trueten.de

»Vielleicht interessierst du dich nicht für den Krieg, aber der Krieg interessiert sich für dich.« Lew Dawidowitsch Bronstein aka Leo Trotzki

Bambule - Fernsehspiel von Ulrike Meinhof

Als Fernsehfilm von der ARD vierundzwanzig Jahre lang unterdrückt, ist das Buch "Bambule: Fürsorge - Sorge für wen?" längst zum Klassiker geworden. Wer wissen will, welche Erziehungsvorstellungen noch Ende der sechziger Jahre herrschten, sollte Bambule lesen. Das Thema ist aktuell wie je: Wie geht die Gesellschaft mit Randgruppen um, wie erzieht der Staat diejenigen, deren Fürsorge ihm übertragen wurde? Ulrike Meinhof hatte sich als Journalistin in langen Recherchen ein Bild über die Lage der Mädchen in Erziehungsheimen gemacht. In der Geschichte von Irene beschreibt sie den Alltag zwischen Hof, Schlafraum, Wäscheraum und "Bunker", die Repressalien der Erzieher und die Befreiungsversuche der Mädchen, die "Bambule" machen, weil sie leben wollen und nicht bloß sich fügen.

"Ging Gottes Atem leiser schon / schuf er mit letzter Kraft die SEZESSION"

Das Geheimnis der "Konservativen Revolution" endlich enthüllt.
Immer wieder wird in der auf anständiges Rechts-Tun getrimmten "JUNGEN FREIHEIT" hingewiesen auf das Organ der Hüter des allergeheimsten Wissens - "SEZESSION".

Neugierig geworden findet der Käufer des letzten Heftes eine Zusammenstellung aller Köpfe, die in der "Sezession" als Denker in Ehren gehalten werden sollen. Benn- Nietzsche- Heidegger- Jünger- Schmitt- Mohler- George- Spengler. Über diese erfährt man allerdings wenig, über die Möglichkeit ihres Zusammengedachtwerdens gar nichts. Dafür aber viel über das geheimste Ideal ihrer neuesten Anhänger. Enthüllt wird über "Die andere Moderne: Grundriss einer politischen Alternative" -verfasst von Michael Stahl - das Grundprinzip im Zwischenabschnitt "Haltung" (S.27):

"Dass wir in lauten Zeiten leben, gehört nicht zuletzt zu jenen Erscheinungen, die die gegenwärtige Moderne so unerträglich machen. Wer sich zu einer alternativen Moderne bekennt, sollte also vorleben, dass das Gegenteil "leise sein", etwas Erstrebenswertes und Schönes ist und dadurch ebenso wirklich wie wirksam sein kann".


Wer wäre darauf gekommen? Leise sein - nicht etwa leise treten - als Inbegriff des Konservativen. Da ließe sich allenfalls an den Freiherrn von Risach in Stifters "Nachsommer" denken- oder auch noch an den alten Jakob Burckhardt, der die vernichtendsten seiner Verurteilungen in Nebensätzen verbarg. Säuisch, wie ich mein Gedächtnis verbogen habe, im Laufe der Zeit, fallen mir bei der "Konservativen Revolution" sonst immer gerade die Schreihälse ein, eben die, die ganz gegen Stahls Wunsch einhämmerten, ausposaunten,sich an die Brust schlugen und überfluteten, beziehungsweise durch laute Verzweiflungsgurgler ihre Überflutung kenntlich machten.

Und wenn mich mein verdorbenes Gedächtnis täuschen sollte? Dann schaue ich einfach den reichen Bildschmuck an, der dem Heft beigegeben wurde. (Farbig, ohne eigene Seitenzahl). Da finde ich sofort deutsche Ritter, die mit gezogenem Schwert für Deutschland eintreten, plakatgroß, vor aller Welt. Oder einen Gorilla mit Granate, der sich anheischig macht, die freie Welt vor dem Bolschewismus zu retten. Entsprechend eine Auswahl aus einem - vermuteten - weiteren Dutzend Fahnenträger. Ein Bauernpaar, übergroß, das halbwegs zum Leisen passen könnte, wenn es nicht zu ihren Füßen zwergenhaft von Fähnchen und Bannerträgern wimmelte. Schließlich wird ein Mischwesen spendiert - von der "Konservativen Front" - halb Kreuzträger, halb Winkelried im Angriffstaumel. S.37 - wieder - außerhalb der Bildtafeln ein Christus im Stahlhelm, den heilige Granatwürfe umzischen. Er hält das Schwert noch auf den Knien. Aber wir erraten bußfertig und zugleich angriffslustig, was er damit vorhat. Was daran ist leise?

Entschuldigung! Bei all dem wollten wir gerne Tucholsky dem Stille-Süchtigen in den Sinn rufen. Als er vor Petrus seine Meinung über die gegenwärtige Welt kundtun muss, meinte er "Es war ein bißchen laut".

Nur lässt sich das im politischen Kampf kaum vermeiden. Und zeigt dem genügsam Leisen, warum es sich bei ihm vielleicht um Himmelsfrieden handeln mag, nicht aber um politisch erfolgreiches Erdenglück.

Und sonst. Zu Beginn des Heftes findet sich ein dankenswerter biographisch - politischer Überblicke über die Geschicke aller konservativen Revolutionäre. Was geht daraus hervor? Außer im Kopf des Nachträumenden gibt es keine Einheit der "Konservativen Revolution". Da wollte jeder etwas anderes - und keiner wirklich Revolution. (Niekisch - ohne genauere Kenntnis - möglicherweise auszunehmen. Nur der kommt im Heiligenkalender der "Stillen" auf der Titelseite gar nicht vor).

Außerdem - noch bedenklicher für den Freund der Stille - sie alle erlagen, mehr oder weniger hoffnungsfroh, dem übergroßen Leviathan, dem sie ihre kleinen Monster und Ungeheuer nur gottergeben nachschicken konnten. Was sagt das über die Modellhaftigkeit einer Idee,die lange vor der Zeit ihre Selbstaufgabe besiegelt hat?

Ist also nichts mit den "Stillen", im Kern der Nuss, die uns die SEZESSION als Lösung der Rätsel unserer Zeit zu bieten hat.

Quelle: SEZESSION 44

FREE MUMIA Aktion vor Frankfurter Buchmesse

Foto: freemumia.org
Dienstag schmetterte der Oberste Gerichtshof der USA den Antrag der Staatsanwaltschaft auf erneute Einsetzung der Todesstrafe für Mumia Abu-Jamal ab. Am kommenden Samstag, den 15. Oktober, werden Menschen in die Finanzzentren des Landes ziehen, um gegen die lebensfeindlichen Auswirkungen der kapitalistischen Ordnung zu protestieren. Während nach dem New Yorker Vorbild z.B. "Occupy" Aktionen in der Frankfurter City vorbereitet werden, finden dort auch Proteste gegen die Todesstrafe, die Gefängnisindustrie und die Inhaftierung politischer Gefangener statt. Zentrale Forderung ist nach beinahe 30 Jahren Haft die Freilassung von Mumia Abu-Jamal in den USA.

Radio Aktiv sprach mit Annette Schiffmann (Netzwerk gegen die Todesstrafe / Free Mumia Heidelberg) über die geplante Aktion.

Siehe auch: IndyMedia Beitrag mit Script und aktuellen Links

"Freiwillige der Freiheit" - die Entstehung der Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 1936

Vor 75 Jahren, am 14./15. Oktober 1936 trafen die ersten internationalen Freiwilligen in Albacete ein, um der spanischen Republik gegen den Putsch der Generäle zur Seite zu stehen. Die folgende historisch-fiktive Reportage schildert Impressionen der Entwicklung, die dem vorausging.

Republikanische Matrosen
Foto: Gerda Taro [Public domain], via Wikimedia Commons
8.November 1936:
Wir fahren von Madrid kommend in Richtung Valencia. Plötzlich geht es nicht mehr weiter. Lastwagen um Lastwagen kommt uns entgegen. Auf ihnen, dicht gedrängt, Männer in Uniformen. Sie singen. In welcher Sprache singen sie? Es sind keine Spanier. Woher kommen sie? Unser Fahrer schreit : "Das sind Franzosen, Ich hab´s immer gesagt, dass Frankreich uns nicht im Stich lassen kann!"

Lastwagen und noch mehr Lastwagen. In welcher Sprache singen sie? Auf französisch, ja. Diese hier singen auf italienisch. Und die dort? Ist das russisch? Deutsch? Tschechisch? Und die hier, auf englisch! Die Soldaten der Internationalen Brigaden fahren hinauf nach Madrid.

Wer waren diese Männer, was führte sie nach Spanien und wie kamen sie dorthin?

Rückblende: Am 18. Juli putschte das Militär unter General Franco gegen die demokratisch gewählte Volksfrontregierung.

Die Nacht vom 18. auf den 19. Juli 1936, Madrid, der Platz vor dem Innenministerium.
"Armas, armas, armas" ( Waffen, Waffen, Waffen ). Ein einziger Schrei brandet einstimmig durch die Nacht, unterstützt von rhythmischem Füßestampfen und wütend hochgereckten Fäusten, einige mit Pistolen bewaffnet, mit Gewehren, Knüppeln, Vogelflinten, mit Säbeln. Darüber erhebt sich ein neuer Ruf in der Nacht, der keine zwei Silben mehr hat, sondern drei, UHP, die donnernd in die Bauchhöhle fahren wie das Dröhnen der Räder eines Zuges unter einem eisernen Gewölbe, U, Ha, Pe. (Unios Hermanos Proletarios = Vereinigt euch, proletarische Brüder)

Wir werden von den Scheinwerfern eines Lastwagens geblendet, der direkt vor uns bremst. Dann setzt der Laster mit heulendem Motor zurück und wendet, die Menge stürzt herbei und umringt ihn. An der Rückseite des Wagens wird eine Plane hochgeschlagen, und Männer in Zivil mit Soldatenmützen und Helmen fangen an, lange Holzkisten aufzuhebeln. Waffen, das Wort macht die Runde, verbreitet sich, und jedes Mal, wenn es einer ausspricht, wird die Menge kompakter.

Auf dem Plaza del Callao stehen Lastwagen mit laufenden Motoren, die Seitenwände mit provisorisch befestigten Blechen gepanzert, auf den Dächern mit Seilen festgebundene Matratzen als Kugelfang.

Wir stehen auf einem Hochhaus und schauen mit dem Fernglas den langen, fast schwarzen Tunnel des letzten Stücks der Gran Via hinunter, von dem jetzt näher kommende Autoscheinwerfer zu sehen sind. Ganz am Ende, noch hinter dem vage zu erkennenden, nur schwach beleuchteten Rechteck der Plaza de Espana ist die Montana- Kaserne, ein großer schwarzer Block mit leuchtenden Punkten kleiner Fenster. Bewaffnete Männer gehen an den Strassenecken hinter Laternen in Stellung, an der rechten Ecke der Kaserne wird ein Geschütz herangerollt. Sobald es Tag wird, werden sie die Kaserne stürmen. Die Gewehrsalven und der Geschützdonner bei der Erstürmung der Montana-Kaserne am 19.Juli in Madrid sollten überall in der Welt ihren Widerhall finden. Zuerst bei den aus den faschistischen Ländern emigrierten Antifaschisten, die in ganz Europa verstreut waren:

"Als wir vom Aufstand des spanischen Volkes gegen die putschenden Generäle hörten und obendrein noch erfuhren, dass deutsche und italienische faschistische Verbände auf der Seite Francos kämpften, gab es für uns Emigranten kein Fragen und kein Halten mehr. Wir mussten einfach nach Spanien. Einige Kameraden waren schon über Irun in den Norden gegangen und kämpften dort."
( Emigranten in Südfrankreich)

"Alles steht unter dem unmittelbaren Eindruck der Ereignisse in Spanien, in der Arbeiterbewegung wird breit darüber diskutiert, es gibt kein Halten mehr. Es entwickelt sich eine breite Solidaritätsbewegung." (Emigranten in Paris)

"Viele Diskussionen über Spanien, ein Teil der Genossen ist sofort gefahren, nur die Besonneneren hatten eine Stellungnahme der Partei abgewartet. Jeder hat plötzlich eine militärische Ausbildung und alle sind sich einig darüber, dass wir in Spanien dem Faschismus einen Schlag versetzen können. Endlich aus diesem dauernden Versteckspiel herauskommen und diesem gehetzten Leben ein Ende machen. Wenn wir erst in Spanien sind, das Gewehr in der Hand, werden wir aufatmen können, wie von einer bedrückenden Last befreit"
( Emigranten in den Niederlanden)

Und sie machen sich auf den Weg - erst viele einzelne, jeder für sich.

"Ich habe in der Fabrik gearbeitet. Als Hitler zur Macht gekommen ist, habe ich versucht, Zellen der Kommunistischen Partei wieder aufzubauen. Das ging schief. Alle sind hochgegangen. Nur ich war zufällig auswärts und wurde rechtzeitig benachrichtigt. Dann habe ich noch eine zeitlang bei Genossen gewohnt, bis ich über die Grenze gebracht wurde. So kam ich nach Paris. Als es in Spanien los ging, hat es mich nicht mehr gehalten. Ich besaß ja fast nichts, und was zu schwer und zu alt war, habe ich einfach liegengelassen. So bin ich hinunter zu den Pyrenäen und zu Fuß weiter, ohne Karte, nur nach Süden. Natürlich bin ich nicht gerade dorthin gelaufen, wo ich dachte, dass Grenzer sein könnten. Dadurch geriet ich aber in die schrecklichste Einöde, und zu essen hatte ich auch nichts mehr, so bin ich aus Frankreich heraus. Drüben - ich wusste noch gar nicht, dass ich in Spanien war - kommen zwei Kerle in Uniform an. Verstecken konnte ich mich dort nicht. Das waren spanische Grenzer, und die haben gleich geahnt, was mit mir los ist. Gute Kerle waren das. Sie haben mich zuerst zur Grenzwache gebracht. Dort bekam ich zu essen und Wein. So also bin ich nach Spanien gekommen."


"Ich war aus Nazideutschland geflohen und arbeitete zu der Zeit in einem Hotel im belgischen Grenzgebiet als Kochlehrling. Als Flüchtling ein französisches Transitvisum zu bekommen, war schwierig. Trotzdem versuchte ich es beim französischen Honorarkonsul. Schüchtern bat ich, mir ein 14-Tage- Besuchsvisum zu bewilligen, denn ohne Erfahrung mit der unverwechselbaren französischen Kochkunst würde ich später auf verlorenem Posten stehen. Ich befürchtete bereits eine Ablehnung, als der weißhaarige Herr hinter seinem Schreibtisch aufblickte und mich fixierte. Schließlich hörte ich ihn sagen: "Zwei Wochen? Junger Mann! Das genügt nicht!" Ich bemerkte, wie er einen massigen Stempel hervor kramte und in eine freie Seite meines deutschen Passes prägte. Erst vor dem Konsulat wurde ich gewahr, Besitzer eines langfristigen Gratisvisums geworden zu sein.

In den folgenden Tagen ordnete ich im Schlafsaal heimlich meine Sachen, sammelte Proviant, packte ein Reisebündel. Eines Nachts, die abgearbeiteten Kollegen schliefen längst, stahl ich mich davon. Am Bahnschalter von Houyet erstand ich ein Billet, nahm verstohlen den Frühzug nach Paris. Am selben Abend stieg ich dort in den Express nach dem südfranzösischen Grenzort Hendaye. Als der Zug am Vorabend des 5. September in die kleine Station eindampfte, hörte ich erstaunt irgendwo über den Häusern ein seltsames Vorbeiflattern; Kanonengeschosse sausten über einen Zipfel Frankreichs von Spanien nach Spanien. Für den Unwissenden scheinbar harmlos Geräusche. So begann für mich der Krieg."


"Der Gare d` Orsay erstreckte sich über mehrere Etagen. Der spanische Zug fuhr ganz unten ab. Der Bahnsteig, gedrungen und grün, befand sich am Ende einer Treppe, und Fahrgäste drängten sich im letzten Moment zuhauf durch die Fahrkartenkontrolle. Wir waren so ziemlich die letzten in der Schlange.
Der Bahnsteigschaffner hielt meine Fahrkarte in der Hand. Ich schaute hinab. Sein Handteller war tief zerfurcht von harter Maloche und langen Arbeitszeiten. Er fingerte eine zeitlang an der Fahrkarte herum, beäugte sie und las `Barcelona`, während ich in dem dunklen Kreis zwischen dem Schirm seiner Mütze und seinem Schnurrbart seine Augen zu lesen suchte.
"Ist das ihr Fahrziel?"
"Ja", antwortete ich.
Er schob die Mütze aus der Stirn und schüttelte mit plötzlich die Hand.
"Genossin", sagte er, während er mir weiter fest die Hand drückte und mich anschaute, "viel Glück, Genossin. Und allen anderen auch", fügte er hinzu.
"Ich wünschte, ich wäre an deiner Stelle."
Ich hätte beinahe den Zug verpasst. Ich sprang in den letzten Wagen.
Er war voll besetzt.

Die französische Zollabfertigung war eine Formalität. Durch die Gebirgskette führte ein Tunnel Richtung Spanien. Der Zug verschwand tatsächlich in dem großen Berg und tauchte auf der anderen Seite in Katalonien wieder auf, wo plötzlich alles ganz anders war.

Wir stiegen aus und spazierten durch die Strassen von Port Bou, auf denen ein gelassenes Treiben herrschte. Die Schatten der Platanen krochen über den weißen Staub. Unter den Bäumen befanden sich Cafes, und hier und da saßen die Milizionäre mit dem Rücken an die Baumstämme gelehnt, die Gewehre von 1914 auf den Knien, während sie aus langhalsigen Flaschen tranken oder zusahen, wie Rauchkringel von ihren Zigaretten in die ruhige Luft aufstiegen.
Es war bewegend, als ich unter diesen jungen Katalanen in ihren blauen Milizoveralls und den über die braunen Arme hochgerollten Ärmeln umherging. Wir erwiderten ihren Gruß mit bereitwillig erhobener Faust oder indem wir ihnen die Hände schüttelten.
Ich zögerte, Port Bou zu verlassen. Hier war ich zum ersten Mal der Revolution begegnet, und die Stadt war so schön."


So wie viele einzelne Tropfen schließlich ein Rinnsal bilden, zu einem Bach werden, dann zu einem Fluss - so strömten sie nach Spanien. Keiner hatte sie rekrutiert, geschweige denn es ihnen befohlen. Tausende aus der ganzen Welt sollten ihnen folgen, der Fluss zum reißenden Strom werden, alle beseelt von dem Wunsch, Spanien möge zum Grab des Faschismus werden.

18. September 1936, Moskau, Präsidiumssitzung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale.
Unter Punkt 7 und 8 der Tagesordnung wird beschlossen:
"7) Unter den Arbeitern aller Länder ist eine Werbung von Freiwilligen, die im Militärwesen ausgebildet sind, zu betreiben, um sie nach Spanien zu schicken.
8) Durch die Entsendung von gelernten Arbeitern und Technikern ist eine technische Hilfe für das spanische Volk in die Wege zu leiten."


Republikanisches Sprengkommando
Foto: Gerda Taro [Public domain], via Wikimedia Commons
Oktober 1936, Paris, Rue Lafayette:
Im Rekrutierungsbüro der Internationalen Brigaden drängen sich die Freiwilligen. Ihre Personalien werden aufgenommen, von besonderem Interesse sind militärische Kenntnisse und Fronterfahrung im 1. Weltkrieg. Nach dieser Aufnahmeprozedur werden sie auf verschiedene Gewerkschaftshäuser (maison de peuple) verteilt.

10.Oktober 1936 morgens, Paris, Gewerkschaftshaus in der Rue Mathourin-Moreau Nr. 8:

Die Freiwilligen treffen zu zweit oder zu dritt im Maison du peuple ein. Einige werden von der Frau, andere von den Kindern und wieder andere von den Brüdern und Schwestern begleitet. Sie tragen Köfferchen und kleine Bündel. Die meisten kommen von der Pariser banlieue, andere von weiter her. Ein Metallarbeiter bringt auch sein Motorrad mit. Er weiß, dass Spanien nicht nur Arme, sondern auch Transportmittel braucht, ein Motorrad kann an der Front sehr wertvoll sein, er stellt das seine zur Verfügung.

Andere hingegen kommen allein, ohne irgendwelche Ausrüstung, als ob sie sich zu einem Spielchen oder zum Plauderstündchen ins nahe Cafe begeben wollten. Das sind im allgemeinen die Jüngeren, deren Familienangehörige den Idealen, für die in Spanien gekämpft und gestorben wird, feindselig gegenüber stehen. Sie haben sich heimlich und unauffällig von zuhause weggeschlichen, sie haben niemandem etwas gesagt, um keinen Ärger zu haben.

In dem sich schnell füllenden Saal, wo die Abreisenden sich sammeln, teilen Frauen und Mädchen Kleidungsstücke und Toilettenartikel an die aus, die am bedürftigsten sind, sie übernehmen letzte Aufträge und versprechen den Freiwilligen, mit ihnen Briefe zu wechseln.

Die Uhrzeiger rücken schnell vor. In einigen Augenblicken heisst es abfahren. Es geht los. Die bisher unterdrückte Erregung macht sich in Umarmungen, in lärmenden Grüßen und Gesang Luft.

Die Freiwilligen besteigen den Autobus, der sie zum Bahnhof bringt. Doch schon hier müssen sie den Mut des Kämpfers besitzen, der den Feind wittert, auch wenn dieser vorläufig nur von dem Gendarmen verkörpert wird, der ihn am Bahnhof oder im Zug erkennt und aus Achtung vor der Nichteinmischung beim Kragen packen, nach Hause zurückschicken oder ins Gefängnis sperren kann, wenn zufällig - was bei den Emigranten nicht selten vorkommt - nicht alle Papiere in Ordnung sein sollten.
Daher fahren die Autobusse in aller Stille vom Volkshaus ab.

10.Oktober 1936, früher Vormittag, Paris, Gare d` Austerlitz:

500 Freiwillige drängen sich auf dem Bahnsteig vor dem Schnellzug Nr.77. In wenigen Minuten werden sie sich auf den Weg nach Perpignan machen, von dort nach Barcelona und am 14. Oktober werden sie in Albacete, der Basis der Internationalen Brigaden ankommen. Der Schnellzug Nr. 77 wird später den Namen "Freiwilligenexpress" bekommen.

Februar 1937, New York:

"Es war der Abend vor unsrer geplanten Abreise nach Spanien, und meine Gruppe war für die letzten Anweisungen zusammengerufen worden. Ungefähr fünfundzwanzig Freiwillige waren erschienen.

Der Vorsitzende eröffnete die Versammlung. Er sprach langsam und versuchte offenbar, uns damit die Wichtigkeit seiner Informationen vor Augen zu führen.
"Euer Schiff geht morgen mittag. Alle müssen bis 11Uhr an Bord sein. Ihr werdet in Fünfergruppen aufgeteilt, jede mit einem Verantwortlichen."
Er machte eine Pause und sein Blick schweifte durch den Raum.

"Euch ist klar, dass niemand wissen darf, wo ihr hingeht. Erfindet Ausreden für eure Eltern, Verwandte und Freunde. Niemand darf wissen, dass ihr nach Spanien geht. Das bedeutet natürlich auch, dass ihr allein zum Schiff kommt. An Bord dürft ihr kein Aufsehen erregen. Seid unauffällig, ihr müsst euch in Zweier- oder Dreiergruppen zusammentun. Passt auf, was ihr erzählt, und sprecht nicht über Spanien oder Politik im allgemeinen. Es könnten Agenten der Regierung an Bord sein, deren Aufgabe es ist, Euer Durchkommen nach Spanien zu verhindern."

Am nächsten Morgen: "Da lag sie also - die Ile de France, das Schiff, das mich nach Le Havre bringen sollte. Ich begab mich zum Eingang für die Passagiere der dritten Klasse. Zu meinem Erstaunen waren dort ungefähr dreihundert Männer, alle recht jung, die sich angestellt hatten. Normalerweise hätten es zu dieser Jahreszeit nicht mehr als ein paar Dutzend Passagiere in der dritten Klasse sein dürfen.
Alle in der Schlange trugen alte Mäntel und die gleichen Koffer. Auffallend unauffällig! Während sich die Schlange mühsam dem Laufsteg näherte, bemerkte ich mehrere Männer, die ruhig neben uns hergingen und die Passagiere leise ansprachen. Sie waren so gut gekleidet, dass ich sie sofort als Agenten der Regierung erkannte. Einer kam auf mich zu.
"Wohin geht die Reise, junger Mann?" fragte er.
"Ich fahre in die Alpen zum Skilaufen"
"Sind Sie sicher,dass es die Alpen sind und nicht die Pyrenäen?"
"Nein, ich mag die Alpen."
Der Mann starrte mich an.
"Es ist schon komisch, wie viele von Euch die Sozialhilfe sausen lassen und zum Skilaufen in die Alpen fahren"

Endlich war ich auf dem Schiff. Das Deck wimmelte von Verwandten und Freundinnen der Dritte-Klasse-Passagiere, meiner Kameraden. Soviel also zum Thema Geheimhaltung!
Um 12 verlies das Schiff den Hafen. Ich rannte zur dicht umlagerten Reling und schaffte es, das Dock zu sehen. Es mussten so um die tausend Menschen sein, die zu uns aufschauten und uns zuwinkten. Da erhoben sich ein paar geballte Fäuste, dann mehr und mehr, bis ich keine Gesichter mehr sehen konnte."

Joris Ivens und Ernest Hemingway mit Ludwig Renn 1936 während des spanischen Bürgerkriegs
Foto: Bundesarchiv, Bild 183-84600-0001 / CC-BY-SA via Wikimedia Commons
1938, Radiomeldung:
"Der Schriftsteller Ernest Hemingway ist von seinem Wohnsitz in Key West plötzlich aufgebrochen, ist in New York gesehen worden, wo er sich ohne Hut und Koffer einschiffte, um sich wieder an die Front der republikanischen Truppen in Spanien zu begeben."


Oktober 1936, Albacete, Spanien.
Das Städtchen Albacete, eine maurische Gründung, liegt zwischen Madrid und Valencia in der endlosen Öde der Mancha. Es soll zur Basis der Internationalen Brigaden werden. Unterkunft der ersten Freiwilligen ist die Kaserne der Guardia Civil. Im Erdgeschoss sind noch Spuren der Kämpfe mit den Putschisten zu sehen, die hier bis 25.Juli andauerten. Die Anfangsschwierigkeiten sind enorm: Es gibt nichts und von allem zu wenig.

Unterkünfte müssen gefunden und zu Kasernen hergerichtet werden. In der Not werden selbst die Arkaden der Stierkampfarena als Unterkunft und Speiseraum eingerichtet.
Es gibt keine Matratzen, keine Essnäpfe und keine Teller für alle. Löffel sind nahezu unbekannt und wo soll man die Küchengeräte hernehmen? Mit den vorhandenen kann man gerade das Essen für ein Drittel, im Höchstfall für die Hälfte zubereiten, ein Teller und ein Löffel müssen für zwei bis drei Personen reichen.

Gleichzeitig muss eine Militärorganisation aus dem Nichts aufgebaut werden. So muss z.B. der Transport der Freiwilligen an die Front organisiert werden. Grundstock der "Transportabteilung" sind drei Motorräder, persönliches Eigentum von Freiwilligen, die sie dem Stab geschenkt haben und ein paar klapprige Autos der örtlichen Volksfrontorganisationen.

Mechaniker aus den Renault- und Citroen- Werken von Paris machen sich daran, aus dem Nichts und mit an Wunder grenzendem Improvisationstalent eine erste Reparaturwerkstatt einzurichten, die wenigstens die Fahrbereitschaft dieser Vehikel gewährleistet.

Am 14.Oktober kommen die ersten 500 Freiwilligen nach Albacete, zwei Wochen später sind es schon 3000 - 4000 Freiwillige, die versorgt werden müssen.
So wird das verschlafene Provinznest innerhalb weniger Wochen zu einem Heerlager. Tausende von Menschen drängen sich in der kalten Morgenluft, die den Winter ankündigt und beleben das Städtchen wie bei einem Jahrmarkt.

Tatsächlich wird auch alles verkauft, was auch nur entfernt mit militärischer Ausrüstung zu tun hat: Messer, Unterhosen, Riemen,Messbecher, Schuhe, Abzeichen, Kämme, an jedem Schuh- und Stoffladen stehen die Soldaten an.

Ein chinesischer Hausierer bietet seinen Schund an und redet auf einen Wachposten ein. Der Wachtposten dreht sich um und der Hausierer läuft davon: Sie sind beide Chinesen.

Ein stampfender Laut ist an diesem Morgen zu hören, ebenso deutlich abgesetzt wie Pferdegetrappel, aber regelmäßig wie das Hämmern in Schmieden. Das ist das gedämpfte Geräusch der marschierenden Truppen: Die Männer der Brigaden, noch in Zivil, aber bereits in schwerem Militärschuhwerk, mit verbissenen Gesichtern oder Intellektuellenschöpfen: alte Polen mit Schnurrbärten wie Nietzsche und junge Sowjetfilmtypen, Deutsche mit rasiertem Schädel, Algerier und Italiener, die wie unter die Internationalen verschlagene Spanier wirken, Engländer, malerischer als alle anderen, Franzosen, die wie Maurice Thorez oder wie Maurice Chevalier aussehen, alle gestrafft in der Erinnerung an ihre Armee oder den Krieg, in dem sie gegeneinander gefochten hatten, die Männer der Brigaden stampfen durch die enge Strasse, die hallt wie ein Korridor.

Sie nähern sich jetzt den Kasernen und stimmen ein Lied an: Zum ersten mal auf der Erde singen Männer aller Nationen in militärischer Formation die Internationale.

28. Oktober 1936, Albacete:
Die bisher aufgestellten vier Bataillone werden in Nachbardörfern untergebracht, mit Gewehren und Maschinengewehren bewaffnet, und beginnen mit der militärischen Ausbildung und Organisation. Es gibt weder einen Kommandeur, noch Kommissar, keinen Stab, noch die Männer für die übrigen Dienststellen der Brigade. Dazu sind noch mindestens 10 bis 14 Tage notwendig.

5.November 1936, Albacete:

Heute kommt der Befehl, sofort alle bereitstehenden Bewaffneten nach Madrid zu schicken. Die Hauptstadt ist in Gefahr. Auf alle die schön ausgedachten Pläne mit all ihren Terminen muss verzichtet werden. So geht die erste Internationale Brigade, einundzwanzig Tage nach dem Eintreffen der ersten Freiwilligen in Albacete, an die Front. Sie sind es, denen wir am 8. November auf der Strasse von Valencia nach Madrid begegnen.

Nach Motiven aus den Arbeiten von Max Aub, Angela Berg, Harry Fisher, Luigi Longo, Mary Low, Jakob Lorscheider, Antonio Munoz Molina, Andre Malraux, Gustav Regler, Ludwig Renn, Frank Schauff, Fritz Teppich, Hugh Thomas.

Konservative in linkem Gewand. Wie das bürgerliche Feuilleton um Deutungshoheit kämpft

Angesichts derartiger Bilder aus London fragten sich Konservative in den Feuilletons, wie der Kapitalismus vor sich selber gerettet werden kann.

Foto: hughepaul
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Im Sommer 2011 fragen sich konservative Intellektuelle aus Deutschland und Großbritannien offen, ob die Linke angesichts der Krise und deren Folgen letztlich recht hat. Diese angeblichen Linkswendungen sind allerdings nicht zwingend Ausdruck einer Krise des Konservativismus - sie machen jedoch in jedem Fall die gegenwärtig schwache Position linker Gesellschaftskritik deutlich.

Im deutschen Feuilleton gibt sich die bürgerliche Elite seit 1945 große Mühe, mittels einer scheinbar tiefgründigen Suche nach Erkenntnis ihre gesellschaftliche Position zu legitimieren und zu stärken. Im Vergleich zu den jeweiligen Politik- und Wirtschaftsressorts zeichnen sich die Feuilleton- bzw. Kulturteile der Zeitungen durch ein breiteres Feld des Sagbaren aus. So treten in Form von gesellschaftspolitischen Debatten selbst in konservativen Blättern auch vermeintlich linke Positionen auf. Doch was sich Mitte August auf den bürgerlichen Feuilleton-Seiten abspielte, überraschte dann dennoch. Konservative Intellektuelle grübeln, ob die Linke mit ihren Analysen nicht doch recht hat. Es scheint Einschneidendes zu geschehen - jedoch nur auf den ersten Blick.

Geläuterte Konservative oder Offensivstrategie?

Den Anfang machte der konservative Publizist und offizielle Biograf von Margaret Thatcher, Charles Moore, in der konservativen Tageszeitung Daily Telegraph. (22.7.11) Er schrieb zwei Kolumnen, die erste mit dem merkwürdigen Titel "Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat". Aufhänger für die vermeintliche Reflexion waren Enthüllungen zu den Abhörmethoden der Zeitung News of the World. (ak 563) Moore kritisierte nicht nur Teile der Presse um den Medienmogul Rupert Murdoch scharf, sondern äußerte zudem Kritik am Bankenwesen und den verantwortlichen PolitikerInnen. In seinem Beitrag wartete er mit links-konnotierten Diskursfragmenten auf, wenn er etwa konstatierte, die ArbeiterInnen verlören ihre Jobs, damit die BankerInnen in Frankfurt und die BürokratInnen in Brüssel beruhigter schlafen können.

Mit den Riots in England schwappte die Diskussion mit dreiwöchiger Verspätung nach Deutschland über. Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der FAZ, bekannte sich am 14.8.11 in der Sonntagsausgabe der Zeitung auf ähnliche Weise. Er zitiert Moore mit Sätzen wie "Globalisierung ... sollte ursprünglich nichts anderes bedeuten als weltweiter freier Handel. Jetzt heißt es, dass Banken die Gewinne internationalen Erfolgs an sich reißen und die Verluste auf jeden Steuerzahler in jeder Nation verteilen." Schirrmacher stimmt Moore zu und fragt sich, ob er angesichts dieser Entwicklungen als Konservativer richtig gelegen habe, "ein ganzes Leben lang".

Charles Moore in England oder Frank Schirrmacher in Deutschland - wenden sich rechte Intellektuelle vom Konservativismus und Kapitalismus ab? Werden sie gar Linke? Gewiss nicht. Es steht keine Kulturrevolution bevor. Auf den zweiten Blick geht es beiden um die Restauration des Konservativismus. Moore macht am Schluss seines ersten Beitrags deutlich, dass er keinesfalls geläutert ist, vielmehr ist sein Artikel als Selbstkritik und Warnung für die Konservativen zu lesen: "Man muss immer beten, dass Konservativismus durch die Dummheit der Linken gerettet wird, wie es so oft in der Vergangenheit der Fall war." In dem nicht so häufig zitierten zweiten Beitrag wird er eine Woche später noch deutlicher. Seine Kritik richtet sich nicht an die kapitalistische Idee, sondern im Gegenteil an die gegenwärtigen PolitikerInnen, die sich in das Gewinnen und Verlieren des freien Marktes einmischen. Moore stellt dem jetzigen System keinesfalls ein linkes entgegen, sondern einen marktfundamentalistischen Neoliberalismus im Sinne von Margaret Thatcher und Ronald Reagan.

Auch Schirrmacher findet den Dreh zur Linie der FAZ und appelliert letztlich für das Wiederfinden "bürgerlicher Gesellschaftskritik". Dass diese "bürgerliche Gesellschaftskritik" auch eine erzkapitalistische und sein Beitrag nicht als Abbruch der Zusammenarbeit zwischen Konservativismus und Kapital zu deuten ist, lässt sich anhand Schirrmachers Huldigung von Ludwig Erhard deutlich machen, quasi dem "Erfinder" der Sozialen Marktwirtschaft. Das Credo lautet nämlich: Zurück zur guten, alten Sozialen Marktwirtschaft. So sei etwa das Schweigen Merkels um die Moral in Folge der Krise unter Ludwig Erhard undenkbar gewesen. Sprachlos macht Schirrmacher überdies der "endgültige Abschied von Ludwig Erhards aufstiegswilligen Mehrheiten". Hinter dieser Sprachlosigkeit kommt das konservative Klassendenken zum Ausdruck. Zwar wünscht sich Schirrmacher die Chance des sozialen Aufstiegs und kritisiert somit implizit den klassischen Konservativismus, bei dem alles so bleiben sollte, wie es ist: Der Sohn des Bauers bleibt Bauer, der Sohn des Arztes bleibt Arzt. Jedoch hält er an der Klassengesellschaft fest, in der es neben den aufsteigenden Gewinnern auch Verlierer geben muss.

Die Linkswendungen von Schirrmacher und Moore verschwinden schnell bei näherer Betrachtung. Die Kapitalismuskritik ist nicht mehr als eine kurze "Entladung" in Form eines Blitzes. Eine der Funktionen des bürgerlichen Feuilletons scheint mal wieder erfüllt: Aufkommende Energie blitzschnell entladen, damit nichts bleibt als ein kurz verstörender Donner.

Noch vor hundert Jahren existierte das Feuilleton nicht als selbstständige Rubrik in den Zeitungen. Die Beiträge, meist Buch- und Theaterkritiken, erschienen unter einem Strich im unteren Drittel meist auf der ersten Seite. Mittlerweile ist das Feuilleton das Verständigungsmedium des Bürgertums. Insbesondere das Feuilleton der FAZ ist der Ort, von dem die grundsätzlichen Diskussionen ausgehen. Die hin und wieder geäußerte Gesellschaftskritik versickert entweder oder wird kanalisiert, indem etwa kapitalismuskritische Positionen eingebunden werden. Aufgabe linker Kritik sollte es sein, diese Debatten gegen den Strich zu lesen. Anstatt sich heimlich oder offen über die angeblichen mooreschen oder schirrmacherschen Linksdrehungen zu freuen, sollte sie zum Beispiel gefragt werden, warum zu diesem Zeitpunkt Derartiges geäußert wird.

Kapitalismus durch Kritik an Auswüchsen schützen


Es ist auffällig, dass die Debatte in Deutschland erst mit den Riots in England aufkam. Vorher fand sich kaum ein Wort über die durch Moore angestoßene, sich in England vollziehende Diskussion. Zwei Tage vor Schirrmachers Beitrag tauchte in der FAZ (12.8.11) nur ein Verweis auf. Die Feuilletonkorrespondentin Gina Thomas schrieb über die "Randalierer und ihre Vorbilder" und führte mit Hilfe von Moores Kolumne Werteverfall als Grund für Riots aufs Deutungsfeld. Mit sozialer Ungleichheit hätten die Riots nichts zu tun, sondern sie zeugten vom "Verlust der moralischen Orientierung". Die "Unterschicht" hätte sich an der "Habgier der Boni-Banker und spesenritterlichen Abgeordneten" ein Vorbild genommen. Statt Armut gehe es um allgemeinen "Materialismus". Thomas koppelte die Proteste in England von Fragen der sozialen Ungleichheit ab, um sie zu entpolitisieren.

Diese Delegitimationsstrategie ist in der Sorge um die Sicherung der eigenen gesellschaftlichen Stellung begründet. So erscheint ein Satz als Klagelied auf die gute alte Zeit: "Anders als früher, als ein quasi erbliches Establishment die Zügel in der Hand hatte, gibt heute nicht die Herkunft den Ausschlag, sondern das Geld." Zwar spielen die Riots bei Schirrmacher keine Rolle, in den Zu- und Widersprüchen nach Schirrmachers Beitrag wird hingegen die These von der Krise des Konservativen immer wieder in Zusammenhang mit den sozialen Protesten in England gesetzt. Vermutlich lief dem Großteil des Bürgertums ein Schauer über den Rücken, als die Bilder aus London, Birmingham und Manchester zu sehen waren, wo Menschen Fernsehgeräte und teure Schuhe aus den Kaufhausketten entwendeten. Positiv betrachtet sorgt sich das konservative Establishment in den Redaktionen in erster Linie um ihre Werte, ihre Position und nicht zuletzt um ihren Besitz.

Bürstet man die "Schirrmacher-Debatte" weiter gegen den Strich, erscheint das Gerede um Werte und die Banker-Kritik nicht allein als bloßer Abwehrkampf. Auffällig häufig melden sich derzeit Konservative zu Wort, um Partei für das Soziale zu ergreifen. Anfang August forderte etwa der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel eine Besinnung der CDU auf evangelische Sozialethik und katholische Soziallehre, da die Wirtschaft für die Menschen da sei und kein Selbstzweck. In den USA drängt einer der reichsten Männer der Welt, Warren Buffet, auf erhebliche Steuererhöhungen für Reiche - und der Verfassungs- und Steuerrechtler Paul Kirchhoff bezeichnet in der FAS (21.8.11) das hiesige System als "Feudalismus", da das momentane Steuerrecht zu einer Umverteilung von Arm zu Reich führe.

In den Feuilletons sorgt sich das Bürgertum um Werte, beklagt fehlende soziale Ausgewogenheit. Doch die postulierte Werte- und Daseinskrise des Konservativismus als moralischer Bodyguard des Kapitalismus sollte kein Grund zu Freude sein. Ob gewollt oder nicht: Eine solche Debatte könnte eine für die Linke fatale diskursive Wirkung entfalten.

Karl Kraus merkte einmal an: "Das Geheimnis des Agitators ist, sich so dumm zu machen, wie seine Zuhörer sind, damit sie glauben, sie seien so gescheit wie er." Übertragen auf die Debatte um Schirrmacher und Moore bedeutet das, dass die Blitze in den bürgerlichen Feuilletons an ungeschützter Stelle einschlagen könnten. Die Interventionen bürgerlicher Schreiberlinge zielen darauf ab, die kulturelle Hegemonie über Gesellschaftskritik weiter zu festigen. Ein Feld, auf dem lange Zeit die Linke die Deutungshoheit hatte, aber diese schon vor Jahren verlor.

Würde eine ernsthafte Gefahr für das Bestehende von links ausgehen, wären reihenweise Linksbekenntnisse von Konservativen nur denkbar als Strategie, die linken Positionen in einen gesamtgesellschaftlichen Konsens einzubinden - sie im Sinne des kapitalistischen Projekts zu normalisieren. Doch von einer starken Stellung linker Ideen kann momentan keine Rede sein. Selten wurden antikapitalistische Thesen so sehr bestätigt wie in der billionenschweren Rettung von Banken. Die Linke vermochte es jedoch bisher nicht, aus einer der schwerwiegendsten Legitimationskrisen des Kapitalismus zu "profitieren". Es fehlt der Linken - genauer gesagt, der radikalen Linken - momentan an neuen Analysen und vor allem an der offensiven Vermittlung der vorhandenen.

Bürgertum will Hegemonie über Gesellschaftskritik


Das Betören und Streicheln linker Überzeugungen durch das konservative Feuilleton raschelte vielmehr deshalb so laut im Blätterwald, weil die Linke als Gegner um Deutungen nicht mehr ernst genommen wird. Beides zusammengedacht, einerseits die schwache Position linker Ideen in den Deutungskämpfen und andererseits soziale Proteste wie in England, aber auch in vielen anderen Ländern, ergibt folgende Situation: Die Verhältnisse spitzen sich zwar zu, gleichzeitig sind linke Alternativen im Mainstream unsichtbar. Genau diesen Zustand versucht die "bürgerliche Gesellschaftskritik" für sich zu nutzen.

Negativ betrachtet schicken sich also gerade die Moores und Schirrmachers an, linke Gesellschaftskritik endgültig überflüssig zu machen und an deren Stelle konservative und erzkapitalistische Deutungen zu setzen. Linker Antikapitalismus wird ersetzt durch (sozial-)marktwirtschaftliche "Kapitalismuskritik", die sich nicht gegen die Logik der Wirtschaftsordnung richtet, sondern gegen einzelne "Auswüchse". Das Feld des Sagbaren könnte schon bald so sehr beschnitten sein, dass der Linken hören und sehen vergeht.

Ob nun negativ oder positiv betrachtet: Sich über die vermeintlichen RenegatInnen zu freuen oder blauäugig zu fordern, sie sollten ihrer Worte Taten folgen lassen, führt in eine Sackgasse. Das von Schirrmacher und Moore gemeinsam servierte Zuckerbrot sollte offensiv abgewehrt werden, man könnte dran ersticken - und zum Schluss auch noch sprachlos werden.

Erstveröffentlichung in ak - zeitung für linke debatte und praxis / Nr. 564 / 16.9.2011

Demobeobachterbericht zur Demonstration am 8. Oktober 2011 in Heilbronn

Vorkontrollen bei der Demo
Am 8. Oktober fand in Heilbronn eine Demonstration im Rahmen der antifaschistischen Kampagne „Nothing`s gonna stop us now!“ statt.
Die Kampagne richtet sich gegen die Kriminalisierung des antifaschistischen Widerstands in der Region, deren bisheriger Höhepunkt der massive Polizeieinsatz gegen Nazigegnerinnen und Nazigegner am 1.Mai 2011 war.

Die Demobeobachter AG des Stuttgarter Bündnisses für Versammlungsfreiheit kam der Bitte des Heilbronner Bündnisses um Demobeobachtung nach und veröffentlichte am 11.10. den mit zahlreichen Fotos versehenen vorläufigen Bericht. (PDF Dokument)

Siehe auch den Bericht zur Demonstration am 1. Mai. (PDF Dokument)

Umberto Eco: Zettelkasten als Schießanlage - zur Buchmesse

Lauter Vermutungen, keine Besprechung

Es scheint ja Mode zu werden, dass die Autoren etwas ganz anderes im Sinn haben, als sie dem Schein nach vorführen. So soll es La Roche um die Schilderung eines verhängnisvollen Autounfalls gegangen sein - und die Geißelung der medialen Behandlung danach. Darübergeraspelt dann  als Trüffelspur die erwartete Ration Sex, damit das Buch ins Schema passt.

So ähnlich scheint es auch Umberto Eco zu halten. Dem öffentlichen Vorgeben nach soll es noch einmal gehen um die Entstehung der "Protokolle der Weisen von Zion". Nur hat Eco darüber in einem langen Essay vor Jahren schon viel übersichtlicher geschrieben.  Der Kern der Sache kommt zwar auch wieder im Roman zum Vorschein: dass einer, der etwas Antisemitisches schreibt, noch lange kein Antisemit der Herzensneigung nach sein muss. Sondern vor allem Opportunist. Mitstinker unter den Röchelhyänen seiner Zeit. Was könnte am ehesten passieren und passen? Nur - warum noch einmal 550 Seiten ausgeben, um das zu wiederholen?

Auch Ecos eigene Erfindung im vorliegenden Werklein - die Spaltung des Hauptfälschers in zwei Personen, die vergessen haben, was sie schon anstellten und wen sie auf dem Gewissen haben, reißt nicht vom Hocker. Man kapiert allzuschnell, dass die beiden eins sind. Zur Erklärung dieses Umstands wird in den ersten Kapiteln ein gewisser Doktor Fröid eingeführt, der Winke zum sogenannten Verdrängen ausgibt.

Warum der Umweg über das verschollene Protokoll der "Juden von Prag"? Verdacht: Es ging dem gelehrten Autor gar nicht um diesen Plot. Auch nicht um die Serien von Speisen, die zwischendurch immer gereicht werden - oder die Titel höllischer Exzellenzen, von denen bei einer Anrufung keiner vergessen werden darf. Über drei Kindle-Seiten lang. Vermutung: Es ging hauptsächlich darum, in historischer Verkleidung die gegenwärtigen Läufe und Irrläufe der Politik nachzuzeichnen. In Italien und ganz Europa.

So gewinnt die Handlung zum ersten Mal halbwegs Spannung, als der Geheimdienst des Rumpfstaates Italien-Piemont bei der Hauptfigur Simonini immer neue Verbrechen bestellt. Kaum meldet sich diese - angeblich ein Hauptmann - lobesbereit, wird sie fertiggemacht. Nicht etwa, weil am Service etwas fehlte - die Toten bleiben tot, und nichts weist auf die Dienste hin - sondern weil der Geheimdienst seine eigenen Pläne nicht auseinanderhalten kann. Immer haben sich die Umstände geändert. (Vergl S.167 ff) So sollen die Abrechnungen des einzigen ehrlichen Mitglieds in der Garibaldi-Verwaltung verschwinden - sie verstießen zu auffällig gegen die abgelieferten anderen. Dazu wird bedenkenlos ein ganzes Schiff versenkt. Kein Lob  für den Untergangs-Ingenieur. Schließlich könnte man im Nachfragen nach dem untergegangenen Schiff auf den letzten Aufenthalt des mitersoffenen Nievo kommen, darüber auf die Freundschaft mit unserem Hauptmann Simonini - und darüber auf Verbindungen mit der königlichen Regierung. Normalerweise wurden damals wie heute so unbequeme Zeugen einfach liquidiert. Da aber der Roman weitergehen muss, wird Simonini nach Paris versetzt. Und fälscht dort gewissenhaft Angefordertes. Das sagt wohl weniger über die Intrigen des neunzehnten Jahrhunderts als viel mehr über die bedenkenvolle Bedenkenlosigkeit des Systems Berlusconi. Verbrechen? Jederzeit - und gern! Ziele beibehalten - oh je! Entdeckt werden? Auf alle Fälle Spuren verwischen!

Bekanntlich gehört Eco in seinem Vaterlande selbst zu denen, die sich der Versuchung nie entzogen, auf dem Regierungs-Chef herumzuhacken. Wird es zu langweilig, offenliegende Wunden mit hundert anderen noch einmal aufzupicken - versteck Deine Attacke in etwas, das man wohlwollend auch Roman nennen kann. Und Du hast Deine Sonderstellung gerettet.

Der Angriff auf die Gegenwart - nicht des Zaren, aber die des noch oben befindlichen Universal-Betrügers - wird vor allem in der Zitatenfolge der Schlussempfehlung der "Protokolle" an den russischen Ankäufer spürbar. Da heißt es etwa:

"als angebliches Zitat aus den "Protokollen": Um die Massen daran zu hindern, sich eine eigene politische Meinung zu bilden, werden wir sie mit Vergnügungen, Spielen, Leidenschaften und Volkshäusern  ablenken und zu Wettbewerben in Kunst und Sport aller Art einladen... Wir werden den Wunsch nach ungebremstem Luxus anstacheln,und wir werden die Löhne erhöhen,was aber den Arbeitern keinen Vorteil bringen wird,da wir zur gleichen Zeit die Preise der notwendigsten Lebensmittel erhöhen werden unter dem Vorwand schlechter Ernten... Wir werden versuchen, die öffentliche Meinung zu allen Arten phantastischer Theorien hinzulenken, die irgendwie fortschrittlich oder liberal erscheinen könnten" (S.488ff)

Wozu passt das eher? Zu einem Russland, in dem wenig Arbeiter lesen konnten - oder zum Zustand Italiens mit drei Privatfernsehen in Berlusconis Hand und einem öffentlichen unter der selben Verfügungsgewalt?

Der Antisemitismus wird dem Ankäufer für den Zaren als Zugabe geliefert, steht aber keineswegs im Zentrum dessen, was der Generalfälscher einem jeden System anpreist, welches mit vollem Recht seinen Untergang voraussieht und unter allen Umständen aufschieben will.

Oder: "Was die Zeitungen angeht, so sieht der jüdische Plan eine scheinbare Pressefreiheit vor, die zur besseren Kontrolle der Meinungen dient. So sagen unsere Rabbiner, dass es darum gehen wird, möglichst viele Periodica zu erwerben, oder selbst zu gründen, die verschiedene Meinungen ausdrücken, so dass die Leser denen vertrauen, die scheinbar ihrenMeinungen nahestehen, ohne zu bemerken, dass in Wirklichkeit alle die Meinung der jüdischen Herrschenden wiedergeben...". (S.489 ff) Hier bleibt die Satire etwas zurück hinter den gegenwärtigen Zuständen. Auf jeden Fall funktioniert das Vorgehen auch ganz ohne Juden und Rabbiner vorzüglich - Nicht nur in Italien

Warum nur das umständliche Versteckspiel? Steht es in unserer Zeit schon wieder so, dass die niederschmetterndsten Kopfnüsse für jede Staatsgewalt nur in Velours verpackt abgeliefert werden dürfen?

Roman, 528 Seiten

"Der Friedhof in Prag: Roman" (Kindle Edition) EUR 19,99

"Der Friedhof in Prag: Roman" (Gebundene Ausgabe) EUR 26,00

Prozessbericht vom zweiten Verhandlungstag im Prozess gegen den Stuttgarter Antifaschisten Chris am 16.09.11

Das Stuttgarter Bündnis für Versammlungsfreiheit rief zur Beobachtung des Prozesses gegen einen Stuttgarter Antifaschisten auf. Die Verhandlung fand am 16.09.2011 vor dem Stuttgarter Amtgericht statt. Wir dokumentieren den Bericht der Prozessbeobachergruppe des Bündnisses:

Solidaritätskundgebung am 2. Prozesstag
Foto: Denzinger / Foto: Denzinger / www.die-beobachter.info
Zweiter Verhandlungstag im Prozess gegen den Stuttgarter Antifaschisten Chris am 16.09.11

Am 16.09.11 war vor dem Stuttgarter Amtsgericht der zweite Verhandlungstag des Prozesses gegen den Antifaschisten Chris statt. Die Fortsetzung des Prozesses war durch Beweisanträge der Verteidigung nötig geworden, und weil am ersten Verhandlungstag ein Zeuge der Anklage nicht erschienen war. Zur Erinnerung: Chris war von der Anklage vorgeworfen worden, bei einer Besetzung des Podiums während einer Kundgebung der rassistischen Vereinigung "Pax Europa" während eines "antiislamischen Kongresses" in Stuttgart Körperverletzung, Sachbeschädigung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte begangen zu haben. Bei einem Protest gegen den Gründungsparteitag der offen rassistischen Partei "Die Freiheit" am 5.6.10 soll er sich der gemeinschaftlichen Körperverletzung schuldig gemacht haben.

Nachdem sich bereits am ersten Verhandlungstag die Zeugen der Anklage in Widersprüche verwickelten, konnte der neue Zeuge der Anklage, ein Beamter des Erkennungsdienst, auch keine stichhaltige Aussagen liefern. Es blieb darüber hinaus die Frage im Raum, ob die Verwertung der Lichtbilder vom 5.6.10, auf denen Chris nach Auffassung des Gerichts angeblich bei frischer Tat zu erkennen sei, rechtswidrig ist.

Oberstaatsanwalt Häußler plädierte nach Abschluss der Zeugenvernehmung wegen der durch nichts nachzuweisenden Straftaten vom 2.6.10 auf 6 Monate, für die angeblichen Straftaten vom 5.6.10 für ein Jahr Freiheitsstrafe ohne Bewährung. Indem er auf das Vorstrafenregister des Angeklagten verwies, das vor allem angebliche Verstöße gegen das geltende Versammlungsrecht enthält, sagte er, die vermeintlichen Straftaten vom 2.6. und 5.6.10 seien dem Beschuldigten nicht "wesensfremd".

Der Verteidiger verwies in seinem Schlussplädoyer noch einmal auf die Haltlosigkeit der gesamten Anklage und plädierte auf Freispruch. Obwohl Richterin Burkardt die Aussagen der Belastungszeugen als "Wahrnehmungsüberlagerungen" in tumultartigen Szenen bewertete und damit letztlich die Auffassung der Verteidigung bestätigte, dass die Zeugen nicht die Wahrheit gesagt haben, verurteilte sie Chris zu einer Freiheitsstrafe von 11 Monaten ohne Bewährung und Bezahlung der Gerichtskosten.

In seinem Schlusswort wies Chris darauf hin, dass der Prozess gegen ihn ein politischer Prozess sei, mit dem die Absicht verfolgt wird, den antifaschistischen Widerstand zu kriminalisieren. Darüber hinaus griff er Oberstaatsanwalt Häußler an, der Veröffentlichungen mit durchgestrichenen Hakenkreuzen als Straftat verfolgt, während er die faschistischen Massenmörder beim Massaker vom italienischen Dorf St. Anna während des II. Weltkriegs straffrei lässt. - Die Verteidigung wird gegen dieses Urteil Rechtsmittel einlegen.

Als es bei der Urteilsverkündung unter den 65 Prozessteilnehmern zu erheblicher Unruhe kam, ließ die Richterin den Saal räumen. Weitere 35 Besucher standen auf dem Gerichtsgang, da der Saal nicht für alle Zuschauer ausreichend war. Die Justizbeamten nahmen dann laute Rufe wie "Freiheit für alle politische Gefangenen!" vor dem Saal zum Anlass, den Gang rabiat zu räumen. Auch vor dem Gerichtsgebäude kam es noch zu Gerangel zwischen Polizei und Prozessbesuchern.

Vor der Verhandlung fand vor dem Gerichtsgebäude wie am ersten Verhandlungstag eine Solidaritätskundgebung mit rund hundert Teilnehmern statt. Dabei wurden Solidaritätserklärungen der ver.di-Jugend, des Kreisvorstands der "Linken" und der MLPD verlesen.

Stuttgart, 11.10.2011

Download des Berichtes (PDF Dokument)

Revolution an der Tanzbar: NINA SIMONE - Revolution (1969)

"An artist's duty, as far as I'm concerned, is to reflect the times...How can you be an artist and not reflect the times?"

Nina Simone war eine US-amerikanische Jazz- und Bluessängerin, Pianistin und Songschreiberin. Dabei vermied sie den Ausdruck Jazz, sie selber nannte ihre Musik Black Classical Music. Sie nannte sich mit Nachnamen Simone, da sie ein Fan von Simone Signoret war. (WikiPedia)

Freilauf der Trojaner - hinein in jeden Apparat! Hilfe!

Schirrmacher in der FAZ zeigt sich erregt über den Trojanereinfall. Dieses Mal könnte es ihm sogar ernst sein damit. Auch Großjournalisten haben es nicht gern, dass man ihnen in ihren Entwürfen und Mails herumwühlt. Hinzukommt, dass die "Trojaner" in der jetzigen Entwicklungsphase vom technisch unterwiesenen Jedermann abgefangen werden könnten. Also keineswegs nur vom angeblich befugten Oberbullen oder Spezial-Staatsanwalt. Jeder liest gerne mit!

Schließlich, für die Überwacher das Schönste, man könnte dem heiligsten Schaf einige giftige Kräuter in den Computer pflanzen, die dann bei der nächsten - richterlich genehmigten - Festplattenbeschlagnahmung abgeerntet würden und pflichtmäßiges Entsetzen auszulösen hätten.

Der arme Trost, den Schirrmacher sich und den seinigen zufächelt, lautet dann allerdings wie immer: Lass nur die Gerichte walten, und du wirst dein Recht erhalten. Man müsste also genau den gleichen Staat in einer anderen Verkleidung um Hilfe anbetteln, der eben als Feind auftritt. Das hat als universelles Hilfsmittel bisher nie geklappt, in Einzelfällen selten.

Das Umgekehrte ist zu erwarten. Wie bisher jedes Mal nach großer Erregung wird die staatseigene Djihad-Gruppe in Marsch gesetzt. In der Regel sehr unbegabte Herren, die es meistens mit Vorbereitungen gut sein lassen. Allenfalls mal einen Koffer voller Verschaltungen mitten im Bahnhof vergessen. Aber dafür nach der Festnahme bereit sind, ungeheure Drohungen auszustoßen gegen den ganzen Westen, vor allem aber gegen unsere bescheidene rechtsstaatliche Republik. Wir wollen gar nicht die Unglückswürmer der Sauerland-Truppe einzeln aufpicken. Die anderen, die ihnen nachfolgten, waren nicht wesentlich einfallsreicher oder attentatsergiebiger. Wie man solche zu ihren Plänen ermunterte, wüsste ich gern, kann leider nichts Genaueres beisteuern. Unbestreitbar aber in allen Fällen: Ihre Einfälle bis Planungen konnten immer als supergefährlich hingestellt werden. Wendt von der Polizeigewerkschaft erwies sich allemal als Sirene.

Und alle Blätter, die in Treue zu längstvergangener Zeit vorher noch gegen die Universalüberwachung gewettert hatten, gingen sofort in sich und gaben öffentlich und erregt zu, dass sie sie sich mit ihrer Panikmache geirrt hätten. Natürlich, wenn die Gefahr so groß und so nah war, musste jede Kritik verstummen. Gegen solche muss alles erlaubt sein.

Bösartig, wie wir sind, nehmen wir fest an, dass Djihad- Bataillon-Polizeireserve 3 bis 7 - in Alarmstufe steht. Zuschlagsbereit, kämpferisch, rasch ergriffen und geständnisfroh. Wenns dann soweit ist, lieber SPIEGEL, liebe FR, liebe ZEIT, liebe taz - einen einzigen Augenblick Nachdenken vor dem angebrachten Knicks.

"Wenn das sooo ist..."
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