Die Welt von Erdsee aus dem Romanzyklus von Ursula Le Guin besteht aus einem riesigen Archipel hunderter kleiner Inseln, die in einem großen Ozean liegen. Im Hintergrund fliegen Drachen.
Grafik: Thomas Trueten
Es ist unsere Pflicht, zu fliehen und so viele Menschen wie möglich mitzunehmen.

Als ich Autoren nach dem gesellschaftlichen Nutzen von Belletristik fragte, habe ich vielleicht die falschen Fragen gestellt. In gewisser Weise ist es mir eigentlich egal, welchen „Wert“ Belletristik oder Eskapismus haben. Diese Art des Denkens basiert auf der Vorstellung, dass die materielle Welt die einzige Welt mit Wert ist.

In „Die zwei Türme“ (zumindest im Film, ich habe die Bücher schon eine Weile nicht mehr gelesen und werde es trotzdem umschreiben) hat Aragorn einen Traum über seine Partnerin Arwen. In der realen Welt ist er fast tot, aber im Traum ist er in Sicherheit und mit seiner Liebe vereint. Er sagt zu Arwen: „Es ist nur ein Traum.“

„Dann ist es ein guter Traum“, antwortet sie.

Und wenn ich in den letzten Jahren eines gelernt habe, dann, dass die Welt unserer Träume nicht von Natur aus weniger wert ist als die Welt im Wachzustand. Wir können Fiktion um ihrer selbst willen genießen. Kunst sollte nicht im Dienste der Revolution stehen, das ist völlig rückständig. Die Revolution sollte im Dienste der Kunst stehen.

Das Material kann im Dienste des Ideals stehen. Die Welt des Wachseins kann im Dienste unserer Träume stehen.

Es war ein weiterer anarchistischer Romanautor, der mir das beigebracht hat, obwohl er fast ein Jahrhundert vor meiner Geburt starb. Oscar Wilde machte in seinem Buch „Die Seele des Menschen im Sozialismus“ deutlich, dass der Zweck des Sozialismus der Kunst dient und nicht, dass die Kunst dem Sozialismus dienen sollte. Und er hat eine der interessantesten Sichtweisen auf das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft entwickelt: „Die Gemeinschaft wird die nützlichen Dinge bereitstellen und die schönen Dinge werden vom Einzelnen geschaffen. Es ist der einzig mögliche Weg, wie wir entweder das eine oder das andere bekommen können.“

Ich glaube nicht, dass wir den Wert des Eskapismus intellektuell verstehen müssen. Unser Körper und unser Geist wissen, dass es schön ist, ein Buch zu lesen oder einen Film zu schauen und für eine Weile jemand anderes zu sein.

Die Welt wird in vielerlei Hinsicht immer düsterer. Sicherlich wird es, aus einer eher wörtlichen Sichtweise, immer heißer und immer faschistischer. Mehr denn je werden wir uns der Flucht als einem der uns zur Verfügung stehenden Mittel zuwenden.

Mehr denn je sehen wir uns in dem Kampf der seltsamen kleinen Hobbits, die in der wilden Welt mit ihrem Krieg und Elend gefangen sind und nur nach einem Fass Longbottom-Blatt suchen, aber dabei versuchen, etwas Gutes in der Welt zu tun. Mehr denn je denken wir an Frodo und Sam, die miteinander reden, während sie auf Gefahr und Verderben zugehen, als Sam sagte:

Und wir sollten überhaupt nicht hier sein, wenn wir mehr darüber gewusst hätten, bevor wir angefangen haben. Aber ich nehme an, so ist es oft. Die mutigen Dinge in den alten Geschichten und Liedern, Herr Frodo: Abenteuer, wie ich sie nannte. Ich dachte immer, dass die wunderbaren Menschen in den Geschichten sich auf die Suche nach diesen Abenteuern machten, weil sie sie wollten, weil sie aufregend waren und das Leben ein bisschen langweilig, eine Art Sport, wie man sagen könnte. Aber so ist es nicht bei den Geschichten, die wirklich wichtig sind, oder bei denen, die im Gedächtnis bleiben. Die Menschen scheinen in ihnen gelandet zu sein, normalerweise – ihre Wege waren so vorgezeichnet, wie du es ausdrückst. Aber ich nehme an, dass sie, wie wir, viele Gelegenheiten hatten, umzukehren, nur haben sie es nicht getan. Und wenn sie es getan hätten, sollten wir es nicht wissen, weil sie vergessen worden wären. Wir hören von denen, die einfach weitergemacht haben – und nicht alle mit einem guten Ende, wohlgemerkt; zumindest nicht mit dem, was die Leute innerhalb einer Geschichte und außerhalb davon ein gutes Ende nennen.

Wir suchen die Flucht nicht, weil wir Angst haben, unsere eigenen Abenteuer zu erleben, sondern weil wir alle in einem gefangen sind und es so gut wie möglich meistern. Wir werden vielleicht nicht „ein gutes Ende“ erleben, aber wir können uns vorstellen, dass wir es könnten. Und wenn wir das nicht überleben? Dann, wie Théoden, König von Rohan, sagte (ich bin gerade im Herr der Ringe-Fieber, okay?), „können wir zumindest ein Ende finden, das ein Lied wert ist.“

Quelle: Margaret Killjoy, The Duty to Escape or: tolkien and le guin on escapist fantasy 15. Januar 2025 in Birds before the Storm

Übersetzung: Thomas Trueten


Widersetzen gegen AfD-Parteitag in Riesa

Fas Foto zeigt eine Sitzblockade, vor der sich zahlreiche martialische Polizisten in Kampfanzug aufgebaut haben.
Foto: © Tim Wagner - Fotojournalist via Umbruch Bildarchiv
15.000 Menschen gingen am 11. Januar 2025 im sächsischen Riesa auf die Straße, um gegen den AfD-Bundesparteitag zu protestieren. Durch zahlreiche Blockaden verzögerte sich der Parteitag um Stunden. Polizei ging zum Teil gewalttätig gegen Protestierende und auch in Einzelfällen gegen parlamentarische Beobachter*innen und Pressevertreter vor.

Zu den Fotos beim Umbruch Bildarchiv.


„Unser Protest hat ein deutliches Zeichen gesetzt: Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft stehen zusammen für Solidarität, Vielfalt und Demokratie. Die AfD und ihre völkische, rassistische Politik bedrohen unser Zusammenleben. Es ist ein großer Erfolg, dass wir mit unseren Aktionen des zivilen Ungehorsams den Normalbetrieb der AfD nachhaltig gestört haben. Diese Einheit und Entschlossenheit macht Mut für die Zukunft„.

(Mascha Meier, Sprecherin von „widersetzen“)


Zu „widersetzen“ gehören lokale Initiativen aus Riesa und Umgebung, Gewerkschaften, antirassistische und antifaschistische Initiativen und Organisationen, Klimabewegte, NGOs und viele mehr.

Links


Blogkino: The October Man (1947)

Heute zeigen wir im Blogkino den britischen Film Noir / Mystery Thriller "The October Man". Der Plot: Ein Mann wird des Mordes verdächtigt, die anhaltenden Auswirkungen einer Hirnverletzung, die er bei einem früheren Unfall erlitten hat, sowie eine intensive polizeiliche Untersuchung lassen ihn jedoch an seiner Unschuld zweifeln. Recht haben und Recht bekommen...


„Ich habe jeden Moment Angst, ein weiteres Kind zu verlieren“: Neugeborene erfrieren in Zelten in Gaza

Während vertriebene Palästinenser einen zweiten Winter in provisorischen Unterkünften verbringen, hat der Tod von mindestens sechs Säuglingen durch Unterkühlung die Eltern in Panik versetzt.


Yahya Al-Batran hält den Körper seines wenige Tage alten Sohnes, der am 28. Dezember 2024 im Familienzelt am Strand von Gaza an Unterkühlung starb. (Ruwaida Amer)
Yahya Al-Batran hält den Körper seines wenige Tage alten Sohnes, der am 28. Dezember 2024 im Familienzelt am Strand von Gaza an Unterkühlung starb. (Ruwaida Amer)
Als Yahya Al-Batrans Frau am 6. Dezember 2024 im Al-Aqsa-Märtyrer-Krankenhaus in Deir Al-Balah gesunde Zwillinge zur Welt brachte, war er überglücklich. „Die Geburt verlief gut und sie waren nicht krank“, erinnert er sich. „Ich habe sie ‘Ali und Juma'a' genannt.“

Obwohl der 40-jährige Al-Batran seine neugeborenen Söhne gerne im Säuglingszimmer des Krankenhauses behalten hätte, zwang ihn die extreme Überbelegung der Einrichtung, sie zurück in das Zelt am Strand zu bringen, wo er mit seinen Eltern, seiner Frau und ihren sechs Kindern Zuflucht gesucht hatte.

Im November 2023 floh Al-Batran mit seiner Familie aus Angst um die Sicherheit seiner älteren und behinderten Eltern aus ihrem Haus in Beit Lahiya in das Lager Al-Maghazi in Deir Al-Balah. Als israelische Streitkräfte zehn Tage später die Schule des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) bombardierten, in der sie Schutz suchten, und Al-Batrans Cousin getötet wurde, zog die Familie nach Deir Al-Balah, wo sie aufgrund der extremen Überbelegung gezwungen war, sich anderen Familien am Strand anzuschließen.

„Wir leben seit mehr als einem Jahr und zwei Monaten in dieser schwierigen Situation“, sagte Al-Batran gegenüber +972. Seine Appelle an humanitäre Einrichtungen, ihm ein besseres Zelt zur Verfügung zu stellen – oder irgendetwas, um seine Kinder vor der Kälte zu schützen – blieben unbeantwortet.

Nachdem er mit den Neugeborenen ins Zelt zurückgekehrt war, setzte heftiger Regen ein. Bald darauf war Al-Batrans Zelt mit Wasser geflutet, sodass nichts mehr seine Kinder warm hielt. „Als ich am 28. Dezember morgens aufwachte, stellte ich fest, dass [Juma'a] an der Kälte gestorben war; sein Herz hatte aufgehört zu schlagen“, erinnert er sich.

Palästinenser kochen unter dem Regen in einem Lehmofen in einem Vertriebenenlager in Khan Yunis, Gaza-Streifen, 31. Dezember 2024. (Doaa Albaz/Activestills)
Palästinensiche Frauen kochen unter dem Regen in einem Lehmofen in einem Vertriebenenlager in Khan Yunis, Gaza-Streifen, 31. Dezember 2024. (Doaa Albaz/Activestills)
‘Ali, Juma'as Bruder, überlebte nur knapp. Er wird derzeit in der Kinderstation des Krankenhauses behandelt, aber die Ärzte haben Al-Batran gewarnt, dass sein Zustand kritisch ist und er jeden Moment sterben könnte.

„Jeden Moment habe ich Angst, eines meiner Kinder zu verlieren; ich stehe hilflos vor ihnen“, klagte Al-Batran. „Das Zelt beleidigt die Menschenwürde, und die Welt schweigt angesichts dieser Beleidigung.“

Keine Unterkunft oder Nahrung


Während Israel seine Kampagne der ethnischen Säuberung im nördlichen Gazastreifen fortsetzt, versuchen 2,3 Millionen Palästinenser, die im Zentrum und im Süden des Streifens konzentriert sind, verzweifelt, den harten Winter in provisorischen Unterkünften und Zelten zu überleben.

Im Dezember und Januar können die durchschnittlichen Tiefsttemperaturen in Gaza bis auf 9 Grad Celsius (45 Grad Fahrenheit) sinken, begleitet von starken Winden und heftigen Regenfällen. Unter diesen Bedingungen sind palästinensische Eltern in ständiger Angst, ihre Kinder durch Winterkrankheiten und Unterkühlung zu verlieren.

Zusätzlich zu Juma'a Al-Batran sind in diesem Winter Berichten zufolge mindestens fünf Neugeborene und Säuglinge an der extremen Kälte gestorben, so Dr. Ahmed Al-Farra, Leiter der Pädiatrie und Geburtshilfe am Nasser-Krankenhaus in Khan Younis: Seela Al-F aseeh, 14 Tage alt; Youssef Kloub, 35 Tage alt; Aisha Al-Qassas, 21 Tage alt; 'Ali Saqr, 23 Tage alt; und 'Ali Azzam, 4 Tage alt. Darüber hinaus sind zwei Erwachsene an Unterkühlung gestorben: Ahmad Al-Zaharneh, 33, der als Krankenpfleger im Europäischen Krankenhaus in Khan Younis arbeitete, und Afaf Al-Khatib, 55, die an einer chronischen Krankheit litt. Alle Opfer starben in Zelten am Strand, entweder in Al-Mawasi oder Deir Al-Balah.

Palästinenser stehen in ihrem überfluteten Familienzelt in einem Vertriebenenlager in Khan Yunis, Gaza-Streifen, 31. Dezember 2024. (Doaa Albaz/Activestills)
Palästinenser stehen in ihrem überfluteten Familienzelt in einem Vertriebenenlager in Khan Yunis, Gaza-Streifen, 31. Dezember 2024. (Doaa Albaz/Activestills)
Jagan Chapagain, Generalsekretär der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Roter Halbmondgesellschaften, betonte die Gefahr, der palästinensische Kinder ausgesetzt sind, die im Winter ohne angemessene Unterkunft oder Nahrung in den Zeltlagern von Gaza leben. „Ich wiederhole dringend meinen Aufruf, humanitären Helfern sicheren und ungehinderten Zugang zu gewähren, damit sie lebensrettende Hilfe leisten können“, schrieb er am 8. Januar in einer Erklärung. „Ohne sicheren Zugang werden Kinder erfrieren und ohne sicheren Zugang werden Familien verhungern.“

Seine Besorgnis wurde von Dr. Al-Farra geteilt: „Die Situation in den Zelten ist katastrophal“, sagte er gegenüber +972. „Es gibt keine Möglichkeit, sich zu wärmen und vor der Kälte zu schützen, da es an Strom, Brennstoff und Gas mangelt.“ Selbst die Verwendung von Abfallmaterialien zum Anzünden eines Feuers kann äußerst gefährlich sein: Die Zelte sind brennbar und der Rauch, die Asche und die Trümmer können Atemwegserkrankungen verschlimmern.

Kinder jeden Alters sind anfällig für Unterkühlung, doch Frühgeborene sind am stärksten gefährdet. „Während des Krieges wurden viele [Frühgeborene] geboren“, so Al-Farra. „[Das liegt] an der Unterernährung der Mütter und dem gravierenden Mangel an Vitaminen und Nährstoffen.“ Frühgeborene können ihre Körpertemperatur nicht richtig regulieren und benötigen daher Brutkästen und Beatmungsgeräte – von denen es in der Kinderstation des Nasser-Krankenhauses nur eines gibt.

In einem besonders beunruhigenden, wenn auch nicht ungewöhnlichen Fall traf Al-Farra eine Mutter und ihr unterernährtes sechs Monate altes Kind, das weniger als acht Pfund wog. Wie sich herausstellte, hatte die Mutter des Babys seit drei Tagen nichts mehr gegessen; ihre letzte Mahlzeit war eine Dose Erbsen, die sie mit ihrer Familie geteilt hatte. „Deshalb hatte sie nicht genug Milch, um ihr Kind zu stillen und es vor Unterkühlung zu schützen“, berichtete Al-Farra.

Die Zunahme der Fälle von Unterkühlung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Kinderabteilung des Nasser-Krankenhauses bereits kurz vor dem Kollaps steht, da sie mehr als fünfmal so viele Patienten wie üblich mit regelmäßigen Fällen von Hepatitis, Darminfektionen, Lungenentzündung und Hautkrankheiten behandelt.

Palästinensische Familien nehmen im Nasser Medical Complex in Gaza-Stadt Khan Younis Abschied von ihren Angehörigen, nachdem israelische Streitkräfte in der Nacht zuvor, am 4. Januar 2025, mehrere Gebiete bombardiert hatten. (Doaa Albaz/Activestills)
Palästinensische Familien nehmen im Nasser Medical Complex in Gaza-Stadt Khan Younis Abschied von ihren Angehörigen, nachdem israelische Streitkräfte in der Nacht zuvor, am 4. Januar 2025, mehrere Gebiete bombardiert hatten. (Doaa Albaz/Activestills)
Doch abgesehen von der körperlichen Belastung durch diese Arbeit, so Al-Farra, haben die Ärzte in Gaza auch mit einer psychischen Belastung zu kämpfen, die auf die Gewalt zurückzuführen ist, die Israel gegen ihre Kollegen entfesselt hat, insbesondere die jüngste Verhaftung von Dr. Hussam Abu Safiya von Kamal Adwan und die Folterung und Ermordung von Dr. Adnan Al-Bursh durch israelische Behörden im Ofer-Gefängnis Anfang letzten Jahres.

„Ärzte leben in einem Kriegsgebiet, genau wie der Rest der Bevölkerung in Gaza“, bekräftigte Al-Farra. ‚Der Arzt behandelt Patienten, aber seine Gedanken sind auch bei seinen Familien im Zelt, und er fragt sich, ob sie etwas zu essen haben – und ob sie in Sicherheit sind oder Bombenangriffen ausgesetzt sind.“

„Ich tue als Mutter, was ich kann, um meine Kinder zu wärmen“


Der Tod von Seela Al-Faseeh am Weihnachtstag – nur 14 Tage nach ihrer Geburt – versetzte das Al-Mawasi-Zeltlager, in dem viele Säuglinge unter sechs Monaten leben, in Schock. Samar Al-Ras, eine 40-jährige Mutter von fünf Kindern, konnte die Schreie von Seelas Mutter aus einem nahe gelegenen Zelt hören.

„Sie wachte mitten in der Nacht schreiend auf und sagte, sie könne ihre Tochter nicht wärmen, und die Bewohner des Lagers halfen ihr, indem sie Decken [brachten].“ Al-Ras erinnert sich. “Aber am Morgen wachten wir auf und hörten, wie sie schrie, dass [das Baby] gestorben sei.“

Eine Palästinenserin läuft mit ihrem Kind im Regen durch ein Flüchtlingslager in Khan Yunis, Gaza-Streifen, 31. Dezember 2024. (Doaa Albaz/Activestills)
Eine Palästinenserin läuft mit ihrem Kind im Regen durch ein Flüchtlingslager in Khan Yunis, Gaza-Streifen, 31. Dezember 2024. (Doaa Albaz/Activestills)
Al-Ras und ihre Familie leben seit Beginn des Krieges in einem Zelt in Al-Mawasi, nachdem sie aus ihrem Haus in Khan Younis vertrieben wurden. Dieser Winter, so erzählte sie +972, war noch härter als der letzte. Da sich der Zustand der Zelte verschlechtert, sind sie weniger in der Lage, Wärme zu speichern und dem Regen standzuhalten.

„Wir können uns kaum wärmen – wir haben nicht genug Decken“, sagte sie zu +972. “Nichts trennt uns von der Umgebung außer ein paar Stoffen und Nylon. Im Zelt zu schlafen ist, als würden wir auf der Straße schlafen.“

Al-Ras erklärte, dass die Seeluft nachts besonders kalt ist. „Meine Kinder kommen auf meinen Schoß und bitten mich, sie mehr zuzudecken. Manchmal muss ich ihnen sagen, dass sie mehr Schichten Kleidung oder eine Jacke anziehen sollen, damit ihnen etwas wärmer ist. [Ihre] Körper sind nicht in der Lage, diese starke Kälte zu ertragen.“

An sonnigen Tagen fordert Al-Ras ihre Kinder auf, den ganzen Tag draußen zu verbringen, „damit sich ihre Körper aufwärmen und Wärme speichern, damit die Nacht für sie weniger kalt wird“, sagte sie und fügte hinzu, dass sie versucht, sie so früh wie möglich ins Bett zu bringen, bevor die Temperaturen sinken. Doch trotz ihrer besten Bemühungen sind derzeit alle Kinder von Al-Ras sowie ihre ältere Mutter an Husten und Grippe erkrankt. „Als Mutter tue ich, was ich kann, um meine Kinder zu wärmen und sie vor der Kälte zu schützen. Ich kann nur hoffen, dass dieser Krieg ein Ende hat.“

Ein Kreislauf der Vertreibung


Vor dem Krieg liebte die 59-jährige Maryam Abu Lahia den Winter und betete für Regen, „um die Luft von Krankheiten zu reinigen und die Pflanzen zu bewässern“. Aber jetzt hofft sie nicht mehr auf Regen, sondern „wenn ich eine Wolke am Himmel sehe, bete ich, dass sie nach Norden zieht und nicht hier bleibt“, sagte sie gegenüber +972. „Wir haben nicht die Mittel, Unterkünfte, Kleidung oder Decken [um mit der Kälte und dem Regen fertig zu werden].“

Abu Lahia und ihre sechs Kinder wurden seit Beginn des Krieges fünfmal vertrieben. Ursprünglich aus Bani Suhaila, östlich von Khan Younis, stammend, flohen sie und ihre Familie im Oktober 2023 nach Rafah, wo sie bis Mai 2024 blieben. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat wurde die Familie noch mehrmals vertrieben und fand sich schließlich wieder in einem Zelt in Al-Mawasi wieder. „Wir haben uns aufgrund der wiederholten Vertreibungen nie wohl gefühlt“, sagte sie grimmig.

Palästinensische Kinder stehen im Schlamm vor ihrem Familienzelt in einem Vertriebenenlager in Khan Younis, Gaza-Streifen, 31. Dezember 2024. (Doaa Albaz/Activestills)
Palästinensische Kinder stehen im Schlamm vor ihrem Familienzelt in einem Vertriebenenlager in Khan Younis, Gaza-Streifen, 31. Dezember 2024. (Doaa Albaz/Activestills)
Letzten Winter hatten Abu Lahia und ihre Familie nicht einmal Matratzen und mussten in ihren Zelten auf dem Boden schlafen. Aber selbst die Matratzen, die sie sich schließlich besorgen konnten, sind bei klirrender Winterkälte nur ein schwacher Trost. „Wir haben kein Geld, um Holz zu kaufen, um uns zu wärmen, und es gibt kein Wasser“, sagte sie. „Ich nehme meine Kinder auf den Schoß und decke sie mit meiner Decke zu, aber das schützt uns nicht vor der Kälte.“

Wie Al-Ras räumte auch Abu Lahia ein, dass sie und ihre Kinder tagsüber etwas Wärme von der Sonne bekommen, aber nachts ist die Situation schlimm, sodass sie gezwungen ist, ihre eigene Gesundheit für ihre Kinder aufs Spiel zu setzen. „Früher habe ich meinem Sohn meine eigene Decke gegeben, und dann war ich zwei Monate lang krank.“

Aber während sie und ihre Familie weiterhin leiden, ist Abu Lahia immer noch sensibel für die Notlage der Menschen um sie herum. „Meine Nachbarin hat acht Kinder und ihr Mann ist ein Märtyrer“, bemerkte sie. „Sie hat eine sehr schlechte Matratze und niemand schaut sie mit Mitgefühl an.“

Jetzt bittet sie Hilfsorganisationen, alles zu tun, um den Menschen, die in provisorischen Zelten ausharren, zu helfen, den Winter zu überleben – bevor es zu spät ist. „[Humanitäre] Institutionen sollten den Menschen jetzt Decken zur Verfügung stellen“, bekräftigte sie, „anstatt erst dann zu fragen, wie sie helfen können, wenn jemand sein Kind verloren hat.“


Ruwaida Kamal Amer ist eine freiberufliche Journalistin aus Khan Younis.

Quelle: Ruwaida Kamal Amer: ‘Every moment I fear losing another child’: Newborns freeze to death in Gaza tents via +972magazine
Fotos: Doaa Albaz via Activestills.org

Übersetzung [Nicht authorisiert]: Thomas Trueten

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